Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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02 05.07

Paul geht baden. Teil 8: Lug und Trug

Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 15:57 Uhr

Wenn man vom wundervollen Schwabenland und seinen beredsamen Menschen spricht, dann muss man auch vom Lügen sprechen, das das gesamte Leben hier bis ins Grundgeflecht durchdringt. Anders als fast überall sonst auf der Welt gilt das Lügen und Betrügen in Stuttgart und Umgebung nicht als schändliche Verdrehung der Wahrheit zum eigenen Vorteil, bei der man sich besser nicht erwischen lassen sollte, sondern wird, vergleichbar vielleicht mit gewissen Formen des Straßentheaters, als eine Art schöne Kunst-im-Alltag betrieben, zweckfrei praktisch, aus Lebenslust oder, meinetwegen, aus ästhetischen Motiven, wobei die Vorteile, die sich daraus ergeben mögen, natürlich nicht verschmäht, sondern - sagen wir: als Kollateralgewinne mitgenommen werden (ja, doch…). Lug und Trug sind allgegenwärtig, sie bilden ein einziges gewaltiges Lügengespinst und schaffen die „märchenhafte Atmosphäre“, von der so viele Besucher berichten (und manche verlieren darin, glücklicherweise immer nur vorübergehend, den Verstand und müssen ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen – „Stuttgart-Syndrom“ nennt die Medizin diesen Zustand, der Laie würde wohl „Übereuphorisierung“ sagen). Die einzigen übrigens, die den Schwaben den Rang des verlogensten Volkes auf Erden streitig machen (ein beliebtes Thema unter betrunkenen Ethnologen in den Kongresshotel-Bars dieser Welt, glauben Sie mir), sind die ostafrikanischen Kikuyu (bei uns vor allem bekannt geworden durch die etwas kitschig geratene, aber deshalb umso erfolgreichere Verfilmung des Frieda-von-Bülow-Romans „Tropenfieber“). Wie die „schwarzen Schwaben“ aus Kenia bekennen sich auch die „weißen Kikuyu“ gern, und stolz, zu ihrer Lügenkultur: noch herausgehobener, noch zentraler als auf der Säule auf dem Schlossplatz in Stuttgart hätte man den Schutzgott der Lügner und Diebe mit seinem geflügelten Helm und den geflügelten Sandalen ja nun auch wirklich nicht mehr platzieren können. Lügen gehört in der gesamten Region und quer durch alle Bevölkerungs- und Altersschichten, vom Kleinkind, das gerade ein paar Worte artikulieren kann, bis zum Greis, dem die Beherrschung seiner Sprechwerkzeuge langsam zu entgleiten beginnt („…davon haben wir nichts gewusst“), zum savoir vivre, zu einer über Generationen entwickelten und verfeinerten Kulturtechnik, die dem Leben seinen besonderen Pfiff und eine Spritzigkeit verleiht, die es anderswo, zumindest in Europa, nicht noch einmal gibt. Wer neu in der Stadt ist, zugezogen vielleicht aus so rechtschaffen Städten wie Berlin, Kiel oder Remscheid, in denen man mehr oder weniger alles, was anfällt, auf Autopilot erledigen kann, braucht meist ein Weilchen, um sich umzustellen und auf Niveau zu kommen. Aber es ist doch herzerfrischend, wenn sich junge Leute in Bewerbungsgesprächen freimütig dazu bekennen, dass sie die Diplom-, Magister-, Doktor-, sonst was –Arbeiten, denen sie ihre sehr guten Zeugnisse verdanken, gar nicht selbst geschrieben haben (was möglicherweise gelogen ist), und die Gesprächspartnerin aus der Personalabteilung daraufhin begeistert aufkreischt: „Ja! Hab’ ich auch gemacht! Das ist ja toll.“ Im Kopf immer auf der Überholspur, die Schwaben. Auch Merkurssohn Paul, der gestern, am Tag der Arbeit, zum ersten Mal in diesem Jahr seine Sandalen angezogen und mit seiner weiblichen Begleitung, der er vorher bei einer kleinen, nennen wir es: kosmetischen Verschönerung zur Hand gegangen ist, einen Ausflug zu einem Nacktbadesee in der Nähe von Reutlingen unternommen hat (fällt bei Paul unter „Landschaftspflege“), hat an der University of Minnesota keine einzige seiner schriftlichen Arbeiten selbst verfasst. Ist nicht sein Ding, das Lesen und Schreiben, und war auch nicht nötig; es gab genug Pauletten, die willig und befähigt waren, das zu erledigen. Mündlich war, nebenbei gesagt, überhaupt kein Problem; erzählen kann Paul immer ’was. Diese Fähigkeit, Leute ’rumzukriegen, ihre Bereitschaft zu wecken, sich, eigentlich ohne Grund, für jemanden ins Zeug zu legen, auch sie ist etwas, das in Schwaben zu Hause ist wie Spätzle, Maultaschen und unsere geliebten Fleischkekse; eine Schwester der Kunst zu lügen, wenn man so will. Ein Lied davon singen können die Proselytenmacher verschiedenster Provenienz, die, immer zu zweit, von Haus zu Haus gehen und mit den Bewohnern das Gespräch über Gott suchen. Sie haben es, der tief verwurzelten schwäbischen Abneigung gegen religiöse Anwandlungen aller Art wegen, hier ja sowieso nicht leicht. Zur grundsätzlichen Ablehnung kommt aber noch hinzu, dass sie offenbar oft außer Stande sind, sich gegen Vereinnahmungen, die ihrem eigentlichen Zweck völlig fremd sind, wehren zu können. „Ja, kommen Sie doch herein“, heißt es ganz freundlich. „Möchten Sie einen Kaffee?“ Aber fast noch im gleichen Atemzug folgt dann schon die Frage, ob die Herren oder Damen möglicherweise mit einem Bohrhammer umzugehen wüssten. Und wenn es ihnen nach Stunden, in denen sie eine halbe Küche eingebaut, den defekten Abfluss repariert, Lampen montiert oder das Kinderzimmer frisch renoviert haben, endlich gelingt, mit verschmutzter Kleidung und im Herzen nicht mehr ganz so sanftmütig wie beim ahnungslosen Eintritt die Wohnung zu wieder verlassen, dann ruft ihnen der schwäbische Schlawiner bzw. die Schlawinerin noch fröhlich nach: „Sie können morgen gern’ wiederkommen!“

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19 Kommentare zu Paul geht baden. Teil 8: Lug und Trug

#1 Wegschaffel . 02.05.07 . 17:06 Uhr

Meine Oma hätte gesagt: “Mr ka it saga dass der Bua liagt, abr er hod ganz gwies a bissle zfiel Fandasie.”

#2 Matze . 02.05.07 . 17:16 Uhr

lol!…. du sprichst nicht unwahr!

doch ist es nicht das lügen selber, welches den Schwaben aussmacht… Es ist eher die Tatsache das man niemand anderem etwas gönnt!

Stellt euch einfach das einfach mal vor:

Eine Bank bietet euch folgendes an
Sie bekommen 70.000€ und ihr Nachbar 30.000€ oder
Sie bekommen 90.000€ und ihr Nachbar 150.000€

Für welche Option entscheidet ihr euch?

Der Schwabe hat die Antwort sofort parat!

#3 Mann² . 02.05.07 . 20:12 Uhr

Wenn der Text nicht so lang wäre, oder wenigstens durch ein paar Absätze strukturiert wäre hätte ich ihn auch ganz gelesen.

#4 Herr S . 02.05.07 . 22:23 Uhr

Danke, Herr Mann². Kaum etwas tut einem wohler, als seine Vorurteile bestätigt zu bekommen.

#5 Mann² . 03.05.07 . 10:16 Uhr

Ich weiss nicht, ob das Vorurteile sind. Ich find es nur schade, daß sich der Herr Paul-Geht-Baden hier offensichtlich voll reinhängt ohne damit anzukommen. Mehr Struktur und Klarheit würden ihm hier helfen.

#6 liamara . 03.05.07 . 10:29 Uhr

Er hat doch seine gewisse Leserschar. Ich schätze, dass ihm das reicht. Für alles gibts Rezipienten. Und wir alle überlesen ja hier die Sachen, die wir nicht lesen wollen… Sie und ich solche Texte, Herr W. meine Texte, irgendwer mag die Restaurantberichte von Herrn S. nicht, und so weiter und so fort… :)

#7 Mann² . 03.05.07 . 11:31 Uhr

@Liamara: Also ICH mag ihre Texte.

#8 liamara . 03.05.07 . 12:02 Uhr

Ja, und nun ne Runde gegenseitiges Schmeicheln? ;) Es ging mir ja nur darum, dass es für jeden eine Nische gibt. Ich hab diesen TImo Hildebrandt-Dings auch nicht gelesen, aber die Kommentare fand ich super. Ich find überhaupt Kommentare lesen meistens spannender als die eigentlichen Berichte.

#9 Paul-geht-baden . 03.05.07 . 12:04 Uhr

Scharfsinnige Überlegungen, Mann, Mann. Da haben Sie sich offensichtlich auch voll reingehängt, in zwei Anläufen. Sympathisch ist auch die Besorgnis um den Autor, die aus Ihren Zeilen spricht. Und überhaupt dieser konstruktive Grundton und die praktischen Fingerzeige. Steht Ihnen alles wirklich gut. Aber vielleicht nicht ganz so gut wie Liamara diese raffinierte edle Schlichtheit, die es nur noch viel zu selten gibt in unserer auf Effekte versessenen modernen Welt. Diese unvergleichliche Leichtigkeit… Man möchte ihr fast raten, einen Beruf daraus zu machen, über Dinge mitzureden, von denen sie keine Ahnung hat. Oder hat sie das schon längst?

#10 Jokerine . 03.05.07 . 13:10 Uhr

Wer sagt eigentlich das Herr Paul geht baden ein Herr ist und nicht eine Frau Paul geht baden?

#11 Frau Doktor . 03.05.07 . 15:45 Uhr

Paul-geht-baden ist doch ein Computerprogramm des Frauenhofer Instituts für die Simulierung von menschlicher Intelligenz und bei uns hier im Beta-Test. Oder habe ich da was falsch verstanden?

#12 Wegschaffel . 03.05.07 . 16:08 Uhr

Ich habe die Beiträge mal durch meinen Textentschwurbler gejagt und der hat mir ein Psychogramm des Autors geliefert. Nur so viel: Ein paar lockere Schräubchen und verquere Verdrahtungen gibts schon, aber eine Maschine hat das def. nicht geschrieben.

#13 Henning . 03.05.07 . 17:15 Uhr

Warum müssen sich hier eigentlich immer alle kloppen?

Paul-geht-baden schreibt seine Texte ohne Absätze, was einige (inkl. mir übrigens) davon abhält, sie zu lesen. Nett gemeint und konstruktiv wurde er darauf hingewiesen und es ist ihm egal.
Damit sollte es auch wieder gut sein, oder? Man muss doch jetzt nicht wieder aufeinander rumhacken. Das geht mir hier ziemlich auf den Keks und trübt die Freude am Blog ungemein.

Beim realen S-Blog-Treffen ging es auch friedlich und freundlich. Sollte auch hier im virtuellen Blog möglich sein, oder?

#14 Frau Doktor . 03.05.07 . 17:40 Uhr

Da fallen mir doch spontan die unsterblichen Worte des kleinen Nick ein:

Wir haben uns alle gehauen und wir haben geschrien und viel Spaß gehabt, es war Klasse (…)

.

#15 Wegschaffel . 03.05.07 . 18:18 Uhr

___ Henning: Immer? Alle? Kloppen?

Ich tät ja gerne im Sinn des kleinen Nick mitmachen, aber ich kann hier besten Willen auch nicht die kleinste Klopperei entdecken?!

#16 Alex . 03.05.07 . 18:45 Uhr

Ich empfehle mal das hier und einen ruhigen Zeigefinger am Scrollrad - dann lassen sich die Texte lesen, ohne die Augen zu bewegen - das gelingt einem mit Absätzen nicht. Von daher mal wieder ein netter Texthappen für zwischendurch - und: So wertvoll wie ein kleines Steak äh Buch ach, was auch immer…

#17 liamara . 03.05.07 . 19:26 Uhr

Der kleine Nick! Frau Doktor hat ab jetzt nen Stein in meinem Brette!

#18 circulus . 04.05.07 . 01:38 Uhr

Hm - ich bekam auch den Eindruck, dass sich hier gekloppt wird. Jedenfalls nimmt kein einziger Kommentar Bezug auf den Inhalt des Beitrags! (außer #1 und #2 vielleicht) … Achso - weil er nicht gelesen wurde? Kann nur sagen: da habt ihr was verpaßt! Pfeif auf Absätze und/oder PoweReading. Ich habs gelesen und fands klasse geschrieben. Und mir ist endlich ein Licht aufgegangen! Ich habs immer vermutet, jetzt weiß ich woran es liegt, dass ich mich so seltsam unwohl fühl in dieser Stadt - und trotzdem nicht weg will. Alles gelogen - ätsche!

#19 circulus . 02.06.07 . 02:14 Uhr

Im Kopf immer auf der Überholspur, die Schwaben.

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