Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
28 09.06

Liebe nahegelegene Ladenbetreiber,

Von Herr S
Vermischtes . 21:58 Uhr

schon klar: wir hier hüben im Westen sind schwer entspannte Leute. Nur wenig ist uns so zuwider wie jedes starre Regelwerk, erst wo freie Kräfte nach Gutdünken walten, da will es lachen, das verspielte Herz und das Gemüt tanzt Ringelreihn. Auch klar insofern: Sie fragen keinen, ob Sie Ihren Laden auf- oder zusperren, Sie machen einfach, was Sie wollen. Ladenschlussgesetz? Balla balla! Davon abgesehen, dass es ohnehin in seinen letzten Zügen liegt, hat es Sie noch nie im Leben angefochten, nicht von ungefähr heißt es -schluss- und nicht -öffnungsgesetz — hier werden Sie ausnahmsweise mal pingelig. Wie gesagt: schon klar. In echt jetzt, es ist schon gut so wie es ist, also regen Sie sich auf keinen Fall auf!

Bzw. fast, um es zu präzisieren. Ein bisschen übertreiben tun Sie es nämlich schon mit dem Schlendrian, wenn ich mir diese leise Anregung erlauben darf. Dass Sie meinen, Ihre Häuser zwischen 12 und 15 Uhr mehr oder weniger geschlossen schließen zu müssen — längst hat man sich gewöhnt daran, immerhin gibt es leichte Varianten an den Rändern, an die man sich klammern kann. Auch dass um sechs, halb sieben gänzlich Ende ist, reißt kaum einen mehr vom Hocker. Schon wesentlich schmerzhafter scheint mir der Beschluss, dass quasi sämtliche Bäcker- und Metzgereien im Westen am Montag nachmittag zu sein müssen. Warum eigentlich? Gut, lieber einen Bauch vom Saufen als einen Buckel vom Schaffen, das sehe ich genau wie Sie, und wenn Sie schon am hellichten Samstagmorgen selbstlos mit geschwollenen Füßen im Laden stehen, dann sollen Sie auf jeden Fall Ihren Zeitausgleich haben. Nur: warum alle auf einmal? Gibt es geheimnisvolle Bäcker- und Metzgerzusammenkünfte am Montag nachmittag, bei denen Sie keinesfalls fehlen dürfen? Weil wenn nicht, dann ist doch denkbar, dass einer am Freitag nachmittag, einer am Montag morgen usw., Sie verstehen? Dazu die seltsamen Konstruktionen wie »In den Sommerferien nur noch freitags und samstags geöffnet« — sofern man den Laden nicht gleich ganz kommentarlos zulässt, tagelang, ohne das Geheimnis zu lüften.

Wahrscheinlich werden Sie insgeheim schon leise in sich hinein wüten. Darauf verweisen, dass Sie schließlich auch noch etwas anderes zu tun hätten. Und dass es nicht Ihr Problem wäre, wie ich mich organisiere. »Die Welt ist eben nicht vollständig ideal«, werden Sie mir bedauernd entgegnen. Tatsächlich könnte man von der idealen Welt kaum weiter entfernt sein. Ideal wäre es, wenn Läden genau dann offen hätten, wenn die Kaufwilligen Zeit haben, einzukaufen – also nach Feierabend, am Wochenende, an Feiertagen, im Urlaub etc. Das finden Sie wahrscheinlich vollkommen absurd, aber was würden Sie z. B. sagen, wenn Sie abends um halb 10 ein Bier trinken gehen wollen, und alle Kneipen wären zu, weil die Wirte keine Lust haben, um diese Zeit noch mit geschwollenen Füßen etc.? Und darauf pochen, Sie könnten Ihr Bier ja auch zu den Kernöffnungszeiten trinken und nicht danach? Oder Sie haben einen Herzkasper und keiner kommt und hilft, weil alle im zeitigen Feierabend sind? Nein, vergessen Sie die ideale Welt, mehr als ein fauler Kompromiss war es noch nie, was Sie so bieten. Aber wenn Sie sich wenigstens ungefähr Pi mal Daumen an Ihre eigenen Beschlüsse halten würden, und es sich damit in Zukunft vermeiden ließe, dass ich ewig vor rätselhaft verschlossenen Türen stehe, dann wäre ich gerne bereit, diesen faulen Kompromiss ohne weiteres Lamentieren zu schlucken.

Ich muss nicht ohne Not in die Innenstadt, wissen Sie? Noch die veritabelste Kaufabsicht zöge mich kaum dahin, könnte ich sie hier im Westen ausleben. Aber Ihr Dackel bin ich auch wieder nicht, soviel muss klar sein. Will meinen, wenn Sie glauben, ich komme auf Knien gerobbt und flehe Sie an, bei Ihnen kaufen zu dürfen, dann sollten Sie allmählich umdisponieren. Vorschlag zur Güte: Innerhalb der nächsten 14 Tage werde ich willkürlich und unangekündigt drei Kontrollgänge unternehmen — zu halbwegs christlichen Zeiten. Und wer dann zu hat, bei dem kaufe ich im ganzen Leben nichts mehr, und wenn ich bis auf die andere Seite des Neckars muss deswegen! Also reißen Sie sich am Riemen — das wird schon, doch doch! Muss ja.

Kommentieren . Trackback-URL

17 Kommentare zu Liebe nahegelegene Ladenbetreiber,

#1 Wegschaffel . 28.09.06 . 22:45 Uhr

Und das im Westen. Verkehrte Welt. Ich dachte immer, nur bei mir hier im Ost-Osten (Wangen) herrscht Laden-Not. Schrottige Ex-HL, Ex-Minimal, Now-Rewe-Buden, Handy-Tausch-Shops, Getränke-Stationen, bei denen die Betreiber ihre besten Kunden sind, traurige Türken, Klon-Dönerbuden, Frau L’s Bio-Trulla, Backmaschinen, Billigtanken (RAN!), Billig-Hotels, Grmpfl-Kneippen (Froschkönig) …

#2 HAL . 29.09.06 . 02:21 Uhr

Nun ja, die Supermärkte im Westen, zumindest die in meiner Nähe, haben alle auch montags bis 20 Uhr geöffnet. Und, man mag es kaum glauben, sie führen auch Fleisch- und Backwaren. Deshalb gönne ich z.B. auch den zwei kleinen Bäckereien in meiner Nähe, bei denen nahezu bei jedem meiner Einkäufe die selben Verkäuferinnen hinter der Ladentheke stehen, ihre Ladenschlußzeiten, da ich den Verkäuferinnen, ebenso wie mir, eine Vierzig-Stunden-Woche zugestehe. Falls ich, wäre ich Bäcker, feststellen würde, daß montags ab 14 Uhr die Kundenfrequenz die geringste der Woche ist, würde ich übrigens auch genau dann schließen und nicht für diese Zeit noch zusätzlich Personal einstellen. Es mag aber sein, daß das jenseits des Neckars anders ist.

#3 Herr S . 29.09.06 . 09:07 Uhr

@ Wegschaffel
Das hört sich an wie die Hölle. Gott sei Dank zwingt einen wenig nach Wangen hinüber.

@ Hal
In Supermärkten einzukaufen finde ich aus vielerlei Gründen degoutant, das kann kaum die Alternative sein. Und kein Mensch verlangt, dass Ihre Verkäuferinnen rund um die Uhr im Einsatz sind. Wer Waren verkauft und Dienstleistungen anbietet, täte aber gut daran, sich eher an den Bedürfnissen seiner (potenziellen) Kunden zu orientieren als an seinen eigenen. Wobei mir natürlich schon bekannt ist, dass man diesen an und für sich naheliegenden Gedanken in Deutschland eher bizarr findet. Da aber auch kaum ein Kunde sich daran stört, vom Ladenpersonal gedemütigt und drangsaliert zu werden, passt das insgesamt ja.

#4 Liamara . 29.09.06 . 09:13 Uhr

Tja, die Läden in Wangen mögen Herrn Wegschaffel merkwürdig erscheinen, aber immerhin haben wir einen durchgängig geöffneten Supermarkt (auch Samstags bis 20 Uhr), die Gemüsefrau schließt höchstens Mittwochsnachmittags, aber ich glaube auch nur wenn grad keiner mehr kommt, und auch sonst kenn ich jetzt keinen mit merkwürdigen Öffnungszeiten. Immerhin kann man noch einkaufen gehen in Wangen. Im Gegensatz zum Westen, da hat Herr S. recht. Wenn ich im Büro um 12e Lust auf ein Brötchen kriege, hat leiiiider der Bäcker zu. Wie bekloppt ist das denn?

#5 kesselblick . 29.09.06 . 09:32 Uhr

Tja, die Sorgen habe ich ja in Mitte nicht. Die wenigen Läden, die es noch gibt, haben eigentlich immer auf.

#6 Liamara . 29.09.06 . 09:35 Uhr

Aber Herr S. schrieb doch, die hätten zu so komischen Zeiten geschlossen?

#7 kesselblick . 29.09.06 . 09:57 Uhr

Seit wann liegt das Olgaeck im Westen?

#8 Herr S . 29.09.06 . 10:14 Uhr

Seit wann liegt das Olgaeck im Westen?

Kommt auf die Perspektive an. Aus Wangen z. B. gesehen stimmt das schon so ungefähr.

#9 Liamara . 29.09.06 . 11:00 Uhr

Ich komm nicht mehr ganz mit… im Artikel steht “wir hier hüben im Westen sind schwer entspannte Leute” usw., und nix vom Olgaeck, oder? Was weiß denn ich wo hier was liegt, ich bin doch froh wenn ich meine Haustür finde!

#10 kesselblick . 29.09.06 . 11:39 Uhr

Ist schon klar, als Wangnerin muss man auch nicht mitkommen.

Es ist doch so:
Im Westen gibts noch ne Menge inhabergeführter Lädchen, denen es aber offensichtlich an Dienstleistermentalität mangelt, siehe den Beitrag von Herrn S.
In Mitte hingegen gibts solche Läden schon gar nicht mehr. Hier sind eigentlich nur noch die Ketten- und Franchiseläden existent, die zwar gute Öffnungszeiten haben, dafür haperts an Qualität und persönlichem Service. Auch Mist.

#11 Liamara . 29.09.06 . 12:06 Uhr

Wäh, immer ist man sooo gemein zu mir nur weil ich in Wangen wohn *schluchz*

#12 Wegschaffel . 29.09.06 . 12:19 Uhr

Arme Frau L., als ob das nicht schon schlimm genug wäre, in dieser Schwaben-Favela zu wohnen …

#13 Liamara . 29.09.06 . 12:24 Uhr

Ich fühle mich diskriminiert. Ich verlange eine Entschädigung. Muss ja keiner sagen, dass Wangen toll ist. Aber mir vielleicht ein Schokohörnchen in den Briefkasten werfen oder so?

#14 Wegschaffel . 29.09.06 . 13:34 Uhr

Sie haben einen eigenen Briefkasten in Wangen? Muss wohl mit den intensiven Kontakten zum Schultes zu tun haben …
Das Schokokroissäng geb ich trotzdem gerne aus, an welchem Lattenzaun hängt denn Ihr Kasten?

#15 Liamara . 29.09.06 . 13:46 Uhr

*schneuz* Hellbrauner, neuer Lattenzaun mit Metallelementen… schräg gegenüber irgendso einer Kirche… Und morgen bin ich sicher auch bei der Gemüsefrau ;)

#16 Jörg Trüdinger . 30.09.06 . 21:04 Uhr

Warum kommt ihr denn dann nicht mal in den Süden ins Heusteigviertel zum Einkaufen? So was wie Mittagspause scheint hier gar nicht bekannt zu sein, weder beim Bäcker noch beim Spanier bei dem man fast alles bekommt und auch wir (Second-Hand-Shop) sind jeden Tag von 9.00 bis 18.00 Uhr da, ohne Urlaub! Das Heusteigviertel hat sicher nicht viele Läden aber ich bin sehr zufrieden mit dem Angebot und meine Bekannten und Kunden sehen das fast alle genauso.

#17 Uwe Keim . 01.10.06 . 11:33 Uhr

Noch 3 Monate, dann ist’s zu Ende. Ich zähle schon mal voller Vorfreude!

Made by 6B