Von circulus
Vermischtes, Kultur, Freizeit . 00:30 Uhr
Der niederländische Konzern Nuon (mit Sitz in Amsterdam) hat sich unübersehbar bei unserer rührigen Veranstaltungsgesellschaft mbH & Co.KG. in.Stuttgart eingekauft, äh eingeschleimt, äh Namensrechte erschlichen. Wie auch immer, das 58ste Lichterfest heißt nun wie der Konzern und ist lila-gelb und lekker (übrigens: mein 9jähriger Sohn regt sich seit Erscheinen der Werbeplakate darüber auf, dass die solche Schreibfehler machen!). Die Eintrittskarten (12 Euro Erwachsener, 5 Euro Kind) sind mit Nuon Werbung bedruckt und die kurz hinter dem Eingangstor erhältlichen (kostenlosen) Laternen sind nuon-gelb und es steht was mit lekker (Strom?) drauf – mein Sohn verweigert deshalb die Nutzung.
Nach nicht mal 500 Metern sind wir (eine Gruppe aus 3 Erwachsenen und 4 Kindern) bereits 5mal angesprochen worden, ob wir nicht bei einem Preisausschreiben mitmachen wollen, es gäbe hier und da tolle Preise zu gewinnen. Erst lehnen wir dankend ab, dann reagieren wir aber zusehends genervt. Gutscheine werden auch verteilt, die z.B. einen Espresso 25% günstiger machen. Ich wundere mich, ob nicht dieser Flyer mehr gekostet hat, als der Gegenwert eines Viertel-Espressos?!
Der Höhenpark Killesberg ist in eine kunterbunte, marktschreierische, werbebannerverseuchte Zelt- und Schirmlandschaft umgewandelt worden! DAS ist doch genau der Stil eines Andreas Kroll (der Chef) von in.Stuttgart: geschmacklos, unsensibel und kunden-unfreundlich. Genau wie z.B. beim Public-Viewing auf dem Schlossplatz, dessen Erkennungsmerkmal zwei Ringe aus blau-braunen Dixi-Klos um die Brunnen herum geworden ist. Genial-kreativ das Kroll-Team, Hut ab! Leider musste Herr Kroll derletzt auch zugeben, dass es um die Einnahmen seiner Gesellschaft nicht allzu rosig bestellt ist, was aber vorrangig an dem nicht ausgebuchten Hallen-Duo (Hanns-Martin-Schleyer und Porsche Arena) läge, die zuviel Konkurrenz im Umland hätten. Seltsam, dass er das jetzt erst merkt? Das Defizit trägt brav die Stadt, bzw. *räusper* wir, die Steuerzahler. Also ich würde den Kroll absetzen, wenn ich Schuster wäre.
Oke, das Lichterfest (ich wiederhole gern: seit diesem Jahr lekker!) dürfte eine satte Einnahmequelle sein. Namensrechte, Standgebühren, Lizenzen, Sponsoring, mit solch ausgeklügeltem Rundschlag-Marketing ist die letzte Zitrone ausgepresst – für die Besucher bleibt daher ein säuerlicher Nachgeschmack. Die Werbetrommelei darf man geduldig von 16 bis 22.30 Uhr über sich ergehen lassen. Dann beginnt das eigentliche Spektakel: Der Aussichtsturm wird begleitet von Aufzugsmusik bunt angestrahlt. Wir Erwachsenen schauen uns an, fragend. Nach 3 Minuten fragen die Kinder, ob denn kein Feuerwerk käme. Wir meinen, doch bestimmt! Nach weiteren 3 Minuten sind wir da aber auch nicht mehr so sicher. Nach satten 7 Minuten völlig fader Turmbefunzelung und nuscheliger Musikberieselung dann endlich eine Rakete! Fein! Na das kann sich sehen lassen! Trotzdem Stirnrunzeln, was ist das für Musik? I was made for loving you. Wir schauen uns wieder an, Kiss? Es ist schwierig, dem Rhythmus der Musik zu folgen, wenn die Böller versetzt dazwischen krachen. Das kann ja technisch auch nicht gut gehen, denn jeder Zuschauer hat akustisch gesehen einen anderen Zeitversatz (ich erklär das später mal). Folgerichtig folgt darauf ein dudeliges Lalastück, zu dessen nicht vorhandenem Rhythmus ein paar Zischer vom Turm gestartet werden. Piff paff puff, piff paff puff puff, piff. Oder so. Mein Sohn legt sich schlafen. Zuckt aber dann doch nochmal hoch, als Thunder von AC/DC angestimmt wird. Das fette Bumm zwar wieder aus dem Takt, aber wenn man den Ton gedanklich ausblendet und statt dessen dem Glitzern zuschaut, dann ist es schon recht schön! Ja, doch, schön und ergreifend. Wenn der Ton nicht wäre. Noch ein fettes Bumm und Schluss!
21 Minuten! Davon 7 ohne Raketen. Und 3-4 nur mit Zischern. Also bleiben starke 10 Minuten echtes Feuerwerk. Dank Nuon. Und in.Stuttgart. Bravo! Zehn Minuten Belohnung für sechseinhalb Stunden Werbebelästigung.
Mein Vorschlag, Herr Kroll: zocken Sie doch Nuon und die Sponsoren ab, statt uns Bürger! Wenn wir kostenlos reinkommen, verbunden mit Gutscheinen für eine kostenlose Speise und ein Getränk, dann ließe ich mir den Werberummel mit ein bißchen Feuerwerk gefallen. Aber so kann ich nur breitbandig dazu aufrufen, solcherlei Veranstaltungen in Zukunft zu meiden.
#1 David . 13.07.08 . 12:14 Uhr
Öffentlich organisierte Feste dienen im allgemeinen seit jeher der Volksverdummung oder nennen wir es lieber Gehirnwäsche von oben. Ablenkung von der aktuellen Tagespolitik und den Fehlentscheidungen der Verantwortlichen. Wenn dabei Reklame noch Geld bringt um so besser.
Brot und Spiele eben. Was hatten Sie erwartet?
#2 TeeKay . 13.07.08 . 13:17 Uhr
Klingt mir jetzt zwar ein bisschen zu paranoid das Lichterfest mit dem “Brot und Spiele” Aspekt zu versehen, aber gut. Wenn man das Lichterfest für sich persönlich als das nimmt was es ist - nämlich ein schönes öffentliches Picknick mit etwas Feuerwerk und Veranstaltungen drumrum- kann man da durchaus über ein bisschen Werbung drüber stehen. In einer Zeit in der bald jeder Einwurf einer Fussball Live Übertragung von Krombacher präsentiert wird wundert einen eh nichts mehr. Und mir persönlich ist es lieber das so ein Fest mit Werbung stattfindet, als das es wegen Geldmangels ersatzlos gestrichen wird.
#3 derCobold . 13.07.08 . 14:00 Uhr
Wer auf das Lichterfest nur wegen des Feuerwerks geht, ist vielleicht auf der falschen Veranstaltung. Dem Preisausschreibenmarathon entgeht man am besten indem man das Lichterfest nicht durch den Haupteingang an den alten Messenhallen betritt sondern durch einen der Nebeneingänge. Ansonsten empfiehlt sich ein einfaches: “Kopf hoch und zielstrebig durch”, dann schafft man die 500 Meter auch ohne angesprochen zu werden. Dann entspannt man sich auf einer der zahlreichen Wiesen auf einer mitgebrachten Decke oder hört einer Band an einer der aufgebauten Bühnen zu. Den Zauberwald gab’s im übrigen ganz ohne Werbeeinblendung. Und je nach Standpunkt hat man das Feuerwerk gesehen auch ohne die zugehörige Musik zu hören. Auch die Beleuchtung des Aussichtsturm war doch mal was schönes.
#4 Stefan . 13.07.08 . 17:18 Uhr
Also ich fands Klasse. Die Traber-Show war spektakulär und die Leute vor der 107.7-Bühne haben ordentlich gerockt. Vielleicht bin ich nicht die anvisierte Zielgruppe (hab keine Kinder), aber wegen des Feuerwerks war ich jedenfalls nicht da oben. Allein die Preise darf man getrost kritisieren, 12 Euro Eintritt und dann für ein Becherchen Bier 3,50 zu verlangen ist schon recht dreist. Ansonsten fand ichs ganz gut, und der Pfeffer dürfte auch ordentlich heisser sein heute :)
#5 Stefan . 13.07.08 . 17:40 Uhr
Siehe auch
#6 Flakfritz . 14.07.08 . 11:25 Uhr
Hallo Zirkulus,
wenn ich mal die Homepage vom Licherfest zitieren darf:
Der Besuch des Höhenparks Killesberg, insbesondere während der Dauer des Feuerwerks, erfolgt auf eigene Gefahr.
Hinterher mekkern gilt also nicht :)
#7 Tellura Spargelschatz . 14.07.08 . 12:51 Uhr
Ihr geschätzter Bericht über das Lichterfest (warum eigentlich nicht LichterFest? sind die im Höhenpark nicht auf der Höhe der Zeit?), lieber Circulus, trägt zwar auch gewisse idiosynkratische Züge und ist im Einzelnen ein wenig überzogen (worauf die Artilleristen unter den Kommentatoren sich dankbar sofort eingeschossen haben), aber in der Hauptsache haben Sie meiner bescheidenen Meinung nach Recht. Es ist wirklich, mit Verlaub, zum Kotzen, wie die harmlosen Volksvergnügen (wie es eine Freundin einmal genannt hat), die ihren Charme den lokalen Besonderheiten und Traditionen verdanken, durch zwanghafte Geschäftemacherei und Werbebelästigungen in 08/15-Veranstaltungen verwandelt werden. Dass es auch anders geht (aber wer weiß, wie lange noch?), zeigt das alle zwei Jahre stattfindende Cannstatter Fischerstechen auf dem Neckar. Da kommen allenfalls ein paar hundert Zuschauer zusammen, die sich am Ufer entlang verteilen, um den Männern und wenigen Frauen in merkwürdigen selbstgebastelten Kostümen dabei zuzusehen, wie sie sich mit Lanzen gegenseitig ins Wasser stoßen. Man zahlt zwei Euro Eintritt, es gibt eine Würstchenbude und einen Getränkestand und (leider ein Profi) einen Moderator, der die Teilnehmer vorstellt und das Ganze kommentiert. Mehr gibt es nicht. Vergnügen muss man sich selbst. Für hippe 13-Jährige (und ihre Brüder-und-Schwestern-im-Geiste aller Altersklassen) ist das eher nix, aber wenn man alles, was nicht frisiert und aufgemotzt ist, nicht gleich abartig findet und mal den Stecker rausziehen will: wunderbar. Ein anderes Beispiel: Kein Stadionrockkonzert einer berühmten (und tollen) Band könnte je dem Erlebnis gleichkommen, das der Auftritt von Arno kommt! im Hof der Sektkellerei Rilling im letzten Sommer im Rahmen des Cannstatter Kulturmenüs für mich war. Etwa zwannzig Zuschauer hatten sich im Garten und auf einer überdachten Empore, wo es ein paar Stühle und ein wenig Schutz vor der Sonne (bei mehr als 30°) gab, eingefunden, um den zwei jungen Männern und zwei jungen Frauen zuzuhören, die, auf der anderen Seite des kleinen Gartens sitzend, eine Art Geräusch-Performance aus elektronisch und mechanisch erzeugten Tönen zu einem vorgelesenen Text (ein Auszug aus einem Roman von Thomas Pynchon) veranstalteten. Und ich hatte vorher keine Ahnung, wer Arno kommt! ist oder welche Art von Musik die machen! Man ist bei solchen Veranstaltungen nicht ‘Kunde’, sondern darf teilhaben an etwas, das den Akteuren sichtlich Spaß macht, das ihnen etwas bedeutet. Beglückend. Langer Rede kurzer Sinn: Sie haben Recht, Circulus, Recht, Recht, Recht. Aber entgegenstemmen kann man sich dieser Scheiße wirksam nur, wenn man Politik macht. Und das ist ein hartes Brot.
#8 Mythen in Tüten . 14.07.08 . 13:04 Uhr
Nimm dir eine Lichterkette, schneide das Kabel durch, schalte sie an und stecke das abgeschnittene Kabel in den Mund eines Nuon-Aktiven und sage zu ihm: Wollen wir doch mal sehen wie lekker euer Strom ist und du bist der erste, der es ausprobiert…
#9 Malte . 14.07.08 . 13:53 Uhr
Also Tütenmythe.. so blöde/ärgerlich die Nuonisierung auch sein mag.. so dumm wie Dein Kommentar ist sie nicht.
#10 Paul-geht-baden . 14.07.08 . 13:55 Uhr
#8 Verehrtester, ‘lekker’ hat im Niederländischen einen größeren Bedeutungsumfang als im Deutschen. Man legt sich in Holland z.B. auch ‘lekker’ in die Sonne (falls sie dort mal scheint). So billig wie Ihr Witz ist, vermutlich, nicht mal der holländische Strom.
#11 Exilostfriese . 14.07.08 . 14:51 Uhr
Um mal welche zu nennen:
lekker meisje - hübsches Mädchen
ik voel me lekker - ich fühle mich wohl
lekker hapje - Leckerbissen
slaap lekker - schlaf schön
lekker ist quasi omnipotent und natürlich positiv.
Am besten trifft es wohl “geil”, was ja auch damals für alles benutzt wurde, nur halt zahmer.
Wobei ich Strom nicht lekker finde, wenn er Atomstrom enthält.
#12 Wegschaffel . 14.07.08 . 18:28 Uhr
Ich war nicht da, kann die Veranstaltung also nicht aus eigener Anschauung beurteilen. Aber: Wenn die Lekkers es mit ihren Aktivitäten schaffen, dem Platzhirschen von der ENBW mal kräftig ins Gekröse zu greifen und eine nennenswerte Anzahl Kunden abzujagen, hat sichs schon gelohnt. In diesem Sinne: Danke an alle, die den Krampf ausgehalten haben.
#13 Exilostfriese . 15.07.08 . 10:01 Uhr
Wenn schon wechseln dann richtig.
Atom, nein danke. Sonst wird der beschlossene Ausstieg evtl. noch rückgängig gemacht. Lieber ein Endlager im Dorf oder ein paar Windkraftanlagen?
EWS, Greenpeace Energy, Naturstrom oder Lichtblick heißen die Alternativen!!
#14 Mythen in Tüten . 15.07.08 . 10:26 Uhr
Womit mal wieder bewiesen wäre: Werbung wirkt doch. Die schlechteste Werbung ist die, über die sich keiner aufregt.
#15 Demeter . 16.07.08 . 22:45 Uhr
war letztes Jahr dort und fand einen Werbeveranstalter gut. War so eine Finanzberatung. Hat mir ganze 5 Glas Sekt spendiert, obwohl ich nix von denen wollte. Man kann die Leut ganz gut ausnutzen, dann brauchst auch keine 3,50€ fürn Bier zahlen.
#16 Wegschaffel . 18.07.08 . 11:32 Uhr
Hey Demeter, eine solch zielstrebige Bio-Dynamik in der Chancenverwertung hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut. 5 Glas Sekt für lau - waren danach Körper, Seele und Geist wenigstens ordentlich rhythmisch dynamisiert?