Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
17 05.09

Larifari, Wischiwaschi

Von Josh von Staudach
Stuttgart 21 . 12:02 Uhr

Lirum, larum Löffelstiel,
alte Weiber essen viel,
junge müssen fasten,
s’Brot liegt im Kasten,
s’Messer liegt daneben,
ei welch ein lustig Leben!

Lirum, larum Löffelstiel,
wer nichts lernt, der kann nicht viel.
Reiche Leute essen Speck,
arme Leute essen Dreck.
Lirum, larum Leier,
die Butter, die ist teuer.

Am 12.05.2009 notiert der Deutsche Bundestag:

Für eventuelle Kostensteigerungen des Projekts Stuttgart 21 der Deutschen Bahn AG, das nach bisherigen Berechnungen 3,076 Milliarden Euro kosten soll, ist eine Risikovorsorge getroffen worden. Wie die Bundesregierung in ihrer Antwort (16/12630) auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (16/12533) mitteilt, beträgt diese Risikovorsorge 1,45 Milliarden Euro und wird von Eisenbahninfrastrukturunternehmen, dem Land Baden-Württemberg, der Stadt Stuttgart und dem Flughafen getragen. Im Falle einer über die Risikovorsorge hinaus gehenden Kostensteigerung würden das Land und die Eisenbahninfrastrukturunternehmen Gespräche aufnehmen.

Gespräche aufnehmen! Welch Lösung, hurra! Gehen Sie mal zu Ihrer Bank (wenn sie noch lebt, die Bank) und schlagen Sie ihr eine Hausfinanzierung vor. Die Bank würde meinen, sie verstünde die Berechnung der Finanzierung nicht ganz. Die Bank hegt sogar Zweifel, dass die veranschlagten Kosten ausreichen würden. Sie sagen, das mache nichts, es sei alles in Ordnung, Sie hätten eine Risikovorsorge. Darauf zuckt der Banker mit den Schultern und meint, okay, dann machen wir das und nehmen erst wieder Gespräche auf, wenn Sie pleite sind und das Haus im Rohbau stecken bleibt.

Voll an den Haaren herbeigezogen, der Vergleich? Na warum nicht, alles an diesem Projekt ist an den Haaren herbeigezogen. Aber ist es nicht toll, wie einfach Politik und Finanzwirtschaft funktionieren? Fast wie bei der Sendung mit der Maus. Zumindest, wenn man befähigt ist (und Politiker sind das, wie man weiß), völlig ahnungs- und verantwortungslos mit Steuergeldern zu hantieren.

Lirum larum. Larifari, Wischiwaschi - und balla balla sind die Gestalten vom Stuttgart-21-Fanclub (die sich gestern in der Esslinger Zeitung äußerten). Wer? Lothar ‘zu’ Späth und Walter ‘die Rente’ Riester. Initiatoren der Initiative ‘Pro Stuttgart 21′ mit weiteren gut 1000 prominenten Unterstützern. Unter ihnen Edward Hug, der Vorsitzende des Forums Region Stuttgart, der auch echt intelligente Sätze hervorbringt:

Eine Massendemonstration für Stuttgart 21 wird es wohl nie geben.

Warum net, Herr Hug? Eure 1000 Promis wären doch schon eine satte Masse! Vor allem, wenn man KG pro Kopf rechnet (weil reiche Leute ja Speck essen). Oder wollt ihr lieber EUR pro Kopf in die Waagschale werfen? Mit solchen Pfunden läßt sich wuchern!

Es ist eben leichter, gegen etwas zu sein als sich konstruktiv einzubringen.

Achsooo, deshalb. Also hätten Sie es gern leicht, Herr Hug? Dann kommen Sie doch rüber auf die Gegner-Seite! Wir haben es total leicht, echt. Aber Sie armer Tropf müssen sich so eisenhart konstruktiv einbringen. Statt Romanen lese ich in letzter Zeit die hunderten Seiten des Planfeststellungsbeschlusses. Haben Sie das auch schon getan, Sie Konstruktivist?

Oder auch Sie, Herr Späth, haben Sie den Packen Papier gelesen? Dann würde ich Sie gerne beim Wort nehmen:

Denn es mache keinen Sinn, jeden Tag aufs Neue Stuttgart 21 in Frage zu stellen und eine Antihaltung zu pflegen, meint Späth. Die Bauvoraussetzungen sind gegeben. Jetzt sollten wir konstruktiv über Fragen reden, die eine solche Baustelle aufwirft.

Jau, genau: ‘Sinn machen’, Herr Späth, ist kein gutes Deutsch. Sinn ergibt sich oder etwas ist sinnvoll. Was bei Ihnen wahrscheinlich nicht der Fall ist. Und Fragen, die eine solche Baustelle aufwirft. Werden echt voll konkret beantwortet, von denen, die was wissen sollten (siehe mein erster offener Brief). Wissen Sie, ich pflege keine Antihaltung. Ich informiere mich. Und bin entsetzt über das, was ich erfahre. Sie, Herr Späth, sind entweder komplett unterinformiert oder sonstwie nicht in der Lage, die Lage zu checken — oder Sie wollen, dass möglichst niemand im gemeinen Volk die Lage so richtig checkt.

Nun gut ihr Jungs vom Fanclub, ihr reicht die Hände (die von Schuld reingewaschenen). Ich kann sie bloß grad nicht schütteln, weil ich noch die Faust geballt habe, hinterm Rücken. Ihr hofft auf die ‘Dialogbereitschaft der Gegner’ — also wann gibts den konstruktiven Gesprächstermin? Ich bring ein bißchen Dreck mit zum Essen …

Kommentieren . Trackback-URL

3 Kommentare zu Larifari, Wischiwaschi

#1 muzz . 17.05.09 . 12:19 Uhr

Ach, “Pro S21″ is im schlimmsten Fall harmlos (ich halte es für unwahrscheinlich, daß es dieser “Initiative” gelingt, viele Menschen zu überzeugen) und im besten Fall unterhaltsam (in der Durchsichtigkeit des Versuchs, hier Bürgerwillen zu simulieren).

Übrigens ist “Sinn machen” nicht unbedingt schlechtes Deutsch, außer man möchte G.E. Lessing auch schlechtes Deutsch vorwerfen (Quelle: http://www.iaas.uni-bremen.de/sprac... ), aber das nur am Rande.

#2 PhilGrooves . 17.05.09 . 13:12 Uhr

Gibts eigentlich kein Stuttgart21 Blog?

#3 huhn . 18.05.09 . 11:58 Uhr

Jau, genau: ‘Sinn machen’, Herr Späth, ist kein gutes Deutsch. Sinn ergibt sich oder etwas ist sinnvoll.

Ich liebe diesen sachlichen Stil.

Kommentar hinterlassen


Made by 6B