Von Anton Schmittke
Befindlichkeiten . 14:23 Uhr
Mein Blick hebt sich aus dem Fenster, zu dem kleinen gedrungenen bretonischen Häuschen auf der Strasse gegenüber, gefügt aus massiven Steinen aus dem Bauch der Erde, grob verputzt und weiß getüncht und über seinen niedrigen Giebel hinweg auf den flachen atlantischen Strand von Pendruc, am südlichen Rand einer Bucht gelegen. An den Strand rollen die Wellen des Atlantiks, des mächtigen Ozeans zwischen den Polen meiner Welt. Ich könnte es: Mein ost-westlicher Diwan nennen, denn die Achse zwischen meinen Polen verläuft von West-Nordamerika über Island, Mitteleuropa bis nach Moskau. Das ist für mich die Transversale meines Interesses, Nordamerika, die mittel- und nordeuropäische Kulturstaaten und das große weite Rußland. Ich stelle mir vor, daß die Wellen aus Amerika kommen, von einer natürlichen Kraft getrieben bis ans französische Gestade und dort im Sande auslaufen. Ich nehme ihre Bewegung auf, verwahre sie im Inneren, fahre zurück nach Deutschland und entwickle ebenfalls oszillierende Beziehungen und Vernetzung in die genannten Länder. Die Erfahrungen dabei teile ich bei meinen Projekten den Menschen mit und hoffe, sie damit bewegt zu haben. Das ist mein Plan.
Es wird Zeit, den Kamin zu füttern. Ich verlasse das Zimmer, in dem der alte Holztisch steht, so schwer, daß ihn nur zwei Männer tragen können, und gehe treppab in den Salon. In gutbürgerlicher Manier gedacht, ist er funktional gesehen das Wohnzimmer, aber die Weite des Raumes, seine Täfelung, der Kamin und die opake Glasdecke machen ihn eben zum Salon. Hier kann der Geist sich entfalten, weil er Platz hat und weil ihn Mobiliar und Material wegen ihrer ästhetischen Wirkung dazu anregen. Es gibt keinen Fernseher, dieser passive Medienkonsum ist zu profan in der intellektuellen Kathedrale meiner kleinen Festung. Die natürlichen und textilen Oberflächen im Raum sind Botschaften von Wärme und Geborgenheit, mein Geschmack von Stil. Er schmeckt blutrot, samtig, dunkelviolett und nach dunklem, polierten Eichen- und Wurzelholz. So empfinde ich den Eindruck von Höhlenwärme, tief innen irgendwo geborgen und geschützt sein.
In dem alten, aus großen schweren Steinplatten errichteten Kamin glimmen noch die Reste der letzten Scheite, ich lege drei Stück nach und setze mich vor den Kamin auf den Boden. Es dauert einige Minuten, bis die ersten Flammen am neuen Holz emporzüngeln. Ich habe immer davon geträumt, ein Feuer im Haus zu haben. Wenige Situationen entspannen mich so wie der Blick in knisternde lebendige Feuer mit seiner raschen Vergänglichkeit.
Kein Wunder, wird der Begriff des Feuers als Synonym für die Höhen der Leidenschaft zwischen Menschen verwendet. Solch ein Feuer hat mein Leben verändert. Ich verließ Frau und Kinder, um mit meiner Geliebten und ihren Kindern zusammenzusein, und die Mutter meiner Kinder beschnitt mir das Zusammensein mit meinen Kindern aufs Empfindlichste. Ich litt wie ein Hund, zumal auch die neue Frau an meiner Seite zwar drei Kinder hat und die ersten beiden dem Vater aus dem Leben bugsiert hat, aber dann für meine Zerrissenheit wenig Verständnis hatte.
Aber das Schlimmste: alle Beteiligten kannten sich seit Jahren. Meine Exfrau ist noch immer stinksauer auf meine Exgeliebte und würde, träfe ich jene wieder, dafür sorgen, daß die Kinder nicht dabei sein dürfen und auch dafür sorgen, daß die Kinder in Konflikt geraten und sie so Grund hat, alles „zum Wohle der Kinder“ entscheiden zu dürfen. Wir Männer haben nämlich da einfach kein Mitspracherecht, bei Terminverhandlungen etc. vor dem Jugendamt ist bei der Neugestaltung eines Lebens immer nur von Egoismus und Rücksichtslosigkeit die Rede. Die Vorgeschichte, wie es dazu kommen konnte, zählt nicht – da aber gibt’s auch eine entscheidende Rücksichtslosigkeit meiner Exfrau.
Die Kinder sind immer dem Einfluss der Mutter ausgesetzt, und die entscheidet, was gut ist und was nicht. Zu schade, daß kein Mensch meine Exfrau zu dem Standpunkt zwingen konnte, zum Wohle der Kinder sei das Stillhalten seitens der Mutter, als Steigerung das Gutheißen der anderen Familie. Da müssen wir Männer uns mittlerweile wieder emanzipieren. Die Männer, die eine Frau glücklich machen können, ausreichend Geld verdienen und ein perfekter Vater sind, sind nämlich sehr rar, besonders in meiner Generation. Irgendein Teil fehlt immer, ich konnte nun mal einfach keine berufliche Karriere machen, dafür war ich für meine Kinder da, Tag und Nacht. Letztlich habe ich mir mühevoll Depressionen erarbeitet, mich beruflich abgearbeitet, dann mich abends um die Kinder gekümmert, das über Jahre, und das alles in seiner Summe, machte mich depressiv.
Das Feuer knistert, sonst ist es still. Keine Bewegung in den Räumen, ich bin alleine in meiner Klause. Kein Wunder, denn es ist mein Traum, in diesem Haus zu sein, abgeschieden von dem Leben, das mich dazu führte, es aufzuschreiben, mich dessen zu entledigen, um wieder neu geboren zu werden, oder zumindest innerlich etwas freier von Seelenlast zu sein. Es ist wirklich ein Traum, mein Tagtraum in ruhigen Momenten, in denen ich mir etwas ausmale, das mich weiterleben läßt, etwas, was auch Linderung verspricht. Und es ist schön, ein Ziel zu haben, sei es auch nur visionär. Der Tag sucht sein Ende, der Himmel, der sich von Westen übers Meer her nähert, verschluckt die Helligkeit, Wolken helfen dabei. Die beste Zeit für einen Spaziergang am dem großen Ozean zwischen den Kontinenten. Oder liegen vielmehr die Kontinente zwischen den Ozeanen? Diese Meere sind so tief und wild wie das Empfinden von uns Menschen, es brennen die Feuer der Leidenschaften in den Meeren der Gefühle…?! Paradox!
Ich erhebe mich also, gehe durch den großen Raum in den Vorraum, wo meine Stiefel und mein Mantel sind, ziehe sie an, nehme den Schlüssel aus der Schale, öffne die Tür und verlasse das Haus – meine kleine Festung.