Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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13 01.06

Kulturmeile #1

Von Josh von Staudach
Kultur, Leben, Politik . 21:03 Uhr

Unsere so genannte Kulturmeile: In letzter Zeit eines der meist diskutierten Themen in Stuttgart. Gut geeignet für dieses Blog also.

Es würde mich zwar interessieren, wie die Stadtautobahn damals zustande kam, wer die Entscheider und Architekten waren, aber die Recherche danach schien mir zu weit zu führen. Also beschränke ich mich auf die Gegenwart. Zunächst einmal ist die B14 eine Bundesstraße und keine Autobahn. Autobahnen verbinden Städte aber meist führen die Bundesstraßen auch durch sie hindurch. Umfahrungen werden dann gefordert und gebaut, wenn der meiste Verkehr an der Stadt vorbei fahren soll und nicht hinein. Nach Stuttgart hinein muss jedoch so mancher Verkehr geführt werden. Dafür eignet sich ganz besonders diese Hauptachse der B14. Und obwohl die Planung dafür Ende der Fünfziger Jahre stattfand, ist die Kapazität dieser Trasse immer noch für heutige Anforderungen ausreichend. Ein Großteil der im Zentrum Berufstätigen ist darauf angewiesen. Unglücklicherweise führt sie halt direkt an den wichtigsten Kulturstätten vorbei.

Ist das wirklich so unglücklich? Hat es nicht auch den Vorteil, dass die Kultursuchenden ihre Stätten einfach und schnell erreichen? Und dass für Nicht-Stuttgarter auch beim Durchfahren sichtbar ist, welche Stätten hier angesiedelt sind? Gäbe es einen durchgängigen Tunnel, bzw. eine Komplettüberdeckelung, wären Staatsgalerie, Staatstheater, Musikhochschule, Haus der Geschichte, Landtag, Hauptstaatsarchiv, Stadtbücherei und manch anderes interessante Gebäude (Neues Schloß?) quasi nicht mehr sichtbar. Was wäre das für ein Gefühl für Arbeitnehmer, Touristen, Einkaufende, Museums- und Theater-Besucher, wenn sie vom Zentrum Stuttgarts nicht mehr sehen als einen dunkelgrau-miefigen Tunnel?

Man darf durchaus schon jetzt merken, dass ich gegen eine wesentliche Änderung des Status Quo bin. Laßt mich weitere Argumente finden …

Ich gebe zu, dass der momentane Zustand alles andere als sehenswürdig ist, wenn man den Blick auf den heruntergekommenen Betonbau und die verwahrloste Peripherie lenkt. Es scheint zur Stadtpolitik zu gehören, die Substanz verkommen zu lassen um die Dringlichkeit einer Entscheidung zugunsten des Tunnels zu steigern. Hätte man über die Jahre wenigstens die nötigen Betonsanierungen ausgeführt, sähe es heute schon halb so schlimm aus. Warum hat man den Wilhelm-Hoffmann-Steg so verkommen lassen? Die Wendeltreppe ist gesperrt. Besonders die Seite am Neuen Schloß sieht grauenhaft aus! Habt ihr die Haltestelle mal angeschaut? Wie kann die Stadt sowas mitten auf ihrer stolzen Kulturmeile in nächster Nähe zum Schloß zulassen?

Stellen wir uns doch mal vor, die Betonunterführungen währen in saniertem Zustand, vielleicht nicht nur hellgrau gestrichen, sondern sogar künstlerisch bemalt. Oder mit dezenter Beleuchtung in Szene gesetzt. Oder alternativ mit Efeu bewachsen. Oder oder oder. Warum gibt es keine Findung und Umsetzung kreativer Vorschläge? Stellen wir uns weiter vor, der Hoffmann-Steg wäre in saniertem Zustand, also sauberer Waschbeton. Geradezu kultig! Und man hätte die Haltestelle instandgehalten. Mit dem roten Olympiastadiondach auch kultverdächtig! Why not?? Schau sich doch einer die vielen neuen Clubs und Bars an, deren Ambiente ist belebt durch die Architektur und Materialien der Sechziger und Siebziger. Stellen wir uns drittens vor, es gäbe anstelle der schmalen Unterführung zwischen Staatstheater und Staatsgalerie eine breite Furt mit flachen Zugängen ohne Treppen. Nicht möglich? Warum nicht? Wenn sich ein schlauer Kopf aus der Sobek-Liga dazu Gedanken macht, gibt es sicherlich eine Lösung.

Sind diese drei Vorstellungen gespeichert? Wie sieht es nun auf der Stuttgarter Kulturmeile aus? Wesentlich besser! Wahrscheinlich gäbe es heute keine Diskussion über Deckel, weil die Mehrheit mit diesem Zustand zufrieden wäre. Und das zu Kosten, die aus den Etats der letzten 20 Jahre locker hätten realisiert werden können - denn solange läßt man die Achse schon vergammeln!

Aber was passiert jetzt statt dessen? Von drei (von Sobek) geplanten Deckeln wird nur einer in einer Hauruckaktion noch vor der WM gebaut. Für angeblich nur 7 Millionen Euro. Leute! Wer hat das denn kalkuliert? Eine noch lautere Lachplatte war die erste Kalkulation (von Sobek), dass alle 3 Deckel 6 Millionen kosten würden. Also mal bauernschlau gerechnet sind 6 durch 3 gleich 2 Millionen pro Deckel - und nicht 7 Millionen, die nun der eine verbliebene Deckel kosten soll. Was ich mich jedoch schon gleich zu Beginn fragte: Wieviel kostet der Abriss des Hoffmann-Stegs? Wieviel die Betonsanierung der Unterführung? Wieviel der Abriss der Mauer unter der Stadtbücherei? Meine laienhafte Schätzung beläuft sich da eher auf Richtung 15 Millionen bis alles fertig ist. Augenwischerei ist das, was das Rathaus mit uns Bürgern da betreibt! Denn wir zahlen es am Ende, egal ob aus dem Topf der Stadt oder aus dem Topf vom Land Geld fließt. Millionen, die an anderer Stelle fehlen, z.B. im Schulwesen oder bei Kindergärten oder bei Spielplätzen. Oder im Nahverkehr. Oder beim Straßenbau. Oder bei anderen Sanierungen. Und für was? Wer will eigentlich diesen Deckel? Und wer wird ihn nutzen?

Durch die Bank in Politik- und Presse wird suggeriert, dass die Stuttgarter den Tunnel wollen, respektive nun den Deckel. Hätte man mal eine Umfrage gemacht. Eine Umfrage mit Fragen wie:
- Wie oft laufen Sie vom Neuen Schloß zur Stadtbücherei?
- Wie oft fahren Sie vom Staatstheater zur Staatsgalerie mit dem Rollstuhl?
- Wollen Sie die Straße wirklich zwischen stinkenden Autos überqueren oder lieber über eine Brücke mit Aussicht?
- Wieviele Kinder haben Sie?

Dazu eine statistische Erhebung, wieviel Prozent der Bürger sich auf der Kulturmeile zu Fuss bewegen. Wieviel Prozent der Bürger eine schnelle (weil ampelfreie) Strecke in und durch die Stadt nutzen. Und schließlich welchen Anteil diese jeweiligen Prozente der Bürger am Bruttosozialprodukt der Stadt haben. Das ehrliche Ergebnis einer solch realistischen Umfrage würde mit Sicherheit dazu führen, dass weder Tunnel noch Deckel gebaut werden.

Wer bitte ist in der Lage, dem WM-Wahn Einhalt zu gebieten und Stadt wie Land klar zu machen, dass wir die Millionen nicht für 6 Wochen voller grölender Fussballfans verschleudern sollten!? (Denn die werden sich wohl kaum auf dem Charlottenplatz-Deckel aufhalten, die Fans.) Mit dieser Frage können wir hier sicher noch mehr interessante Themen und Diskussionen ins Blog bringen …!

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5 Kommentare zu Kulturmeile #1

#1 Herr S . 14.01.06 . 22:26 Uhr

Ich kenne zwar den aktuellen Stand der Deckel-Diskussion nicht, aber dass die B14 die Stadt übel durchschneidet, finde ich schon. Ob eine gründliche Sanierung und/oder eine Über- statt Unterführung das Ganze wesentlich verbessern würde, halte ich für fraglich, irgendwie bleibt alles jenseits der B14 ein wenig »tote Zone«, auch wenn eine Menge publikumswirksamer Einrichtungen dort stehen.

Wie die »Stadtautobahn« im Einzelnen zustandekam, weiß ich ebenfalls nicht, sicher ist, dass man zu dieser Zeit sonntags zur »richtigen« Autobahn pilgerte, um Autos anzugucken und eine auto-optimierte Stadt als cooles Fortschrittsmodell galt. Wieviele davon eines Tages herumfahren würden, konnte sich wohl keiner so recht vorstellen damals.

#2 tom . 23.01.06 . 10:02 Uhr

Der Gag an der Sache ist vielleicht auch, dass dann eben mehr Leute den Weg Richtung Kulturmeile, Stadtbücherei, WLB whatever … einschlagen. Die Grenze “Stadtautobahn” würde etwas großflächiger durchbrochen. Sie ist sicher auch der Grund, warum die “Zone” auf der anderen Seite so tot ist.

Ob es den Einsatz der Kohle wert ist, ist die andere Frage.

#3 circulus . 23.01.06 . 11:23 Uhr

Die Zone auf der anderen Seite ist tot? Beschreibt doch mal, was in der Zone so geboten ist. Neben den kulturellen Einrichtungen befindet sich dort auch das sogenannte Gerichtsviertel. Wer will dort hin der nicht muss?

Staatsgalerie, Musikhochschule, Haus der Geschichte*, Bibliothek sind auch bisher alle gut zu erreichen gewesen. Von Nord nach Süd:
1. Fußgängerüberweg Gebhard-Müller-Platz
2. Unterführung am Staatstheater
3. Überführung Wilhelm-Hoffmann-Steg
4. Unterführung Charlottenplatz
5. Fußgängerüberweg Charlottenplatz
Also ca. alle 100 Meter eine Möglichkeit von der einen auf die andere Seite zu gelangen, auf Wunsch mit oder ohne Abgas-/Lärmbelästigung.

Seid ihr voll und ganz der Überzeugung, dass sich durch die Aufwendung von 5 Millionen Euro und den Bau des Deckels der Zustand bessert? Was genau ist dann die Besserung? Was kann/wird passieren in der »toten Zone*«?

Es gibt immer Theorie und Praxis. Theoretisch z.B. wurde das Viertel um das Bosch-Areal durch die Sanierung belebt. In der Praxis gibt es aber viel Leerstand und nicht wirklich gute Umsätze in den Geschäften. Stuttgart brummt zwischen Konrad-Adenauer- und Theodor-Heuss-Straße. Darüber hinaus ist es zäh bis unmöglich, eine neue Szene zu etablieren. Daran wird auch der Deckel nichts ändern.

(*So tot kann die Zone gar nicht sein, wenn das Haus der Geschichte neue Besucherrekorde meldet.)

#4 tom . 23.01.06 . 14:31 Uhr

Um noch einmal auf deine vorgeschlagene Umfrage am Schluss zu kommen, Circulus, man kann nicht aus der jetzigen Nutzung auf eine spätere (unter veränderten Bedingungen) schließen. Wenn die Damen und Herren Planer das könnten, gäbe es (hoffentlich) nicht so viel Fehlplanung.

Man kann nur vermuten und hoffen. Ob Aufwand und Ertrag in einem günstigen Verhältnis stehen mag allerdings tatsächlich zweifelhaft sein. Dennoch bedeutet der teure Deckel eine Chance auf Belebung der ganzen Objekte auf die Stuttgart anscheinend stolz ist. Vielleicht wächst der etwas leblosere Teil ja mit dem Mittelpunkt zusammen?

Meiner Meinung nach kann die B14 an dieser Stelle komplett unter einem Deckel verschwinden. Das ist eine unglaublich hässliche Straße. Im Auto fühle ich mich nicht gerade in Sightseeing-Stimmung wenn ich da durch rase. Oder hast du Zeit dich für den schönen Anblick zu begeistern, während du im Verkehr untergehst? Wie “besichtigst” du eine fremde Stadt? Ich mache das dann doch meistens zu Fuß.

Ich denke, es ist sinnvoll zu versuchen eine Verbindung herzustellen, die für Fußgänger und Radfahrer geeignet ist, übrigens auch noch in anderen Gegenden der Stadt. Das ist immer eine Aufwertung der Autostadt Stuttgart.

Die hohen Kosten und dubiosen Rechnungen sind dennoch nicht zu vernachlässigen, leider. Ich würde das Geld dann wohl auch lieber in Fahrradwege, Schulen, Kindergärten usw. gepfeffert sehen, wenn eine realistische Kalkulation auf dem Tisch läge.

#5 Stuttgart Blog » Kulturmeile mal wieder . 20.02.09 . 12:48 Uhr

[…] Schose ist eigentlich zu genüge durchgekaut. Gestern aber bringt die STZ ohne besonderen Anlass eine Aufwärmung des Themas. Tschuldigung, ist […]

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