Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 12:00 Uhr
Was bisher geschah: Paul besucht Cannstatt. Es ist ein drückend heißer Tag. Überall Menschen auf den Straßen. Die ganze König-Karl-Straße ein einziges Straßencafé. Wenn die Straßenbahn kommt, müssen jedes Mal erst Tische und Stühle beiseite gerückt werden. Kellner palavern gestikulierend mit den Straßenbahnfahrern und -fahrerinnen, die, weil sie sowieso nicht weiterkommen, aussteigen und sich einen Espresso und ein Wasser genehmigen. Einem aufmerksamen Beobachter würde vielleicht auffallen, dass hier überall die Frauen das große Wort führen. Leicht und flink wie Fulgusfinken fliegen ihre Zwischenrufe und Spottreden von einer Straßenseite zur anderen (jede will natürlich witziger sein als der Papst, und viele sind es auch, tolles Theater). Die Männer sitzen und stehen und leben und weben ziemlich still unter ihnen und nippen nur hin und wieder an ihren Wässern (jede Marke, jede Abfüllung in einem anderen Glas serviert, soviel Stil muss sein). Selbst die Apotheken haben Tische und Stühle auf den Gehweg gestellt, und man kann sich dort niederlassen und in aller Ruhe die schönsten Medikamenten-Cocktails (auf Rezept, versteht sich) mit einem gratis dazu gereichten Wasser hinunterspülen (oder „veschpern“, wie die schöne Apothekerin sagt und sich mit vorgeblich unschuldigem Blick ein Dekolleté trocken tupft, über dem auch ein verzweifelter Mann wieder… okay, okay, ich bin schon still). Schweiß fließt, Gesichter röten sich, Hunde hecheln mit heraushängenden Zungen. Kinder wuseln herum, Fliegende Händler bieten ihre Waren feil („Fleischkekse! Frische Fleischkekse!“), Touristen streichen durch die quirlig bewegte Menge und fotografieren alles, was sich nicht unter die Tische flüchtet (d.h. das nehmen sie auch noch auf, mit überraschender Leichtigkeit in die Knie gehend) und die Kurgäste, die zur Trinkkur, des Cannstatter Wassers wegen, angereist sind, bleiben, wenn die Buttercremetorte bewältigt ist, an ihren Tischen sitzen und bestellen sich, weil jetzt langsam der gemütliche Teil des Tages beginnt, ein erstes Viertele oder einen guten Cognac oder ein Bier aus der Region. Einige Rikschafahrer, die genervte Straßenbahnfahrgäste übernehmen, bahnen sich mühsam ihren Weg durch die Menge, kommen aber schließlich auch nicht mehr weiter, weil eine Demonstration der Andamanen sie aufhält. Erinnern Sie sich? Das sind die bedauernswerten Menschen, die es nach dem furchtbaren Tsunami aus ihrer unsicheren Heimat nach Stuttgart gezogen hat. Ja, ‚gezogen’, nicht ‚verschlagen’. Denn auf dem indischen Festland, wohin man die traumatisierten Überlebenden fürs erste evakuierte, hatten sie im Fernsehen ein chinesisches Stuttgart-Porträt gesehen, das sie so für die Stadt einnahm, dass sie sich in den Kopf setzten, nur hier bei uns wieder glücklich werden zu können (in Asien sagt man nicht „wie Gott in Frankreich“, sondern „glücklich wie die Schwaben“); und die Welle der Hilfsbereitschaft, die der Welle der Vernichtung folgte, spülte die Insel-Inder tatsächlich bis an den Neckar, wo sich dann aber kein anderes Plätzchen für sie fand als in den Slums am Ostrand der Stadt, in dem wuchernden Flüchtlingslager, das mit seinen Pappkarton- und Wellblechbehausungen Wangens Hänge immer dichter überzieht und sich stellenweise schon in die Weinberge frisst. Traurig natürlich, das Schicksal dieser Entwurzelten, aber auch sie tragen hier und heute auf ihre Weise zu der einmaligen Atmosphäre von zugleich gelassener und irgendwie überschwappender Lebenslust bei, die auf der König-Karl über allem liegt (ein abgründiger Gedanke, aber wenn man ehrlich ist… Ohne Unglück, Elend und Armut – von anderen natürlich – wirkt jede Vorstellung vom Leben unvollständig, unglaubwürdig, künstlich; auch das kann man wohl ‚Eine unbequeme Wahrheit’ nennen, oder?). Das hysterische und merkwürdig schnalzende Geschrei von herumfliegenden Papageien zerreißt die Luft, die so dick ist, dass man sie in Tiegel füllen und als Feuchtigkeitscreme verkaufen könnte, Martinshörner gellen durch die Nacht (ach nee, ‘tschuldigung, jetzt sind die Pferde mit mir durchgegangen: der Nachmittag hat ja gerade erst angefangen; über ‚Stuttgart bei Nacht’ ein andermal) und am oberen, am Kursaal-Ende der Straße meint man manchmal, über dem Stimmengewirr und dem Hupen der Autos, die nur im Schritttempo vorwärts kommen, von Ferne das Kreischen von Affen zu hören. Leichtfüßig (und „locker wie eine Schraube“, wie Clemens immer sagt), aber ganz in Gedanken, mäandert Paul, auch in seiner Versunkenheit sicher navigierend, durch das Getriebe, über dem nun auch die nickenden Köpfe und schiefen Höcker zweier Kamele auftauchen, die ein junger Mann im Burnus was-weiß-ich wohin führt. In einer Seitenstraße, in einer Art Laube auf einem Gartengrundstück, tagt hier übrigens jeden Mittwochabend die Avantgarde der Stuttgarter Blogger, ein Club, der sich, warum auch immer, ‚Tunnel unterm Neckar’ nennt (möchte man gern mal Mäuschen sein, wenn die in den noms de plume codierte Virtualität der Wahrheit des Fleisches begegnet, oder? ach, nein, vielleicht doch lieber nicht).
Was Paul beschäftigt unterm zärtlich weichen Himmel Cannstatts?
Wird fortgesetzt
#1 Gerd-geht-golfen . 30.05.07 . 22:41 Uhr
Na, das ist ja ein glücklicher Umstand. Paul, unser Mann vom viralen Stadtmarketing, wird Augenzeuge dieses Stuttgarter Potpouris. Geschmeidig, wie Paul ja nun mal ist, könnte ich mir vorstellen, dass er den (Steve Miller Band?) Song “I was in a wrong place, but I was there at the right time” singt. Bin auf Pauls Reaktion gespannt, da ihm die Welt nun so auf die Pelle rückt. Dreht er sich auf dem Absatz um und gibt Fersengeld? Wohl kaum. Mit Absätzen hat Paul nichts zu tun. Und mit Geld ist das auch so eine Sache. Schluss mit Spekulationen. Paul - lass hören und lesen!