Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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19 03.08

Kein Kap der guten Hoffnung

Von Donna Lüttchen
Befindlichkeiten, Exil . 23:53 Uhr

Dem Schwabenland den Rücken zu kehren schien mir vor zwei Wochen noch eine brillante Idee.
Allgemein war die Arbeit beschwerlich, die Stadt beengend und uninspirierend, die Leute griesgrämig und ich im besonderen aufs Äußerste angespannt. Um nicht zu sagen urlaubsreif.
Gottlob stand mir eine Woche Freizeit ins Haus. Angesichts meiner aussichtslosen Finanzlage waren keine großen Sprünge vorgesehen. Ans Meer aber mußte es, da biß die Maus keinen Faden ab. Anscheinend biß sie eher ein paar meiner Synapsen entzwei, die für logische, folgerichtige Entscheidungen vonnöten sind…
Ich war wohl überarbeiteter, als ich mir eingestehen wollte.
Denn ich lieh mir den totschicken Hackenporsche einer Freundin, lud ihn voll mit unnützem Gepäck und machte mich freudestrahlend auf den Weg ins Verderben eines jeden Urlaubs: ich fuhr mit der Eisenbahn nach Rügen. Was daran so schrecklich sein soll? Das liegt wohl auf der Hand, wenn ich gestehe, dass meine Eltern sich dort in der Einöde niedergelassen haben.
Selbstredend mietete ich keine schnuckelige Ferienwohnung am anderen Zipfel der Insel. Die Regeln des Anstands und vor allem mein mickriges Budget verbaten eine solche Vorsichtsmaßnahme.
So ließ ich mich zehn Stunden durch sämtliche Bundesländer schunkeln und war noch voller Vorfreude auf endlose Spaziergänge am Strand mit gesunder Seeluft und Muscheln und Bernstein und- ach, da stand auch schon mein Papi am Bahnsteig und gemahnte zur Eile.Es sei noch so viel zu tun. Mir schwante schon, dass ich mein Sinnen auf eine hübsche kleine Wanderung vom Kap Arkona nach Vitt besser hintan stellte.
Was soll ich viele Worte machen? Wieso soll ich erzählen, dass ich bedrängt, gemästet und verhöhnt wurde? Dass ich mir anhören mußte, wie ungeheuerlich es für meine Eltern sei, drei Kinder im (man muß schon sagen : noch) gebähr- und heiratsfähigen Alter zu haben, ohne dass eines davon auch nur im Geringsten Anstalten machte…
Es sollte fünf Tage dauern, bis es mir vergönnt war, meinen ersehnten Ausflug ans Kap zu machen. Im Übrigen war dies mein einziger Strandspaziergang. Denn obwohl auf einer Insel, leben meine alten Herrschaften mitnichten in unmittelbarer Ostseenähe.
Nun, ich bin wieder im Ländle. Wie schön. Und im Kap Tormentoso hat man es doch auch ganz nett. Nur mit dem Heiraten wird das da auch nichts. Die Leute sind nämlich alle viel zu jung.
Wüßte ich es nicht besser, würde ich denken, genau das ist Grund genug für mich, dort zu logieren. Denn so wie es die Aufgabe der Eltern ist, uns auf den Docht zu gehen, ist es doch die unsere, sie nach Kräften zu enttäuschen. Also volle Kraft voraus in meinem verantwortungslosen Lotterleben ohne Mann und Maus. So wie ich es mag. Mami sieht`s ja nicht…

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5 Kommentare zu Kein Kap der guten Hoffnung

#1 beejees . 20.03.08 . 10:46 Uhr

zum Thema Nachkommen:
Liebe Donna, ich würde sagen, das liegt an einer einseitigen Gewichtung der Interessen. Wer die Theorie bevorzugt, muss mit den praktischen Ergebnissen leben ;-)

#2 planb . 20.03.08 . 15:57 Uhr

Donna Lüttchen ein großartiger Text!

#3 Donna Lüttchen . 20.03.08 . 21:39 Uhr

Ach Beejees. Das war jetzt gemein. Und so ekelhaft wahr!

#4 beejees . 20.03.08 . 22:42 Uhr

Liebe Donna, mir geht es wie Dir. Ich liebe Bücher, Texte und gute Autoren.. Daher konnte ich diesen Satz und die Erkenntnis daraus aus eigener Erfahrung schreiben..

#5 CRYLOG . 15.04.08 . 19:41 Uhr

Haben wir gelesen. Toller Text.

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