Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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17 11.06

(K)ein Armutszeugnis für Stuttgart

Von Frau Doktor
Vermischtes, Leben, Fundsachen . 20:07 Uhr

“Urbane Penner”, “Digitale Bohéme” - zumindest im Miniversum der deutschen Blogosphäre und in den einschlägigen “Modernes Leben”-Rubriken von TAZ bis FAZ werden sie ja gerade wild diskutiert, die Helden der neuen urbanen Arbeitsverhältnisse: freiberuflich tätige “Kreative” (was auch immer das genau bedeutet), die sich an den Hot Spots der Städte treffen, um dem nachzugehen, was sie Arbeit nennen. Und was für den Außenstehenden gerne mal wie schlichtes Rumlungern mit Mac aussieht.
Laut Selbstaussagen wird hier aber nicht von cooler Website zu cooler Website gesurft, sondern Social Networking betrieben oder aber auch ganz einfach am Layout für den Flyer für den nächsten Party-Event einer Freundin eines Freundes gedrechselt, die einem wiederum mit Leuten bekannt macht, die einem dann wieder Aufträge verschaffen - mehr oder weniger schlecht bezahlt, aber immerhin frei.
Für die einen sind sie die deutlich sichtbare Vorhut des neuen Prekariats, für die anderen die neue Avantgarde zukünftiger selbst bestimmter Arbeits- und Lebensverhältnisse jenseits des Auslaufmodells “Work for Life”. Wahrscheinlich ist das alles aber eher eine Frage der Perspektive.
Aber die Frage, die sich mir dabei stellt, lautet: Was hat das mit Stuttgart zu tun? Hier wimmelt es von Freiberuflern aus genannten Bereichen, aber das demonstrative öffentliche Arbeiten sieht man ganz selten. Zumindest ich. Bewusst habe ich meine erste W-LAN Performance erst letzte Woche gesehen - im Café Künstlerbund. Am Wochenende. Da dann aber gleich als Triple-Feature: Zuerst das Pärchen, dass sich bei Monster.de durch die Angebote scrollt. Dreiviertel davon Praktikantenstelle mit Gottes Lohn. Dann die einzelne junge Frau, die ihren OpenBC-Account checkt. Und dann das Highlight des Tages: ein graumelierter Herr, gute Mitte 40, trägt unterm Salz-und-Pfeffer-Jacket einen Kapuzenpullover, dessen Grauton exakt zum Grau im Jacket und zum Grau seines Laptop-Schoners aus Filz passt. Respekt. Welche Website er ansteuert, ist leider sein Geheimnis geblieben. Grauzone.de, vermutlich.
Worauf das alles hinauswill? Auf die Frage: Gibt es in Stuttgart keine “Digitale Bohéme”? Verdienen hier auch Freiberufler aus dem Kreativ-Bereich soviel Geld, dass man sich DSL selbst leisten kann? Oder gar einen Arbeitsplatz in einer Bürogemeinschaft? Oder sehe ich die alle nicht, weil ich unter der Woche natürlich an meinem Galeerenplatz festgeschmiedet bin? Oder habe ich nur noch nicht an den richtigen Orten geschaut?

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4 Kommentare zu (K)ein Armutszeugnis für Stuttgart

#1 Ich weiß was ... . 17.11.06 . 21:14 Uhr

Hmm. Braucht man sowas überhaupt? Eine “Digitale Bohéme”?
Oder sind wir wieder alle völlig (un)hip™?

Ich sehe schon wieder die ersten auf der Suche nach dem neuen Trend in den Breuninger rennen …

#2 Wegschaffel . 18.11.06 . 09:51 Uhr

Wenn Sie mit der “DiBo” Menschen meinen, die freiwillig (!) als Freiberufler arbeiten, sich auch noch in Maßen frei fühlen, davon leben können und damit auch grundsätzlich zurecht kommen, dann gibt es die meiner Erfahrung nach sehr wohl. Bloss hängen die, die ich kenne, sicher nicht am Starbucks-WLAN und sie stellen ihr weisses Notebook auch nicht am Schlossplatz zur Schau. Die sichtbaren Rumhänger mit ohne Kabel haben meiner Beobachtung nach mit Boheme nicht viel zu tun. Das sind Kinder, die ihr neues Gadget spazierenführen.

#3 flawed . 18.11.06 . 16:26 Uhr

Oder sind einfach die Gastronomie-Preise zu hoch als dass man den ganzen Tag (arbeitend) im Cafe sitzen könnte?

#4 Julian . 22.11.06 . 20:49 Uhr

“In-Treffs” gibt es hier sicherlich. Aber bestimmt nicht auf der Königsstraße. Und dem gemeinen Proletariat sind solche Schuppen sicherlich auch nicht bekannt. Die alte Geschichte mit und von Vitamin B. Oder XING, wie das ja jetzt heisst.

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