Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
17 03.06

Kantine mit Runterspuckoption

Von Frau Brezel
Vermischtes . 21:18 Uhr

Letzten Sonntag auf dem Fernsehturm: Miniaturfamilienausflug. Ach! Endlich ist der Herr Fahrstuhlführer wieder aktiv! Ganz verheißungsvoll entschwebt der Aufzug mit uns in frischrenovierte Höhen.
Oben Graupel-Grusel! Schneegestöber bei ohrenumsausenden Windstärken. Captain Ahab hätte in dieser Suppe mit seiner Harpune lustvoll nach Moby Dick gestochert. Wir wollen am liebsten eine dicke Glasscheibe zwischen uns und dem Wind und eine Gabel in ein Stückchen Kuchen bohren und unsere Nasen in duftenden Kaffeedampf hängen.

Also ins Café ein Stockwerk tiefer! Doch hier dann das allerböseste Erwachen seit es den Fernsehturm eben gibt: Alles ist weg! Unser wunderbarstes, luftigstes, knautschigstes, rundestes, Fensternischen-Kunstleder-Café, seit Jahrzehnten fürs erste und wie auch letzte Rendez-vous gleichermaßen am allerperfektesten geeignet, ist WEG!

Oh! Keine Fensternischen mehr! Keine Kuchenvitrine neben der Fahrstuhltür mehr! Keine großzügige Enge mehr! Kein Sitzplatzmangel mehr! Kein Kunstleder! Kein Fernsehturm-Charme! Kein Alleswofürichimmergernundofthierherkam-
undwofürichbisansEndemeinerTageimmerwiederkommenwollte mehr!
Ist das alles so liederlich? Ist das alles romantisch-duselnde Idioten-
Idylle?

Stattdessen: massenweise wackelige Stühlchen an massenweise wackeligen Tischchen, zu Dreiergruppen zusammengestellt, doch einzeln mit Tischdecken belegt. Der Kuchen: schwebt einem unbesehen unter die Nase. Der Ober: indifferent – oder was ist jemand, der einem nicht ein einziges Mal ins Gesicht schaut, stattdessen im Vorbeigehen alles auf- und abdeckt.
Die Tischgesellschaften: zusammengewürfelt. Irgendwie erinnert´s alles an einen Sonntag im Hochsommer am Bärenschlössle, wo man für die Dauer eines Bieres die halbe Pobacke noch seitlich auf die von Fremden vollbesetzte Holzbank schiebt…
Der seltsame Ruch einer Abhandlungseinrichtung. (Wir freuen uns, daß Sie uns besuchen – und wären froh, wenn Sie doch schon wieder weg wären.)

Und als sei es eine spezielle Perfidie, erdacht und nur dazu angetan, die Wahrnehmung für dieses völlig abhandengekommene Gefühl für Raum und Gestaltung und Gastlichkeit ins Unerträgliche zu steigern: Es gab nicht die geringste Aussicht an diesem Tag. Der Blick aus dem Fenster traf auf das völlige Weiß von schnellfliegendem Schnee. Die Glasscheiben schienen ersetzt worden zu sein durch weißes Resopal. Ein runder Raum aus Geistlosigkeit in unendlicher Höhe. Und in seiner Mitte ein Aufzugschacht.

Ich wollte, ich hätte es nicht erlebt.
Ich wollte, mein wunderbares Ausflugsziel Fernsehturm wäre nicht im völligen Nichts von Null-Kantine und Graupelschauer zerstoben an eben dem Tag, an dem ich meinem kleinen Sohn das erste Mal den Blick von oben auf Stuttgart präsentieren wollte.

Danach: Abwärts! Flucht in den Kessel!

Kommentieren . Trackback-URL

9 Kommentare zu Kantine mit Runterspuckoption

#1 Herr S . 18.03.06 . 00:50 Uhr

Zugegeben: ein echter Alptraum, den Sie da schildern, Frau Brezel. So schlimm, dass einem jede Lust auf einen Besuch vergeht, und sei es nur zu reinen Abcheckzwecken. Aber die Art der Schilderung hat mir sehr gefallen.

#2 Frau Brezel . 18.03.06 . 13:36 Uhr

Na, herzlichen Dank für die Beileidsbekundungen - und das Kompliment!
Ich bin ja nur bei diesem Blog angelandet, um der Welt ebendieses Erlebnis mitzuteilen - vielleicht in der Hoffnung, daß das Wissen um die Zeugenschaft der Welt mein Trauma mindern könnte…
Natürlich möchte ich niemanden davon abhalten, den gleichen (Ausflugs-)Fehler selbst zu machen - und sei es nur zu Abcheckzwecken -, doch echte Weisheit, Herr S., besteht immer noch darin, sogar aus den Fehlern anderer Leute zu lernen.

Ich selbst erwäge mittlerweile, mich entweder nur noch mit Picknickkörbchen dem Stuttgart TV-Tower zu nähern (inklusive Käse-Trauben-Zahnstocher-Häppchen, um wegfliegenden Käsescheiben vorzubeugen?) oder eben doch auf andere Bauwerke auszuweichen, um meinem Faible für Höhe, Überblick und äh… Runterspucken zu frönen. Und ist nicht der Sears Tower eh viel toller?! Oh, seufz…
Ach, Kaffee und Kuchen gibt´s auch bei Karstadt im 6. Stock…

#3 Henning . 18.03.06 . 14:57 Uhr

Abcheckzwecke klingt witzig… :-)

#4 circulus . 19.03.06 . 18:32 Uhr

Frau Brezel: waren eigentlich die Ausstellungsräume noch geöffnet? Die haben ja, wie auf meinen Fotos zu sehen, noch zusätzlich morbiden Charme. Ich muss zugeben, dass ich die alte Cafe-Einrichtung fast nicht mehr in Erinnerung habe. Völlig versäumt, diese auch fotografisch festzuhalten - ein Jammer!
Nichtsdestotrotz würde ich Ihnen (und allen anderen) empfehlen, bei einem schönen Frühlingstag (welche hoffentlich bald kommen) nochmal auf die Aussichtsplattform zu gehen. Selbst wenn der Turm an Ausstrahlung verloren hat, die Aussicht hat es nicht! :-)

#5 Jörg Trüdinger . 19.03.06 . 20:56 Uhr

Vielleicht ist diese anscheinend so billige Aufmachung des Cafés auch nur eine Retourkutsche des SWR an die Politiker und indirekt an uns Rundfunkgebührenzahler. Man könnte damit zeigen, daß die Gebührenerhöhungen der Vergangenheit einfach zu gering waren um ein ach so teures Kleinod wie den Fernsehturm stilgerecht zu erhalten. Andererseits kann ich nicht erkennen, daß man viel Geld ins Programm steckt um die Qualität zumindest halten zu können. Wo finden wir denn noch den Unterschied zwischen den Privaten und den Öffentlich-Rechtlichen?

#6 Wegschaffel . 20.03.06 . 16:07 Uhr

[…] seit Jahrzehnten fürs erste und wie auch letzte Rendez-vous gleichermaßen am allerperfektesten geeignet.

. Ich überlege jetzt schon drei Tage wie die Frau Brezel das mit der Eignung für das “letzte” Rendez-vous meint?

#7 isnochys . 20.03.06 . 16:52 Uhr

gebührenerhöhung?
zu gering?
die sind selbst dann nochzu hoch, wenn man wie ich keine zahlt..

#8 Frau Brezel . 20.03.06 . 20:54 Uhr

Oh! Jetzt sei´s getrommelt und gebaßgeigt! Ich glaube nicht, daß mich schon einmal eine WEBSITE zu solchen Bekundungen von Begeisterung, Erstaunen und Glück bewogen hat wie eben gerade die von Ihnen verlinkte, Monsieur Le Circulus Maximus! (Meine verehrten Kommunarden haben soeben den geordneten Rückzug nach Küche und Badewanne angetreten, nachdem meine Jubelschreie sie herbeistürmen ließen.)
Ich bin wirklich sehr begeistert , auch weil ich seit Jahren selbst mit einer alten Panoramakamera unterwegs bin, um Stuttgarts nichtvorhandene Horizontlinie zu kompensieren… - Mein aufrichtiges Kompliment! - (Einen Hinweis auf eine Ausstellung habe ich aber auf dem Fernsehturm nicht entdeckt - meine Wahrnehmung war wahrscheinlich bereits auf Durchzug geschaltet.)

Nun, Herr Wegschaffel, ich möchte nicht vorschnelle Schlüsse ziehen, doch sollten Ihnen, der Sie sich mit solch einem Namen belegen, Dinge wie letzte Rendez-vous doch durchaus vertraut sein… Also: Sie wissen GANZ GENAU, wovon ich rede. Oder anders gesagt: Genau das, was Sie vermuten, ist auch gemeint.
Jedoch im Vertrauen: Letzte Rendez-vous sind sehr viel aufwendiger, mühsamer und erfordern nicht nur eine bessere Planung, sondern auch ausgefallenere Locations als erste.

Ich zahle meine Radiogebühren übrigens. Und ich finde das auch nicht ehrenrührig. Ha!

#9 circulus . 21.03.06 . 02:04 Uhr

Oohoo Frau Brezel - ich verneige mich vor soviel schönem Lob - danke danke danke! Und ich versichere mein Bestes zu geben, damit auch in Zukunft das Erstaunen für die Bilder anhält. Ein völlig nicht-kommerzieller Tipp: registrieren Sie sich doch für den ‘Newsletter’, dann verpassen Sie nichts … ;-)

Made by 6B