Von liamara
Vermischtes . 09:37 Uhr
Wir sitzen unter dem Leben, sozusagen. Unser Büro im Stuttgarter Westen ist das, was man geschönt Soutterain nennt und Kellerloch meint. Dazu kommt, dass die Straße die typische Hanglage hat. Das führt dazu, dass man von Fenster zu Fenster laufen kann und immer weniger von der Straße sieht.
F. und ich sitzen in dem Büro, in dem man noch am meisten sieht. Na ja, hauptsächlich sieht man die Nachbarin, die gerne auf dem Balkon steht und ihre Pflanzen pflegt. Das ist natürlich nur ein Vorwand, denn zu dieser Jahreszeit hat sie Winterharte gepflanzt, und sie muss allenfalls ihre Deko wechseln, von Helloween-Kürbissen zu vorweihnachtlichen, roten Kugeln. Hat sie aber schon gemacht, also ist ihr einziger Grund, auf dem Balkon zu stehen, die Straße zu sehen. Sie ist manchmal auch verreist, man erkennt es daran, dass sie einen ganzen Tag nicht auf dem Balkon gestanden hat; und der Rolladen ist dann auch auf einer ganz bestimmten Stelle verankert. Muss eine Art Geheimcode sein.
Im Augenblick würde es uns schwerfallen, auch nur die Nachbarin zu sehen, denn vor dem Fenster steht ein Wagen vom Gärtner mit jeder Menge Kleinholz drin. Das ist einer dieser Momente, an denen wir das Licht auslassen, weil einfach jeder in unser Fenster guckt. Wir möchten nicht, dass irgendein Mensch im Holzfällerhemd mit einem Beil in der Hand gerade dann reinschaut, wenn wir in der Nase popeln.
Uns kann einfach jeder beim Arbeiten zugucken. Wenn wir arbeiten. Natürlich arbeiten wir, aber für jemanden, der von draußen reinguckt (was übrigens irgendwie unhöflich ist!) muss das beständige Tippen auf dem Laptop entweder wie sehr wichtiges Tagwerk aussehen oder wie Surfen in der Arbeitszeit. Was beides irgendwie zutrifft.
Ist ja nicht so, dass es in Stuttgart keine anderen Büros gegeben hätte. Der Westen hat ja auch was. Wenig Pizzadienste liefern zu unserer Adresse, das muss man sagen, aber sonst… Jetzt steht der Gärtner auf dem Laub- und Geästhaufen auf der Ladefläche seines Wagens. Spannend hier. Das wird ein langer Morgen…
#1 Herr S . 17.11.05 . 10:40 Uhr
Männer mit Holzfällerhemden und Beilen ertragen den Anblick von in der Nase popelnden Berufstätigen meist ohne nennenswerte Gemütsregung. Diese Erkenntnis könnte Ihre innere Distanz beflügeln, die mir zum entspannten Popeln vor Publikum unabdingbar scheint.
#2 liamara . 17.11.05 . 10:45 Uhr
Aber was ist mit den vielen Überraschungseiern, die wir öffnen? Dem hemmungslosen Sekttrinken am Nachmittag? Dem Schenkelklopfen ob blöder Witze? Dem Hervorkramen von warmen Socken aus der Schublade, weil es hier im Keller so verdammt kalt ist? Es gibt noch viel mehr zu bedenken als Nasepopeln. Ach was, ich trau mich einfach nicht.
#3 Herr S . 17.11.05 . 11:22 Uhr
Deklarieren Sie das Ganze doch als Reality-Show, bauen ein Kassenhäuschen auf und verlangen Eintritt, so verbinden Sie das Angenehme mit dem Gewinnbringenden.
#4 liamara . 17.11.05 . 11:30 Uhr
Nebenerwerb bei einer GmbH? Ha! Schwierig! Weltfremd! Wir sind doch in Deutschland. Noch dazu in Stuttgart. Ich koche jetzt mal was, schließlich kann uns keiner in die Küche reingucken. Gibt ja gar kein Fenster dort.
#5 tobi . 17.11.05 . 15:05 Uhr
mensch, das klingt ja nach einer tollen arbeitsstelle. da werd ich richtig neidisch. kochen, sekttrinken, nase popeln … da würd ich auch das kellerloch gerne in kauf nehmen.
#6 liamara . 17.11.05 . 19:02 Uhr
Einfach nur selbständig machen, dann klappt das schon :)
#7 Henning . 26.04.06 . 00:59 Uhr
Irgendwie sehe ich da eine starke Verbindung zu dem Beitrag Fernsehen auf meinem Balkon. Wollte das nur loswerden. Für’s Schlafen ist es einfach noch etwas früh. ;-)