Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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02 07.08

Im Gespräch über Fahpreiskalkulation und Sicherheit

Von BanAnne
VVS . 12:27 Uhr

Die Ergebnisse einer e-mail-Korrespondenz werden hier in Form einer fiktiven Diskussionsrunde wiedergegeben. Für einen schlüssigen Gesprächsverlauf wurden Umstellungen oder Ergänzungen eingearbeitet. Inhalte der Aussagen wurden nicht verfälscht.

BanAnne (16.06.08 14:29:47): Durch einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung am 01.06.2008 bin ich darauf aufmerksam geworden, dass es an der Zeit ist das Gespräch mit Ihnen zu suchen.
Ich beziehe mich auf die Idee, eines VVS-Tickets, dass durch Meldung als Einwohner der Stadt Stuttgart automatisch erworben wird/erworben werden muss. Solidarisch beteiligen sich die Bürger dadurch an der Aufrechterhaltung des öffentlichen Nahverkehrs, unabhängig davon, ob sie von den Investitionen tatsächlich durch eigene Nutzung profitieren.
Die Preise würden aufgrund der garantiert hohen Nutzerzahl extrem niedrig kalkuliert werden können. Seitens der VVS hätte es den Vorteil, ein stabiles Budget zu verwalten. Das alte Systhem am Automaten könnte dann auf die Nutzergruppe der Touristen und Ausflügler abgestimmt werden. Schwarzfahrten würden auf ein Minimum reduziert.
Im Zuge des Kampfes um bessere Luft für Stuttgart, weniger Verkehrslärm und bessere Mobilität, wäre diese “Kooperation” (ähnlich dem Semesterticket) sicher auch beim Gemeinderat gerne gesehen. Arbeitnehmer, die sonst mit dem Auto fahren würden, wären eher geneigt auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.

Martin S. (Mitarbeiter VVS, Abteilung Tarif, 10.06.08 09:12:48): Ihre Idee einer Art “ÖPNV-Zwangsabgabe” für alle Bürger Stuttgarts bzw. für Bürger des gesamten VVS hat durchaus Charme.
Vor einigen Jahren wurde dieses Thema bereits breit in den Medien diskutiert. Dafür sind wir allerdings nicht der richtige Ansprechpartner. Für Stuttgart wäre es die Stadt Stuttgart bzw. für den Verbundraum der Verband Region Stuttgart. Ob so etwas in einer Auto-Stadt/-Region wie Stuttgart bzw. der Region Stuttgart durchsetzbar ist bzw. gewollt wird, wagen wir allerdings zu bezweifeln.

BanAnne (12.06.2008 10:20): Herr S., vielen Dank für das grüne Licht seitens des VVS für meine Idee. Ich wende mich also an meine weiteren Ansprechpartner.
Selten waren die Zeiten so günstig für eine solche Entscheidung, wie jetzt. Die “Zwangsabgaben” für Straßenbau auf Bundesebene hatten bisher auch noch keinen gestört…

Werner.W., Manfred K., Philip H. (Mitglieder des Aufsichtsrates VVS, 16.06.08 14:29:47): [Geschäftiges Schweigen] …

BanAnne (12.06.08 10:20:03): Herr S., bitte lassen sie mir zeitnah eine realistische Kalkulation für das neue Preissysthem zukommen, mit dem ich in weitere Verhandlungen gehen kann.
Die feste Kalkulierbarkeit der Einnahmen durch die Anzahl der gemeldeten BürgerInnen dürfte die Unternehmensbilanz stabilisieren und sogar verbessern.

Martin S. (Mitarbeiter VVS, Abteilung Tarif, 12.06.08 10:35:38): Solange keine politischen Signale bzgl. einer ÖPNV-Zwangsabgabe kommen, werden wir keine Zeit für irgendwelche theoretischen Kalkulationen aufwenden, sodass wir Ihnen hierbei leider nicht weiterhelfen können.

BanAnne (16.06.08 14:29:47): Da ich ja eben erfahren habe, dass dieses Model bereits einmal abgelehnt wurde, möchte ich noch darauf hinweisen, dass sich das öffentliche Bewusstsein und die Sachlage inzwischen verändert haben. Das Ziel der Feinstaub-, Ozonreizgas- und Lärmreduzierung für die Bewohnenden Stutgarts sollte gegenüber der flexiblen Gewinnsteigerung einer AG vorrangig sein.

Werner.W., Manfred K., Philip H. (Mitglieder des Aufsichtsrates VVS, 16.06.08 14:29:47): [Geschäftiges Schweigen] …

BanAnne (12.06.08 10:20:03): Herr S., in Anbetracht Ihrer Gesprächsbereitschaft möchte ich gleich noch ein weiteres Anliegen nachschieben.
Ich vermeide offen gestanden Fahrten mit den “Öffentlichen”, wo es geht. Kürzlich war ich aber mal auf der Strecke S-Ost-Botnang unterwegs. Gleich zwei Unfälle mit Personenschaden begleiteten die Strecke. Mündlich erfuhr ich über einen weiteren Zwischenfall.
Schon länger wundere ich mich über die derzeitige Bauweise der Gleisanlagen des VVS.
Abgesehen von dem erhöhten Unfallrisiko durch aufteilung der Bahnsteige/Zusammenlegung der Gleise, wäre es in einer “Autostadt” mit Platzmangel wie Stuttgart besser, die Steige in der Straßenmitte anzulegen. Überquerende müssten sich so immer nur auf eine Fahrtrichtung konzentrieren. Zeitmangel beim Umsteigen würde entzerrt, da der Gegenzug am selben Steig erreichbar ist.

Martin S. (Mitarbeiter vvs, Abteilung Tarif 10.06.08 09:12:48): Ihre Anregungen/Fragen zu den Gleisanlagen fallen in den Zuständigkeitsbereich der SSB.

Hans-Joachim M. (Unternehmensbereich Betrieb, SSB-AG, 16.06.08 17:14:40): Schienengebundene öffentliche Verkehrsmittel nehmen im Verkehrsgeschehen einer Großstadt einen wichtigen Platz ein. Es ist ein allgemeines Anliegen der Politik, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu fördern.
Deshalb wird angestrebt, einen öffentlichen Verkehr mit einer hohen Qualität anzubieten. Dies lässt sich mit den Schlagworten: schnell, pünktlich, zuverlässig und bequem beschreiben.

BanAnne (18.06.08 10:24:55): “Schnell, pünktlich, zuverlässig und bequem” sind vertretenswerte Ziele.
Mit meiner Anfrage habe ich versucht darauf hinzuweisen, dass ich bezweifle, dass die Verkehrspolitik der SSB dafür den effektivsten Weg eingeschlagen hat. Ich könnte mir vorstellen, dass Verzögerungen im Schienenverkehr durch Personenschaden gravierender sind als durch Behinderungen durch Kfz-Verkehr.
Die Verantwortung für Unfälle allein bei der Aufmerksamkeit der Unfallopfer zu suchen ist kurzsichtig. Gelder für Werbekampagnien, die auf Risiken wegen anfahrenden Bahnen aufmerksam machen sollen, könnten anders investiert werden. Es gehört auch zur Kundenfreundlichekeit, sich auf Denk- und Lebensweisen der Kunden einzulassen.

Hans-Joachim M. (Unternehmensbereich Betrieb, SSB-AG, 16.06.08 17:14:40): Ein weiterer Aspekt ist, dass bei einem Mittelbahnsteig der Abstand zwischen den zwei Gleisen aufgeweitet werden muss. Dadurch ergeben sich bei der Fahrt durch diese S-Bögen gerade dann Seitenkräfte auf die Fahrgäste, wenn diese beispielsweise gerade aufgestanden sind und zur Türe gehen, weil sie aussteigen wollen. Dies kann dann leicht zu Stürzen und Verletzungen führen.

BanAnne (18.06.08 10:24:55): Gut dass Sie es selber erwähnen. Die Fahrpraxis der Zugführenden und damit verbundene Unfallrisiken innerhalb der Fahrzeuge für Kunden. Im Vergleich zu anderen Städten ist die Beschleunigungs- und Abbremstechnik der Bahnen sehr abrupt. Nicht selten landen Fahrgäste beim Absitzen ungewollt auf anderen Fahrgästen. Heftige Erschütterungen rühren daher nicht von der Gleisführung sondern vom Fahrstil her.
Bei einem Sicherheitstraining für die Zugführenden sollte außerdem vermittelt werden, dass die Anfahrtsgeschwindigkeit zur Vermeidung von langen Bremswegen und verringerter Reaktionszeit falls Kunden noch auf die Gleisanlagen treten dringend niedrig gehalten werden muss. Soweit es einen Sicherheitsbeauftragten gibt, kann dieser gemäß seiner Fachkenntnis solche und weitere Inhalte einer Nachschulung sicherlich ausarbeiten.

Hans-Joachim M. (Unternehmensbereich Betrieb, SSB-AG, 16.06.08 17:14:40): Ob unsere Haltestellen mit Seitenbahnsteigen oder einem Mittelbahnsteig ausgerüstet werden, hängt von der Örtlichkeit und von der Historie ab.
Die meisten unserer Stadtbahnlinien wurden früher als Straßenbahnlinien betrieben. Unsere Straßenbahnfahrzeuge hatten nur Türen auf der rechten Seite. So mussten zwangsläufig Seitenbahnsteige angelegt werden. Dies wurde dann oft bei der Umstellung auf Stadtbahnbetrieb beibehalten. Grundsätzlich ist dann natürlich das Umsteigen auf einen Zug der Gegenrichtung erschwert. Aber es gibt nur wenige Haltestellen im Netz, wo es Fahrtbeziehungen gibt, bei denen in einen Zug der Gegenfahrtrichtung umgestiegen werden müsste.

BanAnne (03.06.08 12:47:00): Ein weiteres Fragezeichen habe ich beim Anblick der Schienenbetten. Platzmangel verschärft sich durch Flächenverluste, wie auf dem Abschnitt Rothenbergstraße, im Gegensatz zur Schienenführung auf der Hackstraße. Viele Autofahrer unterliegen ihrem Frust, wenn sie zu wenig Platz haben, wenn etwa Radfahrende die Fahrbahn mitnutzen.

Hans-Joachim M. (Unternehmensbereich Betrieb, SSB-AG, 16.06.08 17:14:40): Es wird versucht, den Schienenverkehr möglichst unabhängig vom Straßenverkehr zu betreiben. Dazu werden Tunnelstrecken gebaut und auf oberirdischen Streckenabschnitten besondere Bahnkörper eingerichtet. Nur wenn auch dies aus Platzgründen nicht möglich ist, wie z.B. in der Hackstraße werden die Stadtbahngleise in die Straße verlegt. Dies sollte aber möglichst vermieden werden, um die Behinderungen der Bahn durch den Kfz-Verkehr gering zu halten. Zwangsläufig steht bei einem besonderen Bahnkörper für die Bahn dann weniger Platz für den Kfz-Verkehr zur Verfügung.
Wie gesagt, es gibt bei der Wahl zwischen Mittel- oder Seitenbahnsteig keine generelle Regelung. Hier wird in jedem Einzelfall die für die örtliche Situation beste Lösung gesucht.

BanAnne (18.06.08 10:24:55): Manchmal muss man Prioritäten überdenken, um dennoch das selbe Ziel zu verfolgen. Es ist im Sinne Ressourcenbewussten Handelns immer von Platznot auszugehen. Meist ist für aktuelle Entscheidungen der tatsächliche Platzbedarf auch für weitere Stadtentwicklungen nicht absehbar. Autofahrende können auch über Bußgelder dafür sensibilisiert werden, nicht auf etwa aufgezeichnete Sperrzonen für die Gewährleistung einer freien Durchfahrt der Bahnen dauerhaft aufzufahren.

Werner.W., Manfred K., Philip H. (Mitglieder des Aufsichtsrates VVS, 16.06.08 14:29:47): [Geschäftiges Schweigen] …

BanAnne (12.06.08): Ich könnte mir darüberhinaus vorstellen, dass die Variante der Schienenbetten auch viel kostspieliger ist…

Hans-Joachim M. (Unternehmensbereich Betrieb, SSB-AG, 16.06.08 17:14:40): Was die Unterhaltung der Gleise angeht,so kann ich Ihnen mitteilen, dass ein Bahnkörper, bei dem Schienen und Schienenbefestigungsmittel offen zugänglich sind, sehr viel leichter zu inspizieren und zu unterhalten ist als ein Bahnkörper, bei dem die Schienenin die Straßenfahrbahn eingelassen sind.

BanAnne (18.06.08 10:24:55): Ich hoffe sie nicht überzustrapazieren wenn ich abschließend auch hier einen anderen Aspekt beizufügen habe. Auch ohne befestigtes Gleisbett können die Gleise offen verlaufen. Es reicht die Anzeichnung einer Gleisbettzone zur Orientierung für andere Verkehrsteilnehmende.

Hans-Joachim M. (Unternehmensbereich Betrieb, SSB-AG, 16.06.08 17:14:40): Ich hoffe, ich konnte Ihnen zu Ihren Fragen einige Antworten geben.

BanAnne (18.06.08 10:24:55): Ich habe mich sehr gefreut in meinen Vorschlägen von Ihnen ernst genommen worden zu sein. Ich freue mich auf den weiteren fruchtbaren Austausch zur baldigen Nachbesserung des Nahverkehrs in Stuttgart.

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9 Kommentare zu Im Gespräch über Fahpreiskalkulation und Sicherheit

#1 IceDealer86 . 02.07.08 . 13:15 Uhr

Gefällt mir :)
Nur, das 1. hat mich irgendwie an die GEZ erinnert (”neuartiges Verkehrsmittel” oder so ähnlich würden die das bestimmt nennen..). Aber wäre sicher garnicht mal so schlecht, wenn man das umsetzen würde. Ich überlege gerade die Nachteile…keine!?!

#2 IceDealer86 . 02.07.08 . 13:19 Uhr

…ah…
Nachteil entdeckt: wenn z.B. nur die Bürger von Stuttgart die Fahrkarten automatisch bezahlen müssten, wäre der Komfort für die Bürger der umliegenden Städte und der Nutzen nicht gegeben und es wäre irgendwie “unfair”…

#3 Exilostfriese . 02.07.08 . 15:08 Uhr

@icedealer86:
irgendwie ist mir Dein Einwand nicht ganz klar.
Da muß doch eine Mischkalkulation von der VVS gemacht werden und erst aufgrund der Kalkulation kann man mutmassen, für wen das System “unfair” ist.

#4 Stefan . 02.07.08 . 18:56 Uhr

Ich finde die Idee an sich interessant. Monatskarten zum Preis von 65 Euro für 2 Zonen sind einfach lächerlich, da fahr ich bei kurzen Arbeitswegen (

#5 kesselblick . 02.07.08 . 19:05 Uhr

Meine Meinung zu den Fahrpreisen im ÖPNV steht eh fest: Gratis für alle!
Komplett aus Steuermitteln bezahlen. Einkommensteuer oder Mineralölsteuer anheben, bitte.
Ich weiß, ist Utopie, was mir wiederum egal ist.

#6 Alm Öhi . 02.07.08 . 20:56 Uhr

Kesselblick spricht mir aus der Seele, greift aber im Ergebnis entscheidend zu kurz. Auf jeden Fall gratis für alle sollten doch zumindest auch Flachbildfernseher und Puffbesuche sein.

#7 Exilostfriese . 03.07.08 . 09:13 Uhr

@Kesselblick:
Ist tatsächlich utopisch.
Unsere Politiker fördern doch mit Subventionen die klimaschädlichsten Verkehrsmittel.
Je umweltschädlicher - desto mehr Subventionen.

Der gewerbliche Luftverkehr ist von Mineralölsteuer, Ökosteuer und Mehrwertsteuer befreit. Innerhalb Europas!

Ist das zu glauben??
Ist es sinnvoll eine Ökosteuer einzuführen, aber das unökologischste Verkehrsmittel davon auszunehmen, sogar weiterhin Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer befreit zu lassen. Das ist doch glatter Hohn.
So ist es dann möglich, dass das Fliegen sogar auf kurzen Strecken fast so günstig ist wie Bahn fahren, obwohl klimatechnisch und ökologisch der totale Wahnsinn.

Im Raum stehen so ungefähr 5 Milliarden indirekte Subventionen für den Flugverkehr.

Wenn man mal da rangehen würde, dann könnte man auch den ÖPNV stärker fördern. Was ich persönlich für sinnvoll halte, Stichworte: Smog, Ozon, Feinstaub, innerstädtischer Verkehrkollabs…

#8 MC . 04.07.08 . 11:09 Uhr

Exilostfriese hat alles gesagt. Mehr fällt mir dazu auch nicht ein.
Es ist zum heulen.

#9 BanAnne . 07.07.08 . 17:04 Uhr

@kesselblick: …”Utopie” ist nur ein anderer Ausdruck für “Zu früh aufgegeben.” ;-)

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