Von Dr.D.
Stuttgart 21 . 23:58 Uhr
Er wolle auch weiterhin mit den Gegnern im Dialog bleiben, sagte heute abend Bahnchef Rüdiger Grube, der sich unerschrocken der protestierenden Menge gestellt hatte. 7500? 10 000? 12 000? Es sind sowieso mehr, 70 % der Stuttgarter nach allen Umfragen, macht zwischen 350 000 und 400 000. Nur waren die nicht alle da.
Aber was heißt Dialog? Wir hören euch zu und sagen euch, was wir denken, und machen am Ende doch was wir wollen. Nennt sich das Demokratie? Alle Macht geht vom Volke aus. Steht im Grundgesetz, das habe ich in der Schule gelernt. Und was ist, wenn das Volk nicht so will wie die Macht?
Wir hören euch an, signalisiert Grube, wir reden mit euch. Aber wir hören nicht auf das, was ihr sagt. Nennt sich das Dialog?
#1 PhilGrooves . 30.01.10 . 00:07 Uhr
Das Volk hat die Regierungen der Stadt und des Landes gewählt, die das Projekt beschlossen haben. Und da das Projekt schon seit vielen Jahren “läuft”, war auch genug Zeit zum abwählen.
#2 zmeu . 30.01.10 . 09:34 Uhr
War es nicht bei den letzten Kommunalwahlen ein Projekt von Bund, Land und Bahn (sprich: die Wahlen hatten rein gaaar nichts mit dem Projekt zu tun) - und bei der Bundestagswahl plötzlich ein Projekt von Land, Stadt und Bahn?! So waren die Aussagen der Pro-Parteien.
Es gab genügend Wähler, die darauf gehört haben oder ihre Wahl nicht nur an einem Thema aufhängen. Gerade letztere waren sicher gestern bei der Demo gut vertreten.
Ein anderer Aspekt:
Und da das Projekt schon seit vielen Jahren “läuft”, war auch genug Zeit, um das Thema öffentlich zu diskutieren und Alternativen zu untersuchen. Das wurde womöglich nicht nur versäumt, sondern aktiv vermieden. Genauso wie die Anpassung an die Bedürfnisse und Gegebenheiten von heute. Ein paar Beispiele…
– Neubaustrecke, wo bist du? Hieß es nicht, S21 mache nur Sinn zusammen mit der NBS?
– Doppelkopfzüge gab’s 1987 kaum
– brachliegende Flächen in der Stadt, und wir reißen den Bahnhof ab um noch mehr davon zu bekommen
– steigendes Umweltbewusstsein der Bevölkerung, also steigende ÖPNV-Nachfrage, der aber zu Gunsten des Fernverkehrs auf Effizienz getrimmt wird
#3 nick . 30.01.10 . 10:56 Uhr
Grubes “Dialog” ist halt nicht mehr als eine Worthülse, mit der er meinte, den Widerstand in der Stadt besänftigen zu können. Offensichtlich hatte er sowieso falsche Vorstellungen vom Widerstand in der Stadt.
Das Volk hat die Regierungen der Stadt und des Landes gewählt, die das Projekt beschlossen haben. Und da das Projekt schon seit vielen Jahren “läuft”, war auch genug Zeit zum abwählen.
So ein Quatsch aber auch. Alle paar Jahre das Kreuzchen machen und zwischen den Wahlen zuhause sitzen, die Klappe halten und die gewählten Gremien für sich arbeiten lassen? Sehr vorbildliches Demokratieverständnis, ehrlich. Als wäre ein Wahl das einzige demokratische Organ, durch das man ein solches Projekt verhindern dürfe.
#4 Hoffmann aus Stuttgart . 30.01.10 . 14:53 Uhr
Ich bin gespannt wie das ausgeht. 70% klingt zwar beeindruckend, aber wenn die Leute ihren Arsch nicht hochkriegen - dann ist auch das Demokratie. Demokratie funktioniert nämlich nur wenn man mitmacht und nicht wenn man auf’m Sofa sitzt und rumheult.
#5 kostenfalle . 30.01.10 . 19:20 Uhr
Welchen Sinn soll es denn haben, mit jemandem zu reden, der bereits öffentlich signalisiert hat, für Argumente nicht mehr zugänglich zu sein??? Wenn Stuttgart 21 lt. Grube “nicht mehr aufzuhalten” ist, dann ist er derjenige, der jeden sinnvollen Dialog von vorneherein abblockt. Wenn das Projekt tatsächlich realisiert wird, dann wird es als “Anhäufung von tragischen Entscheidungen über Jahrzehnte” in die Geschichte eingehen - und es wird niemanden geben, der dafür verantwortlich zu machen ist.
#6 Nikita . 30.01.10 . 22:01 Uhr
Inwiefern beinträchtig der neue Bahnhof den ÖPNV? (wenn er denn fertig ist!)
Was soll auf “Effizienz getrimmt” heißen?
Liebe Grüße
Nikita
#7 thomas . 31.01.10 . 02:57 Uhr
Ich bin das Thema Stuttgart 21 so langsam satt, mir ist es egal was gebaut wird und was nicht. Ich kann dieses ganze Theater um den Protest nicht mehr hören & sehen, es wäre nicht schlecht wenn in diesem Blog mal auch mal über etwas anderes als Stuttgart 21 berichtet wird, das ist, so sehe ich das, in letzter Zeit hier das Hauptthema geworden.
Und kann mir mal einer erklären was diese durchgestrichenen Stuttgart 21 Ortsschild-Aufkleber an fast jeder Ecke in der City zu suchen haben? Es ist pervers fast jede 2. Laterne damit vollzukleben mit so hässlichen Aufklebern. Wenn man protestiert, dann richtig & nicht mit so halbstarken Aufkleber-Aktionen.
#8 Dr.D. . 31.01.10 . 12:21 Uhr
an Nikita:
Der neue Bahnhof beeinträchtigt den Regionalverkehr und den ÖPNV in verschiedener Weise:
1. Er hat nur acht Gleise statt 16, was so lange kein Problem darstellt, wie alle Züge immer pünktlich sind und der Verkehr genau auf dem selben Niveau bleibt wie jetzt. Wenn aber ein Fernzug zu spät dran ist (was bekanntermaßen seit der Ära Mehdorn extrem zugenommen hat), kann ein Nahverkehrszug nicht auf den Anschluss warten, sondern muss raus, d.h. Fahrgäste nach Tübingen (nur als Beispiel) haben eine Stunde Aufenthalt.
2. Für die Nah- und Regionalverkehrszüge, die bisher aus Richtung Waiblingen oder Esslingen in den Hauptbahnhof einfahren, also alles was über die Brücke am Rosenteinschloss kommt (aber auch von Singen … Westbahnhof, auf dieser einmalig schönen Strecke, um die andere Städte Stuttgart beneiden), ist der Weg abgeschnitten. Für alle Fahrgäste, die bisher aus diesen Richtungen mit der Regionalbahn nach Stuttgart gefahren sind, gibt es dann nur noch die S-Bahn. Es fahren aber maximal vier S-Bahnzüge pro Stunde auf jeder Linie, mehr geben die zwei Gleise zwischen Hauptbahnhof und Schwabstraße nicht her. Dieser Streckenabschnitt war schon kurz nach Eröffnung 1976 (?) im Berufsverkehr ausgelastet. Trotzdem hat nie jemand laut darüber nachgedacht, ob es vielleicht sinnvoll sein könnte, bis zur Schwabstraße zwei weitere Tunnelröhren zu bohren und zwei weitere S-Bahn-Gleise zu legen. Die S-Bahnen von Waiblingen oder Esslingen sind in Spitzenzeiten rammelvoll. Diejenigen, die bisher mit der Regionalbahn fahren, werden dann auch noch mit rein müssen.
3. Ein weiterer Ausbau des Regionalverkehrs wird auf alle Zeiten verhindert. Die acht Gleise sind nicht erweiterbar.
4. Die Mittel, die in einen Tiefbahnhof fließen, sind für andere Bauprojekte nicht da. Das heißt, alle Überlegungen zum Tiefbahnhof (”Stuttgart 21″) gehen ausschließlich vom Fernverkehr aus. Warum bitte soll jemand von Paris nach Budapest mit der Bahn schneller durch Stuttgart düsen? Dafür gibt es Billigflieger, und wenn jemand lieber Bahn fährt, dann sicher nicht in der Röhre. Statt den Fernverkehr um 3 Minuten (!) zu beschleunigen - wo inzwischen die Züge selten weniger als 3 Minuten Verspätung haben und dann anschließend oft lange Wartezeiten folgen, ließe sich das selbe Geld in den Ausbau der S-Bahn (4 Gleise in der Stadt, weitere Linien außerhalb), in verbesserte Verbindungen in den Randgebieten (Verkehrsdichte, Fahrplanoptimierungen, umweltfreundliche und bedarfsangepaste Konzepte …) stecken, wofür normalerweise einfach immer “kein Geld da ist”. Es rächt sich eben, wenn an der Spitze des Bahnkonzerns, dessen eigentliche Stärke im Regionalverkehr liegt (die meisten Fahrgäste, die besten Verbindungen), nur Manager sitzen, die aus den Bereichen Flugverkehr und Automobilindustrie kommen.
Davon abgesehen, wird es die 15 Jahre, in denen gebaut wird, chaotisch zugehen: Die Stadtbahn zwischen Stöckach und Charlottenplatz bzw. Hauptbahnhof muss neu gebaut werden. Diese Strecke liegt unter der Willy-Brandt-/ Adenauerstraße. Kann mir jemand in diesem Forum sagen, wie dies geschehen soll, ohne die 80 000 Autos, die derzeit auf dieser Strecke am Tag verkehren, irgendwo anders hin umzuleiten? Und wohin? Und was passiert mit den Fahrgästen der Stadtbahn in der Übergangszeit?
#9 nick . 31.01.10 . 13:00 Uhr
Davon abgesehen, wird es die 15 Jahre, in denen gebaut wird, chaotisch zugehen: Die Stadtbahn zwischen Stöckach und Charlottenplatz bzw. Hauptbahnhof muss neu gebaut werden.
Das ist auch pervers - neue Stadtbahntunnels für Abermillionen müssen gebaut werden, ein neues Gleisvorfeld für 50 Millionen muss gebaut werden, um nach der Bauzeit wieder verschrottet zu werden, der gesamte Straßen- und Schienenverkehr in der Innenstadt wird für 15 Jahre behindert… Für diesen Tiefbahnhof ist man wirklich bereit, alles in Kauf zu nehmen. Wenn nötig, würde man die ganze Stadt zerstören und neu aufbauen für den Tiefbahnhof.
#10 PhilGrooves . 31.01.10 . 13:55 Uhr
@ Thomas
An Stuttgart21 kann man sich eben so richtig abarbeiten, weil es eben so ein gewagtes und grenzwertiges Projekt mit hohen Investitionen ist. Da kann man viele Kritikpunkte rauspicken und sich darin sulen, ist nicht so kompliziert wie andere subtilere Probleme in Deutschland und der Welt.
Ist dann auch egal, dass das Projekt schon längst abgesegnet ist und der Baubeginn schon anläuft. Ist auch egal, dass es quatsch ist zu behaupten, das Geld würde an anderer Stelle tatsächlich fehlen - als ob man die Milliarden tatsächlich komplett in die Bildung (oder ein anderes sinnvolles Vorhaben) pumpen würde, wenn es S21 nicht gäbe. LOL! Das Geld würde der Bund ansonsten in weitere Steuergeschenke für Hotels und die Bahn in weitere polnische Schneeräumer “investieren”.
Und man wird hier so bald nicht aufhören rumzumeckern (und statt dessen überlegen, was man sinnvolles beisteuern könnte, um das Beste draus zu machen - bloß nicht!), denn es dauert mindestens 10 Jahre bis der Bau abgeschlossen ist und die Einschränkungen im Stadtverkehr aufgehoben werden. Und bis das Projekt seinen eigentlichen Zweck entfalten kann.
#11 nick . 31.01.10 . 14:11 Uhr
Ist auch egal, dass es quatsch ist zu behaupten, das Geld würde an anderer Stelle tatsächlich fehlen - als ob man die Milliarden tatsächlich komplett in die Bildung (oder ein anderes sinnvolles Vorhaben) pumpen würde, wenn es S21 nicht gäbe.
Das hört man immer wieder von S21-Befürwortern. Solche Aussagen sind entweder Zeichen völliger Hoffnungslosigkeit an unser demokratisches System oder eine Bankrotterklärung des Denkvermögens. Bei manchen Leuten muss ich mich wirklich fragen, was sie für ein Demokratieverständnis pflegen. Nach dem Motto: Halten wir uns also einfach raus aus der Politik, weil die Typen da oben doch eh machen was sie wollen. Hinterfragen und kritisieren wir erst gar nicht, für welchen Blödsinn Steuergeld zum Fenster rausgeworfen wird, weil es doch sowieso falsch investiert wird. Dann meckern wir aber auch nicht, wenn Milliarden für Banken oder die Abwrackprämie vernichtet werden - in sinnvolle Dinge wird es nämlich so oder so nicht investiert. Halten wir einfach die Klappe.
Was ist das denn für eine Art zu denken??
#12 PhilGrooves . 31.01.10 . 19:17 Uhr
Es geht eher um Realismus. Es gibt in Deutschland im Grunde nur ein demokratisches Instrument das wirklich funktioniert, und das ist die Wahl der Vertreter. Und dafür ist es in diesem Fall ja wie schon gesagt zu spät. Wir sind nicht in der Schweiz, wo Volksabstimmungen Gewicht haben.
Kritisieren und Hinterfragen muss man also VORHER, nicht jetzt wo die Bagger rollen. Jetzt muss man sich konstruktiv einbringen.
#13 nick . 31.01.10 . 19:28 Uhr
Kritisch hinterfragt wird das Projekt seit Jahrzehnten, und seitdem gibt es den Widerstand, auch wenn der momentan immer größer wird. Den Widerstand hat es schon lange gegeben, als Schuster mit seiner Bürgerbefragungs-Lüge die Wahl gewonnen hat. Dummerweise leidet selbiger seitdem unter Gedächtnisverlust.
#14 oldman . 31.01.10 . 21:43 Uhr
@ #7 Thomas,
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