Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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30 11.07

Paul geht baden. Teil 16: „Hände hoch“ im Norden

Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 16:44 Uhr

Einer der grundlegenden Züge, die den Schwaben charakterisieren, und zwar, um die extremsten Erscheinungsformen zu nennen, die die ganze Spannbreite des Spektrums aufzeigen, sowohl den in Kleinhorden in den Tiefen der heimischen Wälder lebenden Fundi-Schwaben wie viele seiner Stuttgarter Brüder und Schwestern, die ein karnevaleskes multiethnisches Metro- oder Speerspitzen-Schwabentum entwickelt haben [Keimzelle, ausgerechnet: ein Apotheker aus Heumaden], das sich — ein Faszinosum für Ethnologen auf der ganzen Welt — durch eine Art kulturellen Metabolismus alles, was ihm unterkommt, anverwandelt, die türkische Subwoofer-Kultur z.B. ebenso wie bestimmte Bekleidungskonventionen der Hottentotten oder alle möglichen fremdländische Vorlieben für sehr spezielle Nahrungsmittel wie z.B. Olmützer Quargel, falls Sie mir noch folgen können [Ist hier im Blog nicht mal die Frage aufgeworfen worden, woher ein bestimmter Geruch in bestimmten Teilen Stuttgarts kommt?]… Was allen Schwaben gemeinsam ist, wollte ich sagen: Sie abhoreszieren (und von manchen könnte man vielleicht sogar sagen: perhoreszieren) — Geld. Mit anderen Worten: Sie lehnen es aus tiefstem Herzen ab. Ich selbst komme ja nicht mehr so viel herum, aber unser elastischer junger Freund Paul, für den jetzt die harte Jahreszeit begonnen hat, in der ihn oft nur das Lächeln einer schönen Frau wärmt (und das von der Oma gekochte und von seinem persönlichen Dabbawalla an den Einsatzort gelieferte Mittagessen; und natürlich ein ausgiebiges Bad in warmem Wasser), erzählt immer wieder, dass er, wenn er seine Gänge durch die Stadt macht, zwanzig-, dreißigmal am Tag den in apodiktischem Ton geäußerten Satz hört: „Geld interessiert mich nicht.“ Aber wem sagen ich das, Sie kennen das ja alle selbst. Natürlich kommt man in unserer modernen Welt nicht ganz ohne aus, man muss ja Miete zahlen, die GEZ, das Telefon, den Gourmetservice, den Spirituosenimporteur usw. usf., das was man zum Leben braucht eben. Aber der Schwabe ist Kulturmensch, das Notwendige ist ihm schnurz. Was ihn umtreibt, ist der Spaß am Leben, und die konfektionierten Vergnügungen, die für Geld zu haben sind, nötigen den schwäbischen Lebenskünstlern und –künstlerinnen nur ein mitleidiges Lächeln ab. Was zählt, ist auf der Straße, wie man in Abwandlung eines bekannten Wortes aus der Welt des Fußballs sagen könnte. Was brauch’ ich Geld, wenn ich mein Auskommen hab’, sagt sich der Schwabe, während er lustwandelnd den echten Abenteuern des Lebens entgegen schreitet, jederzeit bereit sich treffen zu lassen, wenn es sein muss auch von der verirrten Kugel aus dem Lauf einer Polizeipistole. Ein Recht auf keine weiteren Vorkommnisse reklamiert im Ländle jedenfalls keiner, der seine sieben Sinne noch beisammen hat. Um auf’s Geld zurückzukommen: Es ist geradezu rührend, wie manche Institutionen, manche Unternehmen, die gern wohltätig wirken würden, in ihrem Bemühen, Geld unter die Leute zu bringen, immer wieder grandios scheitern. Paul ist am Sonntag, obwohl es ziemlich kalt und mit Regen zu rechnen war, extra mit der Linie 15 nach Stammheim hinausgefahren, in den hohen Norden der Stadt, wobei, nebenbei gesagt, seine Begleiterin Violetta, die, um beim Nebenbeisagen noch etwas nebenher zu bemerken, den irgendwie nach Cahors schmeckenden Teilzeit-Künstlernamen Lotte Garonne führt, mit der Grandezza ihres Auftretens und ihrer bunt-exotischen Gewandung à la Circe in der Version von Dosso Dossi die braven Verkehrsmittelnostalgiker, die vor dem Abschied der Straßenbahn am 8. Dezember fürs Privatarchiv noch ein paar Farbfotos machen wollten, ein wenig aus dem Gleis brachte, so dass sie, statt die wunderbaren Details des schmalen „gelben Klassikers“ vom Typ GT 4 ins Auge zu fassen und anschließend in ein Bild zu bannen, magisch angezogen die malerische Erscheinung an Pauls Seite anstarrten und versuchten möglichst unauffällig das eine oder andere Foto von ihr zu schießen, an der doch, mit den Worten des großen Zauberers zu sprechen, besonders schön ist, „was man nicht zu sehen bekommt“. Zweck des Ausflugs war der vom honorigen Stammheimer Bankverein von 1876 wieder einmal veranstaltete ‚Tag des offenen Tresors’. Jeder der Kunden des Traditionsbankhauses, der an diesem Tage den Kassenraum stürmt, bekommt (potenziell, muss man sagen) Geld geschenkt, auch größere Summen (Voraussetzung, kurz gefasst: man muss ein Konto beim Bankverein unterhalten, und es darf nicht so viel drauf sein: man muss irgendwie Bedürftigkeit nachweisen). Die Aktion war seit Wochen mit Plakaten, Flyern usw. beworben worden (mit so schmissigen Sprüchen wie “Bargeld bis der Arzt kommt” und „Überfallen Sie uns!“; gegen letzteren hatte die Polizei große Bedenken angemeldet, aber der Bankvorstand hat sich mit Schwung darüber hinweggesetzt). Und dann kommt der Tag, und das sonst so quirlige Stammheim, die Hexenküche der Zukunftstrends, wo die crème de la crème der jungen Modeschöpfer in Hinterhof-Sweatshops von überwiegend aus Malaysia importierten Spezialisten (Festanstellung natürlich, Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, alle zehn Jahre ein Gratisflug nach Hause) ihre umwerfenden Klamotten zusammennähen lässt, ist (wenigstens in der Mittagszeit, als Paul mit Violetta seine Autopsie vornimmt) wie ausgestorben, und vor der Bank spielen die Sicherheitsleute, weil außer Paul und Violetta weit und breit kein Mensch zu sehen ist, aus lauter Langeweile Räuber und Gendarm: „Hände hoch, ihr verdammten Wixer!“ brüllt einer der Wachmänner und fuchtelt mit der gezückten Kanone herum. „Legt euch sofort auf den Boden, ihr Scheißer, aber dalli!!“ Plötzlich richtet er seine Waffe, mit der er bisher auf seine nur wenig amüsierten Kollegen gezielt hat, unversehens auf unseren Paul und seine Paulette Violetta und herrscht sie an: „Ihr geht jetzt da rein, ihr Spastis, und holt euch die Kohle oder ich blas’ euch das Hirn aus euren bescheuerten Schusterschädeln!“ (Keine Ahnung, was er mit ‚Schusterschädeln’ gemeint haben könnte.) „Wir haben hier gar kein Konto, Käpt’n“, entgegnet Paul. „Dann wird eben ein’s eröffnet, du Held!“ höhnt der Security-Typ. Paul hätte es vielleicht gemacht, sagt er, der guten Stimmung wegen (is’ ’ne Berufskrankheit), aber Violetta hat ihre Prinzipien und auch vor bewaffneten Männern keine Angst: „Wir nehmen nichts,“ sagt sie mit graziöser Festigkeit, wie Tausende Schwaben es jeden Tag, der kommt und vergeht, tun, hier im Schwabenland und draußen in der weiten Welt. Und während der Kerl mit der Knarre seine Schusswaffe sinken ließ und seine Kollegen auf ihn eindrangen und sich dabei an den Kopf schlugen, „Sag’ mal, hast du sie nicht mehr alle?! Spasti!? Das ist politisch unkorrekt, du Idiot!“, schritten Paul und Violetta Arm in Arm, wie es sich für Liebesleute gehört, zur Endstation der Linie 15 zurück, die nun bald die Endstation der U15 sein wird, und fuhren so mittellos, wie sie gekommen waren, wieder aus Stammheim hinaus und taten es all den anderen nach, die an diesem Tag vor der wohlfeilen Marie einfach Reißaus genommen hatten.

Hinweis in eigener Sache: Die Fortsetzung des Berichts über den Staffellauf muss bis auf weiteres, nämlich bis zur gerichtlichen Klärung von Streitfragen, die sich aus von dritter Seite reklamierten Exklusivrechten ergeben, aufgeschoben werden. Die Schriftleitung bittet um die geneigte Geduld der verehrten Leser.

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7 Kommentare zu Paul geht baden. Teil 16: „Hände hoch“ im Norden

#1 Wegschaffel . 03.12.07 . 17:35 Uhr

So kurz vor dem Fest der Liebe will ich nicht kleinlicher sein als sonst, aber bei Paul eine stammesgenetisch bedingte Geld-Abhoreszenz zu verorten (von Perhoresenz im Sinne von H. H. Fettberg ganz zu schweigen) halte ich für einen groben Schnitzer in der continuity.

Zweck des Ausflugs war der […] ‚Tag des offenen Tresors’

Dass das Geld fassen dann doch in die Hosen geht, liegt, wenn ich einen Ahn meines alten Freundes Tantalos bemühen darf, ja wohl mehr an der Form als am Stoff.

#2 Herr S . 05.12.07 . 12:00 Uhr

Nachdem die Jubiläumsfeierlichkeiten zur dreißigsten Wiederkehr des Deutschen Herbstes nahezu das ganze Jahr in Anspruch nahmen und erwartungsgemäß erschöpfend ausfielen, hätte ich jeden, der mir prophezeit hätte, dass im Frühadvent noch eine Stammheim-Episode folgen würde, bei deren Lektüre ich „Juhu“ rufen würde, auf das schärfste zurechtgewiesen. Gottlob hat es mir keiner prophezeit, sonst wäre jetzt wenigstens eine zerknirschte Pose fällig, schlimmstensfalls eine Entschuldigung.

#3 PhilGrooves . 08.12.07 . 19:16 Uhr

Gibts den Text auch in einer in Sätze unterteilten Form?

#4 Paul-geht-baden . 08.12.07 . 19:25 Uhr

Hab’ eigentlich eine Stammheimer Kassiber-Fassung veröffentlichen wollen, ohne Leerzeichen, aber das ging - leider - nicht.

#5 Wegschaffel . 16.01.08 . 12:23 Uhr

Ich will nicht drängeln, aber langsam macht sich Entzug bemerkbar. Bei mir und bei ein paar anderen die ich kenne. Könnten Sie uns vielleicht einen zarten Hinweis zum Stand der Streitfragenklärung geben?

#6 Paul-geht-baden . 21.01.08 . 12:16 Uhr

Danke für das Interesse, mein treuer Wegschaffel. Sie hätten übrigens die “paar anderen” gar nicht dazuerfinden müssen, aber ich nehme an, dass Ihre sympathische Bescheidenheit Sie zu dieser Form des Pluralis Modestiae gezwungen hat. Was die zart angemahnte Fortsetzung meines Berichts Nr. 15 angeht, darf ich Ihnen sagen, dass die entgegenstehende juristische Auseinandersetzung sich, endlich, dem Ende zuzuneigen scheint. Hatte eine Menge Pech bei der Wahl des Rechtsbeistands. Der erste Anwalt, der mir als “erfahren” empfohlen worden war, erwies sich als berufsmüde und gab einige Wochen nach Übernahme des Mandats seine Zulassung zurück, der zweite war gerade von seiner Frau verlassen worden und brach jedesmal, wenn ich auf unseren Fall zu sprechen kommen wollte, in Tränen aus. Es hat mir das Herz gebrochen, aber ich habe mir schließlich nicht mehr anders zu helfen gewußt und ihn gefeuert. Als Anwalt Nummer drei die Sache übernahm (und auch energisch betreibt, ohne Angst vor der Lokalmacht, die unser Gegner ist), waren, ach, ich weiß nicht, wie viele Wochen und Monate vergangen und verloren. Und man weiß doch, dass Mitteilungen ihre Zeit haben (die irgendwann auch vorbei ist, und dann geht das alles, was, rechtzeitig an den Mann, an die Frau gebracht, Furore gemacht hätte, nur noch ins leere Leere; die Stummfilm-Diva Frieda Grafe - falls die noch jemand kennt - hat in diesem Zusammenhang einmal von ‘Kulturverzögerung’ gesprochen, aber genau genommen handelt es sich eigentlich um Kulturvernichtung). Naja… Also, sobald es geht, geht’s weiter, auch wenn dann vielleicht kein Hahn mehr danach kräht. Bedanke mich noch einmal für Ihr Billett, das uns alle hier mitten ins Herzen getroffen hat.
Gruß, Ihre E.Z.
(Nach Diktat zum Friseur gegangen)

#7 Wegschaffel . 21.01.08 . 15:26 Uhr

Ts ts ts. Hoffe Sie gehen bei dem Händel nicht Baden. Taugt der Stoff wenigstens für würzige Berichte aus der juristischen Parallelwelt?

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