Von Herr S
Vermischtes . 13:36 Uhr
Vom obligatorischen Marktbesuch auf dem Bismarckplatz brachte ich letzten Samstag auch ein Flugblatt nach Hause, das mir ein freundlicher Herr in den besten Jahren in die Hand gedrückt hatte. Die Naturfreunde Radgruppe Stuttgart e. V. würde sich der Reinsburgstraße annehmen, war der Ankündigung zu entnehmen, dazu gäbe es eine Ausstellung im neuen Bürgerzentrum West, ein Vortrag würde ebenda stattfinden und das Ganze ergänzt werden durch einen Spaziergang am kommenden Samstag. Bei aller Liebe zum Westen wunderte ich mich doch, was die Reinsburgstraße alles an Stoff hergeben sollte — zwar bildet sie eine wichtige Achse und ist streckenweise recht nett anzusehen, aber besonders spektakulär kam sie mir eigentlich nie vor. Immerhin war meine Neugier damit geweckt, und ins Bürgerzentrum hatte ich es bislang auch noch nicht geschafft, also nichts wie hin zum Vortrag.
Die Stuhlreihen im Emil Fein Raum waren bei meinem kurz vor knappen Eintreffen bereits gefüllt, etwa 50 Leute mochten es gewesen sein und die Luft zum Schneiden dick, als ob man gegen eine warme Wand prallte. Dabei wäre es eigentlich ganz einfach: alte Luft raus, frische Luft rein, bekannt auch unter dem Sammelbegriff »Lüften«. Realisierbar durch Öffnen von Fenstern oder zeitgenössische Lüftungstechnik, was in einem blutjungen Gebäude keine allzu exotische Vorstellung sein sollte. Aber genug genörgelt, der Referent Peter Pipiorke gab jetzt das Startsignal, Ruhe kehrte ein.
Zum Einstieg bekamen wir einige erstaunliche Abbildungen des historischen Stuttgart zu sehen. Richtung Westen stieß die Stadt schon am heutigen Rotebühlplatz an ihre Begrenzungsmauer, dahinter — dort wo sich heute eines der am dichtesten besiedelten Gebiete Deutschlands erstreckt — wenig mehr als Feld, Wald und Wiesen. An der Ecke Reinsburg-/Paulinenstraße befand sich die Südwestecke der Mauer mit dem Folterturm, der etwas Freiraum nach innen ließ, damit das Geschrei der armen Teufel nicht allzu störend wirkte. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts bekam der Feldweg unterhalb des Reinsburghügels — der heutigen Karlshöhe — den Namen »Reinsburgstraße« und wurde in den Folgejahren zur Pracht- und Renommierstraße der Gründerzeit ausgebaut.
Quelle: Naturfreunde Radgruppe Stuttgart e. V.Bald sind wir mittendrin in diesen Aufbruchjahren, in denen es dem Großbürgertum gar nicht opulent genug zugehen konnte. Opulent auch das Füllhorn, das Herr Pipiorke über uns ausschüttet: wir sehen ehrgeizige Bauten, errichtet von »Stararchiteken« ihrer Zeit, bewundern den Brunnen mit der Schutzpatronin »Stuttgardia«, hören vom Hofküchengarten, in dem Schiller am »Wallenstein« schrieb und vom »Wohnheim für katholische Dienstmädchen« Wir erfahren, dass in der Reinsburgstraße 6 das erste ausschließlich für geschäftliche Belange genutzte Haus entstand, staunen über die Zigarrenfabrik Reininger und die Stuttgarter Lebensversicherungsanstalt, deren Gebäude noch heute das Relief eines Bienenkorbs zeigt, das den überproportionalen Fleiß der Schwaben sinnfällig zum Ausdruck bringt.
Die Zeitreise geht weiter, wir streifen das »Dritte Reich«, als der Karlshöhe die finale Verschandelung durch einen monströsen Reichsrundfunksender drohte, wir sehen Bilder aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, in der die Reinsburgstraße zu einem zeitweiligen Zentrum überlebender Juden wurde, die bürgerbewegten 70er-Jahre flackern auf, ebenso wie die Hausbesetzer der frühen 80er-Jahre.
Sicher, Herr Pipiorkes Vortragsstil gerät zuweilen etwas mäandernd, und wer die Reinsburgstraße nicht haarklein im Kopf hat, stößt mitunter auf Schwierigkeiten bei der Zuordnung, allemal beeindruckend ist aber die Fülle des Materials und die Akribie, mit der es zusammengetragen wurde. Fast zwei Stunden geballte Information, an deren Ende man sich leider dem Erstickungstod nahe wähnte. Kaum verwunderlich, dass das Publikum die Chance zur Nachfrage ungenutzt ließ und eilig der frischen Luft entgegen strömte.
Ist ja auch nicht schlimm, es gibt immer noch die Ausstellung (bis 06.11. im Bürgerzentrum) und vor allem den Spaziergang am Samstag. Die Zuordnung wird dann zwangsläufig ein Leichtes sein und Sauerstoffmangel ist vollkommen ausgeschlossen.