Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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24 04.07

Nur geschossen hat er nicht: Georg Schramm im Theaterhaus

Von Herr S
Kultur . 15:49 Uhr

Georg Schramm im Theaterhaus Stuttgart

Mal ehrlich: Kabarett ist so eine Sache. Nehmen Sie den „Scheibenwischer“: Mir zumindest schläft dabei immer zeitiger das Gesicht ein vor Langeweile. Mag sein, dass es um 1965 noch der Knüller war, wenn Leute wie Jonas und Rogler dastanden und sich die Stichwörter für ihre abgehangenen Pointen zuwarfen, im Jahr 2007 wirkt das nur noch wie bemühtes Geraune unter einer dicken Schicht Mehltau. Und kommen Sie mir nicht mit Richling bitte. Bei dem möchten sich die Zuschauer im Studio zwar immer schier nassmachen vor Vergnügen, aber genau genommen sind seine — anfangs nicht mal schlechten — Parodien längst nur noch Variationen des ein und immer selben Musters. Anders ausgedrückt: Geriet die ursprüngliche halbe Stunde bereits zäh, ziehen die vor einiger Zeit eingeführten 45 Minuten die Qual nur noch unnötig in die Länge. Zumal zeitgleich mit dem Wechsel der einzige absprang, der mich nicht nur auf dem Hocker hielt, sondern meistens von ihm riss: Georg Schramm. Dass dessen Part — ich habe es mehrmals nachgemessen — der jeweils kürzeste bleiben musste, kommt vermutlich ebenso wenig von ungefähr wie sein Ausstieg — hineingepasst in den schütteren Witzeerzählerclub hat er nach meiner Auffassung ohnehin nie.

Aller Wertschätzung zum Trotz blieb ein wenig Restskepsis, als ich mich gestern auf den Weg ins Theaterhaus machte, wo Schramm im Rahmen des Stuttgarter Kabarettfestivals gastierte. Kurze Auftritte im Fernsehen (bzw. dem vielgescholtenen ZDF zum Dank neuerdings auch etwas längere) sind ein Ding, im Alleingang ein ganzes Programm zu bestreiten ein anderes. Um es aber gleich vorwegzunehmen: Bei Georg Schramm dauerte es (netto) drei (3!) Stunden, und ich schwöre Ihnen, es gab in diesen geschlagenen drei Stunden nicht einmal die Ahnung einer Länge — obwohl weder gesungen noch Klavier gespielt wurde noch beliebte Stargäste kamen oder was man landläufig so alles aufbietet, um die Sendezeit herumzubringen. Nichts: ein Mann spricht, mehr war es nicht. Erstmal jedenfalls.

Tatsächlich erschienen die ganzen Figuren, die Schramm seit Jahren mit Leben erfüllt: Oberstleutnant Sanftleben, der Sozi August aus Frankfurt, Namenlose, die dem sog. Prekariat zugerechnet werden können und natürlich der selten gut gelaunte Rentner Dombrowski. Schramm schafft dabei das Kunststück, auch mal mehrere Leute gleichzeitig zu verkörpern, und zwar ohne dass er vom Stuhl aufstehen muss dazu oder eine Perücke aufsetzen. Körperhaltung, Mimik, Sprechweise, Dialekt — mehr benötigt er nicht, und schon ist nicht mehr einer auf der Bühne, sondern drei.

Dass Schramm nicht zu den Zimperlichen gehört, weiß jeder, der ihn schon mal gesehen hat. Insbesondere der Rentner Dombrowski steigt da erst ein, wo andere bereits aufhören. Und ist meistens zügig auf 180, dann herrscht die blanke Wut — genügten zum Warmmachen noch die Gallenbittermiene und der schneidende Ton, erlebt man spätestens jetzt den Tobsüchtigen, der vom üblichen SPD-gut-CDU-böse-Schema des traditionellen Kabaretts weiter nicht entfernt sein könnte. Dombrowski geht es — wie allen Figuren des Schramm’schen Universums — ums Grundsätzliche, nicht um tagespolitisches Geplänkel, das ohnehin beliebig austauschbar ist, wie jeder halbwegs kundige Beobachter weiß. Das für mich eigentliche Aha-Erlebnis dabei: Vergessen Sie Schramm im Fernsehen. Schramm im Fernsehen hat mit Schramm auf der Bühne nur punktuelle Ähnlichkeit. Der Mann braucht — obschon ein Großmeister des Timings — eindeutig Zeit und Luft, vielleicht weil alles mit allem zusammenhängt bei ihm, und sich das so entstandene Knäuel mit fernsehkompatibler Pointenhuberei nur bedingt entwirren lässt. Zweites Aha: Der Mann ist bei aller Raserei weitaus komischer, als er im Fernsehen oft rüberkommt, auch wenn sein Humor von Teilen des Publikums bestimmt einige Toleranz abverlangte. Wobei ich absolut nichts gegen das Publikum gesagt haben will, im Gegenteil: Das war ihm treu ergeben. Minutenlang in atemloser Stille zu verharren und Schramms Monologe damit nur noch klirrender klingen zu lassen, hatte es ebenso drauf wie umgebremste, nachgerade frenetische Begeisterung — selten hatte ich das Gefühl, dass ein Publikum so im Bann des Vortragenden steht.

Kurz und gut: wenn Sie da waren, brauche ich Ihnen nichts mehr zu erzählen. Wenn Sie nicht da waren, kann ich erzählen, so viel ich will, es wird sich nie so anfühlen, wie dagewesen zu sein. Also lauern Sie am besten auf die nächste Gelegenheit. Die Sie auf jeden Fall beim Schopf packen sollten, in seinem Fach haben wir im Moment nämlich keinen besseren als Georg Schramm, soviel steht fest.

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3 Kommentare zu Nur geschossen hat er nicht: Georg Schramm im Theaterhaus

#1 Wegschaffel . 24.04.07 . 18:36 Uhr

Zunächst die Frage, welchen Ruf Sie im Theatherhaus geniessen, dass Ihre oben kontrastreich dargestellte Eintrittskarte mit einer “Instandhaltungsgebühr” belastet ist? Was treiben Sie da so im Laufe des abends?

Was soll ich zum Schramm noch sagen, Sie haben es ja lang und breit getreten beschrieben. Na ja, vielleicht kann ich ein wenig damit angeben, dass ich den GS schon lange kenne und zu meiner Studi-Zeit paar Jährchen unterm selben Dach gewohnt habe. Und passend zum aktuellen RAF-Revival fällt mir da eine Geschichte ein, die seine kabarettistische Qualität und Kaltblütigkeit unter Beweis stellt.

Ende 1989 hatte sein damaliges Programm Premiere - einen wesentlichen Part als “Zielperson” hatte darin der damalige Deutschbank-Chef Alfred Herrhausen. Dieser wurde am Tag vor der Premiere (!) ermordet. Was macht der Schramm? Eine Nachtschicht und rettet die Kiste, indem er den Plot komplett auf einen anderen Protagonisten umschreibt. Keiner hats gemerkt.

#2 Frau Doktor . 24.04.07 . 18:58 Uhr

Herr Wegschaffel, die Instandhaltungsgebühr bezahlt man doch im Theaterhaus immer. Ich frage mich deswegen immer, was eigentlich passiert, wenn man die beim Karfternkauf verweigert. Muss man dann seinen Platz schrubben?

#3 Herr S . 25.04.07 . 18:39 Uhr

Offen gestanden hatte ich weder eine Ahnung, dass das Instandhaltungsproblem unkaschiert auf den Besucher verlagert wird, noch wäre mir das je aufgefallen. Wenn ich mich recht erinnere, ließen sich aber einige knauserig wirkende Besucher mit Kutterschaufel und Kehrwisch beobachten, was Ihre Vermutung stützt, Frau Doktor. Andererseits darf man ja nicht mal Getränke in die Hallen mitnehmen und auch sonst hat man sich zu benehmen. Gut, mir fällt das nicht weiter schwer, ich randaliere ja bereits von Haus aus nicht, aber wenn man schon Instandhaltungsgebühren bezahlen muss, sollte man auch dafür sorgen dürfen, dass welche anfallen.

Sehr lachen musste ich über das „RAF-Revival“, mein lieber Wegschaffel. Ich warte in dieser Sache eigentlich nur noch drauf, dass uns einer treuherzig versichert, Christian Klar wäre in Wahrheit entschiedener RAF-Gegner gewesen. Und dass sich bitteschön kein Urteil erlauben könne, wer um ’77 herum nicht in wenigstens einer konspirativen Wohnung gehaust habe. Das wäre immerhin originell.

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