Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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15 05.06

Gelegenheiten nutzen.

Von Mann²
Politik, Sport . 10:47 Uhr

So eine Gelegenheit wie die WM 2006 bietet sich selten. Eine Gelegenheit mal endlich ein paar alte Themen, gut versteckt hinter einer neuen Fassade, nochmal rauszukramen. Ein paar Beispiele gefällig?

Die WM 2006 ist eine Gelegenheit:

  • Das Ladenschlussgesetz nochmal auf den Tisch zu bringen. Gut getarnt als Service am Fussballfan, der ja schliesslich auch Sonntag Abend bis 22:00 Uhr noch einkaufen möchte.
  • Deutschland nochmal als besonders nett hinzustellen und wieder einmal zu zeigen, dass wir mit der dunklen deutschen Vergangenheit abgeschlossen haben — unter dem Motto “Die Welt zu Gast bei Freunden”
  • Das Gottlieb-Daimler-Stadion nochmal richtig fett aufzurüsten, ganz ohne Deckmäntelchen übrigens
  • Den Bürgern eines fast bankrotten Lands nochmal eine richtige Show zu bieten, statt mit dem Geld was sinnvolles zu tun (zum Beispiel: Staatsschulden abbauen).

Wer jetzt glaubt ich wäre gegen die WM hat völlig Recht. Es ist mir völlig schleierhaft wie ein Sport einen ganzen Staat derartig in Bewegung versetzen kann. Warum treiben wir einen solchen Aufwand nicht auch für andere durchaus anerkannte Sportarten. Wie wäre es mit Milchkannenweitwerfen oder Schachmeisterschaften.

Ich kann und will nicht einsehen, das eine einzelne Interessengruppe von allen (auch denen, die kein Interesse haben) subventioniert und gestützt werden soll. Und wer glaubt wir würden von so einer Aktion profitieren, der kann sich ja gerne mal die Ergebnisse anderer solcher Aktionen anschauen.

Hat je ein Land wirtschaftlich von einer Fussball WM profitiert? Hat der Weltjugendtag in Köln die Stadtkassen wieder gefüllt? Nein. Weil Fussballfans genau wie Pilger nämlich kein Geld in der Tasche haben. Sondern nur ihr Ticket und dreifünfzig für den Döner.

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16 Kommentare zu Gelegenheiten nutzen.

#1 isnochys . 15.05.06 . 11:04 Uhr

Dem muß ich widersprechen.
Besonders den Pilgerstätten geht es extrem gut.
Weshalb wollte denn jede Stadt eine Reliquie besitzen?
Genau: Pilgerstrom == Geldstrom
Eine ganze Wirtschaft lebt davon.
Genauso ists im Fußball. Hotel und sonstige Gewerbe werden massiv mehr Geld einnehmen, als sonst.
Nur der Staat hat Mehrausgaben durch Polizeiaufwand, etc. Kann dies aber durch Erhöhung der Steuern beispielsweise nicht wieder einnehmen.

#2 Martin Hiegl . 15.05.06 . 11:42 Uhr

Gut, dass das Ladenschlussgesetz angegangen wird - es sollte endlich ganz abgeschafft werden. Weiter _ist_ Deutschland besonders nett und eines der angesehensten Länder der Welt (siehe zum Beispiel Wahl in den UN-Menschenrechtsrat). Ob der Abbau von Staatsschulden sinnvoll ist - darüber lässt sich streiten. Aus volkswirtschaftlicher Sicht muss man sagen: nicht unbedingt! Aber das ist ein anderes Thema.
Deutschland profitiert sehr von der WM. Die FIFA Fußball WM ist ein wesentlich größeres Ereignis wie Expo, Jugendtag, Kirchentag oder irgendeine andere Sportweltmeisterschaft. Eigentlich wird sie nur noch von der Olympia übertroffen. Damit profitiert jedes austragende Land. Und zwar kann man diesen Gewinn nicht nur in den 4 Wochen der Austragung messen, sondern schon lang davor und noch lange danach.
Selbst wenn man es wie du nur auf das Monetäre beschränken will, bleibt dennoch eine Menge in der deutschen (Gast-)Wirtschaft liegen.

#3 kesselblick . 15.05.06 . 12:28 Uhr

In der aktuellen ZEIT (nur print, online habe ichs nicht gefunden) ist eine Analyse bzgl. des Wirtschaftswachstums der WM-Ausrichterländer. Ich würde mal sagen: Letztendlich haben alle profitiert - manche mehr, einige weniger.
Ich glaube ferner auch, dass sich das Bild über D im Ausland in den letzten Jahren gewandelt hat - RotGrün sei Dank!! ;-))
So langsam gibts eben Dividende von 60 Jahren demokratischer Kultur und 40 Jahre Vergangenheitsbewältigung.

#4 MannQuadrat . 15.05.06 . 14:20 Uhr

Ich bin zwar ein wenig überrascht darüber, das ich ein wenig allein mit meiner Meinung dasteh, aber ich lass mich gern eines Besseren belehren. Wer also Links mit ein paar Quellen hat, darf mir die gerne schicken. Vielleicht werde ich ja doch noch ein WM-Verfechter (wenn auch niemals wegen dem Sport).

#5 Wegschaffel . 15.05.06 . 14:31 Uhr

Was bringt die WM wem? Ein spannendes Thema und sauschwer zu bewerten. Jenseits der erwartbaren Hotelübernachtungs-, Weizenbierabsatz- und Dönermitallem-Rekorde bringts uns denke ich vor allem eins: Ein paar Wochen lang guckt die Welt ins Wohnzimmer des Deutschen Michels und bildet sich ihre Meinung. Persönlich, im TV, im Web [-> Herausgeber, gibts zur WM nen übersetzten Blog, per Babelfish oder so?]. Und da gucken eben auch Menschen unter unser Sofa, die uns sonst sicher keines Blickes würdigen würden, weil ihnen Goethe, Daimler, Heidelberg und der Black Forest am Arsch vorbei gehen. Wenn wir hier eine gute Show mit freundlichem Drumrum abliefern, wird sich die (Fußball-)Welt das merken und Dschörmäny künftig vielleicht noch ein bisschen freundlicher betrachten. Dafür nehme ich die ganzen verstolperten Marketing-Dribblings und die eine oder andere finanzielle Blutgrätsche in Kauf.

#6 Wegschaffel . 15.05.06 . 14:49 Uhr

was ganz anderes Herr Ausgeber: Kann es sein, dass wir gerade Beta-Tester sind?

#7 Frau Doktor . 15.05.06 . 17:33 Uhr

Bis zu meinem Versuch, WM Tickets zu erhalten, habe ich auf die WM gefreut. Aber angestachelt von meinem Frust über das polizeistaatliche Verfahren, das dafür angewandt wurde und wird, habe ich angefangen, mich mit dem ganzen Drunherum der WM zu beschäftigen. Keine gute Idee für ungetrübte Spielfreude.

Was ziemlich schnell klar ist: das Drumherum ist nicht das Drumherum, sondern das Wichtigste. Der FIFA geht’s ums große Geld – und nicht nur weil solche Veranstaltungen eben ordentlich was kosten und man auf Null rauskommen will. Nein, weil man richtig, richtig ernsthaft Gewinn machen will. Und durch die Durchsetzung von Regelungen, die für ein demokratisches Rechtsverständnis völlig unakzeptabel sind, auch machen wird. Unter tätiger Mithilfe von Politikern und Staatsbeamten, die für die vage Aussicht auf ein paar Euro mehr im Gemeinde- oder Staatssäckel einfach mal Steuertatbestände, Bürgerrechte und die Regeln der guten Haushaltsführung außer Kraft setzen. Eine gute Zusammenfassung dessen, was man nicht alles für die FIFA tut, gibt es hier. Ich komme schon darüber ins Grübeln, wenn für die Finanzierung solcher Großereignisse massig Geld aus dem Staatssäckel geholt wird, wir aber keinen flächendeckenden Bewegungsunterricht in der Grundschule finanzieren können. So sieht Public Private Partnership aus: Das Publikum bezahlen lassen und privat abkassieren.

Und wir Fan-Idioten stellen die wertsteigernde Kulisse auch noch kostenlos zur Verfügung. Besser noch: Wir zahlen auch noch dafür.

#8 liamara . 15.05.06 . 18:14 Uhr

Bei diesem Thema verweise ich doch gerne auf einen Kandidaten der BBA im letzten Jahr, der sehr für Heiterkeit und Empörung bei vielen, noch unbedarften Zuschauern gesorgt hat:

http://bigbrotherawards.de/2005/.co...

#9 _ Herausgeber . 15.05.06 . 18:33 Uhr

was ganz anderes Herr Ausgeber: Kann es sein, dass wir gerade Beta-Tester sind?

Sind wir das nicht alle — irgendwie? Vom Philosophischen mal abgesehen, wäre es aber nicht schlecht, wenn Sie die Frage ein bisserl präzisieren täten. Läuft was nicht so recht?

#10 Martin Hiegl . 15.05.06 . 20:50 Uhr

Frau Doktor, wie soll die FIFA denn sonst Geld verdienen? Und was ist so verwerfluch daran Geld zu verdienen.
Natürlich gibt es auch einige Dinger, die mir gegen den Strich gehen, wie die Überklebung und Umbenamsung von Stadien, das amerikanische Bier oder die RFID-Chips in meinen Karten (hab welche für’s Achtelfinale im Daimlerstadion), doch letztendlich hab ich auch ein gewissen Verständnis für. Solange sie im rechtlich sauberen Bereich bleiben und dazu wurden sie durch einige Urteile jetzt shcon gezwungen, find ich es in Ordnung.
Für was brauchen wir bitte Bewegungsunterricht in den Grundschulen? ;-) Und wie beschrieben kommt für Deutschland sehr viel, nicht nur an Geld, zurück.

#11 isnochys . 15.05.06 . 20:59 Uhr

Bezahlt die Fifa dann auch den massiven Polizeieinsatz?

#12 Frau Doktor . 16.05.06 . 14:36 Uhr

Nein, den bezahlen natürlich die Steuerzahler. Das ist auch wieder ziemlich clever gemacht: Sicherheit ist ein Gut, das der Staat herzustellen hat. Deswegen ja auch das Gewaltmonopol des Staates. Da Menschenmassen an sich ein Sicherheitsproblem sind, tritt für ihre Kanalisierung und im Fall der Fälle natürlich auch Befriedung die Polizei auf den Plan. So weit, so ok. Wenn man sich als Land für so ein mega-Event bewirbt, sind das halt die Folgekosten. Das geht für mich eigentlich in Ordnung.

Aber so einfach ist das natürlich nicht:
Weil Polizisten während der WM wohl ganz schön knapp werden, ist der Einsatz von Bundeswehrkräften geplant – was absolut nichts mit unserem Grundgesetz zu tun hat. Das hat sich diesmal nicht die FIFA, sondern unser Bundesinnenminister so ausgedacht. Nun ist der Anblick von Bundeswehrsoldaten in Kompaniestärke natürlich kein Gewinn fürs deutsche Image (und wird vom Bundesverfassungsericht auch stark eingeschränkt werden) – damit kommen private Sicherheitsfirmen ins Spiel. Die überwachen und ordnen die meisten Public Viewing Areas, die während der Veranstaltungszeit gar nicht mehr “public”, also öffentlich sind.

Konkret: Während der Spiele-Übertragung auf dem Schlossplatz ist der Schlossplatz kein öffentlicher Raum mehr, sondern wird rechtlich wie das Privatgelände der FIFA bzw. der Sponsoren behandelt. Deren Sicherheitsdienst organisiert den Zugang und setzt die FIFA Bestimmungen durch. Es kann also sehr wohl passieren, dass Menschen, die Kleidung tragen, auf denen die Logos von Konkurrenten der Sponsoren zu sehen sind, nach Hause geschickt werden. Oder dass man seine eigenen Getränke nicht mitbringen darf. Oder dass dem Typ an der Sperre einfach dein langhaariges Bombenleger-Gesicht nicht gefällt. Und du kannst nichts dagegen machen, denn deine bürgerlichen Rechte gelten auf dem Privatgelände Schlossplatz nur eingeschränkt. Das Prinzip ist das von Shopping-Malls: Da darf der Sicherheitsdienst auch jeden einfach so rauswerfen, dessen Verhalten ihm nicht passt.

Eine gute Übersicht zum Thema “Auflösung bürgerlicher Rechte und die WM” hat das Grundrechtekomitee zusammengestellt.

Ich hoffe trotz allem, dass die WM ein Riesenspaß wird und genug Eigendynamik entwickelt, um den ganzen Corporates ein bisschen aus dem Ruder zu laufen. Aber vor lauter Wille zum Spaß haben das kritische Denkvermögen abstellen? Das geht ja mal gar nicht.

#13 Frau Doktor . 16.05.06 . 14:44 Uhr

Vor lauter Rage ganz vergessen: der Infodienst für den kritischen Fußballfreund.

#14 ASK . 16.05.06 . 14:53 Uhr

Mal von finanziellen Aspekten abgesehen, finde ich die Frage, die Verwunderung des Verfassers interessant, der sagt:

Es ist mir völlig schleierhaft wie ein Sport einen ganzen Staat derart in Bewegung versetzen kann.

Das ist tatsächlich ein guter, ein berechtigter Einwand. Warum ist Fussball denn so populär? Stimmen denn diese ganzen Parolen, die davon sprechen, Fussball verbinde die Völker?
Und vielleicht muss man sich auch fragen, warum dies gerade bei Fussball und eben nicht bei Schach oder wegen mir Basketball, um einen passenderen Vergleich zu wählen, in diesem Ausmaß der Fall ist.

Sicherlich, Fussball wird “gepusht”, unterstützt in immensem Ausmaß - doch was kam wohl zuerst: die Begeisterung der Menschen, das überbordende Interesse an diesem Mannschaftssport oder die Schaffung der Rahmenbedingungen, die darauf abzielten ersteres zu erreichen, Geld zu verdienen? Das ist eine geschichtliche Frage, die wohl schwer exakt zu beantworten wäre.

Jedoch steht ausser Frage, das Fussball einen unvergleichlich hohen Grad an Popularität hat. Welche Sportart, welche Freizeitaktivität allgemein nimmt die Menschen so für sich ein und kann sie so begeistern?
Und genau darin liegt auch das Potenzial des Fussballs. Geldmacherei hin oder her, wenn die Chancen, die sich eröffnenden Perspektiven erkannt und genutzt werden, dann kann Fusball, so überheblich das auch klingen mag, vieles tun, um Menschen zu verbinden. Denn unterhalten werden zu wollen, das ist eine Grundeigenschaft des Menschen. Und mitzufiebern, Aufregung und Spannung zu erleben ist auch seinem Sinne - Abwechslung ist des Lebens Reiz.

An dieser Stelle müsste natütrlich die Gefahr der “Hooliganisierung” genannt werden. Aber das zu erörtern wäre zu viel.

Die Wm ist also durchaus eine Chance, eine Möglichkeit für Deutschland.

#15 chris . 16.05.06 . 22:59 Uhr

holla, wenn das hier so weitergeht, dann summe ich doch gleich mal die nationalhymne, aber das dann auch in allen drei strophen. das die melodie von haydn stammt weiss man ja, ursprünglich war das ganze aber für das sogenannte kaiserlied vorgesehen. statt einigkeit und recht und freiheit ging das lied aber los mit: gott erhalte franz den kaiser… also schon damals ein klarer hinweis auf den fußball. jetzt aber genug mit klugsch***en
warum finde ich die wm zum kotzen? weil aus dem spiel und allem drumherum reinster kommerz gemacht wird. und weil dieser kommerz auch noch von extremen idioten gemacht wird. damit sich die herren in zürich dumm und dämlich verdienen muss der gemeine fussballfan zahlen. ein löwe ohne hose und ein sprechender fussball? das sind die sympathieträger dieses landes? armes deutschland!
der gemeine fan ist übrigens schlauer:
http://fooligan.de/2006/05/16/goleo...
der einzige grund während der wochen im lande zu bleiben liegt für mich darin, die chancen zu nutzen mal ein paar besoffene, rechtes liedgut grölende hooligans verhauen zu können.
@frau doktor: infodienst ist gut, fooligan ist origineller ;-)
schon mal jemend über gefälschte rfid-chips nachgedacht, massenhaft an die stadiongänger verteilt, legen die das ganze zugangssystem lahm

#16 Frau Doktor . 19.05.06 . 11:23 Uhr

Volkswirtschaftlicher Nutzen der WM? Hier gibts wenig erfreuliche Zahlenvon der Süddeutschen. Wie gesagt: Public zahlen lassen, privat abkassieren.

Aber die Imagewerbung fürs Land ist natürlich unbezahlbar, vor allem die no go areas für Menschen mit dunklerer Hautfarbe oder sonst unpassendem Auftreten.

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