Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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01 12.05

Gegenaufruf an alle Beschäftigten der Stadt Stuttgart

Von Herr S
Leben, Politik . 23:59 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren der Stadtverwaltung Stuttgart, liebe Kolleginnen und Kollegen,

erst wenige Wochen sind ins Land gezogen, seit ich Loblieder gesungen habe, Loblieder auf Ihre unermüdliche Einsatz- ja Aufopferungsbereitschaft, mein flammender Appell erging an alle Skeptiker, Ihnen dafür den verbindlichsten und längst überfälligen Dank zu übermitteln — Dank dafür, dass wir uns beruhigt zurücklehnen können, wissen wir die zentralen Belange doch in pfennigguter und erprobter Hand.

Zu meiner äußersten Bestürzung muss ich nun vernehmen, dass zersetzende Kräfte wüten: Die sattsam bekannten Unruhestifter und notorischen Querulanten der Gewerkschaft ver.di haben die Stirn, Sie zur Niederlegung Ihrer Arbeit aufzurufen! Einen ganzen lieben langen Tag sollen Sie dem Herrgott stehlen, sich womöglich angetan mit nachlässig geschnittenen Plastikwesten auf dem Schlossplatz zusammenrotten, um besinnungslos die Trillerpfeifen zu blasen, immer dann, wenn die Gewerkschaftsbonzen gerade keine frechen Reden führen, denen es ebenso besinnungslos zuzujubeln gilt. Einer täglichen Arbeitszeitverlängerung von 18 Minuten wegen, ich bitte Sie!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, hochgeschätzte Werktätige! Der Schwabe mag zum Bhäben neigen, ein Korinthenkacker war er freilich nie! Auch verleiht das Schaffen uns erst die nötige Façon; es zeugt von wahrer Gottgefälligkeit und mithin dem Billet zu kommoden Logenplätzen in der Ewigkeit. Ewigkeit! Unkalkulierbares Zeitfenster Du! Agenden sind Dir lachhafter Schund, Stückwerk elender Zwerge gleichsam! Sagen Sie selbst: Lohnt es sich im Angesicht der Ewigkeit, wegen 18 Minuten mir nichts Dir nichts alles schleifen zu lassen, ohne langes Fackeln?

»18 Minuten sind 18 Minuten«, werden Sie einwenden, und ich komme nicht umhin, Ihnen wenigstens darin zuzustimmen. Dennoch: als Mann des Ausgleichs und der Proportion fordere ich Sie auf, dem Aufruf der gewerkschaftlichen Tagediebe und haltlosen Schlamper keinesfalls Folge zu leisten! Zeigen Sie Größe und akzeptieren die läppischen 18 Minuten zum Wohle der öffentlichen Ordnung! Orientieren Sie sich sodann an meinem in aller gebotenen Sorgfalt ausgearbeiten 5-Punkte-Plan:

1. Körperpflege
Die morgendliche Toilette regulärer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nimmt statistisch 17 Minuten in Anspruch. Mit einer partiellen oder vollständigen Verlagerung auf Fahr- und Arbeitszeiten lassen sich maßgebliche Zeitvorteile erzielen, die Ihrem Freizeitkonto gutgeschrieben werden. Zähne können Sie genauso gut in der S-Bahn oder im Kraftfahrzeug putzen (Rückspiegel!) und selbst gepflegte Nassrasuren finden mit nur wenig schöpferischer Kraft ihr ungestörtes Plätzchen.

2. Ernährung
Frühstücken Sie im Büro. Statistisch werden damit weitere 22 Minuten frei — falls richtig ist, dass man isst wie man schafft, dann sollten es in Ihrem Fall ungleich mehr sein, um die 43 würde ich gut und gerne vermuten. Auch das Vesperbrot bereiten Sie entspannt am Arbeitsplatz. Führen Sie Brot und Belag lediglich lose in einem geeigneten Behältnis mit und fügen die Komponenten erst vor Ort zusammen. Ersparnis: min. 6 Minuten.

3. Stoffwechsel
Vermeiden Sie langwierige Stuhlgänge in Ihrer kostbaren Freizeit. Lassen Sie sich von Ihrem Hausarzt beraten und arbeiten Sie mit ihm Ihren individuellen Ernährungsplan aus, der sicherstellt, dass zeitraubende Sitzungen grundsätzlich in die Geschäftszeiten fallen. Satte 15 Minuten scheinen mir dafür nicht zu üppig bemessen, wenn der Tag lang ist.

4. Allgemeine Kommunikationstätigkeiten
Freunde und Verwandte freuen sich über unerwartete Anrufe, wickeln Sie diese konsequent während der Arbeitszeit ab. Umfassende Gesprächsangebote werden auch im Kollegium nur selten auf taube Ohren stoßen, ein Mindestmaß an Ausdauer und ein breiter Themenfächer vorausgesetzt, erreichen Sie aktuellen Berechnungen zufolge 124 bis 214 Minuten täglich.

5. Weiterbildung
Komplexe Informationen lassen sich am Arbeitsplatz eindeutig besser aufnehmen und verarbeiten als zuhause. Nirgends steigt der Pegel Ihres Leistungsvermögens höher und weder Nörgeleien des Partners noch Gequengel der Kinder wirken sich störend aus. Besonders die intensive Internet-Recherche schlägt hier vorteilhaft zu Buche, 63 bis 97 Minuten sind allemal möglich.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, erteilen Sie den geistfernen Unterweisungen der Gewerkschaft eine klare Absage, ich beschwöre Sie nochmals und mit allem Nachdruck! Dass Arbeit etwas sei, was tunlichst zu vermeiden wäre, das ist es, was sie in Wirklichkeit krakeelen, diese halbseidenen Folkloristen. Selten verlief ein Gedankengang irriger!

Wahre Lebenskunst, meine sehr verehrten Damen und Herren, wahre Lebenskunst zeigt sich erst in der inspirierten Neubelegung des Arbeitsbegriffs! Hand aufs Herz: Was spielt es für eine Rolle, ob Sie 18, 19 oder gar 25 Minuten mehr oder weniger anwesend sind, wenn Sie Ihre Anwesenheit mit sinnvollen Arbeitsinhalten ausfüllen, wie mein 5-Punkte-Plan sie vorsieht?

Ich bin sicher, dass Sie meinen Ausführungen folgen.

Mit immer warmem Gruß
Herr S

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10 Kommentare zu Gegenaufruf an alle Beschäftigten der Stadt Stuttgart

#1 JüLa . 02.12.05 . 01:46 Uhr

hähä

bisnano
JüLa

#2 Herr S . 02.12.05 . 11:24 Uhr

War spät gestern, nicht?

#3 MNP . 02.12.05 . 18:11 Uhr

Lieber Herr S,

dies ist ein wundervoller Aufruf. Kompliment für die großartige Beschreibung der Gesellschaft unserer Zeit in wenigen Worten anhand eines einfachen Beispiels. Ich möchte sagen, grandios. Auch die sprachlich-stilistischen Qualitäten sind ganz hervorragend. Manche werden wohl den Sprachwitz, die Hintergründigkeit, den Zynismus nie verstehen. Denen ein Tip: Wo liegt die Wahrheit - zwischen den Zeilen. Dort sollte man danach suchen.

MNP

#4 Herr S . 02.12.05 . 20:00 Uhr

Um Gottes Willen, MNP, Sie machen mich ja ganz verlegen mit Ihrer Loberei – nicht ausgeschimpft zu werden ist mir allemal Lob genug. So, und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich mache mich mal auf die Suche zwischen den Zeilen.

#5 Schattendiva . 02.12.05 . 20:57 Uhr

Sie Herr S.,
warum schreiben Sie eigentlich “Mit immer warmem Gruß”?
Nicht dass ich zu intim werden möchte, aber interessieren tät´s mich schon…

#6 Herr S . 02.12.05 . 21:13 Uhr

Soll ich etwa »mit kaltem Gruß« schreiben? Ich meine, wie hört sich das denn an?

#7 Schattendiva . 02.12.05 . 22:54 Uhr

Lieber Herr S.,
es geht doch nicht um kalt oder warm, finden Sie nicht?
Es geht doch einfach darum, mein Lieber: “Mit freundlichem Gruß” beispielsweise!
So wie es alle tun. Dass Sie, lieber Herr S., aber das Wörtchen “warmem” hinzufügen, das hat doch eine tiefere Bedeutung. Nein, ich möchte Sie bestimmt nicht kompromittieren - nein! Aber seien Sie doch mal ehrlich - kann man doch drüber reden oder?
STOP
MwG
Ihre Schattendiva

#8 Herr S . 02.12.05 . 23:07 Uhr

Beste Frau Schattendiva, Ihr Gebohre in allen Ehren, aber als Künstler wird mir die freie Wahl der Grußtechnik wohl noch vergönnt sein. Mal grüße ich warm, ein ander Mal nicht, je nachdem. Sie sollten da nicht zuviel hineingeheimnissen, nehmen Sie sich ein Beispiel an mir, ich erdulde stoisch Ihr ständiges STOP, ohne jedes Wort der Widerrede.

#9 Schattendiva . 02.12.05 . 23:11 Uhr

Nun gut werter S.,
da haben Sie nun mal recht. Ich neige nur allzu gerne dazu, ab und an meine Zeitgenossen etwas zu necken. Seien Sie mir nicht böse. Wir vereinbaren einen Kompromiss. Ich lasse dieses blöde STOP weg, das zugegebenermaßen langsam nervtötend wirkt und bohre nicht mehr auf Ihrem warmen Grüßen herum. Aber MwG finde ich klasse. Das raube ich mir einfach. O.K.?
MwG
Ihre Schattendiva

#10 Herr S . 05.12.05 . 14:00 Uhr

Der Vorsitzende des Betriebsrats der SSB, Klaus Felsmann, hat in einem Fax an Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster klargestellt, dass sich die Beschäftigten der SSB nicht an dem von ver.di für Montag geplanten Streik weiter Teile der Stadtverwaltung beteiligen werden.

Nur damit keiner glaubt, hier postulierte Aufrufe würden ungehört verhallen. Mein Dank gilt den Beschäftigten der SSB, dass sie sich der hieb- und stichfesten Argumentation beugen konnten.

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