Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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05 11.05

Festival der Barmherzigkeit

Von Herr S
Freizeit . 18:12 Uhr

Sankt Martin

Im schweinekalten Winter 334 saß ein nackter Mann am Stadttor von Amiens und fror wie ein Schneider. Die vorübergehenden Passanten nahmen von seinen flehentlich vorgetragenen Hilfsappellen keine Notiz und schon wollte er verzweifeln, als unversehens der Soldat Martin von Tours dahergeritten kam. Der kannte Erbarmen, also zückte er sein Schwert, teilte seinen Mantel in zwei Hälften und überließ eine dem Elenden. In der folgenden Nacht wurde diese noble Geste mit einer veritablen Vision belohnt: Im Traum erschien ihm Jesus Christus, gewandet in die verschenkte Mantelhälfte. Weil Martin von Tours ein gerechter und unbeugsamer Mann war und darüber hinaus für viele erstaunliche Wunder sorgte, stieg er — lange nach seinem Ableben — zum Heiligen auf und wird seither St. Martin genannt.

Zu dessen glühendsten Anhängern zählt die City-Initiative Stuttgart e. V. (CIS), die ihm — unter dem griffigen Label »S-City Martini« — morgen mit einen verkaufsoffenen Sonntag huldigt. »Martinstag ist aber am 11. November«, motzten die laternenbegeisterten Kinder, was die CIS schlagfertig mit dem Hinweis parierte, dass an dem Tag ja sowieso alles geöffnet und »verkaufsoffen« mithin nichts Besonderes wäre. Folglich fände S-City Martini gefälligst am 6. November statt und basta.

Um ein ungetrübtes Einkaufserlebnis zu begünstigen, können Kinder auf dem Schloss- oder Marktplatz abgegeben werden, wo ein zielgruppengerechtes Angebot ihren Missmut hoffentlich dämpfen wird. Gegen halb sechs versammeln sich die Martini-Fans auf dem Schillerplatz, um den Ausführungen des Prälaten Michael H. F. Brock zu folgen, für Musik sorgen die Aurelius Sängerknaben aus Calw und Schlag 18:00 Uhr beginnt dann der große Martini-Laternenumzug.

Natürlich wird der Umzug auch dieses Jahr wieder in einer Live-Mantelteilung gipfeln — mit einem echten Bettler wohlgemerkt! Hier den richtigen zu finden, war gar nicht so einfach: Als Belohnung winkt immerhin ein Einkaufsgutschein über 5,00 Euro, eine Aussicht, die Stuttgarter Bedürftige gleich in Scharen zur zuständigen Casting-Agentur trieb, die sich gezwungen sah, per Losentscheid eine Vorauswahl von 50 Bewerbern zu treffen, denen die Chance zum Vorjammern gewährt wurde.

Fünf Minuten Zeit hatte jeder Teilnehmer, die Jury von seinen Qualitäten zu überzeugen. Fünf Minuten, in denen sie nach Kräften klagen und Mitleid erregen mussten — Stimmlage, Körperhaltung und devoter Ausdruck wurden dabei ebenso bewertet wie die allgemeine Verlottertheit des äußeren Erscheinungsbildes. »Alle waren verdammt gut«, so ein Jurysprecher, »und es war wirklich alles andere als easy für uns. Aber anyway, auch wenn wir am liebsten alle genommen hätten, mussten wir uns für die Top Five entscheiden — absolut!«

Die glücklichen Fünf werden sich am Sonntag vormittag in der großen Finalshow »Stuttgart sucht den Superbettler« präsentieren (ab 11:00 Uhr im Breuninger-Rondell), wo sie mit aufwendigen Klageperformances um das Mitleid des Publikums buhlen, das am Ende den Gesamtsieger küren wird. Ein wahres Event-Feuerwerk also, das sich kein Barmherziger entgehen lassen sollte!

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