Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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17 04.06

Fernsehen auf meinem Balkon

Von Frau Brezel
Leben . 17:41 Uhr

Also, ich habe einen Balkon. Der hängt hinten bei uns am Haus dran. Vorne raus verläuft die große Straße, die durch Stuttgart führt. Hinten auf dem Balkon ist es aber ruhig. Er ist der oberste von vieren. Die unterste Wohnung im Haus - im Hochparterre - hat keinen. Da ist ein Etablissement. Die jungen Damen bleiben also drinnen.

Alle Balkone unter meinem sind mit Kunststoffmatten verkleidet. Das Gitter meines Balkons habe ich nur mit Drahtgeflecht bespannt. So kann mein kleiner Sohn nicht sein gesamtes Spielzeug seinen Fallstudien opfern und trotzdem gut nach unten schauen.

Von hier oben sehen wir alles. Wir können uns durch alle Programme zappen.

Auf die zwei untersten Balkone kommen zwei meiner Nachbarinnen mehrmals täglich um zu rauchen, doch gar nie gleichzeitig. Eine besitzt einen großen leeren Pflanztopf; in dem steht ihr Aschenbecher. Die andere hat ein großes Kunststofffaß da stehen. Da hinein legt sie einmal im Jahr drei Dutzend Krautköpfe ein. Alle zwei Wochen gibt´s bei ihr also Kraut. Im Treppenhaus kann man riechen, wann.

Der alte Nachbar unten, ein blinder Herr von 85 Jahren, stellt an lauen Abenden seinen Lehnstuhl auf den Balkon. Dort sitzt er und hört mit dem Kopfhörer Musik. Wenn ich die Blumentöpfe auf meinem Balkon zu sehr wässere, wird er naß. Dann kommt seine Frau das Treppenhaus heraufgestürzt und klingelt sturm: “Sie gießen meinen Mann!”

Auf meinem Balkon stehen keine Stühle, weil ja ein kleines Kind im Haushalt lebt. Mein Balkon hat aber eine orangefarbene Markise. Sie macht aus meinem Balkon im Hochsommer eine kleine, gemütliche Laube. In den Tiefen darunter erstrecken sich die Abgründe des weitläufigen Hinterhofes.

Wenn ich auf dem Balkon sitze, dauert es niemals lang, bis sich irgendwo um mich herum etwas Aufsehenerregendes abzuspielen beginnt.

Tag 1: Rechts schräg gegenüber 1. Stock, nachmittags: Eine junge Türkin kniet auf dem Boden ihres Balkons. Sie hat den Inhalt einer Matratze vor sich hingeschüttet und schlägt mit einem Bambusstock den Kapok auf. Stundenlang. Immer aufs Neue verheddern sich die Fasern an der Rute. Sie unterbricht ihr stetes, kräftiges Schlagen, um den Stab mit den Fingern der einen Hand abzustreifen. Sie hält auch hin und wieder inne, um sich kurz aufzurichten oder um mit dem Handrücken der anderen Hand ihr Kopftuch etwas aus der Stirn zu schieben. Oder, um die Fasern und Flocken zu wenden und aufzuwerfen und um dann fortzufahren.

Tag 2: Links schräg gegenüber 3. Stock, später Vormittag. Eine ältere Frau mit nassem Haar steht in hautfarbener Unterwäsche auf ihrem Balkon. Sie sieht aus der Ferne und auf den ersten Blick völlig unbekleidet aus. Auf den zweiten Blick sieht man, wie sehr die Träger und Ränder ihrer Wäsche in die weiche Haut einschneiden. Sie steht da und schaut versunken ins Leere. Dann sieht sie auf, wird sich ihrer selbst bewußt und geht hinein in ihre Wohnung.

Alle Abende: Links schräg gegenüber 1. Stock: Ein junges Paar sieht fern. Die beiden sitzen umschlungen auf einem kleinen Sofa auf dem Balkon und schauen ins Innere der Wohnung, wo der Fernseher läuft.

Tag 3: Geradeaus gegenüber 4. Stock, nachts: Ein junger Mann macht sich zum Ausgehen fertig. Neben dem Fenster seines Zimmers hängt ein Spiegel an der Wand. Er steht da und probiert ein Hemd. Er schaut sich im Spiegel an, wirft sich kurz in Pose und zieht es dann wieder aus. Er zieht ein anderes Hemd an. Pose. Dann zieht er auch dieses Hemd wieder aus. Er zieht ein drittes Hemd an.
Er betrachtet sich wieder im Spiegel. Er legt eine Krawatte um den Kragen des Hemdes. Er beginnt, die Krawatte zu knoten. Er löst den Knoten. Er bindet erneut, löst erneut. Er hängt die Krawatte weg und öffnet die obersten zwei Knöpfe seines Hemdes, stellt den Kragen etwas auf. Er greift nach einem Jackett. Dann wird das Zimmer dunkel. Im Treppenhaus geht das Licht an. Der junge Mann springt in großen Schritten die Treppen hinunter.

Tag 4: Seitlich links Erdgeschoß des Hinterhauses, später Abend: Ein alter Mann betritt das kleine Haus. Er schließt die Tür auf, geht hinein. Das Licht geht an. Dann geht das Licht wieder aus. Im oberen Stockwerk geht das Licht an; die Balkontür wird geöffnet. Der Mann tritt heraus mit einer Gießkanne. Er gießt ein bißchen Wasser in jeden der etwa fünf Dutzend kleinen Blumentöpfe auf seinem Balkon. Dann geht er wieder hinein und schließt die Tür.

Tag 5: Geradeaus gegenüber 2. Stock im Hinterhaus, nachts: Eine Büroetage. Drei Räume im Dunkel. Ein großer Raum neonhell erleuchtet. Daneben ein kleines Seitenzimmer, in das das Neonlicht durch die offene Tür herüberleuchtet. Im Fenster dieses kleinen Seitenzimmers die Silhouetten einer Zimmerpflanze und eines jungen Mannes. Er steht da regungslos. Spricht durch die offene Tür mit jemandem im hellerleuchteten Raum. Dann beginnt er sich auszukleiden. Zieht das Oberteil über den Kopf und läßt es fallen. Bückt sich etwas, um aus der Hose zu steigen. Verschwindet dann ganz leicht gebeugt in den Hintergrund des kleinen Raumes. Augenblicke vergehen. Dann erscheint ein weiterer Mann, älter. Er verweilt kurz an der Schwelle, schaut ins Zimmer und betritt dann den Raum. Er lehnt die Tür hinter sich an. Sein Schatten verschwindet im Dunkel.

Tag 6: Schräg gegenüber, Dachgeschoß, früher Nachmittag: Es regnet in Strömen. Ein Junge schaut aus dem Dachfenster und beobachtet, wie das Wasser über die Ziegel in die Dachrinnen schießt. Er sieht mich und winkt herüber.

Im Sommer frühstücke ich morgens auf dem Balkon, bevor die ersten Sonnenstrahlen über den Giebeln der anderen Häuser aufstrahlen. Der Tag ist dann ganz neu und tönt glockenhell. Nirgends ist jemand zu sehen ringsum. Wunderbare Sendepause.

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9 Kommentare zu Fernsehen auf meinem Balkon

#1 Herr Enderle . 17.04.06 . 19:24 Uhr

Beste Frau Brezel, Ihre aufmerksamen Balkonblicke haben mir den Ostermontag versüßt. Vielleicht folgt bald eine ebenso bildhafte und amüsante Treppenhaustour?

#2 Henning . 17.04.06 . 21:45 Uhr

Und ich dachte, ich hätte gar keinen Fernseher. Dabei nutze ich ihn offenbar nur nicht. ;-)

#3 stillerVerehrer . 18.04.06 . 07:04 Uhr

Ganz wunderbar, Frau Brezel. Ganz wunderbar.

#4 Wegschaffel . 18.04.06 . 10:46 Uhr

Jetzt mal abgesehen davon, das es sich nicht gehört in anderer Menschen Wohnung fernzusehen, ist dieser Beitrag die Butter auf meiner morgendlichen Lese-Brezel. Mehr davon, bitte.

#5 Katinka . 18.04.06 . 12:37 Uhr

Liebe Frau Brezel, nach Ihren Schilderungen erwäge ich ganz ernsthaft, meine Gartengeschoss-Wohnung gegen eine nicht so langweilige „Fernseh-Wohnung” einzutauschen. Sie könnten mich mit weiteren derartigen Schilderungen durchaus motivieren, dies beschleunigt in Angriff zu nehmen.

#6 Frau Brezel . 18.04.06 . 17:10 Uhr

Lieber Herr Wegschaffel, um allen Vermutungen vorzubeugen: Ich habe niemandem IN die Wohnung geschaut, sondern nur gesehen, was nicht im Verborgenen - also auf dem Balkon oder an Fenstern ohne zugezogene Vorhänge - vor sich ging. Wußten Sie, daß die Mitteilungen auf Postkarten nicht unter das Postgeheimnis fallen? Ansonsten aber: Ganz herzlichen Dank für das Butter-Kompliment. (Vielleicht sollte ich meinen Namen ändern? Seufz…)

Lieber Stiller Verehrer, ich bin schon ganz betört. Herzlichst, Ihre Frau Butterbrezel

Lieber Herr Enderle, leider ist das Treppenhaus so aussichtslos… Doch herzlichen Dank für die Anregung - und wenn ich genau darüber nachsinne, fallen mir da schon einige sehr naheliegende Dinge ein…

Liebe Katinka, geben Sie bloß nicht ihren Garten auf! Bittebitte! Sie dürfen gerne mal zum Fernsehabend hierher kommen - mit Bohnensalat zum Barbecue versteht sich!

#7 Katinka . 19.04.06 . 14:06 Uhr

Liebe Frau Brezel, nachdem mir nach mehrstündigem Hacken, Düngen und Mulchen heute Muskeln an Körperstellen weh tun, die Nicht-Gärtner gar nicht kennen, bin ich schon versucht, das Domizil zu wechseln.
Büroarbeit empfinde ich zumindest heute als sehr erholsam…

#8 Tyler Durden . 19.04.06 . 19:37 Uhr

in gleichem Maß amüsant wie lebensnah und wahr.
Toller Bericht.

#9 gutes-fernsehen » Blog Archive » Re: Fernsehen auf dem Handy?! - Schweizer testen mobiles Fernsehen über … . 08.03.08 . 00:01 Uhr

[…] Dazumals hat doch auch jeder das Handy in Frage gestellt… Wer will > schon ständig erreichbar sein!!! Mit dem SMS dann […]

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