Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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02 01.09

Eine Stadt für die Menschen

Von nick
Vermischtes, Leben . 15:44 Uhr

Es gibt Dinge, bei denen ich sehr froh darüber bin, dass sie heute nicht mehr so sind wie früher. Bei anderen Dingen dagegen haben sich die Verhältnisse eindeutig zurückentwickelt. Gestern habe ich im Regal ein dünnes Buch gefunden, das sehr interessante Bilder unserer Stadt um die Jahrhundertwende zeigt (gerne würde ich ein paar dieser Bilder hier zur Schau stellen, ist aber wohl leider nicht erlaubt). Ich kann es viele Male durchblättern und finde in jedem Foto immer wieder neue verblüffende Details, die zeigen, was an Stuttgart alles geblieben ist und was sich in den letzten hundert Jahren verändert hat. Eine einzige Veränderung fällt in fast jedem Bild auf, die mich jedes mal zur selben Frage verleitet: Warum wurden die Städte im Laufe des Jahrhunderts so sehr auf den Autoverkehr ausgerichtet?

Bis vor siebzig Jahren war die Stadt nämlich autofrei. Die Menschen haben sich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit der (in nahezu jeder Straße vorhandenen) Straßenbahn fortbewegt und das hat funktioniert. Die Räume zwischen den Häusern (heute besser als Straßen bekannt) war für die Menschen da und nicht für die Autos. Große Plätze wie z.B. der Charlottenplatz oder der Österreichische Platz waren keine stinkenden Verkehrsknotenpunkte, sondern Plätze, auf denen sich Menschen aufhielten und lebten. An fast jeder Ecke gab es einen Brunnen oder eine kleine Grünanlage, das alles zwischen den traumhaften Jugendstilbauten, die in vielen Stadtteilen noch heute stehen. Alles ohne Autos. So war damals eine Stadt, und so war auch Stuttgart.

Doch plötzlich kam das Auto. Irgendwann nach dem Krieg wurde das plötzlich modern, dass sich jeder mit seinem eigenen Fahrzeug fortbewegen kann. Obwohl wir heute wissen, dass diese extrem teure, laute, gefährliche, antiquierte Form des Individualverkehrs die Luft verpestet und die Lebensqualität enorm einschränkt, ist die Stadt seit dem Durchbruch dieser “Technologie” vollkommen auf das Auto fixiert. Menschen werden an den Straßenrand bzw. auf die wenigen verbleibenden und somit völlig überlaufenen Fußgängerzonen verbannt. Ist die Zeit denn nicht reif für eine Art Rückbesinnung bzw einen weiteren Schritt, was den Personenverkehr in der Stadt betrifft?

Ich bin übrigens selbst Autofahrer und weiß um die Vorzüge der Autofahrerei. Allerdings habe ich das Gefühl, dass im aktuellen Zeitgeist vielen Menschen Mobilität und der Besitz eines schönen Autos viel wichtiger sind als Lebensqualität. Mir persönlich geht es anders, und ich würde eine komplette Verbannung des Autos aus der Stadt sofort unterschreiben. Natürlich muss es ausgereifte Alternativkonzepte geben, und ich bin mir sicher, dass sich in diesem Bereich schon viel getan hätte, wenn die Autoindustrie keine so bedeutende Rolle in Politik und Wirtschaft inne hätte, um die Existenz dieser eigentlich antiquierten Verkehrsform aufrecht zu erhalten.

Was Innovation im Städtebau anbelangt, bin ich übrigens dafür, den Schlossgarten nicht um eine Gleisfläche zu erweitern. Vielmehr sollte man den Park in die anderen Richtung (Cannstatter Straße) auszubauen. Das wäre ausnahmsweise mal eine Investition in Lebensqualität, eine Investition für die Menschen.

Nachtrag: Hier habe ich doch noch zwei Bilder gefunden, die zeigen, wie es ohne Autos aussehen könnte. Das erste zeigt den Hauptbahnhof (Hindenburgbau), das zweite die Kreuzung Hohenheimer-/Bopserwaldstraße.

hbf_400.gif

bopser_400.gif

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8 Kommentare zu Eine Stadt für die Menschen

#1 Peter . 02.01.09 . 16:01 Uhr

Da kann ich Dir nur zustimmen - ich frage mich auch andauernd, wieso die Städte eigentlich so komplett auf den schnellen Durchsatz möglichst vieler Autos ausgelegt sein müssen? Von der Verschandelung des Stadtbildes durch die ganzen hässlichen Blechkarossen mal ganz zu schweigen - die Bürgersteige und Straßen sind ja durch Autos oft genug zugestellt…

#2 Plasier . 02.01.09 . 18:33 Uhr

Und die albernen Diskussionen um den Feinstaub wären nicht existent…
Alleine deshalb wäre es lohnenswert!!!

#3 busbahnautofahrer . 03.01.09 . 17:49 Uhr

Das Auto, das Symbol der Gesellschaft von Isolierten :o)

Inseressant ist die Art wie Menschen kommunizieren, wenn Sie in einem Auto durch die Straßen ziehen. Der Kontakt zu Anderen (wenn er denn stattfindet) läuft rauer ab. Arroganter und öfters auch mit Fingern.
Sind die Fahrer dann ausgestiegen wird die Sicht auf die Welt schnell wieder umgestaltet. Ein bisschen weniger Unabhängigkeit und Gefühl von Stärke - und schon ist derjenige wieder umgänglicher.

Man hat hin und wieder das Gefühl, ein Autofahrer hat keine Freunde während er im Auto sitzt.

Gruß
Ein Bus-, Bahn- und Autofahrer.

#4 Flakfritz . 04.01.09 . 18:46 Uhr

Die Räume zwischen den Häusern (heute besser als Straßen bekannt) war für die Menschen da und nicht für die Autos

Aber nicht in Stuttgart!

In einem Buch über das “alte” Ludwigsburg sieht man ein Foto, auf dem die Ludwigsburger mitten auf der Straße zu Fuß unterwegs sind. Darunter stand, das es in Stuttgart zur selben Zeit in einem (damals bestimmt lustigen Witz) geheissen hat; “Woran erkennt man einen Ludwigsburger? Daran, dass er mitten auf der Straße läuft!”

#5 stacato . 05.01.09 . 11:38 Uhr

Vor gut einem halben Jahr, es war Sommer, kam ich gerade aus dem S-Bahn-Schacht hoch gekrabbelt und bahnte mir meinen Weg an die Oberfläche. Nun stand ich dort, am Rotebühlplatz, in der Sonne rekelnd und mit dem Gedanken an ein frisches kühles Bier liebäugend.
Da fiel mir ein recht alter Herr auf der sehr verwirrt zwischen Brunnen und Sushi Bar stand und nicht recht wusste ob nun rechts, links, vorne oder hinter.
Da ich an diesem Tage noch keine gute Tat vollbracht hatte gesellte ich mich zu ihm und fragte ob ich behilflich sein könne.
Der Mann schaute mich verblüfft an und murmelte “Hier war mal eine Straßenbahn. Wo ist die hin?”

Als Stuttgarter der mitten in der Stadt lebt und mit dem Wandel der Zeit mitfließt, ignoriert und übersieht man über die Jahre die doch sehr drastischen Veränderungen der eigenen Stadt.
Erst wenn ein Ortsfremder ankommt und ein Bild vom ‘früheren’ Stuttgart offenbart dass nicht mehr zum Jetzt passt merkt man doch was sich so verändert.

#6 circulus . 05.01.09 . 19:17 Uhr

Erstaunlich, dass noch keiner der Fortschrittsfanatiker aufgetaucht ist und die Plädoyers für eine autofreie Stadt den ewig Gestrigen zuordnet!?

Anstatt die Stadt nun so zu lassen und darauf zu warten, dass der Autoverkehr von alleine abebbt (weil er nicht mehr bezahlbar sein wird), plant die Kommune fleißig weiter millionenschwere Bauprojekte: Überdeckelung hier (Kulturmeile) und Untertunnelung da (B10 unter die Wilhelma). Geplant von vernunftbefreiten, gehirnamputierten und womöglich korrupten Dirigenten, äh ich meine natürlich Ingenieure. Wie kam ich auf Dirigenten? Warum geistert mir im Moment der Name Karajan durch den Kopf? *stirnrunzel*

Sicher ist: Ein elendes Geklüngel in dieser Stadtverwaltung verhindert zuverlässig jegliche Verbesserung FÜR den Stuttgarter BÜRGER!

#7 garsuas . 06.01.09 . 19:48 Uhr

Ich denke, dass einer der Gründe warum bei uns noch kein Umdenken stattfindet ist nämlich die Angst um unser so gepflegtes Steckenpferd und die große Einnahmequelle - Auto. Ich bin auch ein Autofahrer, doch fühle mich zum Teil, von der Bequemlichkeit verleitet, als des Autos ein Sklave. Mein Inneres schreit nach Freiheit, doch das Unvermögen das müde Fleisch zu überwinden und sich der fahrenden Sitzgelegenheit zu entziehen verleiht einem das ungute Gefühl dem dekadenten
Fortschritt mit dem Gesicht einer niedlichen Blechtrommel ausgeliefert zu sein. Ich wünschte die Benzinpreise würden dermaßen Explodieren, dass solche Faulpelze wie ich einer bin, nicht mehr dazu kämen auch nur im Traum daran zu denken dem mechanischen Stinktier in die Nähe zu kommen.
Andererseits liebe Leute muss wirklich grundlegend ein Umdenken stattfinden. Zum Beispiel ist meine Arbeitsstätte so gelegen, dass ein alternatives Erreichen als eben mit dem Auto ein sehr Zeitaufwendiges und Nervenraubendes Unterfangen darstellt. Es ist eben ein Teufelskreis, der Irgend-wo durchbrochen werden muss, und dies kann nur gegen unseren Willen geschehen. Und was tut dem Konsumorientierten am meisten weh? Die hohen Preise natürlich. Also, ein Wohl auf die überhöhten Spritpreise!!!

#8 flawed . 07.01.09 . 20:46 Uhr

circulus,
weil es noch ein paar jahrzehnte dauern wird (wenn überhaupt), bis autofahren unbezahlbar wird.
Bis dahin brauchen wir eben Lösungen, sich mit dem Autoverkehr zu arrangieren.

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