Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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19 10.11

Ein Denkmal der Fühllosigkeit

Von Frau Doktor
Vermischtes, Kultur, Leben, Fundsachen . 00:03 Uhr

Der Kampf des Ehepaars Erbslöh gegen zwei winzige Gedenksteine, eingelassen in den Bürgersteig vor ihrem Haus in der Hohentwielstraße 146 B, die an die ehemaligen Bewohner des Hauses, Mathilde und Max Henle, erinnern, fasziniert mich, seit ich das erste Mal davon in der Zeitung las. Das war Anfang diesen Jahres, als von ihrer Klage gegen das Verlegen von zwei „Stolpersteinen“ durch den Kölner Künstler Gunter Demnig und die lokale Stolperstein-Initiative berichtet wurde. Im März hat das Amtsgericht in der ersten Instanz, Ende August dann das Landgericht Stuttgart endgültig entschieden, dass die Stadt Stuttgart die Gedenksteine nicht entfernen oder abändern muss.

Schon direkt nach der Urteilsverkündung verkündete wiederum Herr Erbslöh, das seiner Familie angetane Unrecht durch eine eigenen Website und eine Hinweistafel auf dem Haus in der Hohentwielstraße bekannt zu machen. Letzte Woche nun hat Herr Erbslöh seine Ankündigung wahrgemacht. An der Fassade seines Hauses prangt nun ein häßliches Plastikschild mit der Aufschrift:

Hier wohnten unbehelligt Max und Mathilde Henle
1.4. 1932 – 30. 3. 1939

Eine Website scheint es noch nicht zu geben, auf einschlägigen Webforen können sich die Erbslöhs aber schon über Zuspruch durch reaktionäre und antisemitische Kommentatoren freuen. Die loben die tapferen Schwaben dafür, sich gegen die Front der linken Gutmenschen und den von interessierten jüdischen Kreisen geschürten Gedenkterror zu wehren. Vermutlich weiß der enragierte Herr Erbslöh – Frau Erbslöh scheint sich fast nie in der Öffentlichkeit zu äußern, obwohl es sich bei dem Haus um ihr Elternhaus handelt – davon gar nichts.

Denn das ist für mich das Faszinierende an dieser Geschichte: Den Erbslöhs scheint intellektuell und emotional völlig unzugänglich sein, in welche politischen und ideologischen Traditionen sie sich mit ihrem Verhalten stellen – und so reproduzieren sie, so sieht es zumindest für mich aus, zwanghaft deren stilistische und argumentative Tropen: von der aktiven Verleugnung historischer Fakten (1939 hat kein als Jude stigmatisierter Stuttgarter mehr die Entscheidungsfreiheit gehabt, sich seinen Wohnsitz aussuchen zu können, und unbehelligt lebten sie schon lange nicht mehr) bis hin zur Selbstinszenierung als den eigentlichen Opfern der Geschichte. Die Versuche der Erbslöhs, das Ansehen und das Andenken der eigenen Eltern von der Schande der in ein sogenanntes „Judenhaus“ umgezogenen jüdischen Mieter reinzuwaschen, produzieren genau das Gegenteil. So lassen sie in den Stuttgarter Nachrichten vom 18. Oktober verlauten, dass dem Ehepaar Henle ganz rechtmäßig wegen Eigenbedarfs zum 30. März gekündigt wurde. Ein Sohn der Hausbesitzer, als Ingenieur bei der Stadt tätig und – natürlich – gezwungenermaßen in die NSDAP eingetreten, hatte eine Familie gegründet und wollte die Wohnung beziehen. Dass es sich bei dem Mann um Frau Erbslöhs Vater gehandelt haben könnte, – sie ist nach Angaben der Stuttgarter Zeitung 1940 geboren –, erscheint mir ziemlich wahrscheinlich. Mir kommt es aber nicht auf die Identität dieses Mannes an, sondern auf die moralische Beschränktheit, die aus diesen Äußerungen der Erbslöhs spricht. Offensichtlich sind 66 Jahre Diskussion und Aufarbeitung des Dritten Reiches völlig an ihnen vorbeigegangen – und gerade ihr unter diskussionstaktischen Gesichtspunkten unglaubliches Ungeschick, mit der mittlerweile nur allzu bekannten Entlastungs- und Verschleierungsrhetorik von Arisierungs- und Systemprofiteuren der lokalen Stolperstein-Initiative und der Stadt Stuttgart eine Geschichtsfälschung vorzuwerfen, – natürlich fällt dabei auch das Wort „unsäglich“ und den „Glauben an die Demokratie und den Rechtsstaat“ hat man natürlich auch verloren –, ist für mich der beste Beleg dafür, dass hier zwei Menschen tatsächlich nicht wissen, was sie tun. Und anscheinend gibt es auch niemanden, der ihre Geisterfahrt durch die Schrecken und Finsternisse der eigenen Familiengeschichte aufhalten kann. Wer so taub und blind für die Wirklichkeit geworden ist, der hört die Stimmen seiner Freunde vermutlich gar nicht mehr.

Herr und Frau Erbslöh können einem eigentlich nur leid tun.

29 Kommentare zu Ein Denkmal der Fühllosigkeit

#1 planb- . 19.10.11 . 01:33 Uhr

Ich bin auch etwas fassungslos über die Erbslöhs.
Höchstwahrscheinlich ist es ein verinnerlichtes, aber nicht wahr haben wollendes Schuldgefühl, das zu solch seltsamen Reaktionen führt.

#2 nick . 21.10.11 . 21:14 Uhr

Wie begründen die Elbslöhs denn ihre Aussage

Hier wohnten unbehelligt Max und Mathilde Henle
1.4. 1932 – 30. 3. 1939

?

Bitte versteht mich nicht falsch, mich würde nur interessieren, ob sie für diese Aussage vielleicht historische Belege haben. Ich meine, so einfach können die das ja nicht erfinden, oder?

Obgleich ich finde, dass es lächerlich und bemitleidenswert ist, wenn ein Ehepaar gegen einen Stolperstein vor dem Haus kämpft.

#3 Herr Linsinger . 21.10.11 . 22:51 Uhr

Ich glaube man darf über die Elbslöhs gar nicht so viel nachdenken. Sie sind einfach verbiestert und empfinden den Stolperstein vor Ihrem Haus als Schande.
Schande über sie! Mehr fällt mir dazu leider nicht ein….. Es ist ein Jammer.

#4 MC Buhl . 25.10.11 . 11:45 Uhr

Mich erinnert das ein bissle an meinen einzigen Besuch im ehemaligen Ostpreußen: die Leute dort haben uns ganz schön schräg angeschaut. Erst als wir ihnen klar machen konnten, dass wir keinerlei revisionistischen Absichten haben, sind sie aufgetaut. Der Herr Erbslöh wird Angst haben, dass die sog. “Arisierung” des Hauses offenbar wird - dabei macht das doch heute niemanden mehr jaloux, wie man am Beispiel der beiden Uniformenschneider am Marktplatz sehen kann…

#5 Frau Doktor . 25.10.11 . 17:44 Uhr

@MC Buhl: Das Haus wurde nicht arisiert, das gehörte den Großeltern von Frau Erbslöh schon als die Henles einzogen. Das ist ja das Verrückte: Erst durch das absolut unangemessene und gegenüber dem Andenken der Henles unverschämte Verhalten der Erbslöhs habe ich angefangen mir Gedanken darüber zu machen, welche Nazi-Vergangenheit wohl diese Familie hat. Mittlerweile weiß man, dass der Mann, wegen dem die Henles ausziehen mussten, NSDAP-Mitglied war. Vollends anrüchig wird die Sache, wenn man weiß, dass am 30. April 1939 ein Gesetz in Kraft trat, dass als jüdisch stigmatisierten Menschen den Mieterschutz faktisch entzog. Was meint: Jüdisch zu sein in einem Haus, das einem “Arier” gehörte, war ein Kündigungsgrund.
Ohne diesen Zirkus hätte das kein Mensch gewusst, geschweige denn interessiert. Es wäre eine Familienangelegenheit geblieben. Nun haben die Erbslöhs Glück, dass sich bis jetzt nur eine Bloggerin und ein Journalist der STuttgarter Nachrichten aufgerufen gefühlt haben, da ein bisschen nachzugraben. Man könnte denen das Leben ja ganz anders zur Hölle machen. Aber wie gesagt: Mir tun sie eigentlich leid, weil ich hinter ihrem Verhalten eine Familientragödie vermute.
Wer ist denn der andere Arisierungsprofiteur am Marktplatz neben Breuninger?

#6 MeiDe . 28.10.11 . 16:11 Uhr

Ich unterstütze die Stolpersteininitative. Sie soll erinnern, was früher geschah. Allerdings verbinde ich, wenn ich Stolpersteine in Deutschland sehe, nicht automtisch das die Bewohner des Hauses etwas damit zu tun haben. Dafür sind doch zu viel Jahre vergangen. Mir gibt dann zu denken, wenn jemand so vehement sogar mit Gericht dagegen angeht, was er bezwecken will. Will er oder kann er nicht akzeptieren was damals geschah. Wenn die vorherigen Infos stimmen, fällt mir der Spruch mit dem Glashaus ein.

#7 Kniestock . 08.11.11 . 16:42 Uhr

Wegen offensichtlichem Unvermögen, den Blogbeitrag und die dazugehörigen Kommentare zu verstehen oder verstehen zu wollen, wurde dieser Kommentar von Frau Doktor gelöscht. Ja, bei einem solchen Thema findet in meinen Beiträgen eine Zensur statt.

#8 Paul-geht-baden . 08.11.11 . 20:35 Uhr

Sehr gut, Frau Doktor. Das gefällt uns.

#9 Helga Erbslöh . 09.11.11 . 09:04 Uhr

Ich sehe nicht, was an der Gedenktafel “hässlich” sein soll. Sie ist bewusst hochgehängt, damit man zu den Opfern des Naziterrors aufschaut und nicht (wie bei den Stolpersteinen) mit Füßen tritt. Und die Gedenktafel ist wahrhaftig! Vielleicht ist es das, was Frau Doktor stört.

#10 Fairman . 09.11.11 . 09:29 Uhr

Bravo! Bisher scheint den Verfechtern dieser Stolpersteine noch nicht aufgefallen zu sein, dass hier eine durchsichtige Geschichtsverfälschung vorliegt.

#11 MC Buhl . 09.11.11 . 09:57 Uhr

@ Frau Doktor
Sorry, da habe ich das Antworten verpennt :/

http://www.breitling.de/

Man muss aber zumindest beim Breuninger dazu sagen, dass die schon davor an der Hauptstädter das “Hochhaus” gebaut hatten.

#12 Frau Doktor . 09.11.11 . 10:28 Uhr

Kein Problem, MC Buhl! Mir ahnte doch schon sowas.

#13 MC Buhl . 09.11.11 . 11:27 Uhr

Buch: Stuttgarter NS-Täter

kann man zumindest bei den Anstiftern kaufen.

#14 Frau Doktor . 09.11.11 . 11:28 Uhr

Die Kommentar #9 und #10 wurden mit einem E-Mail-Account authentifiziert, der den Namen Erbslöh führt. Allein aus diesem Grunde habe ich sich nicht gelöscht, auch wenn das natürlich inkonsequent von mir ist.

@Frau und Herr Erbslöh (falls Sie das wirklich sind):
Sehr geehrte Frau Erbslöh, sehr geehrter Herr Erbslöh, bitte tun Sie sich den Gefallen, sich hier in den Kommentaren nicht weiter mit Vokabeln wie Geschichtsfälschung zum Gedenken an Opfer der Verfolgung von als jüdisch diskriminierten Menschen zu äußern. Ich gehe noch davon aus, dass Ihnen nicht klar ist, dass Sie damit die Sprache der Holocaust-Leugner, Geschichtsrevisionisten und Anti-Semiten benutzen. Für jemanden, der sich in der eigenen Ehre gekränkt fühlt, gehen Sie sehr verantwortunglos mit Sprache und historischen Fakten um. Ich halte das noch für Naivität und mangelnde Refelxionsfähigkeit. Man kann das natürlich auch ganz ander interpretieren.

Mit freundlichen Grüßen
Frau Doktor

#15 Helga Erbslöh . 09.11.11 . 12:24 Uhr

Frau Doktor bemäkelt, dass ich mich als Hauseigentümerin öffentlich mit Kommentaren zurückhalte. Heute morgen habe ich unter voller Nennung meines Namens (also nicht versteckt hinter einem Anonym) eine Stellungnahme zur Gedenktafel an meinem Haus abgegeben. Nach eiber halben Stunde war mein Beitrag gelöscht. Zensur! Wenn man einer offenen Diskussion derart aus dem Wege geht, muss man schon sehr schlechte Argumente haben!

#16 Frau Doktor . 09.11.11 . 12:31 Uhr

Ach Frau Erbslöh, lesen und denken Sie doch einmal nach, bevor Sie sich wieder auf den Schlips getreten fühlen. Der gelöschte Kommentar war nicht unter Ihrem Namen. Das Internet ist voll von Plattformen, an denen Sie Ihr Leid über die Schlechtigkeit der Welt, die Ihnen zumutet, mit dem Andenken an zwei vertriebene und anschließende ermordete Menschen leben zu müssen, voll schreiben können. Aber ab jetzt nicht mehr in den Kommentaren zu diesem Artikel - und schon garnicht am 9. November.

#17 Ralf Schmid (Hrsg.) . 09.11.11 . 13:13 Uhr

Die Kommentar #9 und #10 wurden mit einem E-Mail-Account authentifiziert, der den Namen Erbslöh führt.

Ich möchte doch sehr dringend darum bitten, solche Outings zu unterlassen, auch wenn es sich um Leute handelt, die einem nicht passen. Entweder haben hier alle das Recht auf Anonymität oder keiner.

#18 Frau Doktor . 09.11.11 . 13:39 Uhr

Sie haben recht. Das war extrem blöd von mir.

#19 Helga Erbslöh . 09.11.11 . 13:46 Uhr

Kleine Lehrstunde zum Thema “Geschichtsfälschung”:
Wie auf der Gedenktafel vor meinem Haus zu lesen ist und wie
korrekt recherchiert wurde, ist das Ehepaar Henle am 30.3.1939 aus meinem Elternhaus ausgezogen. Auf den Stolpersteinen vor meinem Haus steht aber davon nichts,
sondern nur, dass das Ehepaar von hier 1942 deportiert und umgebracht wurde. Das ist für mich der Grund dafür, dass ich eine Änderung der Aufschrift auf den Steinen verlange oder aber dass die Steine vor das Haus in der Koppentalstr. 3 versetzt werden, wo das Unrecht wirklich geschehen ist!
Aber: wer nicht sehen will, dem hilft auch keine Brille.

#20 Frau Doktor . 09.11.11 . 14:02 Uhr

Lesen ist einfach nicht Ihre Stärke, Frau Erbslöh: Auf keinem Stolperstein steht, dass die Menschen, denen damit ein Denkmal gesetzt wird, von dem Ort deportiert wurden, an dem der Stolperstein sitzt, sondern das diese Adresse die Adresse der letzten ermittelten freiwillig bezogene Wohnung der Menschen war.

So sehen die Stolpersteine aus: http://www.stuttgarter-zeitung.de/i...

Und hier nochmal die Biographie von Mathilde und Max Henle: http://www.stolpersteine-stuttgart....

#21 Frau Doktor . 09.11.11 . 14:09 Uhr

Am heutigen 9. November, an dem sich die Pogromnacht von 1938 zum 73. Mal jährt, findet eine Stunde der Besinnung im Rathaus der Stadt Stuttgart statt: 19.30 Uhr im Großen Sitzungssaal. Das gedenken wird von Schülerinnen und Schülern STuttgaretr und Tübnger Schulen, den Jugendräten, Studierenden der Pädagogoschen Hochschule Ludwigsburg und der Amnesty Hochschulgruppe gestaltet.

Schon um 17.30 findet die Gedenkfeier der Israelitischen Religionsgemeinschaft vor der Synagoge in der Hospitalstraße statt. Dort sprechen Ministerin Bilkay Öney (Land Baden-Württemberg),
- Susanne Jakubowski (IRGW),
- Landesrabbiner Netanel Wurmser (IRGW) und
- Susanne Laugwitz-Aulbach (Landeshauptstadt Stuttgart)
Anschließend gibt es eine Führung durch die Synagoge.

#22 MC Buhl . 09.11.11 . 15:59 Uhr

Nunja, man kann die Aufschrift auf den “Steinen” (es sind ja Metallklötzchen) schon so lesen, dass die Deportation aus diesem Haus heraus geschah. Das war wegen der _legal_ möglichen Kündigung nicht der Fall: die Henles zogen 1939 _warum auch immer_ aus. Zumindest diesen Fakt hätte man auf dem “Stein” unterbringen können. ZB: hier wohnte bis 1939 - Name/Jahrgang - Zwangsumzug 1939 in die Koppentalstr. 3 - usw.
Zumindest damit müsste man dann aber leben, denn es ist _Unrecht_ geschehen: die Kündigung mag legal gewesen sein, legitim war sie nicht! Und nach allen Vorfällen in den Jahren seitdem die Nazis an der Macht waren, musste dem Besitzer klar gewesen sein, was aufgrund seiner Kündigung passieren wird - da gibt es keine Ausreden, alle haben es gewusst und viel zu viele haben sich ins Fäustchen gelacht und sogar noch ihren Vorteil daraus gezogen.

#23 Frau Doktor . 09.11.11 . 16:43 Uhr

@McBuhl: Soweit ich das verstanden habe, ist der Text der Stolpersteine gewissermaßen ’standardisiert’. Es wird immer nur das Deportationsdatum genannt, nicht das Datum des Auszugs. Die ganze Geschichte, soweit sie rekonstruiert werden konnte, findet sich dann bei Stolpersteine Stuttgart im Netz und im Archiv. Laut Stolperstein Initiative hatten sie bisher noch nie das Problem, dass sich die Besitzer eines Hauses entehrt gefühlt und Wertverlust fürchten, weil an die ehemaligen deportierten und ermordeten Bewohner des Hauses per Stolperstein erinnert wird.
Ich finde diese ‘Standardisierung’ gar nicht schlecht, denn so wird einem, wenn man mit offenen Augen durch die Stadt geht, irgendwann mal klar, wie viele Menschen hier gewohnt haben, die seit ab 1941 schubweise aus der Stadt verschwunden wurden.

Vor dem Haus Koppentalstraße 3 liegen drei Stolpersteine, die an Erna Bickart, Gretchen Bohle und Marie Zinn erinnern. Frau Bickart gehörte das Haus, Frau Bohle und Frau Zinn waren Mieterinnen. 1939 wurde das Haus von der Stadt zum Judenhaus erklärt.

#24 Helga Erbslöh . 09.11.11 . 17:30 Uhr

Wenn es so wäre, wie uns Frau Doktor vorgaukeln will, dann ist es bemerkenswert, dass aber die 4. Zivilkammer des Landgerichts Stuttgart (gewiss nach eingehender Prüfung aller vorliegenden Fakten) einstimmig geurteilt hat:
“Eine klarstellende Textergänzung (auf den Stolpersteinen) wäre zur Beilegung des Rechtsstreits und insbesondere zur Steigerung der allgemeinen Akzeptanz des mit der Verlegung der “Stolpersteine” verfolgten Ziels (!!!) sinnvoll und erstrebenswert.”
Das sitzt tief! Das bedarf keines weiteren Kommentars!

#25 MC Buhl . 09.11.11 . 18:18 Uhr

@Frau Doktor
Dass dieses Haus Koppentalstr. 3 ein sog. “Judenhaus” war, habe ich mir fast gedacht. Was das für die Bewohner des Hauses bedeutet hat kann man bei Klemperer nachlesen.

@Frau Erbslöh
Die Stz schreibt in dem oben verlinkten Artikel: “Das Landgericht wird voraussichtlich im Herbst ein Urteil fällen.” Ich konnte noch keinen neueren Bericht mit einem Urteil recherchieren -habe ich etwas verpasst?

#26 Frau Doktor . 09.11.11 . 18:21 Uhr

Warum ist es denn für Sie so unerträglich, wenn an die ehemaligen Mit-Hausewohner Ihrer Familie erinnert wird? In Stuttgart wurden mehr als 2.000 Bürgerinnen und Bürger zuerst diskriminiert, dann stigmatisiert, in Extra-Häusern zusammengepfercht, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in Ghettos oder KZs im Osten transportiert und ermordet. Bis 1933 haben die wie alle anderen auch unter unseren Urgroßerltern, Großeltern und Eltern gelebt, aber damit war es dann vorbei – und kaum jemand hat sich für die Menschen- und Bürgerrechte ihrer Nachbarn, Mieter oder Vermieter engagiert. Diese Schande müssen wir alle tragen – und daran erinnern die Steine. Niemand hat damit irgendjemanden der Hausbewohner beschuldigt, aktiv an der Deportation mitgewirkt zu haben. Durch Ihre menschlich und juristisch völlig unberatene Aktion lenken Sie doch erst die Aufmerksamkeit auf sich – und das noch mit einem Vokabular, das sich bedenklich an das von Holocaust-Leugnern annähert. Außerdem ignoriert Ihre Tafel komplett die Lebensumstände des Ehepaar Henle und die aller als jüdisch diskriminierten Menschen in Stuttgart spätesten nach dem 9. November 1938. Dafür das Wort ‘unbehelligt’ zu nutzen ist einfach nur geschichtsblind und absolut herzlos. Die Henles mussten Angst haben, wenn sie auf die Straße gegangen sind. Als Juden waren sie ihrer bürgerlichen Rechte beraubt worden. Man hatte ihnen ihre Reisepässe weggenommen, selbst mit Geld wäre es schwierig gewesen, auszureisen. Tätlichkeiten und Beleidigungen gegenüber als Juden diskriminierte Menschen blieben, von ganz wenigen Fällen abgesehen, ungestraft. Sie konnten sich nicht einfach frei bewegen und ihren Wohnsitz wählen. Wenn einem Vertreter von Recht und Gesetz danach war oder es gerade passte, konnten sie einfach so verhaftet werden.
Und alles, was Sie dazu zu sagen haben, ist:

Hier wohnten unbehelligt Max und Mathilde Henle
1.4. 1932 – 30. 3. 1939

#27 Exilant . 09.11.11 . 20:28 Uhr

Danke Frau Doktor für diesen Beitrag.
Mir tut das Ehepaar Erbslöh auch schon fast leid. Denn es gibt nicht viele Leute die sich für die Stolpersteine interessieren. Man nimmt diese zwar wahr, und liest sie vielleicht, aber ich persönlich zum Beispiel würde nicht auf die Idee kommen die Geschichte der dort verewigten Personen zu ergründen. Ich meine damit, dass ich nie daran gedacht hätte, die heutigen Hausbesitzer oder deren Familie hätte irgendetwas mit der Deportation der Juden von damals zu tun.
Wertminderung des Gebäudes oder Geschichtsverfälschung als Argument gegen diese Stolpersteine halte ich persönlich für eine schlechten Witz.

#28 Herr Linsinger . 09.11.11 . 21:07 Uhr

Wenn in meinem Haus Juden gelebt hätten die später (von woher auch immer) deportiert worden wären, wäre es mir eine ehrliches Anliegen einen solchen Stolperstein vor meinem Haus zu haben. Aus Respekt vor den Menschen und als Erinnerung an die Schmach!

Die Argumentation der Erbslöhs will einfach nicht in mein Hirn rein, ich verstehe es einfach nicht!

#29 Frau Doktor . 10.11.11 . 09:46 Uhr

Ich wünsche es den Erbslöhs von Herzen, dass sie irgendwann mal Frieden mit den zwei Steinen schließen können, die vor ihrem Haus an die Henles erinnern.

Die Stadt München hat zusammen mit der Künstlerin Michaela Melian ein sehr spannendes und wie ich finde auch ästhetisch überzeugendes Projekt zur Dokumentation und Erinnerung an die Nazi-Verbrechen in München gemacht. Sowas fände ich für Stuttgart auch gut. Da könnte die dokumentarische Arbeit der Stolperstein Initiativen und anderer Geschichtsinitiativen zusammengeführt und in de Öffentlichkeit präsenter werden. Die Einrichtung einer Gedenk- und Dokumentationsstätte im Hotel Silber-Komplex könnte dazu eine gute Gelegenheit sein oder die Einrichtung des Stadtmuseums im Wilhelmspalais.