Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
12 04.06

Die WM in der eigenen Stadt

Von A.S.K.
Leben, Sport . 17:00 Uhr

Die WM ist bald da, steht sozusagen vor der Tür, und das Fieber hat noch nicht jeden gepackt. Dabei müsste doch eigentlich das Virus florieren wie der Handel es nicht tut. Die Erwartung fremder, neuer, interessanter Kulturen in FanForm, das pulsierende Leben, spürbar in unserer Stadt, wenn man nur den Finger hebt, um ihn auf den Aderschlag zu legen.
Jedoch der Fernseher. In diesen Zeiten, wo die Modelle ständig besser und immer ein bisschen neuer werden, und sogar unser Star, unsere Lichtfigur, der Einzelkämper und LoneRider – die Rede ist von Michael Ballack – Werbung für Sony Fernseher macht; da ist natürlich die Versuchung groß, daheim zu bleiben, in der Hoffnung, das Fieber werde notfalls auch über die Mattscheibe übermittelt.
Doch das ist Fehlanzeige, Falscheinschätzung; es bedarf eines gewissen Aufstehens und einer gewissen Bewegung in Richtung des Trubels um den Jubel; dort wo die Kassen klingeln und die Menschenmassen singen – nur dort gibt es das Virus kostenfrei.
Ja, selbst die Stadt Stuttgart hat das erkannt und wirbt noch um 250 WM-Helfer, die Touristen durch die Stadt und den ganzen Schlammassel geleiten soll – wenn das mal gut geht. Aber an sich eine optimale Möglichkeit für die Völkerverständigung.

Sicher, es ist schon schade, dass Brasilien wohl nicht hier in Stuttgart gastieren wird (Vorraussetzung wäre ja das Rausfliegen im Halbfinale, da das Spiel um Platz Drei im Gottlieb-Daimler-Stadion ausgetragen wird).
Einen Ronaldinho live sehen, einmal den perlenden Schweiß der Waden von Roberto Carlos in atemberaubender Geschwindigkeit durch die Luft fliegen sehen, sich danach hechten, ihn gar einfangen, und ach, die Spielkunst, den Zauber vom Zuckerhut erfahren….. wer will das schon? Mal ehrlich, viel wichtiger sind doch die Fans, die brasilianischen SambaTänzerinnen, die verführerisch mit den Hüften schwingen, in leuchtenden Farben strahlen, und alles in allem - dem WM Helfer Job ungeahnte Attraktivität verleihen könnten. Ja könnten, doch wir wissen ja nicht, ob Brasilien tatsächlich im Halbfinale rausfliegt, oder gar schon frühzeitiger.

Alles was wir wissen können, ist dass Brasilien im Finale wahrscheinlich gegen Argentinien oder Tschechien spielen wird. Deutschland fliegt direkt nach dem Gruppensieg raus, gegen Angola, das sich in der Gruppe D gegen den Iran, Portugal und Mexiko beeindruckend durchgesetzt hat. Und da haben wir´s dann. Kahn gibt frustriert auf, beendet seine Karriere, nachdem er nur im Spiel gegen Ecuador die letzten fünf Minuten spielen durfte, weil Lehmann keine Lust mehr hatte.
Klinsmann seinerseits wandert zurück in die USA, wo er seine Kariere fortsetzt: die amerikanische Baseball-Liga verpflichtet ihn als Technikverbesserer und Effizienzerhöher. Klinsmann kann seine ganze Erfahrung einfließen lassen, feiert beachtliche Erfolge und wird dann nach 3 Monaten entlassen, weil er darauf bestand, von seinem Swimmingpool aus das Coaching übernehmen zu können.

Aber für den Moment ist das alles egal, der Moment, in dem man das Halbfinale im Fernsehen schaut (hier ist es gestattet). Brasilien gegen Frankreich: 89. Minute, es steht 0:1 gegen Brasilien durch ein Tor von Cissé; Ronaldinho schnappt sich den Ball knapp jenseits der Mittellinie, er tanzt auf das Tor zu, der Wind pfeift fröhlich durch das Stadion und durch Ronaldinhos Zahnlücken, der Gegner ist irritiert, hielt das Geräusch für einen Schiedsrichterpfiff und stockt nur für den Bruchteil einer Sekunde in seiner Bewegung. Das reicht Ronaldinho aus, der, frech grinsend, ihm den Ball durch die Beine schiebt, eine Radwende macht, und den Ball wieder aufnimmt, immer noch auf dem schnurstracksen Weg zum Tor. Am Sechzehner dann, kommen noch 6, 7 schnelle Haken und er hebelt die gesamte französische Abwehr aus, die nur staunen kann, und dann hat er freie Bahn, er zieht ab… und nur für diesen besagten Moment, sieht man alles an sich vorbeiziehen: Das Geld, das geflossen ist, um doch noch als ehrenamtlicher Helfer dabeizusein, die Nächte, die, man schlaflos damit verbracht hat, Sambabewegungen einzustudieren, und tagsüber dann: Portugiesisches Grundvokabular lernen. Man sieht das also alles wie in einem Sturzbach den Gulli hinunterfließen, während der Ball auf das Tor zufliegt. Alle Hoffnungen könnte dieser Schuss zerstören, sollte der Torwart hinter sich greifen müssen, alle Planungen nutzlos werden lassen.
Die Augen, weit aufgerissen, verfolgen also den Ball, und – ein Wunder – er geht knapp über die Latte. Durchatmen und diese schrecklichen Visionen vergessen. Alles kann gut werden, in fröhlicher Antizipation auf das Spiel um Platz drei in Stuttgart- mit Brasilien! - schaltet man den Fernseher aus und träumt noch ein bisschen.
Wm in Stuttgart - Wir sind noch nicht dabei, aber jetzt schon mittendrin.

Kommentieren . Trackback-URL

3 Kommentare zu Die WM in der eigenen Stadt

#1 Wegschaffel . 12.04.06 . 18:51 Uhr

Boah, waren Sie mal Radioreporter? Da sind ja selbst mir als eher mässig Interessiertem die Schweissperlen von der hohen Stirn gekullert. Apropos Schweiss: Witzige Shirts zum Einstimmen auf das Fussball-Fest habe ich hier und da entdeckt.

#2 A.S.K. . 12.04.06 . 21:42 Uhr

Nein, nein, noch nie gewesen. Jedoch fühle ich mich geschmeichelt, wenn sie das tatsächlich so mitgenommen hat.
Das Lebhafte, das Unmittelbare ist es, was mich interessiert. Und so ein bisschen im Stillen, im Dunkeln des eigenen Wohnzimmers, habe ich freilich schon öfter den Kommentator übertönt - was wiederum auf Verstimmung seitens meiner Brüder oder des Vaters traf.

#3 Gratian . 14.04.06 . 15:35 Uhr

Sehr schön geschrieben! Sehr mitreissend. Ich bin zwar auch begeisterter Sportler und mir stehen die Tränen in den Augen wenn ich beispielsweise das deutsche Biathlonteam gewinnen sehe! Allerdings finde ich es noch mehr zum Heulen wie die FIFA den teilnehmenden Städten ihren Willen aufzwingt. Der Gedanke der sich messenden Kräften der Sportler gerät für mich in den Hintergrund durch die Stadionzonen- und die Sponsorenschutzpolitik. Ein Konzern mir einem Jahresumsatz von 554 Millionen Umsatz, einem Jahresplus von 136 Millionen Euro 2005 und Eigenkapital von 292 Millionen Euro sollte es nicht nötig haben den lokalen Unternehmen den Verkauf eines Glasses Milch zu verbieten.
In den die Stadionzonen umgebenden Einrichtungen, Restaurants, Kioske, Imbisbuden, Bars, Sportheime, Sportgeschäfte, wird es nicht möglich sein andere Produkte ausser die der großen Sponsoren zu verkaufen. Softdrinks von Coca-Cola Burger von Macdonald’s und Schuhe von Adidas haben sich die Rechte erkauft lokale Monopolstellungen beziehen zu können. Verträge die Stadienbetreiber abgeschlossen haben werden somit gebrochen. Dies wird von der FIFA Organisation als collateral damage in Kauf genommen.
Da geh ich doch lieber am Sonntag zum SV Sillenbuch oder zum TV Kemnat und schau mir deren Spiele an.

Made by 6B