Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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29 12.05

Die Porzellanpuppe (Ein Märchen)

Von WillF
Vermischtes . 13:45 Uhr

Guten Tag!
Hier kommt ein neuer Schreiberling auf den Blog, und mangels eines Beitrags über unsere Stadt möchte ich mich mit einem Märchen, das ich heute geschrieben habe, vorstellen. So als postweihnachtlicher Beitrag, passend zu der aktuellen Straßenbelagssituation. Und versprochen, meine künftigen Beiträge werden mit anderen Themen zu tun haben. ;)

Die Porzellanpuppe

Es war einmal eine Porzellanpuppe, die tagtäglich ganz alleine in einer Ecke ihres großen, weißen Hauses saß. Sie hatte diese Ecke vor Jahren entdeckt, mit einem prächtigen Blick zum Fenster und zu dem Kirschbaum im Garten, der eine dermaßen schöne Blüte trieb, dass sie in jedem Frühjahr auch die Nächte in dieser Ecke verbrachte.

Es begab sich nun eines Tages, dass ein großer, blonder Prinz an diesem großen, weißen Haus vorbeikam und den prächtigen Kirschbaum sah, der zu dieser Zeit in voller Blüte stand. Er wunderte sich, wer denn dieses Haus bewohne, wessen Garten so wunderschöne Blüte tragen konnte und trat ans Fenster. Neugierig blickte er hinein.

Er konnte die Porzellanpuppe, die, als sie des Prinzen Blicke bemerkte, ängstlich in ihr Eck kauerte, nicht sehen und hielt das Haus für unbewohnt. Das Zimmer jedoch hinterließ einen freundlichen Eindruck, so dass er sich entschloss, an der Tür zu klopfen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein Haus mit einem so schönen Garten und mit einem hellen, angenehm möblierten Zimmer keine Heimat sein sollte.

Die Porzellanpuppe jedoch blieb in ihrem Eck, starr vor Aufregung, hatte sie doch in des Prinzen Augen die Güte und Liebe entdeckt, nach der sie sich schon während ihres gesamten Daseins sehnte.

Der Prinz hatte nicht geirrt, schließlich musste auch eine Porzellanpuppe jemandem gehören. Ein pfeiferauchender Mann, der dem Prinzen nur bis zur Brust ragte, öffnete die Tür. Der Prinz grüßte und stellte allerlei Fragen über den Kirschbaum im Garten. Endlich trat der Mann zur Seite und bat den Prinzen ins Haus.

Der Prinz trat ein und wunderte sich, wie ein Haus, in dessen Garten ein wunderschöner Kirschbaum wuchs, und welches ein helles, angenehm möbliertes Zimmer hatte, in seinen restlichen Räumen so dunkel und traurig wirken konnte. Die Teppiche und Möbel waren alle antik, was erklärte, dass sie durch das natürliche Nachdunkeln einen noch tristeren Eindruck machten. Alles schien unter der viele Leben überstandenen Erfahrung und Beobachtung zu ächzen und zu stöhnen, die Möbel schrien dem Prinzen geradezu ihr Leid entgegen.

Der Prinz setzte sich mit dem Bewohner des Hauses im Wohnzimmer auf dick gepolsterte Sessel. Der Mann erzählte dem Prinzen, dass der Baum einst von seiner Gattin gepflanzt worden sei, damit die ganze Gegend eindrucksvoll sehen konnte, wie stark ihre Liebe zu ihrem Manne gewesen sei. Der Prinz wagte nicht, zu fragen, wo sie denn sei. Der Mann gab jedoch am Ende seiner Ausführungen freiwillig Auskunft über ihren Verbleib. Fort sei sie, sagte er, gegangen, weil sie dieses Haus, das sie selbst eingerichtet hatte, nicht mehr ertragen hatte. Sie hinterließ dem Manne lediglich den Kirschbaum und eine Porzellanpuppe, damit dieser sich Zeit seines Lebens an sie erinnere.

Der Prinz fragte voller Anteilnahme an dieser traurigen Geschichte, wo der Mann die Porzellanpuppe nun aufbewahre. Dieser erwiderte, dass es keine gewöhnliche Porzellanpuppe sei. Ihr Gesicht erhielt lediglich in einem Zimmer des Hauses seine wunderschöne bleiche Färbung, in dem die Möblierung durch den inzwischen ausgezogenen Sohn des Hauses durchgeführt worden sei. Daher hatte der Mann der Puppe eine Ecke in diesem Zimmer zugewiesen, in die er die Puppe liebevoll legte, wenn er sie nicht gerade vor Sehnsucht nach seiner Frau in seinen Händen hielt. Er fragte den Prinzen, ob er die Porzellanpuppe betrachten wolle.

Der Prinz folgte ihm in dieses Zimmer und erkannte sofort, dass es sich um das Zimmer handeln musste, in welches er durch das Fenster hereingeblickt hatte. Auch die Porzellanpuppe fiel ihm gleich ins Auge, ihre Schönheit war dermaßen beeindruckend, dass er sofort den Wunsch verspürte, sie auf seine Reise mitzunehmen.

Der Wunsch wuchs während des weiteren Gesprächs mit dem Manne dermaßen stark an, dass der Prinz es nicht schaffte, diesen für sich zu behalten und den Mann fragte, ob er ihm die Puppe schenken würde.

Der Mann erwiderte, dass er dem Prinzen die Puppe mitgeben wolle, wenn dieser ihm versprach, der Puppe Abend für Abend die Geschichten seines Tages zu erzählen. Traurig fügte er hinzu, dass ihm die Geschichten schon lange ausgegangen seien und er der Puppe daher nur ein langweiliges Puppendasein bieten könne. So begab es sich, dass der Prinz mit einer Porzellanpuppe seines Weges zog.

Die Porzellanpuppe und der Prinz blieben den Rest ihrer Tage glücklich zusammen, weil der Prinz sein Versprechen hielt, welches er dem Manne gegeben hatte. Der Kirschbaum jedoch hörte mit dem Tage auf, zu blühen, an dem der Prinz die Porzellanpuppe mit sich nahm. Er hatte seine Schuldigkeit getan.

Von dem Mann selbst war lange Zeit nichts mehr zu hören. Viele Jahre später erzählte man im Dorfe die Geschichte, dass er selbst aufgeblüht war, da alle Erinnerungen an seine Frau verblasst waren und er sein Leben neu beginnen konnte. Er wurde glücklich und dachte oft mit größtem Dank an den Prinzen, der ihn von seiner Trauer befreit hatte.

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2 Kommentare zu Die Porzellanpuppe (Ein Märchen)

#1 Herr S . 30.12.05 . 01:39 Uhr

Eine sehr schöne Geschichte. Dass sich der Prinz aber bis ans Ende seiner Tage mit einer Porzellanpuppe begnügen musste und dennoch glücklich blieb, finde ich höchst verwunderlich. Andererseits fehlen mir offen gestanden einschlägige Erfahrungen mit Porzellanpuppen, insofern kann das natürlich gut sein, man weiß ja nie.

#2 Giannis . 29.03.07 . 17:03 Uhr

Nice!

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