Von kesselblick
Politik . 09:45 Uhr
Jahrelang konnte uns der Staat leider nur die Rechnung präsentieren: Kein Geld! Wir müssen sparen! So die Gebetsmühlen, die uns das Vaterunser des “schlanken Staats” verkündeten. Inzwischen füllen sich die Kassen wieder. Die gewählten Volksvertreter müssen nun entscheiden, was anfangen mit den Millionen. Da sich eine Mehrheit der Stuttgarter hier immer für die CDU-Variante entscheidet, also stets für eine “Bürgerliche Mehrheit” sorgt, wie es in den entsprechenden Medien immer so schön heißt, müssen wir jetzt mit den Konsequenzen leben.
Und die sind hässlich.
Denn die mit Mehrheiten ausgestatteten Repräsentanten (Schuster, Oettinger) entpuppen sich als typische Vertreter großbürgerlichen Weltenbaus. Diese Herrschaften haben sich offenbar für die Errichtung neuer Paläste zur bürgerlichen Prachtentfaltung entschieden, statt die Mittel in wichtige Zukunftsaufgaben zu investieren. 70 Millionen für einen schwachsinnigen “Kulturboulevard”, 55 Millionen für die Sanierung des Theaters, zig Millionen für neue Ministerien, vielleicht noch’n neuen Landtag obendrauf usw. usf. Man glaubt seinen Augen nicht zu trauen, aber es ist tatsächlich wahr: An den Schulen wird gespart, da bröckelt der Putz, intensives Lernen ist wegen Lehrermangel kaum noch möglich. Die flächendeckende Ausstattung mit Kindergärten und -krippen wird wegen “knapper Mittel” auf Sankt-Nimmerleinstag verschoben. Gleichzeitig baut sich das Bürgertum Zonen zum Lustwandeln und überflüssige Paläste. Dabei führen diese Herrschaften das Thema “Bildung” stets im Munde. Schuster glaubt gar, mit der Errichtung eines “Science-Centers” seinen Teil dazu beizutragen. Wieso kommt keiner auf die Idee, wirklich spannende Konzepte im Bildungsbereich umzusetzen? Jeden Schüler mit einem Laptop auszustatten oder in Ganztagsschulen zu investieren? Nein, will man nicht, denn man macht Bürgerliche Politik, setzt auf soziale Segregation im dreigliedrigen Schulsystem und möchte gerne unter seinesgleichen bleiben. Und der saufende Vorstadtmob, der soll das doch bitte woanders machen, nicht zu Füßen der elitären Kunsttempel. Wer stoppt diesen Wahnsinn?
#1 Dradts . 11.09.07 . 09:52 Uhr
Die Sache mit den Schulen ist echt nicht spaßig. Ich habe vor 7 Jahren ein Gymi in Cannstatt besucht, und da sah es schon richtig übel aus (z.B. Regen durch die Decke, …). Ich möchte nicht wissen, wie es heute ist.
Geld in Bildung zu investieren bringt allerdings auch nur etwas, wenn die Lehrer gut geschult werden. Wir hatten damals neue Rechner gespendet bekommen. Diese standen dann jahrelang ungenutzt in einem Raum, den kein Schüler betreten durfte. Vermutlich, weil sich kein Lehrer wirklich mit Computern auskannte.
#2 David . 11.09.07 . 20:32 Uhr
Das mit den Rechnern in der Schule kenne ich nur allzu gut.
Überflüssigerweise müssen ja nun auch Studenten für eine “bessere” Bildung selbst bezahlen, weil ja das Land kein Geld hat und somit auch die armen Universitäten nicht mehr unterstützen kann/will. Die neue Messe und Stuttgart 21 werden jedoch freudig mit Finanzmitteln versorgt, auf dass die Wirtschaft blühe. Ach so; wir brauchen mehr gut ausgebildete Fachkräfte! Woher nehmen, woher nehmen? Soviel zum Thema soziale Segregation, Herr Oettinger und Herr Frankenberg!
#3 Bürger_T . 11.09.07 . 20:40 Uhr
Aua - das war aber ein übler und auch ein bißchen pauschaler Rundumschlag, Herr Kesselblick!
Dass die Prioritäten der hiesigen CDU vor allem im Begraben von Steuermillionen in Tunnels aller Art besteht - geschenkt, dass ist offensichtlich (Stuttgart 21, Konrad-Adenauer-Straße). Auch der Sinn oder die Notwendigkeit des Neubaus von Ministerien und vor allem eines Landtags erschließt sich mir überhaupt nicht. Vor allem da sich der Landtag von BW als Halbtagsparlament definiert (weshalb alle MdL noch weitere Jobs haben dürfen) und der Landtag nicht übermäßig oft tagt, weiß ich ja nicht wozu ein neuer Landtag gebraucht wird, der alte schmiegt sich doch recht ansehnlich und bescheiden in die Schloßanlagen.
Dass die hiesigen Schulen von der Steuermillionen viel zu wenig abbekommen - völlig einverstanden!
Aber wo ich Ihnen ganz und gar widersprechen muss, Herr Kesselblick, ist bei Ihrer Polemik gegen die Sanierung der Oper und des Theaters. Theater sind nicht nur Orte der Erholung und des Genusses sondern auch der ästhetischen Bildung und gehören meiner Meinung nach zum Grundbestand einer zivilisierten Gesellschaft. Und mit Eintrittspreisen ab 8,00 Euro sind Oper und Theater auch für viele durchaus erschwinglich. Dass das für ALGII-Empfänger viel Geld ist, ist mir auch klar, aber das ist schon wieder eine andere Debatte …
Also: Halten Sie mir die Theater aus Ihren Polemiken!
#4 muzz . 11.09.07 . 21:13 Uhr
Gerüchteweise soll ja die gymnasiale Alma mater einer Schuster-Tochter erst kürzlich eine neue, nicht billige Turnhalle bekommen haben. Die Schlüsse aus solchen Geschichten werden dem geneigten Leser überlassen.
#5 kesselblick . 12.09.07 . 16:01 Uhr
Ja, ich habe schon geahnt, dass wegen Oper und Theater Proteste kommen. Ich bin da ehrlich gesagt auch etwas zwiegespalten. Vielleicht sind mir aber deshalb reingerutscht, weil ich mich da immer so elendlich langweile ;-)
Die Neue Messe verbuche ich im übrigen unter “sinnvolle Zukunftsinvestition”. Eine Stadt darf sich in diesem boomenden Geschäft einfach nicht das Fell von anderen abjagen lassen. Killesberg war einfach zu klein geworden. Was da allerdings nun passiert, ist auch wieder nur ein großer Quark.
#6 David . 12.09.07 . 20:08 Uhr
Nun, die neue Messe ist sicherlich nicht ganz unsinnig, aber wem nutzt sie? Der einheimischen Wirtschaft! Hat diese sich finanziell am Bau beteiligt? Bekommt der Steuerzahler seine Investition in irgendeiner Form zurück? Werden Gewinne, hervorgerufen durch die bessere Produktpräsentation dann an die Angestellten weitergegeben?
#7 kesselblick . 12.09.07 . 20:45 Uhr
Die Messe ist Teil des wirtschaftlichen Prozesses. Dazu trägt jeder sein Scherflein bei, auch die Unternehmen zahlen natürlich Steuern. Besondere Steuern. Die sprudeln ja im Moment ohne Ende. Weil die Gewinne so hoch sind. Problem der Gewerkschaften. Mir geht es nicht um einen Kommentar zu den wirtschaftlichen Verteilungskämpfen - die stehen auf einem anderen Blatt. Sondern mir geht es um die Res Publica, die öffentliche Sache. Schlicht: Was passiert mit dem Geld, das die gewählten Vertreter verbraten. Jetzt könnte man sagen: wir haben die ja gewählt, also sollen die jetzt auch machen. Was soll die Polemik? (Verbuche ich auf der Haben-Seite, im übrigen). Machen die ja auch, aber zwischendrin gibt es den politischen Prozess, die öffentliche Sache. Und der findet auch diesem Blog statt.
#8 Tyler Durden . 13.09.07 . 22:02 Uhr
Herr Muzz, meinen sie etwa ein gewisses altsprachliches Gymnasium im Herzen Stuttgarts?
Von diesem kann ich zumindest sagen, dass alles rechtmäßig finanziert wurde, der Kampf um diese Halle ist auch schon ein paar Jahre alt, da ja, wie schon erwähnt, kein Geld für die Sanierung und Instandhaltung von Schulen “zur Verfügung” steht.
Schwachsinn das.