Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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08 06.06

Die Bhäben

Von Herr S
Fundsachen . 22:03 Uhr

Von den Reichen lernt man sparen — was der Volksmund längst weiß, habe ich spätestens begriffen, als ich im zarten Teenageralter als Blumenbote unterwegs war. So fragwürdig es ist, mit Verallgemeinerungen zu argumentieren, konnte man sich doch darauf verlassen, dass die kleine Rentnerin in ihrer kargen Einzimmerwohnung mindestens ein bis zwei Mark Trinkgeld gab, während man sich in Großbürgerhaushalten mit zwei Groschen oder einem Hanuta begnügen musste, die man mit großartiger Geste überreicht bekam, nachdem man sich auf Anweisung des Dienstpersonals zuvor noch eine Viertelstunde die Beine in den Bauch zu stehen hatte.

Insofern hätte man sich schon denken können, was herauskommt bei der VIP-Collection der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (eva). Der Zweck der Aktion ist schnell erklärt: Im Rahmen der Feierlichkeiten zum zwanzigjährigen Bestehen der eva-Aidsberatung soll es eine Versteigerung geben, zu deren Bestückung die üblichen VIPs gebeten wurden, einen persönlichen Gegenstand zu spenden. Die Resonanz: überwältigend. Findet jedenfalls die eva und auch das heutige Wochenblatt tut, als ob es den absoluten Wahnsinn zu ersteigern gäbe.

Die prüfungshalber vorgenommene Durchsicht des Sortiments hinterließ zumindest bei mir allerdings eher den Eindruck, in einem Altkleidercontainer zu wühlen, in den man noch ein wenig von dem Plunder hineinstopft hat, den man auf Konsumgütermessen aufgedrängt bekommt. Während es unserem Bundespräsidenten und dem Bundesumweltminister noch halbwegs gelingt, mit handsignierten Bildbänden wenigstens Anflüge von Geistnähe zu suggerieren, funktioniert derselbe Gedanke bei Uschi Glas schon nicht mehr, weil es nur zu ihrer Autobiographie langte. (Auch wenn man dankbar sein muss, dass sie keine Hautcreme schickte.) Schwer en vogue bei den VIPs ist offenbar die Entsorgung geschmackloser Krawatten — nur so ist zu erklären, dass die Herren Gysi, Huber, Heck, Kohl, Pleitgen, Renner, Schuster, Steck, Steinmeier, Westerwelle und Wowereit alle auf exakt dieselbe Idee gekommen sind. Überwiegend Leute, die einen ausgeprägten Gestaltungswillen ins Feld führen, wenn sie nach der Motivation ihres Tuns befragt werden — für originelleres als eine Krawatte reicht dieser Gestaltungswille aber scheint’s bei keinem von ihnen. Nicht sehr überzeugend auch der Ex-Tennisspieler und heutige Hochleistungs-Womanizer Boris Becker, der irgendwelche seltsamen Kollektionen veräußert, aus denen er ein Stück zur Verfügung stellt: eine Baseball-Kappe, die immerhin noch für Malerarbeiten zu gebrauchen wäre, hätte er den Schirm nicht mit Penisabstraktionen verunziert. Dann schon lieber die Mercedes-Kappe, die Uschi Glas noch draufgepackt hat, wohl weil ihr schwante, dass ihre Schreibübungen nicht ausnahmslos jeden begeistern werden.

Der Fairness halber: Natürlich finden sich einige Spenden, die zur Ehrenrettung der VIPs taugen, etwa die Struck’sche Pfeife oder das Tanzkostüm von Reid Anderson. Die durchschnittliche VIP scheint freilich überzeugt zu sein, ihre Handsignatur würde reichen, um selbst den allerletzten Ladenhüter in ein Objekt der Begierde zu verwandeln. Dummerweise steht zu befürchten, dass sie mit dieser Einschätzung sogar richtig liegen, zum trüben Spiel gehört ja leider auch, dass rein gar nichts so daneben sein kann, dass es dafür nicht noch dankbare Abnehmer gibt. Falls Ihr Interesse geweckt ist, können Sie die zur Versteigerung gelangenden Stücke bis zum 14. Juli studieren, dann fällt der Hammer — um 18:45 Uhr im Innenhof des Hauses der Diakonie der Evangelischen Gesellschaft, Büchsenstraße 34/36.

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6 Kommentare zu Die Bhäben

#1 Henning . 08.06.06 . 23:10 Uhr

Die Struck’sche Pfeife… ja, sowas! Auf die hab ich als frischgebackener Abiturient mal bei ner OB-Wahlkampfveranstaltung der SPD in Celle (da bin ich nämlich aufgewachsen) aufgepasst als der Struck sich ne Currywurst geholt hat. Er war sehr locker im Umgang, aber die lokalen SPDler machten ganz viel Firlefanz um ihn. Als er kam, wurde ihm sofort ein Schirm über den Kopf gehalten usw. usw. Schien mir nicht so, dass er darauf Wert legte. Er war sehr offen und kam auf die paar jungen Leutchen, die da so rumstanden zu und hat sich mit uns unterhalten. So kam das dann auch mit der Pfeife. Vielleicht sollte ich mitsteigern? So als Erinnerung. ;-)

#2 Herr S . 08.06.06 . 23:21 Uhr

Von Herrn Struck habe ich mal den Satz gehört: „Wenn meine Oma Räder hätte, wäre sie ein Auto“ — da musste ich ein bisschen lachen. Und dass er keine Currywurst geschickt hat, spricht ebenfalls für ihn.

#3 Katinka . 09.06.06 . 10:03 Uhr

Herr S, das ist jetzt interessant. Die Strucksche Oma wäre ein Auto, die Oma meines Mannes ein Omnibus. Sachen gibt es ;-)

#4 Herr S . 09.06.06 . 10:28 Uhr

Herr Struck ist ja auch eine VIP, Katinka. VIPs zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie niemals Omnibus fahren, selbst wenn es sich beim Omnibus um ihre Oma handelt. Weil das der Oma womöglich sauer aufstoßen könnte, muss sie eben ein Auto sein. In sich ist das alles ziemlich logisch.

#5 Henning . 09.06.06 . 15:55 Uhr

Vielleicht will Oma Struck aber auch lieber ein Auto sein. Ist sparsamer im Verbrauch (wobei es da auch Ausnahmen gibt) und sie muss nicht die ganze Zeit fremde Menschen hin- und hertransportieren. Es gibt bestimmt auch Omas die wären Fahrräder, aber natürlich nur, wenn sie Räder hätten.
Wobei das ja eigentlich auch die Frage aufwirft, ob sie sich ansonsten nicht von einem Auto, Fahrrad, Omnibus etc. unterscheiden.

#6 Horst . 15.07.06 . 12:03 Uhr

Der Abend der Versteigung der VIP-Collection bei der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart im Rahmen des 20.-jährigen Jubiläum der AIDS-Beratungsstelle zur Rettung derselben hätte würdevolle und stilvoller nicht gemacht werden können (www.eva-stuttgart.de).

Die Kleider, Anzüge, Krawatten, der VIP´s wurden vor der eigentlichen Versteigungerung sehr geschmackvoll dekoriert und alles hatte mit einer “Altkleidersammlung” absolut nichts zu tun. Lilo Wanders versteigerte zusammen mit Herrn Bernd Rieber des gleichnamigen Auktionshauses in Stuttgart wortgewandt und spritzig . . . als hätten sie das immer schon zusammen gemacht. Allein das Zuhören hatte einen hohen Unterhaltungswert.

Und für einen guten Zweck (Erhaltung der AIDS-Beratungsstelle der EVA) war diese Versteigung eine absolut geniale Idee . . . auch wenn es viele Krawatten gab (aber nicht nur!).

Das Rahmenprogramm wurde rythmisch begleitet von der Trommlergruppe “Banda Maracatú”. Maike Brandenbusch und Regine Friedrich spielten in den eigens für diese Veranstaltung neu gestalteten Garten im Innenhof der Evangelischen Gesellschaft mit Sprudelstein und wunscherschöner Beleuchtung Violine und Cello, Ernst Häußinger laß zur Einstimmung des AiDS-Memorial ein Gedicht von Christian Noak. In diesem Zusammenhang hatten die zahlreichen Gäste dann die Möglichkeit, beschriftete Gedenksteine mit dem Namen der an AIDS verstorbenen Menschen, der mit dem HIV - Virus infizierten Menschen und Menschen, die sie vor der Infektion schützen wollen, zu den Klängen der Soul-Sängering Katrin Haug im Garten der Evangelischen Gesellschaft zu legen.

Der Ausklang fand mit einer Disco mit DJ Andi vom Kings Club Stuttgart statt.

Insgesamt ein wunderschöner Abend für einen wirklich guten Zweck. DANKE!

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