Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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20 01.07

Die Bahn macht mobil

Von Josh von Staudach
Vermischtes . 02:27 Uhr

Oke - grad frag ich nach Stuttgart-Themen und komm dann mit was überregionalem daher. Wobei, ich denke, dass wir Stuttgarter auch damit konfrontiert sind/werden - nicht zuletzt durch S21 und den Bahnhofsumbau.

Die Bahn unter König Mehdorn mauserte sich zu einer Institution für größenwahn- bis unsinnige Bauvorhaben. Erst jüngst ist bekannt geworden, dass der Berliner Hauptbahnhof circa 1 Millarde Euro gekostet hat. Vor lauter Schreck und nach ein bißchen Wind fällt dem etwas dicklichen Stahl-Glas-Wurm gleich ein tonnenschwerer Zacken - äh Träger - aus der Krone. … Leute! Das muss man sich mal vorstellen: 1.000 Millionen Euro für ein Bauwerk - oder für meine Generation noch leichter vergleichbar: 2.000 Millionen DM. Bei Baubeginn im Jahre 1995 war von 700 Millionen Euro die Rede. Egal, jetzt steht er (fast komplett) und die Steuergelder sind eh ausgegeben, was soll das Jammern.

Zwischendurch zur Überschrift des Beitrags: wie unkoordiniert die einzelnen Anteilungen bei der Bahn arbeiten, zeigt nicht nur das Chaos nach der kompletten Betriebsstilllegung, sondern auch die Aussendung eines fröhlichen Werbespots, den ich heut abend auf 2 Sendern aufgeschnappt habe. Sollte einer der übermüdeten Reisenden den Slogan ‘Die Bahn macht mobil’ über die Bildschirme flimmern sehen, müßte er sich doch glatt geohrfeigt fühlen. Es gibt offenbar niemand bei der Bahn, der die Aussendung solcher Spots ein paar Tage verschieben lassen kann!?

Zurück zum Stuttgarter Bezug. Ist die Kalkulation unseres Bahnhofsumbaus nicht auch schon bei 1 Millarde angelangt? Inklusive der Neubaustrecke Richtung Ulm geht es ja Richtung 5 Millarden … Hat jemand aktuelle Zahlen? Denen man dann leider eh nicht soviel Glauben schenken darf, wie das Berliner Beispiel zeigt.

Die Bahn ist immer noch zu 100 Prozent Eigentum des Bundes. Alles, was zur Bahn gehört, also Streckennetz und Bahnhöfe etc., wurde mit Steuergeldern bezahlt. Aufgrund welcher Logik sollen eigentlich Stadt und Land der Bahn Grundstücke für S21 abkaufen? Mit Steuergeldern wohlgemerkt!? Und darüberhinaus verlangt die Bahn noch einen großen Anteil der Kosten für den Umbau und die Neubaustrecke von Bund, Land und Stadt. Hier teilen die Beteiligten einen Kuchen auf, der Ihnen eh nicht gehört - rühren in einem Topf, der ausschließlich mit Steuergeld gefüllt ist - bzw. noch schlimmer, mit Geld, was sie vielleicht noch einnehmen werden.

Sollte ein schwäbischer Häuslesbauer solcherlei Kalkulationen seiner Bank vorlegen, man würde ihn dort mindestens vor die Tür setzen, wenn nicht gleich in Zwangsjacke abholen lassen - von der Bahn natürlich, denn:

Die Bahn macht mobil!

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8 Kommentare zu Die Bahn macht mobil

#1 Tobias . 20.01.07 . 12:04 Uhr

Noch peinlicher: Am Dienstag erst hat der Stahlkonzern Arcelor Mittal sich in einer Anzeige in der Süddeutschen Zeitung gerühmt, dass der Hauptbahnhof-Stahl von ihnen kommt: http://www.flickr.com/photos/580733...

#2 kesselblick . 20.01.07 . 14:48 Uhr

Alles ok soweit, nur das mit dem Grundstückskauf kapier ich nicht: Wieso ist das unlogisch - der Bund verkauft auch sonst Grundstücke an die Stadt oder an das Land und umgekehrt. Ist doch nicht alles ein Topf!
Generell finde ich aber: Es kann gar nicht genug Geld in öffentliche Verkehrssysteme gesteckt werden.
Zuletzt noch: Sicherlich “gehört” das Geld nicht den Politkern, aber wir haben sie gewählt, damit sie es in unserem Namen bestmöglich verwalten. Wer sonst sollte das denn machen?

#3 circulus . 21.01.07 . 18:02 Uhr

@Tobias: Klasse! Und heute wurde der Bahnhof schon wieder gesperrt. Weil man Angst hat, dass ab Windstärke 8 (also ab 63 km/h) nochmal irgendwas runterfällt. Ist ja verständlich, dass man vorsichtig ist und niemand zu Schaden kommen soll. Aber eins der modernsten und teuersten Bauwerke Deutschlands soll nicht mehr als 63 km/h Wind aushalten?!? Sind wir mal gespannt, wieviel unsere Landesmessehallen an Wind- und Schneelast so vertragen …

#4 circulus . 21.01.07 . 18:25 Uhr

@Kesselblick: Sehr großzügige Einstellung. Zahlst Du keine Steuern? Klar ist es oke und wichtig, Geld in öffentliche Verkehrssysteme zu stecken. Aber schau Dir doch an, wieviele Nahverkehrsstrecken reduziert oder ganz geschlossen werden. Der Bahn scheint es nur noch um Prestigeobjekte zu gehen. Unseren Regionalpolitikern offenbar ebenso. Denn sie reden alles schön und lügen sich gegenseitig in die Taschen. Ignorieren völlig sämtliche Einwände und Bedenken gegen Stuttgart 21.

Der Grundstückskauf ist verkehrt, weil die ursprüngliche Idee war, durch Verkäufe an private Investoren einen Großteil der Bausumme für S21 einzuspielen. Das wäre ja einigermaßen in Ordnung. Doch leider scheinen sich keine Investoren zu finden. Daher die Idee, z.B. das Regierungsviertel dort anzusiedeln, wo sonst keiner außer der LBBW (=Landes(!)bank) bauen wollte. Es werden also keine Einnahmen gemacht, die die Schulden reduzieren, sondern neue Schulden gemacht.

Indem Tiefensee eine Überarbeitung der Kalkulation forderte und damit den Lokalpolitikern eine ordentliche Watsche erteilte, zeigt sich auch, dass die Wirtschaftlichkeit des Projekts nicht gegeben zu sein scheint. Vorbehaltlich einer weiteren Schönrechnung der Zahlen.

Das ganze Geklüngel und Hinundhergeschachere legt für mich nahe, dass diese Verantwortlichen das Geld in unserem Namen nicht bestmöglich verwalten. Mir scheint es eher, als ob das liebe Steuergeld mehr denn je verantwortungslos verbraten und vergraben wird. Denn: uns Steuerzahler weiter zu schröpfen funktioniert ja! Die Steuereinnahmen steigen wieder!

Hurra!

#5 chéggy . 22.01.07 . 01:07 Uhr

BTW: Die Stadt zahlt zwar bei dem Projekt nominell nichts drauf, hat die Grundstuecke der Deutschen Bahn aber bereits vor Jahren weit ueber Marktwert gekauft. Zu Preisen, die nie im Leben wieder reinzuholen sind.

#6 Frau Doktor . 22.01.07 . 10:02 Uhr

Steht da nicht auch demnächst wieder die defintive Entscheidung in Sachen S21 an?
Sehr erfreulich, aber auch sehr merkwürdig finde ich ja, dass die Bahn es ausgerechet an dem Wochenende nach dem kompletten Stillstand geschafft hat, mich zum ersten Mal OHNE Verspätung von Stuttgart in die nordhessische Pampa zu expedieren. BRAVO! Aber was will mir das sagen?

#7 kesselblick . 22.01.07 . 11:04 Uhr


#8 circulus . 22.01.07 . 13:54 Uhr

@Kesselblick: siehst Du, genau das macht mir am meisten Angst - wenn die Mehrzahl der Bürger zwar kein gutes Gefühl hat, es ihnen aber zu komplex ist und sie es deshalb geschehen lassen - in der irren Meinung, die da oben wissen schon, was sie tun. Dabei würde ich den gesammelten gesunden Menschenverstand aller, die kein gutes Gefühl haben, viel höher bewerten, als die ‘Sachkenntnis’ der Entscheider - die sich alle von ‘gekauften’ Gutachtern beraten lassen.

Seid doch bitte nicht so passiv! Es gibt viele Quellen, um sich über Stuttgart 21 zu informieren. Wartet nicht ab, bis es zu spät ist. Und bis dann garantiert kein Geld mehr übrig sein wird für all die wichtigen und vernünftigen Projekte, die wir Stuttgarter Bürger brauchen - von denen Du einige schön aufgelistet hast!

Auch wenn ich viel kritisiere - mir gefällt Stuttgart und ich lebe gerne hier. Nahverkehr und Bildungssystem sind nicht so schlecht (im bundesvergleich). Aber es geht noch besser. Da müssen die (und wir) dranbleiben!

Übrigens: schön, dass ihr ein gutes Auskommen habt und Steuern zahlen könnt - geht ja nicht jedem so. Aber wir zahlen trotzdem immer mehr (auch wenns nicht auf dem Gehaltszettel steht). Bsp.: die 3% Mwst-Erhöhung sind für uns ‘nur’ 3% - aber rechne mal anders. 19 geteilt durch 16 ist 1,1875. Für den Staat bedeutet diese Erhöhung 18,75 Prozent mehr Einnahmen aus der Mwst.!!! Und nach diesem bauernschlauen Prinzip werden wir an vielen ‘Ecken’ immer mehr angezapft.

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