Von Donna Lüttchen
Freizeit . 01:02 Uhr
Es ist wieder einmal Zeit, mich mit Freund T. zu einem Plausch zu treffen. Also mache ich mich auf gen Stuttgart Ost. In der Hoffnung auf Speis`und Trank und Unterhaltung. Und Streicheleinheiten von zwei verwöhnten Katern.
Freund T. hat indes anderes geplant. Wie er mir glaubhaft macht, hatte ich wohl bei einer unserer letzten Unterhaltungen gejammert, wir würden uns zu wenig bewegen. Unbedacht hatte ich den Wunsch geäußert, wieder einmal einen schönen, langen Spaziergang mit ihm machen zu wollen. Vorzugsweise durch den Wald. Oder auch durch den Osten, der einige erstaunlich hübsche Eckchen zu bieten hat. Nun sind das ja gleich zwei Wünsche auf einmal- aber siehe da- Freund T. ist eben ein echter Freund. Er zieht sich nebst bequemem Schuhwerk überhaupt sehr warm an, winkt seinen Katzen und bedeutet mir, in meinen wenig praktischen, aber unheimlich schicken Stiefeletten, ihm zu folgen. Noch bin ich vergnügt, noch plaudere ich angeregt mit meinem Kumpan. Über handgearbeitete Schuhe. Wir hüpfen die Schwarenbergstraße hoch. Mein Puls beschleunigt sich um zwanzig Schläge pro Minute. Dann queren wir die Wagenburgstraße. Leider biegen wir weder rechts, noch links ab. Nee, weiter geradeaus, will sagen bergauf. Hier gibt es ein paar wirklich nette Häuschen zu bestaunen. Wir stellen uns vor, wie es wäre, hier zu wohnen. Mit diesem atemberaubenden Blick vom Balkon. Und weiter bergan. Ich verliere die Lust, mir die Straßennamen zu merken und kämpfe tapfer weiter. Unsere Unterhaltung verliert ebenso an Drive, wie mein Gang. Irgendwann frage ich japsend, ob es noch weit sei. Und wohin uns unser Weg denn führe. Da haben wir ungefähr eine halbe Stunde strammen Marsches hinter uns. Freund T. klärt mich auf. Zum Cassiopeia soll es gehen, dem Waldheim da oben, also noch weiter oben als oben. Jetzt hätten wir es aber bald geschafft. Ein letztes, ja, er müsse zugeben, doch sehr steiles Stück stünde uns schon noch bevor. Vielleicht noch ein viertel Stündchen, das sollte doch zu machen sein. Wäre ich dafür nicht zu kaputt, ich würde weinen. Stattdessen fange ich an zu maulen und zu schimpfen und so maule und schimpfe ich, bis der Wirt im Waldheim endlich einen Teller köstlichster Rinderleber mit Kartoffelbrei und allem, was dazu gehört vor meiner Nase abstellt. Göttlich, sag ich nur. Jetzt also können wir zum gemütlichen Teil des Abends übergehen. Ich bin satt und zufrieden. Und Freund T. sowie dem Rest der Welt wieder gut. Gerade als wir in unser Gespräch aber sowas von vertieft sind, nehme ich aus den Augenwinkeln hektisches Gewimmel wahr.
Kümmere mich aber erst wieder darum, als es auch noch laut wird. So laut, dass an Unterhaltung nicht mehr zu denken ist. Es klingt nach Galeria Kaufhof, nur lauter. Ah, eine Zwei-Mann-eine-Frau-Combo hat sich auf der kleinen Bühne eingefunden. Naja, gibt schlimmeres. Die Frau kann singen und die zwei Jungs geben sich auch redlich Mühe. Nach jedem Stück spenden wir höflich Applaus, obwohl uns lieber wäre, sie würden endlich Ruhe geben. Das tun sie denn auch nach sechs oder sieben Liedern. Allerdings nur für eine Verschnaufpause, wie die Sängerin klar stellt. Freund T. lobt beim Wirt den Koch über den grünen Klee, woraufhin dieser gleich zu ihm geschickt wird, um die Lorbeeren selbst zu ernten, was mir überaus sympathisch ist und mir ein breites Lächeln entlockt. In ebenjenes spaziert hocherhobenen Hauptes die Stimme des Abends- die Sängerin. Sie unterbricht roh die Lobhudelei und meint, sie sei in dringlicher Angelegenheit unterwegs. Quasi sei ihr die Arschkarte zugeteilt worden. Bevor ich mir solcherlei Beleidigung verbitten kann, spricht sie weiter von Eingang, Kasse, Krankheit und appelliert an unser Verständnis für brotlose Musiker, die sonst gar nicht bezahlt würden. Ich begreife und meine, dass sie nun wohl mit dem Hut herumgeht für freiwillige Spenden. Nein, einen Hut habe sie nicht dabei. Wir sollen nur bitte an der Bar jeweils fünf Euro hinterlassen, bevor wir gehen. Sie wirkt schon etwas sauertöpfisch. Freund T. und ich brechen in Gelächter aus. “Arschkarte, hihi! Höhö, Arschkarte, nein sowas…”
Da ich heute gänzlich bargeldlos unterwegs bin, muss Freund T. unser beider Rechnung begleichen. Ob er die Musiker bezahlt hat, wage ich nicht zu fragen. Also ich für mein Teil… Aber Männer ticken da anders. Sie hatte zwar die Arschkarte. Aber sie war auch unverschämt hübsch.