Von Herr S
Leben, Politik . 21:28 Uhr
Der Oettinger Günther, der hat es klar erkannt: Leute über 40 bringen es nicht mehr, drum braucht man ihnen auch nicht so saumäßig viel Geld zu geben. Hat er gesagt. Und wo er recht hat, hat er recht. Also bin ich gleich hin zu meinem Chef, dem Leitner Fritz, und habe energisch weniger Geld gefordert. »Fritz«, habe ich zu ihm gesagt, »noch unlängst stand ich voll im Saft, jetzt jedoch, jetzt ist der Lack ab. Das viele Geld, das Du mir gibst, verdiene ich nicht länger, gib mir folglich weniger, ich muss darauf bestehen!« Angeschaut hat er mich, als ob ich nicht mehr alle beisammen hätte. Ich musste ihm erst in die Hand versprechen, dass es von ganz oben gedeckelt wäre, dann hat er schließlich eingewilligt. Sicher bin ich mir nicht, aber ich meine, ihn schallend lachen gehört zu haben, kaum dass die Tür hinter mir zu war. Warum weiß ich aber auch nicht.
Die jungen Leute glauben wahrscheinlich, es ginge immer so weiter, ewig und drei Tage. Ihnen muss ich sagen: so ist es nicht. Und zwar ganz und gar nicht. Im Gegenteil: akkurat bis 40 geht es aufwärts, dann macht es — zack — einen Schlag, und der zügige Abstieg beginnt. Wenn Sie mir nicht glauben, dann fragen Sie den Oettinger Günther, der weiß wovon ich rede, der ist schon 52!
Morgens, wenn der Wecker läutet, hört man ihn leise wimmern. Das Kreuz, der Kreislauf, die Prostata — alles nicht mehr, was es war. Mit Mühe gelingt der Weg in die Senkrechte, bald gilt es freilich, die Socke hochzuziehen, in einem Rutsch noch dazu. Schon muss er sich wieder niederlegen. Regieren? Vergessen Sie es. Regieren ist Schwerstarbeit, unfassbare Höchstleistung ist unbedingt erforderlich — keine Chance als alter Sack. Eine Stunde regieren am Stück — maximal — mehr schafft er nicht, der Oettinger Günther, beim besten Willen nicht. Immer wieder nickt er ein. Verwirrt schreckt er auf, blickt ängstlich um sich, lässt zögernd einen fahren. Was zu regieren war, ist längst vergessen, schwerer Krampfhusten macht sich breit, auch in den Knien plagt ein arges Malheur. Vorsichtig versucht er, den Kugelschreiber zu heben, allein, es bleibt beim Versuch. Zwei greise Diener treten jetzt hinzu, mit schlurfendem Schritt, Männer im vierundfünfzigsten Jahr. Sie bieten Unterstützung an, der Oettinger Günther schnauft. Müdes Abwinken war eigentlich geplant, gehorchte ihm nur der schlaffe Arm. Später folgt die Fütterung. Duldsam, Löffel für Löffel, führt die Schwester kräftige Suppe zu. Die Lenden werden warm, auf einen schwachen Ständer hofft er keck, da meldet sich mit Nachdruck die Blase. Der Nachmittag, denkt er verzweifelt, wie soll ich den nur stemmen, ich, ein hinfälliger Mann? Verhalten seufzt er auf, Blut rauscht dröhnend durch den welken Schädel, von unten ruft der Zehenkrebs. Bleischwer drücken die Lider, die Kraft, wo ist sie hin? Geschlagen sinkt er in den Sessel, ein Bäuerchen verschafft sich Luft. Es hilft alles nichts, regiert muss werden, denkt er noch, bevor ihn neuerlich der Schlaf bezwingt.
#1 Herr Enderle . 01.12.05 . 10:23 Uhr
Muss es so weit kommen? Ein entschiedenes Nein! Hätte der gute Mann schon in jüngeren Jahren die wundersamen Kräfte unserer Mineralbäder entdeckt, das tägliche Regieren wäre ihm bis ins hohe Alter ein prickelndes Vergnügen. Leuze, Neuner (so nennen wir echten Stuttgarter das Mineralbad Berg) und Cannstatter Kurbad sind Quellen körperlichen Wohlergehens; obendrein erquicken die kalten Wässer den müden Geist und die lahmen Manneslenden. Ob Landesfürst oder Lokalschuster: wer in Stuttgart das Zepter oder den Kehrbesen in Händen hält, dem sollte per Gesetzt das eisige Wasser mindestens an zwei Tagen der Woche bis zu Hals stehen. Wenn schon alles baden geht auf Stadt- und Landesebene, dann wenigstens mit mineralisierter Gänsehaut.
#2 Gunvald . 01.12.05 . 11:15 Uhr
Ein durchaus interessantes Modell, das Ü40-Gnadenbrot: Es wird kaum mehr Akademiker geben, die Lohnnebenkosten sinken und als Rente gibt es dann einheitlich die Hartz-Vier-Rate. Das sichert den Standort Deutschland. Die Familienplanung wird von vorn herein zu den Akten gelegt, so dass auch die Kindergeldzahlungen bald eingestellt werden können … Ja, Herr Oettinger ist schon ein tüchtiger Vordenker.
#3 bara . 01.12.05 . 14:56 Uhr
Jau, unser Oetti, der hat wirklich krude Ideen.
Neulich bin ich in ‘ne Sendung reingezappt - es ging ums Thema “Verdrängung der deutschen Sprache durch das Englische”.
Okay, ich sehe dies Diskussion nicht ganz so eng, aber es wurde auch Oetti interviewt und da standen mir dann doch die Haare zu Berge.
Seine Kernthese war: Deutsch sprechen wir in Zukunft nur noch privat, in Familie und Freizeit. Im Beruf hingegen werden wir bald alle nur noch Englisch sprechen! “Weshalb wir in Baden-Württemberg ja auch schon ab der ersten Schulklasse Englisch-Unterricht eingeführt haben.”
Ja, hat der sie noch alle, oderwasisslos?
Des wird no a spannendes Wahlkämpfle!
tschöö
bara
#4 Herr S . 01.12.05 . 17:35 Uhr
Ihr Vorschlag hat ja einiges für sich, lieber Herr Enderle, aber haben sie die Folgen für unbescholten Badende kalkuliert? Stellen Sie sich vor, Sie plantschen quietschvergnügt im Neuner, denken an nicht Böses, und mit einem plötzlichen chhrrrooorrrzzz springt die Durchsageanlage an: »Sehr geeehrte Badegäste«, tönt es blechern, »wir müssen Sie bitten, die Becken zu räumen, Ihre Umkleidekabinen aufzusuchen und unsere Anstalt innerhalb von 15 Minuten zu verlassen. Wir erwarten die baldige Ankunft des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, dem Oettinger Günther, der beim Bade keine Störung duldet. Wir danken für Ihren Besuch.« Das wird es wohl kaum sein, was Ihnen vorschwebt, nicht?
Und Sie, Gunvald, sehen zu schwarz. Wenn es mit dem Wachsen nichts mehr werden will, tritt Plan B in Kraft, der sich ganz dem Schrumpftum verschrieben hat. Für überzählige Akademiker richten wir neue Planstellen als Staatsdiener ein – wenn schon das Nichts verwaltet wird, dann bitte schön in geselliger Runde.
Wod ju mien, Mischder Bara, kän ai not verschdänd. Ai selbschd schbiek inglisch sogar in mai Frietaim. Sis meiks ä lot of Fan änd ai kän schbiek wis everibaddi, sogar Ingländer und Emerikens verschdänd mi! Not laik örlier, wenn ounli Schweibiens verschdudd mi!
#5 whitebeach . 02.12.05 . 10:52 Uhr
Ich weiss gar nicht, wieso man das nicht laut sagen darf. Die Älteren müssen den Jüngeren Platz machen. Jeder weiss dass ein frischer Uniabsolvent auf dem neusten Stand ist, während Leute mit 50 nicht mehr up to date sind und durch Überstunden Neueinstellungen verhindern.
#6 Herr S . 02.12.05 . 11:22 Uhr
Ich weiß gar nicht, wieso immer irgendwer meint, man dürfe irgendwas nicht laut sagen. Sie dürfen sagen, was immer Sie wollen, das ist ja das Gute. Auch mir schwebt eine Republik der uptodaten Jüng- und Frischlinge vor, in der Menschen pünktlich mit Erreichen des 40. Geburtstags zum Enten füttern und gemütlichen Haberschlachter trinken abkommandiert werden. Sie glauben gar nicht, wie gerne ich mich unter denen einreihen würde, einen 60er-Stumpen dazu und die Welt wäre in Ordnung.
#7 kesselblick . 02.12.05 . 12:30 Uhr
Oh Mann, Whitebeach!
Das mit den Überstunden bitte den Chefs sagen! Die sind nämlich dafür verantwortlich.
Und Uniabsolventen mit Wissen auf dem letzten Stand: Wissen ist nicht alles, sondern nur die eine Hälfte. Die andere ist Erfahrung und Profesionalität.
Ich schließe mich Herrn S. an: Ich würde gerne mit 40 in Rente gehen - prima Sache. Aber da das ja nun nicht geht: Was mache ich jetzt mit den 25 Jahren dazischen? Hallo, Whitebeach: 1 Vorschlag bitte!
el_kesselblick
#8 whitebeach . 02.12.05 . 16:52 Uhr
Ich finde es absolut zumutbar, wenn man auf Basis eines Lebensarbeitszeitkontos früher in Rente geht oder den Schluss des Arbeitslebens Teilzeit arbeitet. Jedenfalls kann sich der Staat weitere Arbeitslose und Vorruheständler (jetzt bezuschsste Altersteilzeit) nicht leisten. Die jungen Absolventen
haben sonst trotz Qualifikation keine Chance mehr. Mich ärgert jedenfalls das Senioritätsprinzip wonach das Gehalt mit dem Alter steigt, wo ich das Geld doch nicht mehr benötige. Meiner Meinung nach kommen wir nur durch Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich aus der Misere. Wegen mir auch für die Jüngeren.
#9 Gunvald . 02.12.05 . 19:39 Uhr
Ich kann auch keine Fairness darin entdecken, die Berufserfahrung älterer Arbeitnehmer mit einer Lohnkürzung zu honorieren, während ein Berufseinsteiger, der vielleicht theoretisch auf dem neuesten Stand ist, aber kaum Praxis mitbringt, ein höheres Gehalt bekommen soll.
Gegen Arbeitszeitkonten ist nichts einzuwenden. Aber sind Sie sicher, dass Sie im Alter nicht mehr viel Geld benötigen? Und wann fängt bei Ihnen denn das Alter an? Wollen Sie dann nur noch im Fernsehsessel sitzen, ein dünnes Süppchen essen und darauf warten, dass alles vorbei ist? Den Wenigsten gelingt es noch, im Laufe eines Arbeitslebens ein so üppiges Polster anzusparen, um dann, wenn man nicht mehr “gebraucht” wird, ein einigermaßen angenehmes Leben führen zu können.
#10 whitebeach . 03.12.05 . 10:35 Uhr
@Gunvald
Also mein 63 jähriger Nachbar ist z.B. seit 15 Jahren Privatier und mein 63 jähriger Kollege schläft am Schreibtisch ein, ohne das mein Chef was sagt. Neueinstellungen gibt es aus Kostengründen schon seit Jahren nicht mehr. Die Jüngeren ohne Kündigungsschutz werden bei fehlender Leistungssteigerung rausgeschmissen. Der Sohn eines Bekannten findet keine Stelle, trotz Prädigkatsexamen, Auslandsaufenthalt und niedrigen Lohnanforderungen. Bei meiner Frau werden zögerlich noch neue Leute eingestellt, allerdings eine Gehaltsstufe tiefer und ohne Weihnachtsgeld. So sieht mein Umfeld aus. Wenn ich Telekom und Daimler anschaue, gehen dort die Beschäftigten auf Kosten meiner Steuergelder mit 55 in den Ruhestand. In Deutschland gibt es den Besitzstand für die Älteren, während die Jungen arbeitslos werden oder auswandern. In Ostdeutschland ist die Lage noch schlimmer. Nur wenn die Besitzenden Einen Teil ihrer Arbeit abgeben und alle weniger arbeiten gibt es eine Zukunft in Deutschland. Andernfalls wird der Wettbewerb unter den Jungen zu noch mehr Egoismus führen.
#11 Gunvald . 04.12.05 . 00:30 Uhr
Whitebeach, ich rege mich mitunter auch auf, wenn ich solche Beispiele aus meinem Bekanntenkreis höre. Aber das ist letztlich immer nur ein Ausschnitt aus der Gesellschaft. Allen zur Zeit durchgehechelten Modellen für die schöne neue Arbeitswelt (neben Oettingers Vorschlag auch die Idee des Bürgergelds von Werner/Hardorp, siehe u. a. Spiegel) mangelt es jedoch an Weitsicht, Ausgewogenheit und Finanzierbarkeit. Eine grundlegende Veränderung wird außerdem erst möglich sein, wenn der Stellenwert von Arbeit sich in den Köpfen grundlegend ändert. Aber so weit sind wir hier noch lange nicht. Da kann man jetzt hadern oder versuchen, das Beste für sich draus zu machen (was zugegebenermaßen nicht immer einfach ist.)
#12 HIHGSPEED120 . 13.12.05 . 00:35 Uhr
ma lieber,
da hast du dich jo ganz schön vergriffen - mit 52 jahren bischt du doch noch a junger kerle.
herrgottsblächle
#13 HIHGSPEED1202 . 13.12.05 . 00:38 Uhr
ich empfehle für die finanzierbarkeit das buch:
Horst Afheldt - Wirtschaft die arm macht -
Vom SozialStaat zur gespaltenen Gesellschaft - Kunstmann Verlag München.
Sehr zu empfehlen auch : Heribert Prantl - Kein schöner Land - Die Zerstörung der sozialen Gerechtigkeit - Droemer Verlag,
mfg
highspeed1202
#14 HAJ . 27.08.06 . 11:47 Uhr
Also meine Herren,
so blöd ist doch keiner und verrät alle Geheimnisse, vor allem nicht die wichtigsten: Wenn man schon weiss, dass man ab 40 nix mehr bringt (also nicht mehr ganz mitkommt, und keine vernünftigen Einfälle mehr hat), dann gibt es doch eine Lösung: Einfach die alten Geschichten gut merken und noch 20 bis 30 Jahre wiederholen. War´s nicht schon immer so, dass die überzeugendsten Argumente anfingen mit “Es war doch schon immer so, dass ….”.
#15 Rene Walter . 01.01.08 . 12:01 Uhr
Liebe Zeitgenossen!
Nicht jeder bekommt nicht was er verdient und was er wert ist
hat mir mal ein Prokurist unserer Firma gesagt.
Nachdem dieser Prokurist vom Chef gekündigt wurde, sollte
ich dessen Aufgaben (ich war damals kurz 1 Jahr in der Firma) im Alter von 55 Jahren, übernehmen. Nach zähen Verhandlungen gab es 1/3 mehr Kohle.
Fazit: Leistung und know how muss bezahlt werden egal wie
alt die betreffende Person ist. Sonst schlafen die Leute oder
werden zu Sozialfällen. Erfolg hat verschiedene Väter!
Diejenigen welche jammern sind Versager welche versäumen
sich täglich einen Tritt in den Hintern zu geben. Es können
ruhig geistige Tritte sein…smile..
Der Mensch ist von Grund auf phlegmatisch und denkfaul.
Erfolg beginnt mit wach werden..mit planen…mit umsetzen
mit bereitsein kalkuliertes Risiko und Verantwortung zu übernehmen. An erster Stelle sollte Begeisterung stehen
mit dem notwendigen Gottvertrauen verbunden mit der
vom Schöpfer gegebenen Weisheit das richtige zu tun.
In diesem Sinne ….hadere nicht mit Deinem Schicksal nimm
es mit Gottes Hilfe selbst in die Hand…erfolgtreich und glücklich zu werden.