Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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09 10.06

Der noch strahlendere Westen

Von Herr S
Vermischtes, Leben . 17:40 Uhr

Lage Mobilfunkmast: Bismarackstraße 57, Stuttgart

Den Stadtplanausschnitt kennen Sie schon? Prima, dann haben Sie vermutlich dies hier schon mal gelesen und ich muss nicht wieder ganz von vorn anfangen, sondern beschränke mich auf das, was seither geschah. Der Mast des Anstoßes ist — wie nicht anders zu erwarten war — in Betrieb gegangen, seit dem 10. August strahlt er vor sich hin. Damit nicht genug, wird in Bälde noch ein Mast in Betrieb gehen, der Konkurrent Mobilcom plant seine Inbetriebnahme direkt um die Ecke, namentlich in der Schwabstraße 42 (Ecke Ludwigstraße). Was die Optimisten unter Ihnen freuen wird, die letztes Mal die abenteuerliche These verbreitet haben, es müsse nur genügend Strahlungsquellen geben, dann neutralisieren sie sich früher oder später gegenseitig.

Nach wie vor weniger erfreut sind die Menschen, die im Westen leben, jedenfalls eine ganze Menge von ihnen. Kanalisiert wird ihr Protest in der Bürgerinitiative Bismarckstraße 57, die — neben zahllosen anderen Aktivitäten — neuerdings eine sehr informative Website unterhält, auf der u. a. eine Reihe von Quellen zur Lektüre angeboten werden, die sich leider kaum eignen, die Freude zu steigern. Nur mal als Kostprobe: Wer heute im Westen heranwächst, hat gute Aussichten, sich bereits um die 40 herum mit Demenzerkrankungen abplagen zu dürfen. Sage nicht ich, sondern der Arzt Dr. Markus Gerum, der das anhand der Salford-Studie (PDF) nachweist. Dr. Gerum meint übrigens auch, dass die „Beeinträchtigung der Gehirntätigkeit, des Denkens und des Bewusstseins durch massive Schädigungen des Gehirns eine neue, auch ethische Dimension sei, weil das Mensch-Sein angegriffen wird“.

„Pah, das wird eben auch so ein hysterischer Spinner sein, Ihr Dr. Gerum”, werden Sie womöglich einwenden. Kann schon sein, ich kann das offen gestanden nicht beurteilen. Gegen die Hysterie-These spricht aber beispielsweise die Untersuchung „Mobilfunk und Gesundheit“ (2000), die vom Ecolog-Institut im Auftrag der Telekom durchgeführt wurde — und damit kaum im Verdacht der Hysterikerbegünstigung stehen wird. Die bestätigt Dr. Gerums Thesen und sieht diese Bestätigung durch sieben weitere Untersuchungen erhärtet:

„Die Ergebnisse der Laborexperimente an Menschen und Tieren zu den Wirkungen der Hochfrequenzstrahlung auf das Zentrale Nervensystem werden von der Mehrzahl der wissenschaftlichen Kommissionen als vergleichsweise aussagekräftig bewertet

so das Institut im neuen EMF-Handbuch 2006 (PDF). Wenig Freude kommt auch auf, wenn man vernimmt, dass das — ebenfalls nicht als hysterisch bekannte — Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) zum Thema „Kurz- und mittelfristige Effekte von Mobilfunksignalen auf Gehirnfunktion und kognitive Leistungsfähigkeit” weiter forschen wollte, diese Forschungen freilich — offenbar auf Druck der Netzbetreiber und unter Protest von BfS-Präsident König — eingestellt wurden (siehe dazu eine einschlägige Rede Königs (PDF)).

Am allerwenigsten Freude macht es aber, wenn man den Zuständigen beim Rudern zuschaut. Besser gesagt: den Beteiligten, zuständig will ja keiner so richtig sein, wie meistens wenn es prekär wird. Allen voran OB Schuster: gab er zu WM-Zeiten noch den volksnahen Gesellen mit dem Herz am rechten Fleck, fällt ihm zur artikulierten und per Offenem Brief vorgetragenen Sorge von ihm regierter Bürger nicht mehr ein als das Lippenbekenntnis, diese auf jeden Fall irgendwie ernst zu nehmen, um sich bereits in der nächsten Sekunde seitwärts in ein wüstes Dickicht aus Paragraphen und Verordnungen zu schlagen, aus dem er mit matter Stimme herausruft, mit nichts was zu tun zu haben — sorry! Die identische unterkühlte Büro- bzw. Technokratenlogik lässt auch Baubürgermeister Hahn hören, konsequenterweise hat er vom OB gleich die Tippfehler mit übernommen — vielleicht bedienen sich auch alle aus einer Art zentralem Sammellager für abwimmelnde Textbausteine. Was für die Herren Bürgermeister sicher praktisch ist, auf den Bürger aber halt wirken könnte, als ob einen Bürgermeister kaum etwas weniger interessiert als so ein Bürger. Nun gut, man steckt eben nicht drin.

Gespannt darf man jetzt noch auf die Stellungnahmen der evangelischen Kirche sein. Die aus dem Masten pikanterweise Mieteinnahmen generiert, wozu sie — obgleich sonst um dröhnende Worte nicht verlegen — bislang eher herumdruckst. Irgendwie würde man am liebsten wieder raus aus dem Vertrag, hieß es mal vage, das ist aber schon wieder eine ganze Weile her und man ist — wen wundert’s — immer noch drin. Die Offenen Briefe der Bürgerinitiative an die Paulusgemeinde und Landesbischof Joly sind jedenfalls immer noch unbeantwortet, das evangelische Wort will eben wohl gewogen sein und dauert ergo seine Zeit.

Das soll es hier denn auch gewesen sein dazu, jedenfalls von mir. Das Ansinnen der Bürgerinitiative können Sie bewerten wie Sie wollen, unstrittig ist, dass sie einen guten Job macht und sich als Anlaufstelle für Interessierte allemal eignet.

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4 Kommentare zu Der noch strahlendere Westen

#1 Wegschaffel . 09.10.06 . 19:25 Uhr

Spätestens seit dem gestrigen Tatort dürfte sich die Bürger-Ini gut überlegen, ob sie weiterhin freche und hirnerweichend langatmige Briefe an die geistliche Führung schreibt. Es scheint angeraten, sich gut mit den ev/kath Autoritäten stellen, wo doch das jüngste Gericht so nah sein kann …

#2 Herr S . 09.10.06 . 20:25 Uhr

Dass auch Briefe ein Hirn erweichen können, mag ohne Weiteres richtig sein. Nur: man muss sie nicht lesen, während es schon bedeutend schwerer ist, den Strahlen auszuweichen. (Ich persönlich bündle sie mit einem gewöhnlichen Küchentrichter und leite sie hastig in eine Plastiktüte, die ich sodann fest verschließe und in den Hausmüll gebe, nur mal so, als Tipp zwischendurch.) Aber dass der Lagebericht nicht von ungefähr kurz nach dem thematisch eng verwandten Tatort erschien, das haben Sie messerscharf erkannt.

#3 kesselblick . 09.10.06 . 22:01 Uhr

Glückwunsch, Herr S., Sie haben eine neue Geschäftsidee entdeckt: Strahlungsentsorgung durch Küchentrichter und Plastiktüte! Das sollten Sie sich schnell patentieren lassen - der Bedarf steigt…

#4 Zehrfeld Michael . 14.10.07 . 17:14 Uhr

…es ist schon interessant wenn man diese Gesülze gegen die Mobilfunkmasten tausendfach im Netz liest…….wenn aber die Handies der Meckerer, Gegner und sonstiger Winsler dann kein ordentliches Netz haben ist das Geheule wieder groß!
Wenn ich so bedenke daß ein Mobilfunkmast gerade mal durchschnittlich 15 Watt Sendeleistung in einer durchschnittlichen Aufbauhöhe von mindestens 10 Metern üner Grund abstrahlt - das Handy selbst bei einem Anruf oder absenden einer SMS zeitweise auf 2 Watt hochfährt und das direkt am Kopf….was ist denn (falls überhaupt) gefährlicher?
An eure Ortssender die ihr jeden Tag hört und seht - die mit Mindestleistung von 300 Watt (Rockantenne Augsburg) und weitaus mehr Dampf Dauerpower machen - denkt ihr nicht? Hoffentlich schalten die TV, Radio, Polizeifunk, Feuerwehrfunk, Rettungsdienste, Notarzt, Flugfunk, Radar, Zugfunk, Taxifunk, THW, Bundeswehr und alles auch bald ab…..
…back to the Steinzeit….

…erst Hirne einschalten - dann maulen…vor allem erst ein bißchen Fachwissen zulegen..

DO1MDE Mike
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