Von Dr.D.
Kultur, Politik, Stuttgart 21 . 19:08 Uhr
Am kommenden Sonntag ist der bundesweite Tag des offenen Denkmals, diesmal unter dem Motto Reisen, Handel und Verkehr - nicht zuletzt, weil vor 175 Jahren die erste Eisenbahnlinie in Deutschland zwischen Nürnberg und Fürth in Betrieb genommen wurde. Die Zeitschrift “Landesdenkmalpflege in Baden-Württemberg”, also das Organ des Landesdenkmalamtes, thematisiert aus diesem Anlass an erster Stelle Bahnhofsbauten der 1950er Jahre in Baden-Württemberg.
Eine Frage: Wie kann man angesichts der aktuellen Lage in Stuttgart, dessen Hauptbahnhof vom Landesdenkmalamt selbst als Kulturdenkmal besonderer Bedeutung eingestuft wurde, zu dem begonnenen Teilabriss schweigen und stattdessen nur über Bahnhöfe der 1950er Jahre sprechen, die zudem wie der nach Auskunft der Zeitschrift wegweisende, aber wegen grober Veränderungen nicht mehr als Denkmal eingestufte Ulmer Bahnhof mit seiner rechtwinkligen Natursteinfassade offenbar nicht ohne den Stuttgarter Hauptbahnhof zu denken ist?
Vor fünf Jahren war ich bei einer Tagung zur Situation der Denkmalpflege im Ludwigsburger Schloss: zustande gekommen nicht auf Initiative der Behörden, sondern eines privaten Vereins, der aus einem Karlsruher Sonderforschungsbereich hervorgegangen war. Dessen Mitglieder fragten sich nach mehrjähriger Arbeit, warum die vielen detaillierten Erkenntnisse, die sie im Lauf der Zeit gewonnen hatten, im Archiv verschwinden sollten. Peter Conradi sagte auf dieser Tagung, er habe sich gewundert, dass bei der Umwandlung des Landesdenkmalamtes in eine untergeordnete Dienststelle des Regierungspräsidiums, verbunden mit der Umsiedlung von Stuttgart (in der herrschaftlichen Villa Gemmingen an der Karlshöhe, einer Immobilie, welche die Stadt lieber versilbern wollte) nach Esslingen in eine ehemaliges Schulgebäude, nicht ein “Aufschrei des Entsetzens” durch die Öffentlichkeit gegangen sei. Vielleicht hat es niemand so richtig verstanden, was dieser Vorgang gerade auch in Bezug auf Stuttgart 21 bedeutet.
Auf dieser Tagung traf ich einen mir bekannten Mitarbeiter des Landesdenkmalamts - nicht in untergeordneter Stellung - den ich auf ein mögliches Interview ansprach. Das sei eine “sehr gute Idee”, war die Antwort, er würde sich melden. Doch danach bekam ich monatelang nichts zu hören. Schließlich habe ich beschlossen anzurufen. Ich bekam eine sehr kühle, formelle Antwort seitens der Sekretärin: “Unsere Mitarbeiter sind grundsätzlich nicht befugt, auf Anfragen von außen Antwort zu erteilen”.
Denkmalpfleger, die nur noch sagen dürfen, was Regierungspräsidium und Wirtschaftsminister erlauben? Nur in Baden-Württemberg ist der Denkmalschutz dem Wirtschaftsministerium unterstellt, auch wenn in anderen Bundesländern nicht weniger fleißig denkmalgeschützte Bausubstanz vernichtet wird. Nach Hanno Rauterberg, Chefredakteur Kultur der Zeit, sind in der BRD in den letzen 30 Jahren 300 000 eingetragene Kulturdenkmale abgerissen worden. (”Warum reißt ihr nicht gleich alles ab? Über den Wert der Denkmalpflege in Zeiten der Krise”, in: DenkMal! Zeitschrift für Denkmalpflege in Schleswig-Holstein, 17, 2010)
Aber das Landesdenkmalamt hat in der Vergangenheit mehrfach Stellung bezogen: “Die vorgesehenen Abbrüche und Eingriffe in die Substanz des Kulturdenkmals Hauptbahnhof führen aus denkmalfachlicher Sicht zu einer maßgeblichen Minderung des Denkmalwerts und zu einer Löschung des Kulturdenkmals von besonderer Bedeutung im Denkmalbuch”, heißt es in den Planfeststellungsunterlagen 1998 zum Bonatz-Bau, und zum Gleisvorfeld: “Wird in seiner ingenieurtechnischen Bedeutung zerstört.” Folge: “Als Sachgesamtheit wird der Hauptbahnhof seine Kulturdenkmaleigenschaft mit den geplanten Änderungen verlieren.”
In den Worten der Homepage der Stadt Stuttgart: “Bereits bei der Auslobung des Architektenwettbewerbs 1997 waren die Belange des Denkmalschutzes durch die Beteiligung des Landesdenkmalamts (das heutige Landesamt für Denkmalpflege) und der Stadt berücksichtigt worden.”
Stellungnahme des Landesdenkmalamts 2002 (lt. Stuttgarter Zeitung, 27.8.2010): “Obgleich (…) die Erhaltung des Nord- und Südflügels vonseiten der Bahn als nicht möglich erachtet wurde, sieht sich das Landesdenkmalamt (…) veranlasst, auf die damit verbundenen gravierenden Substanzverluste an der baulichen Gesamtanlage des Bonatz’schen Hauptbahnhofs und den damit verbundenen Verlust (…) der architektonisch künstlerischen Gesamtwirkung hinzuweisen.”
Die Bedenken der Landesdenkmalpfleger seien damals vom Regierungspräsidium überstimmt worden, sagt dazu Werner Wölfle unter Berufung auf einen an der Erörterung beteiligten Denkmalpfleger.
Ich resümiere: 1997/98 erhebt das Landesdenkmalamt gegen den Teilabriss des Bahnhofsgebäudes und die Zerstörung des Gleisvorfelds schwerste Bedenken. 2002 weist das Denkmalamt noch einmal in aller Deutlichkeit auf die gravierenden Verluste hin. Daraufhin wird die Behörde (Beschluss 2002) von Stuttgart nach Esslingen versetzt und als untergeordnete Dienststelle direkt in das Regierungspräsidium eingegliedert. Seither ist es den Mitarbeitern nach telefonischer Anfrage nicht mehr gestattet, auf Anfrage von außen Auskünfte zu erteilen.
#1 MG . 08.09.10 . 21:02 Uhr
Es gibt wenige Themen, bei denen es für mich keine, nicht mal die geringste Grauzone gibt. Ich würde jedem, der offensichtlich nicht weiß, was der Begriff bedeutet, empfehlen sich das hier durchzulesen, insbesondere den Abschnitt “Problematik der Verwendung”!
#2 Philgrooves . 08.09.10 . 23:16 Uhr
Schon im Titel ein Nazi-Vergleich. Nice one!
#3 Paul-geht-baden . 09.09.10 . 01:59 Uhr
Lieber Dr.D , danke für Ihren Beitrag. Zwar kann ich MG und Philgrooves insofern nicht widersprechen, als ich mich hier selber einmal gegen die Verwendung einer Vokabel (”Schmierereien”) stark gemacht habe (und dafür prompt von Herrn S eine aufs Dach bekommen habe), ich finde es aber gleichwohl auf eine bezeichnende Art perfide, alles Übrige, was Sie berichten (und was man anderswo noch nicht lesen konnte, es handelt sich um neue Informationen), zu ignorieren, als ginge es MG und Philgrooves nichts an. Es klingt irgendwie schlau, was die beiden vorbringen, ist aber ein one-trick-pony-trick, mit Selber-Denken hat das nichts zu tun. Das ist eine Reaktion, wie wenn man eine Münze in einen Automaten wirft: es kommt automatisch etwas heraus. Ich finde, Sie entkräften schlüssig das Scheinargument, die Einwendungen gegen das Projekt seien gehört und berücksicht worden. Sind sie eben nicht, der Denkmalschutz ist auf administrativem Wege kaltgestellt worden. MG und Philgrooves ist das offenbar egal, wie es allen egal ist, die technokratisch argumentieren (auf Gegener- und Befürworterseite) und von Kosten und Betriebseffizienz und Gefahren reden. Was die Leute auf die Palme bringt, sind aber nicht die Lügen über die Kosten, nicht die Möglichkeit, dass die S-Bahnen schlechter durchkommen, dass eventuell die Mineralquellen in Mitleidenschaft gezogen werden usw. Es sind die Gefühle der Leute für konkrete Dinge, die sie nicht verlieren wollen: ein Denkmal (den Bahnhof) und die Bäume. Wenn S 21 so gestaltet worden wäre, dass der Bahnhof erhalten bliebe und keine Bäume gefällt werden müssten, dann gäbe es keinen Protest in annähernd vergleichbarem Umfang. Aber das kann man den Leuten, die für die Planung verantwortlich sind (und vielen Befürwortern) offenbar nicht begreiflich machen.