Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 13:37 Uhr
Gestern Abend gab es auf Arte Sergej Eisensteins Film ‘Oktober’ aus dem Jahr 1928, ein Stummfilm in der rasanten Montagetechnik, für die Eisenstein berühmt ist (und die ‘Oktober’ den Vorwurf des Formalismus eintrug, weshalb der Film - der zur Feier des zehnten Jahrestags der Oktoberrevolution in Auftrag gegeben worden war, aber erst ein Jahr später fertig wurde - schon nach wenigen Tagen aus den Kinos verschwand und gekürzt und umgeschnitten und entstellt wurde. Was Arte gestern zeigte, war die frisch restaurierte Fassung (der aber immer noch etwa 40 Minuten von der Originalfassung fehlen sollen), die gerade auf der Berlinale mit Live-Orchesterbegleitung uraufgeführt wurde. Gleich zu Anfang des Films gibt es eine Szene, in der ein alter — Revolutionär? (nicht wirklich sattelfest in russischer Revolutionsgeschichte habe ich manchmal ein wenig den Faden verloren) eine Brezel isst, 1917 in Petrograd, wie das nachmalige Leningrad, das wir heute als Sankt Petersburg kennen, damals hieß. Während ich noch überlegte, ob ich mich getäuscht hatte - denn sehr deutlich war die Brezel nicht zu sehen, es war mehr die charakteristische Bewegung, mit der der alte Mann davon ein Stück abbricht - ist plötzlich eine Bäckerei im Bild (vor der die hungernden Menschen Schlange stehen), über deren Eingang als Aushängeschild was angebracht ist? Eine Brezel. Gibt es noch Brezelbäcker in Sankt Petersburg? Wie groß ist es eigentlich, das Weltreich der Brezel?
#1 Frau Doktor . 16.02.12 . 19:17 Uhr
Die erste Brezel meines Lebens, die wirklich so geschmeckt hat wie sie schmecken soll, habe ich vor 20 Jahren in Chicago gegessen. Erst gute zehn Jahre später, während meiner ersten Tage in Stuttgart, habe ich dann diese großartige kulinarische schwäbische Meisterleistung in derselben Qualität bekommen. Eine Warnung: Esst NIEMALS Brezeln in Hamburg – außer ihr habt sie selbst aus Süddeutschland importiert.
Wie die Brezeln in Petrograd wohl geschmeckt haben? Und ob man da immernoch welche isst?
#2 MC Buhl . 17.02.12 . 10:00 Uhr
Der Hamburgwarnung möchte ich sogleich die Münchenwarnung folgen lassen.
In weiten Teilen Frankens gibt es auch hervorragende Brezeln! Ein Kollege schwört auf Brezeln aus Bretzfeld. Immer wenn er in der Gegend zu tun hat, fahrt er’n Umweg dahin…
#3 Paul-geht-baden . 20.02.12 . 17:48 Uhr
Meine spontane Spekulation beim Ansehen des Films war, dass es sich, was die Brezel angeht, um einen Fall von Kulturgleichzeitigkeit (wenn man das so nennt -:?) handeln könnte, d. h. der Anblick der Brezel in der zeitlich und räumlich entrückten, wahrlich fremden Umgebung gab mir die Frage ein, ob die Brezel anderswo auf der Welt vielleicht ein zweites (und womöglich noch drittes oder viertes usw.) Mal erfunden worden sein könnte. Aber ich habe nichts finden können, was darauf hinweist. Zwar habe ich inzwischen aus Kiew die Nachricht erhalten, dass es dort Brezeln zu kaufen gibt, aber wie es scheint, sind diese exotischen Brezel-Standorte historische Außenposten süddeutsch-österreischisch-schweizerischer Bäckereikultur, in denen sich eine alte Tradition erhalten hat (es gab ja mal viele Deutsche in Osteuropa, und das Habsburger-Reich erstreckte sich auch weit nach Osten). Auch Ihre wohlgeratene Brezel in Chicago, liebe Frau Doktor, kann eigentlich nur auf deutschsprachige Einwanderer zurückgehen. Ihre Warnung vor Brezeln in Hamburg kann ich nur unterschreiben; selber Brezeln mit hinzunehmen, lohnt sich aber allenfalls, wenn man fliegt. Denn nach ein paar Stunden wird auch die beste Brezel pappig.
#4 Frau Doktor . 20.02.12 . 18:06 Uhr
Die Vermutung, dass die Chicagoer-Brezel mit Einwanderern dorthin gekommen ist, stimmt, denke ich. Die Bäckerei hieß, wenn ich recht erinnere: Mayer. Und in Chicago gab es ja seit dem 19. Jahrhundert eine riesige deutsche Kolonie. Das merkte man auch noch auf Schritt und Tritt.
#5 Paul-geht-baden . 20.02.12 . 18:32 Uhr
gab es ja seit dem 19. Jahrhundert eine riesige deutsche Kolonie
Ich habe, als Sie von Ihrer Brezel berichteten, gleich an die fünf Deutschen unter den sieben nach dem Haymarket-Bombenattentat zum Tode Verurteilten gedacht.
#6 Frau Doktor . 21.02.12 . 10:30 Uhr
Zumindest vor über 20 Jahren stieß man vor allem in den ehemaligen Arbeiterslums in Chicagos auf Schritt und Tritt auf deutsche Spuren: Da gab es Metzgereien, an sich schon eine Seltenheit in USamerikanischen Städten, die hießen aber auch tatsächlich “Metzgerei”. Und der Name Schwab war auch sehr verbreitet.
In der Autobiographie von Emma Goldmann (Red Emma) haben die deutschen Anarchisten und Anarcho-Syndikalisten in Chicago einen großen Auftritt, vor allem in der Nachfolge des Haymarket Massakers. Von den fünf deutschen Justizmord-Opfern waren mindestens drei Badener. Ich hab’ dann mal ein bisschen recherchiert und war ganz erschüttert, wieviele südwestdeutsche, demokratisch gesinnte Menschen nach 1848 in die USA gegangen sind / wurden. (Und natürlich auch aus dem Rest des Reiches.) Kein Wunder, dass es so lange gebraucht hat, bis sich hier bei uns eine freiheitliche Gesinnung ausbreiten konnte.
#7 Frau Doktor . 21.02.12 . 10:33 Uhr
Hier noch ein Link zu einer kleinen Geschichte der Deutschen in Chicago: http://www.encyclopedia.chicagohist...
Bier kommt vor, Brezeln leider nicht.
#8 Paul-geht-baden . 21.02.12 . 11:27 Uhr
Danke für den Link, wieder was gelernt (ich hab immer gedacht, dass Chicago eine halb-polnische Stadt sei). Zwei Zitate aus dem Text:
As late as 1880 Germans had such a large presence among shoemakers, bakers, butchers, cigar makers, furniture and wagon makers, coopers, and upholsterers that these more traditional crafts were considered “typically German.”
In 1865 the small German elite began to meet in the Germania Club, and the “Schwaben Verein,” founded in 1878, still celebrated its “Cannstatter Volksfest” (country fair) in the 1970s.
#9 Exilant . 24.02.12 . 06:57 Uhr
Im Haus der Geschichte ist die Auswandererwelle in die USA um 1848 sehr schön dargestellt, wie ich finde. Hier werden viele Einzelschicksale aufgezeigt. Vielleicht enteckt man da ja auch ein Bäcker der das Geheimnis der Brezel mit in die neue Welt genommen hat.