Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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27 11.05

Das Versäumnis des Bildhauers

Von Herr S
Kultur, Leben . 14:08 Uhr

»Da schau her, Bürschle«, verfügte mein Großvater, an dessen Hand ich als Dreikäsehoch eines späten und nebligen Winternachmittags durch den Unteren Schlossgarten spazierte.
»Bei den beiden Skulpturen wollte der Künstler alles goldrichtig machen, Pferde, so vollkommen wie Pferde überhaupt je sein können.«
»Und, hat er es geschafft?«, fragte ich. So recht beurteilen ließ es sich ja nicht in der dunkelgrauen Suppe und mein ästhetisches Urteilsvermögen war noch einigermaßen unausgereift.
»Na ja, fast — aber halt nur fast! Als er fertig war, merkte er zu seinem Entsetzen, dass er die Zungen vergessen hatte und hängte sich vor Gram darüber auf.«
»Wow!«
Mehr fiel mir dazu auf die Schnelle nicht ein, auch war es zu jener Zeit in Mode, »Wow!« zu sagen.

Zum anschließenden Nachtessen servierte meine Großmutter ihren legendären Kirschauflauf, der meine gesamte Konzentration erforderte und dazu führte, dass ich unwesentlich später ermattet auf dem Sofa lag, wo ich versuchte, ein böses Leibschneiden zu überwinden. Etwas möglichst Angenehmes wollte ich mir vorstellen, das würde helfen, dachte ich mir. Stattdessen erschienen bald haushohe Steinblöcke, von gespenstischen Lichtblitzen umzuckt, Leitern türmten sich übereinander und von oben schlängelte sich ein wirres Geflecht von Seilen herab. Einer der Stränge endete in einer Art Schaukel, auf der ein weiß bekittelter Mann besinnungslos wütete. Mit schwerem Hammer schlug er auf den Meißel ein, nach allen Seiten stoben die Brocken davon, dicke Schweißtropfen nahmen die Verfolgung auf, in rascher Folge entluden sich markerschütternde Schreie, längst herrschte blinde Raserei. »PFERDE! PFERDE! UND ZWAR GOLDRICHTIGE!« brüllte er mit verzerrtem Gesicht. Nasse Strähnen in der Schmerzensmiene, der Blick irr, so setzte er Schlag auf Schlag. »PFERDE! UND ZWAR VOLLKOMMENE! DAMIT! DAS! GLEICH! KLAR! IST! VOLLKOMMENER NOCH! ALS SELBST! DIE! DES ALLMÄCHTIGEN!« Eindeutig unvollkommen verlief mein stiller Kampf gegen das Leibschneiden, das an Intensität eher noch gewonnen hatte. Die Steinblöcke schienen sich indes tatsächlich schnell in Pferde zu verwandeln, bald bäumten sie sich mächtig auf — so muskulös ihre Bändiger geraten waren, hatten selbst sie ihre liebe Mühe mit der Urkraft dieser gewaltigen Geschöpfe. Am Sockel kauerte jetzt der erschöpfte Künstler und rauchte eine Zigarre. »Euch habe ich gezeigt, wo der Bartel den Most holt«, murmelte er kaum vernehmlich, aber von erkennbarer Befriedigung durchdrungen. Versonnen blickte er seinen Rauchwölkchen hinterher, als er plötzlich vor Schreck zu erstarren schien. Die Zigarre fiel ihm aus der Hand, sein Blick ging nach oben, fahrig warf er die wilde Mähne zurück und eilte eine der Leitern hinauf. »NEIN! OH SCHANDE! OH SCHMACH! DAS ENDE! DAS IST ES! DAS ENDE! EINPACKEN KANN ICH! IN DREI TEUFELS NAMEN!«, so tobte er noch eine Zeitlang, dann ergriff er den nächsten greifbaren Strick, band ihn sich um den Hals und sprang. Springen musste auch ich jetzt, und zwar schleunigst, der Kirschauflauf war beim besten Willen nicht mehr länger zu halten.

Bis zu jenem Abend war ich immer schon vom flammenden Wunsch befeuert, dereinst als umjubelter Bildhauer zu reüssieren. Dem Guten, Schönen und Wahren wollte ich mich hingeben, mit aller Inbrunst und Leidenschaft. Zugegeben: ob der Wunsch wirklich so übermächtig war, oder eher dem verklärten Blick auf Kindheitstage entspringt, lässt sich nicht genau sagen, sicher ist aber, dass die Bildhauerei nach dieser Darbietung für mich perdu war. Wegen einer Ungeschicklichkeit in den Tod zu gehen, erschien mir doch eine Spur zu übertrieben. So blieb nur noch eine Laufbahn im Bankfach oder die schwankende Existenz als Unterhaltungsdichter, was mir die attraktivere Alternative zu sein schien. Wo ich damit gelandet bin, sehen Sie ja, aber ich will mich nicht beschweren — besser als ödes Dahinvegetieren in einem Geldinstitut ist es fraglos. Noch heute hadere ich allerdings manches Mal, welch prachtvollen Weg ich gegangen wäre, hätte mich der Großvater seinerzeit nicht angeschmiert — aus purem Geltungsdrang wahrscheinlich, weil er nichts Gescheiteres wusste, mit dem er den gutgläubigen Enkelsohn in ehrfürchtiges Staunen versetzen konnte.

Erstunken und erlogen war das Ganze: Ludwig Hofer, der Schöpfer der beiden »Rossebändiger«, erfreute sich als Hofbildhauer gesicherter Verhältnisse und starb 1887 im hohen Alter von 86 Jahren eines natürlichen Todes. Nicht einmal gedrückt hatte er sich vor dem unausweichlichen Schritt, nein, die beiden Pferde verfügen ohne jeden Zweifel über ordnungsgemäße Zungen. Wäre es draußen auch nur einen Deut mollig wärmer, ich wäre der Erste, der den Unteren Schlossgarten aufsuchen würde, um den Gäulen mit einer Kamera ins Maul zu schauen und so den Beweis zu erbringen.

Ins Stutzen geriet ich erst Jahrzehnte nach dem unseligen Abend. Der Bildhauer Bartholdi habe Selbstmord begangen, weil seinem »Löwen von Belfort« die Zunge fehlen würde, ein Malheur, das er nicht zu überwinden vermochte, erzählte mir ein Unbekannter, der im Ackermanns am Tresen neben mir ein Spätbier einnahm. »So kann’s gehen«, schloss er seinen Vortrag. Erste Verdachtsmomente keimten in mir auf: Es würde ja wohl kaum zu den normalen Gepflogenheiten von Bildhauern zählen, großspurig das ultimative Tier anzukündigen, um hernach festzustellen, dass man die Zunge vergessen hätte und sich damit zum Freitod genötigt zu sehen. Als ich später dann noch zufällig von der Széchenyi Lánchid las — der Budapester Kettenbrücke — deren Erbauer sich angeblich ebenfalls den Garaus machte, weil er — Sie ahnen es — die Zungen vergessen hätte, und zwar die der eingearbeiteten Löwen, schnappte ich mir eine Alu-Leiter und machte mich prüfungshalber auf in den Unteren Schlossgarten. Seither weiß ich Bescheid.

Wenn der Künstler schon nichts Rechtes schafft, dann muss ihn wenigstens der Wahnsinn ereilen und finster soll sein Ende sein. An dieser Vorstellung ergötzt er sich, der freudlose Bankbedienstete, Sie verleiht ihm nötigen Halt. Er wird es gewesen sein, der die Schauermärchen in die Welt gesetzt hat, in Stuttgart, Belfort, Budapest und mutmaßlich tausend anderen Orten. Ihm ist es zu verdanken, dass die Welt um mindestens einen erstaunlichen Bildhauer ärmer ist — zu Füßen läge mir eben jene, Triumphe sonder Zahl würde ich aneinander reihen, das ganze Leben wäre ein fortgesetzter Rausch. Aber wie gesagt, ich will mich nicht beschweren. Nur mit dem Bankbediensteten würde ich zu gerne mal ein Hühnchen rupfen, ich könnte ihm sogar verbindlich zusichern, dass mein Interesse am allerwenigsten dessen Zunge gälte.

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