Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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27 02.06

Das Theater mit dem VfB - ein Kulturspiegel

Von A.S.K.
Vermischtes, Leben . 10:09 Uhr

Neulich, Donnerstag abends. Mein Vater und ich saßen entspannt im Wohnzimmer. Wir schauten uns das VfB Spiel gegen Middlesborough an und waren nach dem ansehnlichen Beginn mit der 1:0 Führung zur Halbzeit bester Dinge und voll der Hoffnung.

Als die Werbeslogans zu ertönen begannen, schaltete mein Vater auf den Regionalsender RTV. Wir lehnten uns zurück und lauschten den Polizeimeldungen, die über kriminelle Akte der Umgebung, beispielsweise drei gestohlene Reitsattel, informierten. Gemeinsames Schmunzeln unsererseits.
Es folgte ein Bericht über die momentan stattfindende „Tanzplattform“ im Theaterhaus – ein Symposium von Improvisationen und Auftritten lokaler und nationaler Künstler und Artisten.
Wir beobachteten verschiedene Performances: Leute sprangen gegen Wände, rollten sich am Boden ab – insgesamt sehr ausgelassen, sicher nicht uninteressant.
„Lass das doch kurz“, bat ich meinen Vater deshalb, als er Anstalten machte, den Sender zu wechseln. Sein Gesichtsausdruck hatte mir genug verraten, um zu wissen, was er dachte.
„Mensch, des isch Kultur. Ist doch auch mal gut.“ , sagte ich halb ernst und bereute es fast, als weiterdokumentiert wurde, wie einer der Bühnenmenschen von Kopf bis Fuß in Plastik eingehüllt wurde.
Mein Vater sagte zunächst nichts und wir verfolgten weiter das bunte Treiben auf der Bühne, bis er meinte: „Das ist doch nichts außer Schwachsinn.“, die Kamera schwenkte von der Bühne auf volle Zuschauerränge. Mit reichlich Unverständnis das zur Kenntnis nehmend dann: „Wie kann man sich so etwas nur antun. Mir schleierhaft.“
Obwohl ich dem nicht wirklich etwas entgegenzusetzen hatte, entgegnete ich: „Ach ja. So schlimm ist es auch nicht. Außerdem bin ich grundsätzlich für Kultur und derlei Veranstaltungen, ich hab auch schon sehr gute Dinge gesehen.“

Daraufhin mein Vater:
„Weißt Du, ich habe wenig Verständnis dafür, dass solche Dinge als zur Kultur gehörend eingestuft werden - die Zahl der Leute , die tatsächlich für so etwas Einlass bezahlen, ist verschwindend gering.
So wie ich das sehe, ist Kultur nicht mehr und nicht weniger als das, was die Leute sehen wollen. Damit schaffen sie sich ihre eigene Kultur. Wenn Kultur ein Spiegel sein will, dann kommt es einem Zerrbild gleich, wenn man behauptet und darauf pocht, dass so etwas unsere Kultur sei.
Das stimmt so einfach nicht. Da sollte man ehrlich sein und einsehen, dass die wahre Kultur dann halt nun mal das Backstreetboys - Konzert in der Schleyerhalle ist.
Diese Theater- und Opernhäuser haben schlicht nicht genug Geld und es ist schon hart, dass da jährlich Millionen hineininvestiert werden, nur um Verluste zu kompensieren. Auf nationaler Ebene dürften es wahrscheinlich Milliardenbeträge sein.“

Ich hatte aufmerksam zugehört und speziell die Spiegel-Metapher für ausbaufähig bzw. verbesserbar erachtet. Ich sagte daher:
„Eben darum geht es ja. Den Leuten einen Spiegel vorzuhalten. Und wenn sich Kultur, als Begriff für den „Ausdruck von Kunst und Geiste der Gesellschaft“, allein danach richtet, was die Leute sehen wollen, dann kann sie dieses Ziel sicher nicht erfüllen.
Denn es gilt ja innovativ zu sein, zu experimentieren um Neues zu schaffen und Erfolg zu haben.“

In Gedanken bilanzierte ich jedoch folgendermaßen: Eines ist sicher, dass in Zukunft nur das erfolgreich und populär sein kann, was die Leute gern sehen. Das erscheint logisch.
Jedoch ist damit ein Problem des erzieherischen, bildenden Aspekts der Kultur angerissen.
Unterhaltung ist Trumpf. Man will heutzutage hauptsächlich und überwiegend unterhalten werden. Diese schwappt geradezu über, wenn man zum Beispiel den Fernseher anschaltet. Eine Reizüberflutung ist der schon vielerorts verwendete Begriff, wenn es darum geht, das zu beschreiben, was wir täglich erleben. Speziell meine Generation, die Jugend, ist davon betroffen.
Man sollte meinen, dass dadurch ein Wissensdurst oder zumindest Verlangen nach Abwechslung entsteht. Dem ist aber nicht so. Um speziell jüngere Leute zu ködern, muss Unterhaltung geboten werden. Ungezwungen geht keiner gern zu Lehrveranstaltungen; das wird sofort mit Belehren assoziiert. Die Möglichkeit, für sich selbst etwas zu gewinnen, überhaupt lernen zu können, wird außer Acht gelassen.
Offenbar muß zuerst der Eindruck geweckt werden, dass ein Abend im Theater oder in der Oper spaßig werden kann. Es dann noch zu schaffen, dass das Publikum mit dem Gefühl aus dem Theater geht, etwas gelernt, etwas für sich selbst mitgenommen zu haben und sich darüber freuen zu können, wäre wunderbar.

So theoretisierte ich also bis mein kleiner Bruder Kampfparolen verkündend und mit seinem Schwert fuchtelnd das Zimmer stürmte. Hier endeten meine Gedankengänge.
Zu dritt haben wir dann das Spiel zu Ende geschaut, wobei es ärgerlich war, dass die zweite Halbzeit nur in Konferenz mit Espanyol Barcelona-Schalke04 gezeigt wurde. Getrost darf man behaupten, dass die Schlägereien am Rande dem Grauen auf dem Rasen vom Unterhaltungswert locker Paroli bieten konnten.
Naja, der VfB spielte schwach zu Ende und verlor, trotz des 1:0 Siegs.
Soviel zur Unterhaltung. Aber was Lernen konnte man trotzdem:
Auch der VfB kann einen kulturellen Wert haben. Allein, man muss die Dinge richtig angehen.

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3 Kommentare zu Das Theater mit dem VfB - ein Kulturspiegel

#1 Herr S . 27.02.06 . 21:55 Uhr

Was mich schon oft verwundert hat, ist der angebliche Gegensatz Kultur–Unterhaltung. Das eine irgendwie belehrend, das andere zum Ablachen. Ich bin sehr sicher, dass die Situation der »offiziellen« Kultur eine andere wäre, wenn man sowohl den Unterhaltungs- als auch den Kulturbegriff relativieren würde. Ich jedenfalls fühle mich im Theater und der Oper nicht belehrt, sondern im besten Sinne unterhalten. Ebenso wie im Kino, im Museum, beim Lesen etc. Wäre dem nicht so, würde ich es nämlich lassen.

Und ich bin ziemlich froh, dass es auch noch ein Kulturangebot jenseits des Mehrheitsgeschmacks gibt, dafür darf man meinethalben gerne ein paar Steuergelder verbraten. Für ein anschauliches Bild dessen, was die Mehrheit sich am liebsten einpfeift, braucht man ja nur das Fernsehen anzuschalten: singende Schwachköpfe, Leute, die Würmer essen, in Containern herumsitzen oder Quizfragen beantworten. Mein lieber Herr Gesangverein, da sind mir Goethe und Co. allemal sympathischer.

#2 A.S.K. . 01.03.06 . 14:43 Uhr

Ansich war es auch nicht meine Intention, Kultur bzw. Kulturveranstaltungen zu kritisieren.
Anregungen und selbst etwas Unterhaltung bieten viel eher.
Vielleicht kamen mir auch Schillers Theaterthoerien in den Sinn. Dieser sprach von der Bühne als Möglichkeit, das Volk näherzusammenzubringen, gar es zu einen, und verwies auf das alte Griechenland, wo das Theater eine immense Bedeutung hatte und großer Aufmerksamkeit erfuhr.
Schiller schwärmte von den unerschöpflichen Möglichkeiten des Theaters; auf all die Dinge, auf die es zurückgreifen könne: Das gesamte Reich der Vergangenheit, Gegenwart und auch Zukunft. Er stellt sich vor, daß die Menschen im Theater von Grund auf bewegt und erfasst werden können um so ihr Bewußtsein zu ändern und sich auszuleben:
Der harte, gefühlslose Mann wird zu Tränen bewegt. Der verweichlichte Schwächling erfährt Mut und Heldentum.

Schiller sah also durchaus eine politische Funktion des Theaters und war überzeugt davon, daß es der einzige Weg sei, Veränderung herbeizuführen.
Jedoch, wir erinnern uns, es herrschten damals andere Verhältnisse.

Ich meinte ja nicht Kulturveranstanltungen seien allgemein belehrend, sondern vielmehr, daß bei vielen Jugendlichen eine solche vorgefertigte Meinung nicht selten ist.
Zudem kann man sich darüber streiten, ob ein Opernbesuch für Heranwachsende attraktiv ist - aus verschiedenen Gründen.
Aber nicht mich falsch verstehen, ich teile die Ansicht, man werde von der Kultur bestens unterhalten. Sei es Theater, Oper, Freibühne. Nur müsste man das besser vermitteln, die Außendarstellung aufpolieren.

#3 Frau Doktor . 03.03.06 . 15:53 Uhr

Wo wir schon bei Schiller sind: Der hat sich wenig Illusionen darüber gemacht, dass die Fähigkeit, (Hoch-)Kultur genießen zu können, schon selbst eine hochkulturelle Fähigkeit ist und nur durch rigoroses Üben entsteht, auch bekannt als Erziehung. Oder um es mit Karl Valentin zu sagen (leicht abgewandelt):

Kultur ist schön, macht aber auch viel Arbeit.

Im Vergleich zu dem einfach schon rein technisch viel leichter zugänglichen Fernsehen (Knopf drücken, los geht’s.) sind Oper, Theater, Museum, Ballett, Konzert etc. immer im Nachteil – wenn man aus der Perspektive Unterhaltung als Einstieg in die E-Kultur argumentiert. Da helfen auch wilde Spektakel à la Smart House nur wenig. Karten kaufen und mindesten 90 Minuten still auf dem Hintern sitzen können muss man schon können.

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