Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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02 10.05

Das Schachteldrama

Von Herr S
Vermischtes . 17:23 Uhr

Die Versorgung der Bevölkerung mit dem Notwendigen wurde in dieser Stadt längst eingestellt. Ringen Sie sich zu einer ernsten Kaufabsicht durch und machen sich auf den Weg, diese Absicht in einen konkreten Kaufvorgang münden zu lassen, werden Sie zuverlässig scheitern. Zwar gibt es mehr als genug Geschäfte, die glaubhaft vermitteln, dass ihnen nichts lieber wäre, als wenn Sie gerade in ihnen kaufen würden, der Weg dahin verläuft allerdings stets umgekehrt: Die Ladeninhaber treffen eine Vorauswahl von Produkten in der — meist irrigen — Annahme, Ihren Vorstellungen damit zu entsprechen. Aus diesem Sortiment können Sie sich etwas aussuchen, mehr dürfen Sie nicht erwarten.

Ich selbst bin erprobtes Opfer dieses zutiefst unbefriedigenden Zustands. Erst unlängst fasste ich einmal den Plan, eine Schachtel zu erwerben. Anlässlich einer Kindstaufe hatte ich ein mehrteiliges Geschenk zusammengestellt, auf dessen nähere Beschaffenheit ich nicht näher eingehen will, zu sehr würde es vom eigentlichen Thema ablenken. Jedenfalls wollte ich die Einzelteile in einer Schachtel zusammenfassen, nicht zu groß und nicht zu klein sollte sie sein, repräsentativ aber unaufdringlich, sauber verarbeitete Well- oder Graupappe stellte ich mir vor, idealerweise mit einem Deckel zum Abheben. In etwa so wie ein klassischer Schuhkarton, nur eben neutral, ohne Werbeaufdruck oder aufgeklebte Etiketten. Die sorgfältige Selbstprüfung führte zum Schluss, dass meinem Plan jede Vermessenheit fehlte, also machte ich mich guten Mutes auf den Weg.

»Eine Schachtel?«, fragte die Verkäuferin beim Haufler am Markt, und schaute mich an, als ob ich nach einem Sack vergoldeter Pflaumen gefragt hätte. Etwas hilflos führte sie mich zu einem Regal, auf dem ein paar winzige Schächtelchen aufgebaut waren, überzogen mit unterschiedlichen Dekoren, ein anstrengendes Blumenmuster gab es da, wahlweise auch weichgezeichnete Fotos jüngerer Haustiere oder die beiden Engel der »Sixtinischen Madonna«. Zu einem der Dekore hätte ich mich nach einiger Überwindung noch entschließen können, da die Schachteln aber im besten Fall das Fassungsvermögen einer Kaffeedose aufwiesen, musste ich vom Kauf Abstand nehmen, zudem war ich nicht gewillt, einen Preis im zweistelligen Eurobereich dafür anzulegen.

Zu meiner Verblüffung fand ich just diese Schächtelchen auch beim Steinmann und beim Martz vor, offenbar gab es einen geheimnisvollen Lieferanten im Hintergrund, der sämtliche Papierwarengeschäfte davon überzeugte, ihr Sortiment wäre nur mit aufwendig dekorierten Miniaturschachteln vollständig. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch er es war, der den Geschäften entschieden davon abriet, normale Schachteln anzubieten. »Normale Schachteln, ich bitte Sie!«, wird er ihnen gesagt haben, »kein Mensch kauft heute noch normale Schachteln!«

Gut, die Papeterien konnte ich mir aus dem Kopf schlagen, soviel zeichnete sich ab. Also wieder zurück zum Marktplatz, wo ich das mir noch eine halbe Stunde zuvor Unvorstellbare wagen wollte, einen Besuch bei Buhl, der sich darauf spezialisiert hat, kreative Hausfrauen mit Zubehör für ihre breit gefächerten Bastelaktivitäten zu versorgen. »Guten Tag, ich suche eine gewöhnliche Schachtel, etwa in der Größe eines Schuhkartons«, trug ich meinen Wunsch verunsichert, aber voller Hoffnung vor. Tiefe Verständnislosigkeit schlug mir neuerlich entgegen. »Schachteln in dem Sinn haben wir keine. Höchstens Geschenkboxen zum Selberbemalen oder -bekleben.« Nun ja, warum nicht, dachte ich mir und signalisierte mein prinzipielles Interesse an einer Besichtigung. Staunend stand ich alsbald vor den wiederum identischen Kleinschachteln, nur dass ich die Dekorationsarbeiten hier selber zu bewältigen hatte, umso erstaunlicher, dass sie noch teurer angeboten wurden. Der ominöse Kleinschachtel-Lieferant schien ein sinistrer Tycoon zu sein, vor dem es kein Entrinnen gab.

»Sagen Sie mal, warum sind Sie nicht einfach in ein Schuhgeschäft gegangen?«, werden Sie jetzt vielleicht fragen, »Dort gibt es Schuhkartons in Hülle und Fülle«. Sie werden lachen, aber auf die Idee bin ich als Nächstes auch gekommen. Nur versuchen Sie mal, einen neutralen Schuhkarton zu finden, der darauf verzichtet, das Logo des verantwortlichen Fabrikanten auf allen Seiten flächendeckend aufzuführen. Das können Sie glatt vergessen, keine Chance. Auch wenn quasi kein Schuhkäufer die Schachtel zu Gesicht bekommt, weil sich längst niemand mehr mit ihrer Entsorgung belasten möchte, scheint die Bedruckung unverzichtbar. Sicher, ich hätte Kaschierpapier erstehen können, um eine geeignete Schachtel damit nach meinem Gusto damit zu überziehen. Ich bitte aber um Verständnis dafür, dass mir der Gedanke, einen Karton zu kaschieren, nur um einen vollkommen überflüssigen Druck zu verstecken, der zuvor mit einiger Anstrengung aufgebracht wurde, ziemlich absurd vorkommt. Als ob man eine weiße Wand blau anstreichen würde, nur um anschließend wieder weiß drüberzustreichen.

In einigen Fällen führte meine Vorsprache auch zu einiger Verärgerung seitens des Ladenpersonals. Löste schon die Frage nach leeren Schuhkartons nicht gerade überschäumende Begeisterung aus, war die Geduld spätestens dann erschöpft, wenn sie Berge von Kartons aus dem Lager geschleppt hatten, von denen mich keiner so recht überzeugen wollte. Wüstes Geschimpfe war die Folge, in zwei Geschäften wurde ich nach einigem Hin und Her sogar mit einem Hausverbot bedacht, dessen genaue Frist allerdings auch auf ausdrückliche Nachfrage nicht näher spezifiziert wurde. Gelöst habe ich das Problem übrigens nie. Nach zweitägigem Umherirren sah ich mich zur Aufgabe gezwungen und sagte die Kindstaufe ab. Die Geschenke habe ich umgehend bei Ebay versteigert und den Reinerlös trübsinnig in einer Gastwirtschaft verbraucht, deren Bierauswahl meinen Vorlieben halbwegs entgegenkam. Die Eltern des Täuflings stellten daraufhin jeden Kontakt zu mir ein, was bis heute an mir nagt. Immer wieder stelle ich mir vor, wie alles ganz anders hätte kommen können, wäre nur eine simple Schachtel erhältlich gewesen.

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1 Kommentar zu Das Schachteldrama

#1 Paul-geht-baden . 09.08.07 . 01:14 Uhr

Schon im ersten Post der ganze Herr S. - ‘in a nut shell’, wie die Engländer sagen, was ich in diesem Fall übersetzen würde mit: ‘im Karton’ (auch wenn der hier durch Abwesenheit glänzt). Auch ein Sehnsuchtstext eigentlich, Sehnsucht danach, dass wenigstens die Warenwelt, wenn schon nicht die wahre Welt, sich den eigenen Wünschen, Bedürfnissen, dem eigenen Niveau zu fügen in der Lage wäre, ein Spürchen Bitterkeit, dass dem nicht so ist, und die tadellose Haltung, in der man als Herr und schwäbischer Gentleman alle Arten von Zumutungen einfach abperlen lässt…

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