Von Josh von Staudach
Politik, Befindlichkeiten, Stuttgart 21 . 02:37 Uhr
Es war einmal anno 1988 die Vision eines Professor Heimerl (Uni Stuttgart) von einem Tunnelbahnhof und einer autobahnnahen Eisenbahntrasse gen Ulm. Seitdem wagten viele andere wichtige Leute zu träumen. Bahnchefs, Bürgermeister, Ministerpräsidenten. Diese Träume wurden 1994 in einem Entwurf von Christoph Ingenhoven zusammengefaßt und der Öffentlichkeit präsentiert.
1. Märchen-Kapitel Gestaltung
Ich erinnere mich gut: Den Entwurf fand ich schön. Auch die Idee, dass die häßlichen oberirdischen Gleise wegkommen fand ich damals reizvoll. Aber die ersten Modelle vertuschten auch einiges. Zum Beispiel, dass mehr als ein Drittel der Bausubstanz des als Kulturdenkmal eingestuften Hauptbahnhofs abgerissen werden sollen. Da hatte ein Architekt kurzerhand den Bauherrn in einen Verstoß gegen das Denkmalschutzgesetz getrieben (Ich bin mal gespannt, wer hierfür verhaftet wird). Zudem mußte irgendwann zugegeben werden, dass der neue Bahnhof gar nicht wirklich unterirdisch läuft, sondern die Gleise ziemlich genau auf jetzigem Straßenniveau liegen und das Ganze mit einem künstlichen, 8 Meter hohen (!) Wall überschüttet wird. Nur so ließ sich vorgaukeln, dass der Schloßgarten-Park nicht unterbrochen wird. Radfahrer und Kinderwagenschiebende werden den Wall lieben!
2. Märchen-Kapitel Kapazität
Der neue Bahnhof hat nur 8 statt bisher 16 Gleise. Die Kapazität soll aber von bisher 30 auf 50 Züge pro Stunde ansteigen. Wie das geht? Das geht, weil der Berechnung eine Haltezeit von 2 Minuten pro Zug zugrunde liegt. Boris Palmer sagte im Januar, er hätte in einem Gutachten sogar eine Haltezeit von nur 1 Minute entdeckt. Dass dies völlig unrealistisch und praxisfern ist, dürfte jeder Bahnreisende ahnen. Vielleicht haben wir in 10 Jahren ja Zugpersonal, welches einem beim Koffertragen hilft - oder diejenigen, die zu langsam sind, auf den Bahnsteig schubsen.
3. Märchen-Kapitel Geld
1995 sprach man noch von 5 Milliarden DM für den Bahnhofsumbau inkl. Tunnel. Daneben wollte man min. 2 Milliarden DM über Grundstücksverkäufe einnehmen. Diese Illusion war bald zerplatzt. Niemand außer der LBBW kaufte bis heute Grundstücke. Die LBBW dürfte die Grundstücke jedoch weitgehend kostenneutral erworben haben, laufen doch über sie große Batzen der Projektfinanzierung. Die Zinserlöse dürften enorm sein. Was bis heute ebenfalls märchenhaft verschleiert wird, ist die Antwort auf die Frage, wieviel denn die Grundstücke tatsächlich wert sind. Unter den teils 100 Jahre alten Gleisanlagen ist der Boden hochgiftiger Sondermüll, dessen Entsorgung vor einem Verkauf abermals Millionen verschlingen dürfte. Ganz schlau hat es die Bahn gemacht, die sich die Grundstücke schon lang von der Stadt Stuttgart abkaufen ließ. Und die Stadt kann sie eigentlich erst nach Abschluß aller Bauarbeiten und Entfernung der alten Gleise weiterveräußern. Selbst die Zinsen für diese Vorfinanzierung in Höhe von ca. 200 Millionen hat Herr Schuster nun der Bahn erlassen. (Ich sollte mich umtaufen lassen auf den Nachnamen Mehdorn, vielleicht bekomm ich dann auch so großzügige Geschenke).
4. Märchen-Kapitel Fläche
Ungefähr 100 Hektar an Fläche werden durch die Entfernung der Gleisanlagen frei. Viele Bürger sind der Ansicht, dass statt der Gleise hauptsächlich neue Parkanlagen geschaffen werden. Tatsächlich sind es nur 20 Prozent. Die restlichen 80 Hektar werden bebaut, bzw. versiegelt, wie man so nett sagt. 11.000 Wohnungen und 20.000 Arbeitsplätze könnten geschaffen werden, heißt es zur Zeit. Das bedingt eine äußerst dichte Bebauung unter Ausnutzung maximaler Geschoßflächen und geringster Zwischenräume. Wie das aussieht, kann man schon länger live erleben - zwischen den schicken Bauten der LBBW (siehe Kapitel 3).
5. Märchen-Kapitel Fernverkehr
Stuttgart wird vom Fernverkehr abgekoppelt - hieß die Drohung. Seit der TGV in Stuttgart einfährt, ist diese Drohung ziemlich wirkungslos geworden. Dass es jedoch Ideen von klugen Verkehrsexperten gab, den Fernverkehr ganz anders zu regeln, davon spricht niemand mehr. Bspw. eine Trasse von Karlsruhe direkt am Stuttgarter Flughafen vorbei nach Ulm. Der ICE fährt nämlich seltsamerweise erst ein gehöriges Stück nach Norden über Mannheim bis Stuttgart - um dann nach dem sündteuren Tunnel wieder am Flughafen zu erscheinen. Schüttelt außer mir noch jemand den Kopf?
6. Märchen-Kapitel Nahverkehr
Im Nahverkehr wird es keine Einschränkungen geben - hieß die Prophezeiung. Tatsache ist, dass Jahr für Jahr gestrichen wird. Erst jüngst sind wieder einige Verbindungen in der Region weggefallen. Und heute sagt Stratthaus:
Die Regionalisierungsmittel des Bundes (Zuschüsse für den Nahverkehr) werden verstärkt für Stuttgart 21 ausgegeben.
Wie er das zaubern will, dass das nicht zu Lasten des Nahverkehrs geht? Märchenhaft!
7. Märchen-Kapitel Zeitersparnis
Zur Zeit wird prognostiziert, dass sich die Fahrzeit Stuttgart - Ulm von 54 auf 28 Minuten verkürzt. Das ist 26 Minuten schneller. Wenn der Zug nicht am Flughafen hält. Dann wird die Fahrt nämlich wieder 8 Minuten langsamer. Tatsache ist, dass die Fahrzeitprognosen auf keiner Neubaustrecke der letzten Jahre eingehalten wurden. Eine Voraussetzung zum Erreichen des Zeitvorteils Richtung Ulm ist eine durchgehende Geschwindigkeit von 250 kmh. Das kann angesichts der enormen Steigung (40 Promille) an der Geislinger Steige nur mit einem (fiktiven, noch stärkeren) ICE garantiert werden, den es noch gar nicht gibt. Die jetzige ICE-3-Generation schafft es nur theoretischen Berechnungen zufolge. In der Praxis zeigt uns auch der aktuelle TGV zwischen Paris und Stuttgart, dass die beworbenen Fahrzeiten nicht eingehalten werden.
8. Märchen-Kapitel Zuverlässigkeit
Die alten Gleisanlagen sind nicht mehr verkehrstauglich, heißt es. Das stimmt. Sie wurden ja auch jahrzehntelang konsequent vernachlässigt. Eine beliebte Taktik der Bahn: Gleisanlagen verrotten lassen und dann Strecken schließen. Hätte man das Stuttgarter Gleisvorfeld in vernünftigen Zyklen instandgehalten oder gar ein wenig modernisiert, wäre schon heute ein Zeitvorteil von ca. 10 Minuten bei der Ein- und Ausfahrt zu verzeichnen (das würde aber die 26 Minuten aus Kapitel 7 schlecht aussehen lassen). Der zukünftige Tunnelbahnhof soll viel tauglicher und sicherer werden. Als Laie überlege ich: 50 Züge pro Stunde auf 2 Gleisen rein und raus durch einen Tunnel? Was ist, wenn einer der 50 Züge eine kleine Panne im Tunnel hat? Dann bleibt er da ne halbe Stunde stehen - und blockiert den gesamten Verkehr auf der Europa Magistrale! Ich möchte gar nicht dran denken, wenn ein Zug jemals im Tunnel in Brand geraten sollte - eine Katastrophe! Die Auswirkungen solcher Pannen oder Unfälle sind im 16-gleisigen Kopfbahnhof ungleich harmloser oder wirken sich gar nicht auf das Netz aus.
9. Märchen-Kapitel Beeinträchtigungen
Im Januar 2007 speicherte ich diverse Artikel von der stuttgart.de Website (die jetzt dort nicht mehr zu finden sind). Darin äußerte sich OB Schuster u.a. wie folgt:
Gleichzeitig hat die Genehmigungsbehörde - was mir besonders am Herzen liegt - den verständlichen Anliegen der Bürgerinnen und Bürger Rechnung getragen. Der Planfeststellungsbeschluss regelt den Bauablauf bis ins Detail, um Belastungen während der Bauphase so gering wie möglich zu halten und vor allem unsere Mineralquellen hundertprozentig zu sichern.
Es gibt einige Experten, die anzweifeln, dass die Quellen gesichert werden können. Enorme Risiken stehen bevor. Daneben wird die ohnehin von den schlechtesten Feinstaubwerten gebeutelte City über 10 Jahre lang in den ‘Genuß’ von Grobstaub, Matsch und Lärm kommen - das läßt sich schlicht nicht verhindern.
Außerdem sagte Herr Schuster:
Der Betrieb des Hauptbahnhofs wird über die gesamte Bauzeit uneingeschränkt weiterlaufen.
Dass der Betrieb weiterlaufen wird ist irgendwie klar. Aber uneingeschränkt??? Ich schätze, für dieses (und viele andere) Wort(e) können wir ihn in 10 Jahren nicht mehr zur Verantwortung ziehen, weil er nicht mehr im Amt ist. Ich frage mich jedenfalls, wie das gehen soll, dass 16 Gleise mit Bahnsteigen so untergraben werden, dass oben alles uneingeschränkt erhalten bleibt, bis unten alles uneingeschränkt weitergeht. Es wird definitiv Bretterbrücken und -Rampen geben, über die sich die Reisenden quälen müssen.
(…)
Die 13-jährige Märchenstunde geht also seit gestern in die Alptraumphase über. Auch wenn es nicht so aussehen mag: Ich bin nicht gegen den Fortschritt! Was ich mir gewünscht hätte, sind das Einbeziehen anderer Entwürfe in die Planungen, weniger Prestigedenken, weniger Angstmache, mehr Offenheit und Ehrlichkeit, mehr Einbeziehung von Bürger-Bedürfnissen und mehr Respekt vor der Steuerzahlerleistung. Ganz schön viel Wünsche, das gebe ich zu. Aber es war ja auch Zeit genug dafür.
#1 herbert . 21.07.07 . 07:29 Uhr
Die ersten Ideen waren wirklich genial, aber in Frankfurt und München war man ebenso weit und dort hat man die Idee bald aufgegeben.
Zugebenermaßen im Stuttgarter Kessel ist nicht viel Platz und entfallende Gleise könnten neue Fläche schaffen, aber so wie es sich Herr Oettinger und sein Finanzminister vorstellen, wird es nicht gehen.
Aber Oettinger musste ja wieder mal demonstrieren, wie wenig er vom Verhandeln versteht.
#2 Die Märchen rund um Stuttgart 21 » henningschuerig.de/blog . 21.07.07 . 09:56 Uhr
[…] Stuttgart-Blog schreibt Circulus unter dem Titel Das S21-Märchen über die neun märchenhaften Kapitel des Projekts Stuttgart […]
#3 UK . 21.07.07 . 14:27 Uhr
Saugut geschrieben. Sowohl die Formulierungen als auch der Inhalt. Meine Hochachtung!
#4 derCobold . 21.07.07 . 16:32 Uhr
Also man sollte hier doch etwas trennschärfer argumentieren.
…und das Ganze mit einem künstlichen, 8 Meter hohen (!) Wall überschüttet wird. Nur so ließ sich vorgaukeln, dass der Schloßgarten-Park nicht unterbrochen wird. Radfahrer und Kinderwagenschiebende werden den Wall lieben!
Diese Unterbrechungen gibt es jetzt schon: die Brücken, die über die mehrspurigen Fahrbahnen gehen, die den unteren vom mittleren sowie den mittleren vom oberen Schlossgarten treffen. Auch diese müssen von Fahrradfahrern und Fußgängern überwunden werden.
Viele Bürger sind der Ansicht, dass statt der Gleise hauptsächlich neue Parkanlagen geschaffen werden.
Woher stammt diese Aussage? Das gesamte Areal war noch nie als Parkanlage geplant. Ein Park wäre auch dann nicht daraus geworden, wenn man den Hbf nur umgebaut hätte.
Tatsache ist, dass Jahr für Jahr gestrichen wird. Erst jüngst sind wieder einige Verbindungen in der Region weggefallen.
Genau so sieht es aus: Im Nahverkehr wird gestrichen und zwar gewaltig - auch wenn Stuttgart21 nicht gekommen wäre und stattdessen ein Bahnhofsumbau finanziert werden würde.
#5 Simon . 21.07.07 . 18:05 Uhr
Werden dann eigentlich die Regionallinien nach Göppingen etc. ganz gestrichen oder halten die dann einfach in Cannstatt?
#6 circulus . 21.07.07 . 18:40 Uhr
@ Simon:
Es gibt nicht nur die Haupt-Tunnelröhren, sondern auch noch 2 Neben-Röhren, die Richtung Cannstatt bzw. Wangen führen. Dann halten Züge wohl schon noch in Cannstatt. Aber so ganz blick ich da auch noch nicht durch. Schau mal auf www.stuttgart21.de - oder geh in den Turm des Hauptbahnhofs, da gibt es eine große Ausstellung dazu. Da werd ich demnächst auch wieder rein schauen und mich auf den ‘neusten’ Stand bringen …
@ Der Cobold:
Naja, ich find meine Märchen-Kapitel schon ganz schön ‘trennscharf’. Darf ich bei deinen Äußerungen das Attribut ‘verwässernd’ benutzen? … Tatsache ist, dass die bisherigen Brücken keine 8 Meter Höhenunterschied bewältigen müssen und der Wall eben zusätzlich kommt, kaum ist man über die Brücke. Mal ganz abgesehen vom Sicht-Empfinden, dass man einfach nicht mehr weit in den Park schauen kann. … Dass viele Stuttgarter denken, das meiste Gelände wird zur Parkfläche, ist meine persönliche Erfahrung aus unzähligen Gesprächen. Die Reaktion war meist: ‘Ach, so wenig Park wird da neu geschaffen?’ … Ob mit Kopfbahnhof 21 genauso viel Regionalverkehr gestrichen worden wäre, kann wohl jetzt nicht mehr bewiesen werden. Tatsache ist, dass wesentlich mehr Mittel dafür übrig geblieben wären. Außerdem hätte die Planung von vorneherein mehr Schwerpunkte auf den Nah- als auf den Fernverkehr legen können.
#7 UK . 22.07.07 . 10:20 Uhr
Zur inflationären Floskel “…Tatsache ist…” möchte ich anmerken, dass es die Argumentation ziemlich beschädigt, da sie ein pures Totschlagargument ist.
Das ist schade.
In der Schule habe ich, wenn ich mich noch dunkel erinnere, glaube ich gelernt, dass auf jede Behauptung auch ein Beweis folgen muss. Und das ist bei “…Tatsache ist…” eben nicht der Fall.
#8 circulus . 23.07.07 . 12:35 Uhr
UK, du hast recht, die Worte hab ich ziemlich oft benutzt, werde versuchen, das einzuschränken. Hab mir den Wiki-Beitrag dazu angeschaut - zu den Totschlag-Formulierungen gehört ‘Tatsache ist …’ aber (dort) nicht. Meine Intention ist eigentlich, mit Fakten und ein wenig Provokation eine Diskussion in Gang zu bringen. Vielleicht sollte ich das noch üben.
Die Sätze, die ich mit ‘Tatsache ist …’ begonnen habe, müssen von mir nicht bewiesen werden (denke ich), weil sie an anderer Stelle schon bewiesen wurden. Ich greife nur das Fazit auf, um meine Beiträge nicht noch länger machen zu müssen. Ich werde in Zukunft versuchen, mehr Links zu solchen Quellen zu setzen.
#9 UK . 23.07.07 . 19:51 Uhr
Danke, Zirkus-Mann :-). Ich mag Deinen Schreibstil, ich muss einfach scheinbar immer was zum Meckern haben.
Anyway: Weiter so! Keep the content coming!
#10 PhilGrooves . 23.07.07 . 23:54 Uhr
Also ich kann den meisten Argumenten nicht so wirklich etwas abgewinnen. So ein Argument wie “was wenn in dem Tunnel ein Unglück passiert?!” ist unnötig und fehlplatziert - das ganze kann auch im täglichen S-Bahn-Verkehr in der Stuttgarter Unterwelt passieren. Soll man deshalb jetzt alles oberirdisch verlegen?
Das selbe gilt imo für das Thema “Belastung durch Baulärm und -dreck”, den gibts bei jeder anderen Baustelle auch (wenn man z.b. eine neue Schule baut).
Die Frage des Geldes ist natürlich berechtigt, man könnte es auch woanders ausgeben. Aber mal ehrlich, selbst diese fast 5 Mrd. Euro sind keine wirklich außergewöhnliche Summe in Deutschland. Es ist ja nicht so dass BW nun für 50 Jahre hungern muss, nur weil Stuttgart einen neuen Bahnhof bekommt. Geld ist nicht wirklich ein Faktor.
Das Projekt wird sich auf lange Sicht bezahlt machen, vielleicht gibts das Blog hier ja in 20-30 Jahren noch und dann kann man das auswerten. =)
#11 circulus . 24.07.07 . 18:01 Uhr
#12 Wegschaffel . 24.07.07 . 21:40 Uhr
Jetzt hock ich schon zehn Minuten vor der leeren Kommentarbox und müsste zu diesem Thema doch eigentlich auch was sagen können wollen sollen. Es fällt mir aber ums verrecken nichts ein.
#13 PhilGrooves . 24.07.07 . 23:02 Uhr
So schnell hätte ich gar nicht mit einer Antwort gerechnet, Circulus, aber das finde ich gut. =)
Ich hatte mit meinem Post eigentlich weniger die Absicht verfechtende Argumente für S21 zu bringen, als viel mehr einfach zum Ausdruck zu bringen, dass viele deiner Argumente im Text mir einfach zu haltlos sind. Ich habe dabei immer mehr das Gefühl es wird nicht argumentiert weil man wirklich überzeugt ist, dass dieses Projekt falsch ist, sondern eher, weil man die Politik allgemein abstrafen will.
Ich komme wieder auf das zentrale Argument, die Finanzierung. Was man mit dem Geld alles anstellen könnte oder besser noch, was man bisher *nicht* angestellt hat. Hier sollte man imo differenzieren und - wie du sagtest - nicht alles in einen Topf werfen. Keine Frage, dass vielerorts einfach in die falschen Dinge oder schlichtweg gar nicht investiert wird, ist ein Mißstand den es grundsätzlich abzustellen gilt.
Dennoch hat S2 mit all diesen Mißständen nichts zu tun denn es gibt ja keinen Automatismus nach dem Motto “Wenn S21 nicht umgesetzt wird haben wir automatisch mehr Schulen und bessere Straßen”. Das ist eine Frage des Willens. Stuttgart, BW , die Bahn und vielleicht auch ein Stück weit der Bund wollen S21 - und nur deshalb bringt man die Mittel auch auf. Wenn beispielsweise neue Straßen wirklich von Stadt, Land und Bund wirklich gewollt würden - das Geld wäre da.
Bei der Betrachtung des Projekts muss man also andere Dinge außen vor lassen. Wie gesagt, dieses Unfall-Argument im unterirdischen Bahnhof kann man nicht ultimativ ins Feld bringen. Täglich begwegen sich unzählige Verkehrsmittel in Deutschland unter der Erde und derartige Katastrophen sind nun wirklich selten. Zudem haben wir ja beim Thema Sicherheit recht hohe Standards, ich verwette mein nicht vorhandenes Auto dafür, dass eine Armada von TüV, Bund und sonstigen Instituten jede Ecke dieser Konstruktion genau unter die Lupe nehmen wird.
Ich habe bei dem Baulärm-Argument einfach mal eine Schule genannt um zu verdeutlichen, dass andere (vielleicht beliebtere) Bauprojekte ebenfalls Lärm und Dreck verursachen. Ohne Baustellen keine Bauwerke und ohne große Baustellen würden wir alle in Holzhütten leben.
Übrigens lassen sich derartige Rechnungen wie “1 Million pro Tag” da nicht so einfach anwenden. Es ist ja nicht so dass das Geld auf einem Haufen liegt und wenn man die hälfte wegnimmt dann muss man den Rest des Lebens mit der verbleibenden Hälfte auskommen. Die Geldströme im Land lassen sich unmöglich in solcher Kürze darstellen dass man sagen könnte, nach S21 haben wir keine Kohle mehr. Daneben laufen die ganz normalen Tagesgeschäfte weiter, es wird gewirtschaftet und investiert. Und letztendlich baut niemand dieses Projekt aus purer Gutherzigkeit, natürlich springt da langfristig wieder was für die Investoren heraus.
Insgesamt habe ich natürlich zweifellos eine andere Einstellung zu dem Projekt als du. Ich bin gefühlsmäßig immer eher neuen Projekten zu- als abgeneigt, weil ich denke es werden zu wenig Dinge einfach mal umgesetzt weil immer irgendwer kommt und sagt: “Es könnte ja dieses und jedes schiefgehen und das kostet ja zu viel und es bringt ja alles nichts!”. Es ist wohl selten so viel über ein derartiges Projekt nachgedacht worden und wenn nach so langer Zeit immernoch so viel dafür spricht, dann muss auch endlich mal der Mut aufgebracht werden es durchzuziehen. Jeder meckert immer darüber, dass sich nichts bewegt - und wenn etwas bewegt werden soll, dann ist es auch nicht recht.
Zuletzt noch zu dem Punkt, dass es sich langfristig auszahlen wird. Eine Prognose zu verlangen ist hier zu kurz gegriffen, Prognosen sind keine Garantien dass etwas passiert oder nicht passiert. Den letztendlichen Effekt in Zahlen auszudrücken ist wahrscheinlich schon irgendwie möglich (für mich allerdings nicht), wichtig für mich und für dich und die Menschen hier ist aber die gefühlte (psychologische) Wirkung. Die Stadt wird attraktiver, die Verkehrswege werden flexibler und vielfältiger, es gibt viel neue Fläche für neue Freizeitgebiete, Wohnbauten und Wirtschaftsgebiete. Darum sagte ich zuletzt, in 20 bis 30 Jahren müsste man das hier nochmal diskutieren - erst dann kann man das wirklich beurteilen.
#14 fpanyre . 26.07.07 . 11:07 Uhr
Entschuldigen Sie meinen Kommentar, doch bei einer Hausnummer i.H.v. ca. 5 Mrd Eu kann ich nicht mehr stillhalten.
Sinn und Unsinn eines Projektes, welches durchgeboxt wird wie “bei uns” der Kö-Bogen ist immer fraglich, der Nutzen kaum abschätzbar.
Deswegen auch mehrere Projektbegleiter, Evaluierungsstrategen, Versicherungsplaner, Prognoseabteilungen von Banken, Beratern etc. pp.
Dafür ist immer Geld da, schliesslich herrscht öffentliches Interesse.
Ob Stuttgart durch S21 attraktiver wird, wage ich zu bezweifeln, da ein Bahnhof, so teuer er auch sein mag, nicht ausreicht, um Flair, Anmut, Herzlichkeit, Grösse oder sonstwas zu vermitteln.
Stuttgart ist, mit Verlaub, wie eine Jungfrau in den 50ern. Jeder weiss, dass es sie gibt, aber keiner interessiert sich für sie. Nach Stuttgart kommt man zum “(An)-Schaffen”, Leben ist was ganz anderes. Aber das kann man Leuten, die stolz darauf sind, nicht richtig Deutsch sprechen zu können, nicht vermitteln.
Alles Gute aus Düsseldorf
fpanyre
#15 Alex . 26.07.07 . 12:03 Uhr
Nett, dass sie sich gleich entschuldigen, dann muss man garnicht mehr weiter lesen…
#16 Christoph Mohs (z.Zt. in USA) . 02.08.07 . 18:21 Uhr
Ein nettes Maerchen, das muss ich schon sagen!
Besonders der Nachsatz: “Ich bin nicht gegen Fortschritt…” wirkt regelrecht albern angesichts des Vorangestellten!
Dass es sich bei dieser Story tatsaechlich um ein Maerchen handelt, wird aufgrund der vollkommenen Unkenntnis einer wissenschaftlichen Bewertung eines solchen Projektes deutlich.
Natuerlich gilt dieser Vorwurf genauso den meisten am mehr oder weniger schlechten Zustandekommen von Stgt.21 Beteiligten, denn sie zeigten genauso wenig Verstaendnis fuer Wirtschaftswissenschaften, wie der Autor dieses Maerchens!
Wenn man Bewertungen ueber den Erfolg oder Misserfolg kuenftiger Infrastrukturbauten anstellen will, geht dies nur unter Einbezug der zu erwartenden bzw. zu entwickelnden Begleitumstaende, d.h. Wirtschaftsstruktur zum und nach dem Zeitpunkt der Fertigstellung des Projekts!
Um ein Beispiel zu nennen: Als Friedrich List 1835 mit dem Aufbau eines Schienennetzes in Deutschland begann, plante er bereits die zu erwartenden volkswirtschaftlichen Produktivitaetssteigerungen durch dieses neue Transportmittel mit ein, andernfalls haette sich diese Technologie niemals wirtschaftlich begruenden lassen. Was er sich damals fuer Kritik anhoeren musste (bevor die positiven Auswirkungen davon sichtbar wurden), kann man in Geschichtsbuechern nachlesen!
Also, besser nachdenken, bevor man Maerchen traeumt!
#17 dani . 12.12.07 . 22:21 Uhr
Ich will auch etw dazu beitragen! (schreibe bald ne klausur, mit unter auch dieses thema.)
man kann diese ganze vollkommen verblödete idee ^^
aus zwei gesichtspunkten betracheten.
wenn man sich mal die pro-seite anhört, klingt es ganz verlockend … ich mein moderner, “schneller”…ach und das ganze hergezauberte…. im endeffect ist dies nur sinnlos!!!
warum und aus welchem grund/zweck..wie auch immer! muss/soll unser (od auch andere) bahnhof modernisiert werden? Heut zu tage lernen wir über das vergangene (geschichtliche aspekte) weshalb sollten wir beweisstücke (kultur) zerstören? die welt ist modern und modernisiert sich immer mehr..ist auch schön und ich wünsche mir, dass es immer so weiter gehen wird, doch ein bahnhof ! macht in diesem fall nichts aus! es ist ein teil unser! (etw geschwollen ^^) meine güte so viel geld! man könnte es anders anlegen (arbeitslosengeld, altersheime,krankenhäuser..od man lässt die sudiengebühren wegfallen, das sowieso viel zu teuer ist!) ….also gut… kritik über kritik….sicher wird es uns allen mal gefallen, wenn es fertig ist…(ist aber trotzdem ne extrem blöde idee!!!!!!!)
ach und arbeitsplätze? wievielen wird das wohl helfen? und für wie lange..das ist NIX!!!! kein fester arbeitsplatz, zu schlecht bezahlt, schlechte arbeitsbedingungen!! NIXNIXNIX!!! politiker denken nur an das oberflächliche und das -theoretische- aber sie versetzen sich nicht in die lage!(die lage der arbeiter, der gesellschaft…das elend!) das leben ist viel zu kurz, um sich in allen gebieten vortzubilden, damit man heilen, politik führen, die gesellschaft verstehen,…..kann.
macht die augen auf und seht, dass die welt nicht so einfach und märchenhaft ist!!! man muss hart arbeiten um etw zu erreichen! und verstanden zu werden.
und vorallem!! nicht wegschauen, wenn es auch mal schwieriger wird…..!
#18 erben, thomas . 10.05.10 . 16:51 Uhr
…ich sehe gern die stadt wenn ich mit dem zug komme…
ein- oder aussteigen werde ich bald nicht mehr in 3 minuten
hinbekommen, heute bänderriss - morgen gebrechlich?…
bin jetzt 50, werde im unteren schlossgarten -südöstlich vom jetzigen bahnhof sehr wahrscheinlich keine großen, alten bäume
mehr erleben können, falls sie jetzt gefällt werden.
wenn 5Mrd euro peanuts sind, dann investiert sie doch in den
nahverkehr, dann können auch in ludwigsburg rollstuhlfahrer ohne probleme zusteigen! mit besten wünschen für die zukunft!