Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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20 07.07

Das Milliarden-Massengrab

Von Josh von Staudach
Politik, Befindlichkeiten . 23:15 Uhr

Milliarden-Massengrab

Auch wenn die 2,8 Milliarden Euro (ca. 5.500 Millionen DM!) aus ganz unterschiedlichen Töpfen zusammengeschüttet werden - es sind zu 100% Steuergelder. Uns Steuerzahlern wird vorgegaukelt, dass diese Investition nötig sei, um die Region Stuttgart, bzw. das ganze Land Baden-Württemberg in eine florierende Zukunft zu bringen - oder andersrum ausgedrückt: Ohne S21 wären wir vom Fortschritt abgeschnitten oder wir würden eine einmalige städtebauliche Chance verpassen. Dass Bund, Land und Stadt investieren, ist ja grundsätzlich als löblich zu beurteilen. Die Frage ist nur, in was investiert wird.

Denn selbst, wenn man die Summe von 2,8 Milliarden auf 20 Jahre verteilt (nach dieser Zeit wird voraussichtlich alles fertig sein), sind es immer noch 140 Millionen Euro pro Jahr. Hinzu kommen die 100 Millionen pro Jahr für die 2 Milliarden teure Neubaustrecke nach Ulm. Unterstellt man außerdem eine ähnliche Kostensteigerung wie bei vergleichbaren Bauprojekten, sind es schon 400 Millionen pro Jahr - oder runtergerechnet mehr als 1 Million Euro pro Tag!

So werden die Zahlen doch schon greifbarer. 1 Million pro Tag. Wie soll sich diese Summe wirtschaftlich rechnen? Also wie und in welchem Zeitraum soll sich diese Investition amortisieren? Wieviele Fahrgäste mehr pro Tag sollen wieviel Euro mehr für ihr Ticket zahlen? Da wird schnell klar: Mit Fahrgästen allein läßt sich das nie und nimmer reinholen - auch in 50 Jahren nicht. (Mehr Zahlenspiele in meinem früheren Beitrag).

Aber es geht ja nicht nur um die Fahrgäste. Nein, denn die Magistrale Paris - Budapest bringt ja ganz Europa zusammen und sorgt für einen unvergleichlichen Wirtschaftsaufschwung. Wo, wann, für wen? Das wird uns Bürgern praktisch nicht genauer erklärt. Wir müssen es einfach glauben.

Übrigens, die schnellste Gesamtfahrzeit zwischen Paris und Budapest beträgt momentan (inkl. der neuen TGV Verbindung) 13 Stunden und 25 Minuten. Mit den billigsten Tickets und den langsamsten Zügen dauert die Fahrt 24 Stunden und 20 Minuten! (Quelle: DB Reiseverbindungen) Diese Fahrzeit verkürzen wir also mit den (mindestens) 4,8 Milliarden um maximal 26 Minuten (= 184 Millionen pro Minute). Respekt.

Worauf ich raus will: Weil diese Unsummen verbuddelt werden, fehlt es schon jetzt an Mitteln für den Nahverkehr, für soziale Bereiche und in der Bildung. Überall wird gestrichen und gespart. Letzte Woche wurde z.B. gemeldet, dass im Mittleren Schloßgarten 2 Spielplätze gesperrt wurden (die seit Jahren nicht instandgehalten wurden). Circa 100.000 Euro würde eine Wiederinbetriebnahme kosten. Dafür ist kein Geld da. Vorerst bleibt also mitten im Park ein für jeden Spaziergänger sichtbares Mahnmal stehen. Ein Zeichen für die Prioritäten unserer Regierung. Für mich lautet die Aussage dieses Zeichens: ‘Bürger, du darfst zahlen aber keine Ansprüche stellen’ (und deine Kinder sind im Wohnzimmer eh besser aufgehoben) …

Womöglich kann ich nicht rechnen und ich hab alles falsch in Verbindung gebracht. Unser Landesvater kann das bestimmt besser: ‘Es gibt keine Verlierer im Land’, sagt Oettinger eindringlich. Jeder Euro, der hier bezahlt werde, sei ‘ein Euro für jeden Bürger im Land’ (Zitat aus den STN von heute). 4.800.000.000 Euro für 10.739.000 Einwohner in BW sind 447 Euro je Bürger - sagt mein Taschenrechner. Was meint Oettinger nun? Zahlt jeder von uns 446 Euro drauf? Oder haben wir in 20 Jahren 4,8 Milliarden Einwohner? Ich steig nicht dahinter - wer hilft mir?

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7 Kommentare zu Das Milliarden-Massengrab

#1 isnochys . 21.07.07 . 01:11 Uhr

Irgendwas muß aber geschehen.
Ich brauch über 2h, um nach München zu kommen…
aber nur 3 h von hier aus nach Paris.
Irgendwas ist an dieser Rechnung doch Falsch!

#2 circulus . 21.07.07 . 02:53 Uhr

Wenn der rostige TGV keine Panne hat und nirgends außerplanmäßig halten muss, beträgt die Fahrzeit nach Paris 3 Stunden und 39 Minuten - real werden meist fast 4 Stunden draus (Untersuchung der STN). Das ist immer noch eine gute Zeit, keine Frage. Nach München sind es 2 Stunden und 20 Minuten. Das ist auch eine gute Zeit, verglichen mit dem Kfz. Es geht doch! Mit der Modernisierung des Kopfbahnhofs wären es je minus 10 Minuten. Wozu also ein Durchgangsbahnhof?

#3 Franklin . 21.07.07 . 14:09 Uhr

Man muss trennen. Der Neubeu der Schnellstrecke Stuttgart-Ulm (2 Milliarden) bringt rund 25 Minuten Zeitgewinn. Meines Erachtens sinnvoll.

Die Versenkung des Bahnhofes (2,8 Milliarden) bringt 3 Minuten. Aber nur, wenn man dort nicht umsteigt. Dass Züge öfter mal ein paar Minuten später kommen wird sich nicht ändern befürchte ich. Bei nur 8 Gleisen können anschlusszüge aber nicht warten, da ansonsten zu wenig Gleise frei wären. Das bedeutet dann, auf den nächsten Zug warten. Mit einer Sanierung des jetzigen Kopfbahnhofes und der Gleisanlagen im Stuttgarter Bereich wären diese 3 Minuten übrigens auch gewonnen. Nur, dass dann “nur” rund 1 Milliarde fällig gewesen wäre.

#4 Dagmar Nachtigall . 13.11.07 . 12:14 Uhr

Denkt auch nur einer der Herren an die Natur und damit an die Lebensqualität von und in Stuttgart? Was treiben die mit einer Stadt, die für mich in erster Linie Heimat und kein Bahnhof ist? So, wie aus einem Apfelbaum niemals ein Birnbaum wird, wird aus einem schwäbischen Stuttgart niemals eine Weltstadt. Aber so geht´s, wenn man sein Liebstes Menschen überläßt, deren Herz nicht im selben Takt schlägt - sofern sie überhaupt eins haben. Arms Stuagert, mir graust´s vor Dir!

#5 circulus . 13.11.07 . 12:58 Uhr

Ja klar denken die Herren auch an die Lebensqualität - allen voran unser Oberbürgermeister, der doch jüngst diesen Brief zu Stuttgart 21 verschickt hat: Es wird jede Menge frischen Stadtpark geben - und in 30 Jahren (wenn der Baulärm leiser geworden ist) können Sie sich in Ruhe dort auf die Wiese legen. Keine Ahnung, wie alt Sie dann sind, aber genießen Sie es!

#6 Dagmar Nachtigall . 10.01.08 . 18:23 Uhr

Hallo, Circulus! Bis dahin bin ich 85 und nicht mehr erpicht darauf, in Wiesen zu liegen. Ich seh bloß, was in den letzten Jahren und Jahrzehnten aus überlieferten, gewachsenen Parks gemacht wurde und da krieg ich einfach eine Riesenwut. Der Öttinger ist ein alter Schwätzer, hoffentlich holt den seine eigene Zunge bald ein!

#7 Dagmar Nachtigall . 02.08.08 . 14:21 Uhr

Ich weiß natürlich, daß unser OB Schuster heißt, aber er und Herr Öttinger sind für mich wie siamesische Zwillinge, wobei unser OB das Sprachrohr für selbigen gibt. Um Stuttgart 21 durchzudrücken, würden die beiden uns Bürgern Gott weiß was versprechen. Die Geschichte zeigt aber, was Versprechen der Obrigkeit wert sind. Warum sollte das bei diesen beiden anders sein???

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