Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 01:07 Uhr
Es war die erste Veranstaltung des Cannstatter Kultur Menüs am 9. Juli letzten Jahres, die wir besuchten, Beginn 11 Uhr, im Sitzungssaal unterm Dach des Bezirksrathauses. “Eine musikalisch-literarische Matinee mit Wolfgang Dauner und Wolfgang Schorlau”, wie es im Programm hieß. Ich weiß inzwischen, dass Schorlau ein bekannter Krimiautor ist (und auch über Stuttgart 21 ein Buch geschrieben hat), aber ich interessiere mich nicht für Krimis, und so sagte mir der Name nichts. Ich wollte nicht wegen Schorlau hin, sondern wegen Dauner, obwohl ich fast so wenig Jazz- wie Krimifan bin. Aber an manchen Tagen hat man eben Lust, den eigenen Geschmack - sagen wir: ein bisschen herauszufordern. Wir kamen verspätet an, fanden aber noch Plätze. Schorlau las auf seine etwas lasche Art gerade ein Kindheitskapitel aus seinem Buch “Das brennende Klavier”, das eine Art Biografie von Dauner ist, erschienen anlässlich des 75. Geburtstags des Musikers. Wie erhofft setzte sich Dauner danach ans Klavier und spielte, aber leider war es nicht wirklich Jazz, sondern etwas Skurriles aus seinen jungen Jahren, eine Art Kurzoper, eine “deftige”, nennt man das, glaube ich, Klavierschüler-Klavierlehrerin-Fantasie. Dann wieder Schorlau, am Ende noch mal, kurz und wieder Nicht-Jazz, Dauner. Nicht das, was ich erwartet hatte, aber auch nicht schlecht. Dauner, rund und vital, mit dünnem Zöpfle, ist ein sympathischer Kerl, der ein Publikum für sich einzunehmen weiß. Nun war dies ja eine - leicht verkappte - Buchpräsentation, und so nahmen die beiden Herren, der Autor und der Musiker, am Ende vorm Ausgang an einem Tisch Platz und signierten ihr Buch - das man vorher natürlich erwerben musste. Aus eigenem Bedürfnis hätten wir das nicht getan, aber in der Familie gibt es jemanden, der, wie wir wussten, ein Fan des United Rock And Jazz Ensembles war, einer Formation, in der Dauner in den 70er Jahren gespielt hat. Dem Dauner-Fan schenkten wir also das doppelt signierte Buch, und der Beschenkte, der Stuttgart selber ein wenig kennt, war richtig begeistert und erzählte von der wilden Seite Stuttgarts in den 50er und 60er Jahren, wie sie in dem Buch geschildert sei: Jazzclubs, Drogen… Als eine Art Stuttgart-Archäologe, den die abgesunkenen Vergangenheitsschichten der Stadt interessieren, wurde ich da hellhörig, und so kehrte das Buch schließlich, leihweise, zu mir zurück. Vor ein paar Wochen habe ich es gelesen, in zwei Tagen, glaube ich. Aber nicht (so schnell), weil ich davon so gefesselt war, dass ich es gar nicht mehr aus der Hand legen konnte, sondern weil es einem praktisch gar keinen Widerstand bietet, nichts, vorüber man verweilen, womit man sich beschäftigen könnte. Die 180 Seiten lesen sich so leicht weg, wie man eine Zeitschrift durchblättert. Große Enttäuschung. Das ganze Buch besteht nur aus Anekdoten und enthält inhaltlich kaum mehr als das große Interview mit Dauner, das Ende 2010 in der ZEIT erschienen ist. Offenbar ist das Buch nur eine schriftliche, in Fasson gebrachte Fassung der Stories, die Dauner Schorlau erzählt hat. Man erfährt nichts darüber, wo die erwähnten Jazzclubs, in denen Dauner spielte, sich befanden, nichts über ihre Geschichte. Die Adresse des Stuttgarter Club Voltaire, der im Buch vorkommt, musste ich einem Artikel von Joe Bauer aus den Stuttgarter Nachrichten entnehmen. Ein paar Mal wird das Tonstudio Zuckerfabrik erwähnt, aber auch dazu gibt es im Buch nichts, was einem einen Eindruck verschafft. Außer Dauner bleibt alles schemenhaft. Schade, aber die Erwartung, dass ich in einem Buch über einen Musiker, der in Stuttgart lebt (und von dem es ein Solo-Piano-Stück gibt, das “Nachmittag über den Dächern von Stuttgart” heißt), auch einiges über die Stadt erfahren würde, hat sich nicht erfüllt. Der Autor war zu faul.
#1 Mythen in Tüten . 23.02.12 . 15:57 Uhr
Lieber PGB: Als einer, der die obige Formation noch aus seinen musikalischen Kindertagen kennt, nur kurz der korrigierende Einwand, das es sich hier richtigerweise um das United Jazz + Rock Ensemble handelte. Sie schrieben Rock + Jazz. Wenn mich nicht alles täuscht, habe ich sogar noch eine handsignierte Schallplatte von obiger Kapelle in meinem Schrank. Sie wissen: Diese runden gerillten Teile, die immer dann umgedreht werden wollten, wenn es mit der herzallerliebsten gerade gemütlich wurde. In der Vinylzeit verzichtete man nämlich aus klanglichen Gründen auch gerne auf eine automatische Endabschaltung, was dem näherkommen dann besonders abträglich war. Ansonsten bin ich sehr froh, dass Sie uns wieder mit Ihren amüsanten und lehrreichen Geschichten die Zeit vertreiben. Herzlichst Ihre Mythentüte.
#2 Paul-geht-baden . 23.02.12 . 16:36 Uhr
Sie haben Recht. Einen Fehler habe ich noch rausgefischt (ursprünglich hatte ich geschrieben United Rock + Jazz Orchestra), der zweite ist mir dann quasi im Schatten des ersten durch die Lappen gegangen. Möglich auch, dass eigene Vorlieben die richtige Reihenfolge durcheinandergebracht haben. Vielen Dank auch für die freundlichen Worte. Über Ihre erotischen Erkundungen zu Jazzrhythmen würde sicher ein größerer Leserkreis gerne noch Näheres erfahren. Wir müssen allerdings darauf bestehen, dass Sie in Ihren Schilderungen einen glaubwürdigen Stuttgart-Bezug unterbringen. Apropos: Das erwähnte Stück “Nachmittag über den Dächern von Stuttgart” hat Dauner, wie im Buch erzählt wird, sofort nach der Rückkehr vom ersten Liebesnachmittag mit seiner späteren Frau Randi komponiert, mit der er immer noch verheiratet ist. Wenn es Sie interessiert, wie Sex bei Dauner klingt: Bei iTunes können Sie reinhören.