Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
12 10.05

Bye bye Bienzle

Von Herr S
Kultur . 00:14 Uhr

Verläuft meine Lektüre des Stuttgarter Amtsblatts in aller Regel ohne nennenswerte Höhen und Tiefen, wirkte eine Meldung der neuesten Ausgabe nachgerade elektrisierend: Kommissar Bienzle, eines der probatesten Hausmittel für Menschen mit schweren Schlafstörungen, tritt in absehbarer Zeit seinen Ruhestand an, erste Anzeichen rückkehrender Vernunft scheinen sich Bahn zu brechen.

Lange genug hat es ja gedauert, satte 25 Folgen werden zusammengekommen sein, bis er auch dem geduldigsten Zuschauer »Adele« sagen wird. 25 Folgen, in denen er sich bräsig durch Stuttgart und die württembergische Provinz arbeitete, der angebliche »schwäbische Columbo« und letzte verbliebene Hutträger unter den Ermittlern, »sei Hannelore« immer irgendwie greifbar in der Nähe.

Dass es außerhalb unseres Landstriches Menschen gibt, die ihn ertragen können, wage ich ernsthaft zu bezweifeln. Die schwäbische Alb, das fastnächtliche Ravensburg oder der unheimliche Blautopf als Schauplätze finsterer Verbrechen mögen für Einheimische von einigem Reiz sein, wann sonst kommt man schon mal im Fernsehen? Dazu die rauhe Schale des Bruddlers, der im Grunde seines Herzens ein lieber Kerle ist, ganz der Typ also, den der rechte Schwabe in sich selbst vermutet. Für alle anderen dürfte Bienzle eine einzige Qual sein, nur noch vergleichbar mit seinem Saarbrücker Pendant Kommissar Palu, der uns wohl noch eine Weile erhalten bleiben wird.

Die Ähnlichkeit der zwei Figuren kommt nicht von ungefähr, entstammen doch beide der Feder von Felix Huby, der überhaupt gefühlte 74,3% des Fernsehprogramms bestreitet. Huby liebt ganz offenkundig eindeutige Charaktere ohne Brüche. Vermögende Menschen auf der einen Seite, gierig, skrupellos und daher wie geschaffen als Täter. Ganz im Gegensatz zu den grundguten Vertretern der anderen Seite: Bäckermeister, Taxifahrer, Malocher in Kiesgruben, selbst gelegentlich auftretende Huren haben den Anstand gepachtet. Streng genommen bräuchte Huby gar keinen Ermittler, weil der Täter spätestens mit der vollzähligen Einführung der mitwirkenden Akteure selbst dem klar ist, der neben dem Fernsehen telefoniert oder bereits das erste Kurznickerchen bewältigt hat, der Rest der Sendezeit muss jetzt nur noch irgendwie aufgefüllt werden. Zum Beispiel, indem Bienzle maulend im Breuninger steht, weil Hannelore — ganz weltläufige Künstlerin — ihn zum Kauf eines neuen Sakkos gedrängt hat, obwohl es »des alde doch no däd«. Ein Lichtblick immerhin sind die Auftritte des Vermieters Rominger, meisterhaft dargestellt von Walter Schultheiß, der neben den mehr schlecht als recht schwäbelnden Restdarstellern als einziger eine authentische Figur macht.

Es kann übrigens durchaus sein, dass ich mit Huby ein Problem habe, seit ich vor einigen Jahren eines frühen Abends in der Weinstube Fröhlich saß. Zwei Tische weiter ein älterer Herr mit Vollbart, der dröhnend, mit weit ausholender Geste auf die bei ihm sitzende junge Frau einredete und damit den noch schwach besetzten Raum so dominierte, dass es kaum möglich war, sich seinen Reden zu entziehen. Bald fiel der entscheidende Satz, unüberhörbar, fast schon gebrüllt: »Mich liest ja keiner in der Familie!« Aha, der Mann schreibt, wusste ich jetzt, ohne es wirklich wissen zu wollen. Schon stand er auf und ging forschen Schrittes zur Garderobe, wo er aus seiner Manteltasche ein paar schmale rororo-Krimibändchen zog, die er demonstrativ zum Tisch zurücktrug, sodass sie von jedem zweifelsfrei als Bienzle-Bücher identifiziert werden konnten. Aha, das ist Erich Huby, wussten jetzt alle Anwesenden, und ich bin mir sehr sicher, dass seine Mission damit erfüllt war.

Hubys Vorliebe für lebenslustige, diffus bohemehafte Herren im fortgeschrittenen Alter lässt sich vielleicht so erklären, dass sie ihm selbst recht nahe sind. Solange sie in Gastwirtschaften sitzen und interessierte Frauen becircen, hat ja auch kein Mensch etwas dagegen, aber müssen sie sich unbedingt als Tatort-Kommissare verdingen? Dem SWR, sonst nicht gerade ein Hort des Lobenswerten, gebührt der Dank aller engagierten Tatortfreunde für seinen Entschluss, dem traurigen Spiel ein Ende zu bereiten. Sehr gespannt bin ich nur noch auf Bienzles letzten Satz, auch wenn ich fürchte, es wird auf ein selbstgerecht-bestätigendes »Sodele!« hinauslaufen. Schwäbische Dialektik war seine Sache leider nie, sonst hätte ich was Besseres: »Jetzt isch aber lang schee gwäse!«

Kommentieren . Trackback-URL

18 Kommentare zu Bye bye Bienzle

#1 Stuttgart-nicht-Möger . 11.01.07 . 12:47 Uhr

100 % Zustimmung zu dieser Meinung und ein Kompliment an die unterhaltsame Schreibe. Würde gerne Ihre Meinung *nach* dem vorletzten Bienzle (”… und die große Liebe”) erfahren. Interessant hierzu auch die eindeutige, wenn auch sehr spät geäußerte Kritik von Rita Russek (es Hannelore) an der Dürftigkeit ihrer Rolle; das hat man ihr angemerkt oder es gespürt.

#2 Markus Hächler . 20.02.07 . 22:45 Uhr

Schon die Alten Römer wussten: “Über Geschmack lässt sich (nicht) streiten.” Mir jedenfalls passt das Quartett Bienzle-Hannelore-Gächter-Rominger prima, auch wenn ich nicht Schwabe, sondern Schweizer bin. Schade, dass damit nun Schluss sein soll. Und Dank allen Beteiligten, allen voran Drehbuchautor Felix Huby!

#3 Hanna . 24.02.07 . 20:33 Uhr

Ich mochte Bienzle auch sehr gerne. Okay, ich bin Schwabe… Kann sein es liegt daran, aber in meinen Augen waren die stuttgarter Tatorte ne nette Abwechslung von den anderen.

Nebenbei bemerkt, oder warum ich eigentlich überhaupt nen Kommentar schreibe, den Palu gibts scho länger net mehr…

Okay… jetzt stell ich mir grad die Frage, von wann dieser Eintrag überhaupt war… Auf jeden Fall hat Bienzle länger durchgehalten als Palu.

#4 Christian Abele . 25.02.07 . 21:36 Uhr

Also ich finde die Bienzle-Reihe die beste Tatort-Reihe die jemals aus Stuttgart kam. Endlich auf einer Ebene mit München und Leipzig. Jede Reihe hat ein landestypisches Flaire. Gerade das gefällt mir besondres gut.

#5 dirk . 26.02.07 . 03:05 Uhr

Lieber Herr Bienzle,
Sie waren nicht immer spannend, das fand ich nicht immer schlimm, das Leben ist aufregend genug. Sie waren sympatisch und authentisch, das fand ich gut, Sie waren manchmal ein spiessiger kleiner Langeweiler, wer ist das nicht, an Ihnen haben wir Maßstäbe angelegt, denen wir selbst nie nie nachkämen. Was ich ihnen übelnehme ist zuwenig Spiesser erlegt zuhaben, aber wer hat das,…. Lieber Herr Bienzle, man kann ihnen viel nachsagen, aber nicht, das SIE nicht authentisch waren, selbst ihr Abgang war , obwohl langweilig, sehr angenehm. Bleiben Sie uns fern, das Nichtvergessen übernehmen wir.
Würde Sie gern im Kino sehen, bis dahin alles Gute, D.Z.

#6 Mechthild Mertens . 26.02.07 . 10:08 Uhr

Ich werde Sie und ihr´Hannelore sehr vermissen. Gerade die verschiedenen Charaktere machen ja den Reiz der Tatort-Reihe aus. Mal ist der eine besser (spannender) mal der andere. Alle Tatort-Protagonisten sind schon fast gute Bekannte, bei denen man sich freut, wenn man sie wiedersieht - wird bei Wiederholungen Der Folgen mit Ihnen sicher auch so sein.

“Hannelore” bleibt uns ja wenigstens beim Wilsberg erhalten - wie sieht´s mit “Gächter” aus - auch an den habe ich mich so gewöhnt, dass ich ihn nicht missen möchte ??

Alles Gute für Ihr “Pensionärsdasein” M.M.

#7 Herr S . 26.02.07 . 12:05 Uhr

Jetzt werden Sie mal nicht gleich sentimental, Herrschaften, auch wenn es – und ich bleibe dabei: dem Himmel sei Dank – endlich und unwiderruflich zu Ende ist mit dem „Maigret vom Nesenbach” (wie er neulich von einem genannt wurde, der dafür vermutlich Geld bekommt – vom SWR oder Huby oder wem auch immmer).

Zum Glück ersparte einem auch die Schlussfolge konsequent alles, was sich ansatzweise geeignet hätte, meine Einschätzung zu relativieren: Noch lustloser als sonst, über weite Strecken nachgerade fahrig wurstelte Bienzle sich durch die gewohnte Aneinanderreihung von Klischees, das restliche Stammpersonal (wie gesagt: mit Ausnahme von Meister Schultheiß) fade wie gehabt, die Verdächtigen und Restbeteiligten mit der groben Kettensäge herausgearbeitet. Noch nicht mal einen anständigen Abgang gönnt der Autor ihm, vollkommen unmotiviert stürmt Bienzle aus der Wohnung, sei Hannelore wundert sich – Schnitt – Bienzle eiert durch die Finsternis und blickt gehetzt um sich. Ich bitte Sie, bei aller Liebe!

Einziger und trauriger Höhepunkt seines „schwersten Falls”: Bienzle macht den Daschner, was sich nur so erklären lässt, dass uns Huby nebst all seinen anderen Botschaften am Schluss noch dringend wissen lassen musste, wie wirklich ruckzuck es manchmal gehen kann, und schon fällt einem nichts anderes mehr ein als ein kleines bisschen Folter – das ungesunde Volksempfinden wird es ihm bestimmt danken.

#8 Wegschaffel . 26.02.07 . 13:33 Uhr

Wenigstens den Abgang will ich verstanden haben. Kann mir jemand erklären, was das glotzende Gegucke und vergleichsweise muntere Gestürme in Minute 90 sollte? Irgendein wichtiges “Film-Zitat”?

#9 Liamara . 26.02.07 . 16:01 Uhr

Also jetzt hab ich mir extra wegen Herrn W. das Ende vom Bienzle angeguckt, hatte nämlich gestern keine Lust auf das Zeugs. Meiner Meinung nach sollte das gar nix bedeuten außer Abschied vom Zuschauer. Mir solls recht sein. Die Kölner sind eh die besten :)

#10 Wegschaffel . 26.02.07 . 16:19 Uhr

München, Frau L., München.

Aber trotzdem danke fürs extra gucken. Auch wenn ich den Abschied immer noch nicht begriffen habe … Der kommt ins traute Heim, hört dass es heisse Suppe gibt, dreht auf dem Absatz um und bum?!

#11 Herr S . 26.02.07 . 16:48 Uhr

Kiel. Wenn schon, dann Kiel. Borowski und so. München bringt es allenfalls auf Platz 2. Und Ballauf/Schenk — nun ja, die haben ihren Zenit leider längst überschritten.

Was den überhasteten Abgang Bienzles angeht: Womöglich kocht sei Hannelore einfach sauschlecht?

#12 Wegschaffel . 26.02.07 . 17:21 Uhr

Nee nee (noi noi) Herr S. So einfach ist das nicht. Ich bin sicher, dass das ein versteckter Hinweis auf eine ganz vertrackte Sache ist, über die man noch weit über Stuttgart hinaus lange diskutieren wird. Suppe, irgendwas mit Suppe …

#13 Herr S . 26.02.07 . 17:52 Uhr

Freund Huby — man ahnte es vielleicht — sieht das wesentlich entspannter:

Die Schlussszenen dieses letzten Bienzle-„Tatorts” sind von einer besonderen Qualität sind über den Film hinaus gültig. Ohne allzu viel zu verraten — was macht den Schluss so „bienzlisch“? Der Film verzichtet ja auf jede Art von triumphalem Showdown.

fragt irgendwer im reich bestückten und bebilderten Presseheft zum Abgang. Von „irgendwas mit Suppe“ ist bei Huby keine Rede:

Genau das hebt diesen „Tatort“ heraus. Er ist wirklich der beste, den wir alle zusammen je gemacht haben. Bienzle wollte ja nie triumphieren. Er wollte immer wissen, warum Menschen etwas tun, das sie aus der Bahn wirft. Wenn er das begriffen hat, hat er meist auch den Fall gelöst. Es ist ja nicht der erste Film, der mit einem melancholischen Zug endet. Nur diesmal ist diese Melancholie am Ende so berechtigt wie nie zuvor. Bienzle hat am Ende eigentlich nicht verloren, aber er musste so viel einsehen, so viel begreifen, auch über sich selbst, dass er dies niemals als Sieg empfinden konnte.

#14 Wegschaffel . 26.02.07 . 18:29 Uhr

Mensch Herr S. des isch doch klar, dass der Knüller nicht im Presseheftle raustrompetet wird. Ich bleib dabei: Es geht hier um einen filigranen Kunstgriff der irgendwas mit “Suppe” und “Händewaschen” zu tun hat. Vielleicht kann man sich die Suppenszene nochmal irgendwo online anschauen, ich such mal …

#15 Liamara . 26.02.07 . 23:07 Uhr

Ich hab sie, Herr W… wollense?

#16 Wegschaffel . 27.02.07 . 08:33 Uhr

Die Suppe??

Danke fürs Angebot - ich hab die Schlussszene mittlerweile gefunden und bin schon schwer am entschlüsseln …

#17 Benne . 27.02.07 . 12:28 Uhr

Nochmal zum Abschied: Zwischen Hannelore und Bienzle war eigentlich alles in Ordnung. Keine Unstimmigkeiten wegen der langen Arbeitszeiten etc. Der Fall wurde gelöst, Selbstzweifel bleiben aber wohl zurück.
Gleichzeitig sagt der letzte Blick zurück auf das Haus: Abschied. Aber wovon. Vom Zuschauer, von Hannelore oder vom Beruf?
Ich will mir einreden, dass sowohl Autor wie Darsteller einfach noch ein wenig für Diskussionsstoff sorgen wollten und es nicht einfach enden lassen können.

#18 Tasso . 17.05.08 . 09:39 Uhr

Ich bin Schwabe in der Diaspora im Sauerland und habe sowohl Bienzle als auch Palü immer gern gesehen. Da kamen Heimatgefühle auf !

Die Nachfolger sind in meinen Augen ein dürftiger Abklatsch mit austauschbaren Figuren und ohne erkennbaren Lokalkolorit, die offensichtlich auch im Hinblick auf einen späteren Verkauf der Serien an das US-Publikum produziert wurden.

Made by 6B