Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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22 03.07

Paul geht baden. Teil 1: Blindgänger

Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 01:08 Uhr

Irgendwie kükenhaft die zartgrünen, weichen Blätter der Kastanien, die sich gerade aus den Blattknospen schälen; jaja, und im Herbst, wenn alles vorbei ist, liegen die Stiele wie sauber abgenagte Hähnchenknochen unter den kahlen Bäumen. Ach, Paul und seine Geflügelmetaphorik. Aber daran denkt er jetzt nicht. Paul hat die Augen zu (wie Dingsbums damals, wie hieß der noch, der aus Bad Finstermünster kam…?) und schreitet entschlossen aus, quer über den Innenhof des Alten Schlosses, wo sich gerade kein Mensch aufhält. Die Geräusche der Stadt ringsum, des ganzen Talkessels, der sich von allen umgebenden Höhen heruntersenkt bis direkt unter Pauls sensible Fußgängerfüße - nein, weg sind sie nicht, aber wie hinter einem akustischen Sperrgürtel. Was vielleicht nicht nur dran liegt, dass ihn das Schloß als üppige Schale - soll ich sagen: umfängt?; sondern dass Paul, der sich auch selbst in Schale geworfen hat, Paletot und so, falls man versteht, was ich meine, wie in sich selbst hineingeht, im Wortsinne in sich geht und dabei alles um ihn her zurücksinkt. Keine Gefahr eigentlich, dabei mit jemandem zusammenzurasseln, und von den Wänden hält er sich auch fern (geht ja quer rüber), aber nach dem zehnten Schritt wird jeder weitere immer noch ein bisschen zögerlicher und kürzer, und ohne es zu merken, schiebt er den Unterkörper ein Spürchen vor bzw. nimmt den Oberkörper schonfast eine Spur zurück (fehlt eigentlich nur noch, dass er die Hände vor sich ausstreckt), und bei Nummer 19 reißt nicht Paul, sondern reißt es ihm die Augen auf, und Paul ist wieder an Deck. Warum er solchen Unsinn treibt? Hat ihn auch mal, radebrechend, ein älterer Mitbürger - sagen wir: mit Migrationshintergrund gefragt, der ihn bei einer seiner blindgängerischen Eskapaden beobachtet hatte. Gehört zum Beruf, hat Paul gesagt. Worauf der Mann in einer Art komischer Verzweiflung die Hände vor Paul ausgebreitet hat, was ungefähr so viel bedeuten sollte wie: “Heißt das, dass du Geld dafür kriegst, dass du mit geschlossenen Augen in der Gegend herumläufst?” (Und wenn man wollte, konnte man daraus auch noch die Andeutung der Frage herauslesen, ob er in dieses Geschäft nicht auch einsteigen könne, da er eine gewisse Begabung für diesen Beruf in sich fühle.) Das sei ganz einfach, hat Paul ihm freundlich erklärt: “Ich bin bei der Stadt. Ich bin sozusagen ein Standortfaktor.” Paul strahlt, in amtlichem Auftrag, Zuversicht aus, acht Stunden täglich. “Kann ich natürlich nicht daheim erledigen,” sagt Paul. Immer in der Öffentlichkeit, eigentlich hört der Job nie auf. Ab und zu Augen zu: das ist eine Meditationsübung. Irgendwo muss man die ganze Zuversicht ja auch herholen, die man auszustrahlen hat. Sagt Paul. Lacht wohlwollend, nickt, dreht sich um, geht hinüber zur U-Bahn-Haltestelle und steigt in die Bahn, die zur Messe am Killesberg hinauffährt. “Immer dahin, wo’s wehtut”, hat mal ein Journalist in einem Porträt über Paul geschrieben, “wie ein guter Stürmer beim Fußball.” - “Tut ja überall weh,” hat Paul damals zu Clemens gesagt. Und sich vor Lachen fast nass gemacht. Ist nicht alles irgendwie Quatsch? “Komm, gehn wir baden.”

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2 Kommentare zu Paul geht baden. Teil 1: Blindgänger

#1 Herr S . 22.03.07 . 02:05 Uhr

Schöner Einstand. Mehr hoffentlich demnächst?

#2 Wegschaffel . 22.03.07 . 18:22 Uhr

Und: Wo kriegt man das, was Sie so trinken?

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