Von Westbalkon
Vermischtes . 14:49 Uhr
Die aufregendsten Geschichten diktiert mir der Alltag spät am Abend, wenn ich mal wieder viel zu lang gearbeitet hab. Gestern zum Beispiel. Schwinge mich gegen halb elf in die S-Bahn gen S-Town, einen einfach strukturierten Roman verschlingen wollend. Und dann passiert was. Ich wunder mich noch, warum Bier durchs Abteil läuft, entdecke dann die Quelle: Junge Frau, gepflegte Erscheinung, strunzbesoffen, heulend, viel Gepäck. In der Sitzgruppe gegenüber vier Mittvierziger, die lachen, zerrt sie ungelenk am Tempopäckle, um die Sauerrei wirkungslos einzudämmen. Sie nickt ein. Die Bierflasche fällt. Sie lachen. Der Fahrscheinkontrolleur kommt. Sie lachen. Die Frau hat keinen Fahrschein. Der Kontrolleur wendet sich an die Lachenden: “Da mach ich lieber nichts”. Sie kichern. Die Frau weint, erzählt, sie sei daheim rausgeflogen. Ohne Geld, ergeben streckt sie dem Kontrolleur den zerfledderten Reisepass entgegen. Er geht weiter, lässt sie links liegen. Ich greife, als wir uns Stuttgart nähern, zum Handy, um die Polizei zu rufen. Die kann man doch so nicht allein durch die Stadt ziehen lassen, denke ich. Am Bahnsteig sehe ich zwei Menschen vom Sicherheitsdienst, steige aus, renne zu ihnen, renne mit ihnen zurück zum Wagen und zeige ihnen die Frau, die Hilfe braucht. Durchs Fenster der wegrollenden Bahn sehe ich, wie sich die Wachfrau über die Gestrandete beugt, ruhig mit ihr redet. Die Polizei ruf ich trotzdem noch an, der Beamte ist freundlich und sagt “Sie haben alles richtig gemacht, der Wachdienst meldet das an die Bundespolizei (Ex BGS).” Die anderen lachen sicher immer noch. Ich finde ja nicht, dass ich unbedingt ein besserer Mensch bin als die anderen in dem S-Bahn-Wagen. Aber das Weggucken der anderen (die vier Lacher und ca. 30 unbeteiligt wegguckende Fahrgäste) hat mich schon geärgert!
#1 Mythen in Tüten . 05.06.08 . 17:20 Uhr
Ja, Sie sind ein guter Mensch!
Und die Weggucker und Lacher gucken nur so lange weg und lachen nur so lange, bis sie selber mal in der Scheiße sitzen und dann ebenfalls besoffen mit der S-Bahn durch die Stadt fahren.
Das geht schneller, als machnem lieb sein kann.
#2 Manuel . 05.06.08 . 21:18 Uhr
Denke auch, dass du zumindest besser bist, als die in der Bahn. Ist unglaublich, wie der Großteil der Bevölkerung einfach nur jämmerlich neben so etwas stehen kann, ohne eine helfende Hand zu reichen. In welcher Art und Weise auch immer. Elendes Pack *aufreg* Ist es denn so schwer, einfach mal nur zu helfen? Einfach mal da zu sein, wenn jemand Hilfe benötigt? Ich bezweifle jetzt einfach mal, dass du dir bei der Aktion einen Zacken aus der Krone gebrochen hast, außer jetzt vllt paar Minuten deines Lebens gegeben, um den Wachdienst und die Polizei zu verständigen. Sollte es allerdings Wert gewesen sein, finde ich. Mir zumindest geht es danach immer ein bisschen besser, wenn ich weiß, dass ich mal wieder jemandem helfen konnte (egal bei was).
Armes Deutschland, wenn man alles nur noch als Comedy-Sendung empfindet, wenn andere Leiden. Erinnert ein wenig an diese Sendungen, bei denen sich die Menschen vor lachen fast wegschmeißen, wenn sie anderen dabei zusehen, wie die sich verletzen bzw. weh tun. Was diese Gefühls-Abstumpfung erreicht hat, hat man ja eben jetzt in der Bahn gesehen. Alles nur noch Comedy.
Sorry, aber das musste einfach mal aus mir raus…