Von Paul geht baden
Vermischtes . 17:01 Uhr
Seit einiger Zeit besuche ich in schöner Unregelmäßigkeit die Staatsgalerie und sehe mir dabei - immer nur zwei, drei Säle pro Besuch - die ausgestellten Schätze der Sammlung an (die “Sammlung” ist die immerwährende Ausstellung im Unterschied zur “Ausstellung” bzw. “Aktuellen Ausstellung”, die nur auf Zeit in der Staatsgalerie zu sehen ist). Durch eine glückliche Fügung habe ich mit Saal 42 begonnen, dem letzten in der fortlaufenden Nummerierung, und so arbeite ich mich jetzt gewissermaßen rückwärts aus dem Mittelalter in die Neuzeit und Gegenwart. Die Zeitfolge wird aber in der Abfolge der Säle (und auch in der Hängung innerhalb der Säle) immer wieder absichtsvoll, wie ich annehme, durchbrochen. So hängt in einem der Säle neben Werken aus dem 13. oder 14. Jahrhundert unvermittelt ein Bild von Paul Klee. Und zwischen Mittelalter und früher Neuzeit findet man sich plötzlich in einem Joseph-Beuys-Saal (Nr. 38), der von großräumigen Installationen dominiert wird. Für gewöhnlich passiere ich diesen Ecksaal fliegenden Schrittes, am letzten Mittwoch jedoch, gleich nach der Bauplatzbesichtigung, die hier so großes Interesse gefunden hat, (und vor der Epiphanie, wenn der Ausdruck denn erlaubt ist, auf dem Schlossplatz) machte ich, als ich Nr. 38 fast schon durchmessen hatte, auf dem Absatz kehrt, weil ich aus den Augenwinkeln bemerkt hatte, dass im Beuys-Saal auch ein Warhol hängt. Nicht, dass mir Warhol wesentlich lieber wäre als Beuys, aber ein paar Tage vorher hatte ich (auf Arte) einen fast vier Stunden langen (tollen!) Film über Andy Warhol gesehen (verteilt auf zwei Abende), in dem auch die “Disasters and Catastrophes”-Serie, zu der das Staatsgalerie-Bild gehört, ausführlich behandelt wurde. Nicht mein Fall zwar (nicht kunstvoll genug), aber man sieht ein Bild doch mit anderen Augen an, wenn man weiß, wie es entstanden ist, wie es hergestellt wurde: aufmerksamer, geduldiger, auch verwunderter… (wer weiß, vielleicht werde ich mir auch die Beuys’schen Installationen eines Tages mit solchem Blick ansehen…). Aber all dies, liebe Freunde der schönen Künste und der leichten Unterhaltung, all dies nur nebenbei, am Rande des Wegs; denn auf diesem strebte ich ja Anderem zu, zuerst einem Bild mit dem Titel “Maria mit dem Kind und dem Johannesknaben” von Lucas Cranach d. Ä. aus dem Jahr 1535, das unser Foto zeigt.
Mir ging es diesmal nicht um das Bild, um die Malerei, sondern um die kleine Tafel daneben. Ich rechne eigentlich immer damit, dass ich mich täusche, dass die Erinnerung mich trügt und alles in Wirklichkeit ganz anders ist, als ich mir einbilde. Aber auf dem Täfelchen stand immer noch derselbe Text wie beim letzten Besuch, ein Text den ich nicht verstehe: “Das Thema des ursprünglich auf Holz gemalten, erst 1875 auf Leinwand übertragenen Bildes hat Cranach mit geringen Modifikationen wiederholt aufgegriffen.” Meine Frage ist: Wie überträgt man ein Bild, das auf Holz gemalt wurde, 340 Jahre später auf Leinwand? Hat jemand eine Erklärung?
#1 Paul-geht-baden . 08.03.12 . 12:16 Uhr
Während die Experten noch grübeln bzw. recherchieren bzw. auf Antwort aus der Staatsgalerie warten, vertreiben wir uns die Zeit, indem wir das Bild selbst genauer betrachten. Und was wäre besser geeignet, uns die Augen zu öffnen, als eine zweite — äh, wie sagt man jetzt? Version? desselben Bildmotivs? Ausgewählt haben wir Raffaels “Madonna del cardellino” von 1506, Öl auf - immer noch! - Holz, die in Florenz, in den Uffizien, hängt. Viel Vergnügen beim Vergleichen.
#2 Frau Doktor . 08.03.12 . 14:55 Uhr
Ich weiß nicht, ob das bei dem Cranach hier der Fall ist, aber in der Renaissance wurden die Holztafeln gerne mit einer ganz dünnen Leinwand bezogen – als Vorbereitung für die Grundierung. Und diese Leinwand kann man, mit Glück, Können und sehr viel Geduld, ablösen und auf ein stabileres Stück Leinwand übertragen. Das hat man im 19. Jahrhundert gerne gemacht, wenn das Holz am Verrotten war. Aber so gut der Restaurator auch war, das hat natürlich Auswirkungen auf das Bild. Restauratoren hatten bis weit in die 1960er Jahren hinein überhaupt kein Probelm damit, das betroffene Bild dann in einen angenommen Ideal-Zustand hinein zu restaurieren. Wieviel Cranach (und Mitarbeiter, das war ja eine Riesenfirma) wir hier sehen – und wieviel von dem, was sich kunsthistoisch informierte Restauratoren und Museumsmänner ganz lange als Cranach vorgestellt haben, wäre auch eine spannende Frage.
(Full disclosure: Ich bin Kunsthistorikerin, keine Restauratorin.)
#3 Bernd Schuster . 08.03.12 . 16:58 Uhr
Seit dem 18. Jahrhundert gibt es Techniken, (direkt) auf Holz gemalte Bilder abzulösen und auf einen neuen Bildträger zu übertragen (Totalübertragung). Bei einem Verfahren wurde die Grundierungsschicht angefeuchtet und die Malschichten dann von der Tafel abgezogen (!), bei einem anderen, auch heute noch praktiziertem Verfahren wird der Bildträger Span für Span abgetragen. Totalübertragungen wurden oder werden vorgenommen, wenn der Bildträger stark zerstört ist oder sich immer wieder Blasen in der Malschicht bilden. Als neue Träger wurden Leinwände oder neue Holztafeln benutzt. Ersteres hat den Nachteil, dass die Bildoberfläche die Struktur der Leinwand annimmt und nicht mehr wie die eines Tafelgemälde wirkt, letzteres, dass erneut eine Blasenbildung auftreten kann. Heute werden Totalübertragungen nur im äußersten Notfall praktiziert. Als Bildträger verwendet man künstlich hergestellte Holztafeln (Spanplatten o.Ä.) die kaum arbeiten, d.h. sich unter Klimaeinflüssen nicht ausdehnen oder zusammenziehen und so Schäden auf der Bildoberfläche hervorrufen. So wie ich es hier zusammengefasst habe (wenn ich es denn richtig verstanden habe), beschreibt Knut Nicolaus in “DuMont’s Handbuch der Gemäldekunde” die Totalübertragung.
#4 Paul-geht-baden . 08.03.12 . 20:55 Uhr
Vielen Dank, Frau Doktor und Bernd Schuster, für Ihre schönen Kommentare, die eine ganze Menge Licht in die Angelegenheit bringen. Die ganze Moderne in der Kunst ist ja, wenn ich das richtig verstehe, eine Bewegung weg von der Illusion, die das Material, aus dem sie gefertigt ist, vergessen lässt, hin zum Vorzeigen des Material, bis hin sogar zum gänzlichen Verzicht auf irgendeine Illusion - die berühmte Beuys’sche Fettecke z. B. (ich rede einfach drauflos, im Vertrauen, dass mich schon jemand korrigieren wird, falls ich Blech rede; Sachverstand ist hier im Blog ja offensichtlich vorhanden). Und trotzdem verblüfft es mich völlig, dass ich mir ein Bild als eine Schicht flach verstrichene Ölfarbe, etwas wie die Käse-”Oblaten”, die an den Wänden von Auflaufformen beim Überbacken entstehen, vorstellen soll - und kann! Toll!
Ich habe übrigens auch die Staatsgalerie um Auskunft gebeten. Falls von dort etwas kommt, gebe ich es umgehend bekannt.
#5 Paul-geht-baden . 10.03.12 . 15:09 Uhr
Die dürren Fakten: Cranachs Gemälde wurde von der Staatsgalerie 1950 erworben. Auf der Rückseite der Leinwand befindet sich ein Vermerk in altrussischer Sprache, der übersetzt lautet: „Übertragen von Holz auf Leinwand 1875“.
Wie das in diesem Fall gemacht wurde, ist, soweit ich weiß, nicht bekannt.
Allgemein wird die bei einer solchen Übertragung angewandte Technik in etwa so beschrieben wie in den Kommentaren von Frau Doktor und Bernd Schuster:
Der alte Bildträger wird von der Rückseite her „gedünnt“, wie der Fachausdruck lautet. Eine Holztafel wird üblicherweise zunächst abgehobelt, dann mit dem Skalpell vollständig entfernt. Wenn der Bildträger eine Leinwand ist, wird Faden für Faden gedünnt, bis die Rückseite der untersten Grundierungsschicht freiliegt. Das so abgelöste Bild wird normalerweise auf identisches Trägermaterial geklebt, d. h. wo der Träger Holz war, wird wieder Holz genommen, Leinwand durch Leinwand ersetzt. Eine solche Operation wird allerdings nur in Ausnahmefällen durchgeführt; denn die Risiken sind groß, insbesondere wenn, wie beim Cranach-Bild geschehen, von Holz auf Leinwand übertragen wird.
Dank an alle, die zur Aufklärung beigetragen haben.
#6 Frau Doktor . 13.03.12 . 19:02 Uhr
Danke für die Infos aus der Staatsgalerie! Immer wenn ich Berichte darüber lese, wie “robust” man zumindest noch im 19. Jahrhundert in den Restaurierungswerkstätten und im Kunsthandel dieser Welt mit Kunstwerken umgegangen ist (und, was man so hört, auch noch ab und an mal heute umgeht, wenn Geld und Ruhm im Spiel ist), wird mir ganz blümerant.
Zu Cranach: Mich erstaunt immer wieder, wie der Mann es geschafft hat, gleichzeitig Luthers Chef-Bild-Propagandist und Lieferant top-beliebter katholischer Madonnen zu sein, u.a. an Albrecht von Brandenburg, desseb Ablasswirtschaft Luther erst auf die Palme gebracht hatte. Sehr schön kann man an der Staatsgalerie-Madonna auch die hohe Standardisierung in der Cranach-Firma sehen: Putten, Jesus und Johannes sind quasi identisch – und wenn man mehrere Madonnen nebeneinander hängt, wäre es auch immer dieselbe. Seriöserweise müsste eigentlich unter jedem Cranach-Standardbild (Madonnen, Adam und Eva, Lukretia etc.) Werkstatt stehen, vermute ich jedenfalls. Ich kann mir nicht vorstellen, dass außer der Zeichnung, nachdem die Bilder gemalt worden sind, wirklich viel vom Chef selbst gemacht worden ist. Aber die Leute glauben ja auch nur zu gerne, dass Neo Rauch seine Bilder selbst malt.
#7 Paul-geht-baden . 14.03.12 . 15:42 Uhr
Ein Hinweis: Auf der Facebook-Seite der Staatsgalerie gibt es einen kleinen Film, “Staatsgalerie Stuttgart - Arts in Motion”, der wie es dort heißt, in Zusammenarbeit mit der Hochschule der Medien entstanden ist - was wohl bedeutet, dass ihn Studenten gemacht haben. In dem Film, der knapp sieben Minuten lang ist, wird (scheinbar) eine der Stephan-Balkenhol-Figuren aus Saal 42 lebendig (ein romantisches Motiv) und hampelt und turnt (buchstäblich) und marschiert durch die Ausstellungsräume. Dabei kommen eine Menge Kunstwerke ins Bild, die meisten modern, u.a. kurz auch der Warhol, den ich erwähnt habe. Die Leichtigkeit, die den Filmemachern offenbar vorgeschwebt hat und die dem Fim gutgetan hätte, ist nicht durchgehend gelungen. Ab und zu sind die Titel der Werke, die gerade zu sehen sind, etwas kurz eingeblendet; und im Vollbildmodus ist die Bildqualität nicht mehr gut. Am Schluss steigt der junge Mann in schwarzer Hose und weißem Hemd wieder zu den Balkenhol-Figuren aufs Podest und in der Staatsgalerie gehen die Lichter aus.
Apropos: Der Sterling-Bau ist ja nun schon bald 30 Jahre alt. Wird er eigentlich noch (falls überhaupt je) als schön, als gute Architektur empfunden? Ziert er die Stadt (noch)?
#8 Maik . 16.03.12 . 11:21 Uhr
Ob er die Stadt noch ziert, ist Geschmacksfrage. Ich finde die Architektur nach wie vor gut und ansehnlich. Aber da wird jeder Stuttgarter eine andere Meinung haben ;)
#9 Paul-geht-baden . 09.08.12 . 19:35 Uhr
Bei meinem letzten Besuch in der Staatsgalerie vor zwei, drei Wochen war das Cranach-Bild nicht mehr an seinem Platz. Es hatte sich überhaupt viel verändert, unter anderem fehlte auch Martin Schaffners Epitaph der Familie von Anwyl (1514, Tempera und Öl auf Fichtenholz), für das ich eine gewisse Neigung entwickelt hatte. Routinemäßiges Durchwechseln?