Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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02 08.08

Bahn verwüstet Innenstadt! Ingenhoven macht mit.

Von circulus
Kultur, Stuttgart 21 . 23:00 Uhr

Tolle Schlagzeile, was? :D

Bereits am 18. Juni 2008 erschien ein (wie ich meine) grandioser Beitrag bei world-architects.com, geschrieben von Ursula Baus. Die vielsagende Einleitung möchte ich hier zitieren:

Seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten ist “Stuttgart 21″ ein Thema für – je nach Blickwinkel – verheißungsvolle oder weltfremde Visionen und Grund für hartnäckige Grübeleien, bittere Meinungsunterschiede und schwere Zerwürfnisse. Kein Bauprojekt in Deutschland symbolisiert das Ende des Fortschrittsglaubens, der Kalkulierbarkeit von Großprojekten und der demokratischen Willensbildung mehr als die Idee, die Verkehrsstruktur einer Stadt wie Stuttgart umzukrempeln. Hartmut Mehdorns jüngste Äußerungen zum Umbau des Bonatz-Baus und eine neue Visualisierungspräsentation des Ingenhoven/Frei Otto-Projektes schüren Angst und Schrecken. Beflügeln wie in Zeiten des frühen Wirtschaftswunders können Projekte dieser Art nicht mehr; beflügeln könnte vielmehr die Einsicht, dass das Eingeständnis eines Irrtums nicht mit kleinkariertem Sparen, sondern einem radikalen Umdenken zu einem herausragenden Ergebnis führen könnte.

Nun zu Herrn Ingenhoven, den netten symphatischen “Greenwasher”. Er ist der Architekt des neuen Stuttgarter Hauptbahnhofs, bzw. des verqueren, unterirdischen Teils, also querliegend zur bisherigen Fahrtrichtung; unterirdisch stimmt eigentlich auch nicht, denn die Schienen befinden sich ungefähr auf bisherigem Straßenniveau und es wird ein Deckel über die Gleise gelegt. Damit der Bahnhof Licht bekommt, hat der Deckel Löcher, genannt Lichtaugen. Stimmt so auch nicht ganz, denn die Lichtaugen stützen gleichzeitig den Deckel. Wenn sie es können. Das ist nämlich gar nicht so sicher. Behauptet Frei Otto, der die Idee für die Form des Betongewölbes hatte, seit 2007 aber sauer ist, weil er als Urheber nicht mehr genannt wird – und Ingenhoven mitgeteilt hat, dass er seine Zustimmung verweigert. Auch weil die Statik bisher nicht berechnet wurde. Mehdorn (also der Auftraggeber, der noch keinen Vertrag mit dem Architekten unterschrieben hat) meinte jedoch jüngstens, an der Statik, bzw. den Lichtaugen noch sparen zu können. Wo Frei Otto 5 Reihen in den Entwurf setzte, strich sie Ingenhoven auf 4 Reihen zusammen und Mehdorn nun auf nur noch 3 Reihen von Lichtaugen-Betongewölben … Was wiederholt die Bahnzentrale gebetsmühlenartig? “Das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm ist eines der am besten und umfassendsten geplanten Projekte der Deutschen Bahn AG.” Der Bahnhof scheint irgendwie nicht zu dieser Planung zu gehören …

Zurück zum anglizistischen Greenwashing, also dem Verleihen eines grünen Anstrichs für ein Projekt, das überhaupt nicht grün, sprich ökologisch oder umweltfreundlich ist. Das tut Ingenhoven in seinen Vorträgen über den Bahnhofsentwurf bspw. so (wörtlich!!):

Und die Lichtaugen sind ja so dosiert, dass wir eine ausreichende Menge an Tageslicht in diesen Bahnhof hinein bekommen, sodass er also über den gesamten Tageslauf ausreichend belichtet ist. Und dadurch, dass der Bahnhof von zwei Tunnelenden her erschlossen ist, also die Züge kommen von zwei Enden in den Bahnhof reingefahren, bringen diese Züge aus den Tunnels relativ kühle Luft mit in den Bahnhof und die ist im Winter relativ warm, die ist ungefähr 17 Grad warm oder kalt je nachdem und im Sommer ist es draußen eben 30 Grad, dann ist 17 Grad sehr angenehm kühl und draußen ist es minus 20 Grad im Winter, dann ist plus 17 Grad eben sehr angenehm warm. Das ist ein System, dass insgesamt dazu führt, dass dieser Bahnhof natürlich belichtet sein kann, natürlich belüftet sein kann, entlüftet sein kann, dass er quasi natürlich gekühlt und beheizt wird und dass der Temperaturverlauf während des Jahres sehr milde ist, das führt dazu, dass dieser Bahnhof eigentlich für Heizung und Kühlung und für Beleuchtung keine Energie verbraucht und damit ein zero-energie und auch zero-co2 Bahnhof ist.

Ahaaa! Wissen Sie nun Bescheid, lieber Blog-Leser? Konnte der Fachmann, Ingenieur und Architekt Ingenhoven Sie überzeugen? Hat dieser Fachmann eine Ahnung von CO2- oder Energie-Bilanzen? Der Baustoffkonzern Holcim ließ sich überzeugen und verlieh Ingenhoven 2006 einen Preis für nachhaltiges Bauen, dotiert mit 300.000 Dollar! Fragt sich nur, welche Überzeugung hier nachhaltig ist.

Das führte jedenfalls zu der Idee, Ingenhoven in einem Offenen Brief zum Ausstieg aus dem Projekt aufzufordern. Bis heute hat er sich dazu jedoch nicht geäußert …

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4 Kommentare zu Bahn verwüstet Innenstadt! Ingenhoven macht mit.

#1 IceDealer86 . 04.08.08 . 06:38 Uhr

Hab ich das richtig verstanden? Durch den 17 Grad warmen Luft>zug

#2 IceDealer86 . 04.08.08 . 06:44 Uhr

Hab ich das richtig verstanden? Durch den 17 Grad warmen Luftzug der Züge wird der Bahnhof BELEUCHTET!?! Hab nur in bei der Planung noch nichts von Windkraftwerken gelesen/gesehen ;)
Das Zitat erinnert irgendwie an “10 Minuten” eines gewissen Politikers aus Bayern :D

#3 circulus . 04.08.08 . 15:55 Uhr

Ja, Ingenhovens Sprechtexte erinnern stark an Stoibersche Verhaspelungen. Und nur weil er dabei so milde (debil?) drein lächelt und sanft gestikuliert, möchte man ihn lieber knuddeln und in die Gummizelle tragen, als verhauen …

#4 Thomas . 11.08.08 . 15:23 Uhr

Herr Ingenhoven hat aber auch gesagt, dass die Stuttgarter froh sein sollten über seinen Bahnhofsentwurf. “Wie die Stuttgarter seit langem ihren Bahnhof behandeln, einfach schändlich”, sagte Herr Ingenhoven. Ja denkt er denn im Ernst, ein sanierungsbedürftiger Bahnhof kann nur durch eine Gleisreduktion und eine Talquerung geheilt werden? Irgendetwas muss da in Düsseldorf falsch angekommen sein. Nach dieser Äußerung halte ich es sogar für möglich, dass Herr Ingenhoven denkt, die Stuttgarter nehmen alles in Kauf, wenn sie nur an das schnelle Schienennetz angebunden werden - sogar einen Bahnhof mit Höhlencharakter (dabei funkioniert unser Bahnhof hervorragend und pünktlich). Thomas

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