Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 23:46 Uhr
Unser schönes Stuttgart, was wäre es ohne seine Fußgänger, die zu fast jeder Tages- und Nachtzeit (gut, ein paar Stunden lang wird’s ein bisschen dünn) die Straßen und Plätze der Stadt bevölkern und ihr damit zu der legendären Urbanität verhelfen, um die uns buchstäblich die ganze Welt beneidet. “The Pedestrians’ Capital” war erst vor wenigen Tagen ein ganzseitiger Reisebericht über die schwäbische Metropole in der Chicago Tribune überschrieben. Wie es Paul immer wieder aus dem Stadtzentrum an die Ränder der Stadt zieht, in die quirligen Quartiere, wo das wirkliche Leben vulkanisch kocht (Besen schwingen, Brezeln holen, gelbe Säcke an die Straße stellen), so hatte auch der offenbar kundige Korrespondent bei seinem Besuch Ende März sich nicht lange mit Schlossplatz und Kunstmuseum aufgehalten, sondern war stadtauswärts gestrebt, mit dem Bus, glaube ich, bis zur Haltestelle Geroksruhe, von wo aus er einen Waldspaziergang zur Schillerlinde unternahm, dessen detaillierte Schilderung beinahe den gesamten Artikel ausmacht. Ganz originell, diese Amerikaner. So beschreibt der gute Mann ausführlich die wunderbare Artenvielfalt im durchwanderten Waldstück, unter Verwendung von ca. 120 Farbadjektiven; was den botanisch berauschten Reisereporter aber noch viel mehr als die Flora, was ihn richtig begeisterte, war, dass praktisch hinter jedem Baum, den er ins Auge fasste, ein strahlend lächelnder Stuttgarter hervortrat und Hilfe anbot: “Can I help you?” Nun kann es natürlich sein, dass der Ami verwirrt und hilflos aussah, vielleicht tatsächlich war (darüber schweigt sich der Artikel aus), vielleicht hing ihm das Hemd aus der Hose, was hier schnell einen Hilfereflex auslösen kann. Aber es stimmt ja, er hat ja recht, überall in der Stadt begegnet man dieser Freundlichkeit der Menschen, dieser Zuwendung, dieser heiteren Extrovertiertheit. Sie ist, was viel zu selten gewürdigt wird, wie Paul nicht müde wird zu wiederholen, eine Fußgängertugend. Wie soll denn ein Autofahrer, in der Abgeschlossenheit seines Fahrzeugs, durch den Sicherheitsgurt an den Sitz gefesselt, wie soll der denn, bitte schön, Entgegenkommen praktizieren? Etwa durch Handzeichen, durch Mienenspiel? Armselig. Das Herantreten oder Herantretenlassen, die echte Begegnung, bei der sich menschliche Qualitäten entfalten können, ist doch nur dem Fußgänger möglich. Ja, es ist schon was Feines, dass die Stuttgarter so enthusiastische Fußgänger sind (und, nicht zu vergessen, seit Jahrzehnten immer wieder auch große Läufer hervorbringen) und das Auto lieber stehen lassen. Stuttgarter haben tatsächlich ein sehr zwiespältiges Verhältnis zum Automobil. Man ist, auf lokalpatriotische Weise, stolz darauf den Daimler und Porsche in der Stadt zu haben, und nimmt gern, auch wenn man mit dem Autobau gar nichts zu tun hat, ein klein wenig vom Glanz der Weltgeltung dieser Marken für sich selbst in Anspruch; und so unpraktisch, dass er nicht zu schätzen wüsste, dass die Autoindustrie Geld in die Stadt bringt, ist selbst ein Stuttgarter Schwabe nicht. Und trotzdem fährt er einfach nicht gern Auto, es liegt ihm irgendwie nicht. Im letzten Jahr kam bei einer Umfrage heraus, dass die Abneigung gegen das Autofahren unter allen Bevölkerungsgruppen am stärksten - die genaue Prozentzahl hab’ ich jetzt leider nicht parat, sie lässt sich für alle Interessierten aber sicher leicht ergooglen - bei jungen Männern zwischen 18 und 24 ausgeprägt ist. In lokalen Medien und auch bundesweit hat dieses Ergebnis für einigen Wirbel gesorgt, aber Paul war nicht überrascht. Er kennt seine Pappenheimer. Wenn man einmal beobachtet hat, sagt er, wie am Abend an einer Bushaltestellen in Zuffenhausen - aus dem Vorgarten im Hintergrund duftet betörend der Flieder - eine Handvoll junger Männer sich trifft, zerlesene Taschenbücher aus ihren Jackentaschen ziehen und dann ein Stündchen oder zwei im nicht gerade augenfreundlichen Haltestellenlicht konzentriert über bestimmte Passagen in Immermanns “Münchhausen - Eine Geschichte in Arabesken” sprechen, dann wundert man sich nicht mehr darüber, dass die männliche Jugend der Stadt keine Lust auf Geschwindigkeit, Fahrkomfort und muskulöses Design hat. Die Jungs sind hier anders. Aber wer weiß, vielleicht gibt es, bei der bekannten hiesigen Vorprägung, eine Art Kulturwechsel, wenn endlich die Technik serienreif wird, bei der statt Abgas Wasser aus dem Auspuff kommt (der dann ja wohl in “Auslauf” umbenannt werden müsste). Auch Paul, der knapp über 24 ist, setzt sich niemals ans Steuer. Er hat gar nichts dagegen, sich gelegentlich mitnehmen oder irgendwohin fahren zu lassen, ist ja bequem, und er nimmt sich auch mal ein Taxi, aber er fährt eben nicht selbst. Wenn man ihn fragt, warum nicht, zuckt er mit den Achseln: “Man weiß es nicht genau.” Diese ganze Fußgängerkultur der Stadt: Manchmal erfährt man nur durch einen Zufall, durch besondere Umstände, welche wunderbaren Blüten sie austreibt. Paul sieht sich nie Fahrpläne an (ich übrigens auch nicht ), er wartet einfach, bis die U-, die S-, die Zahnrad-Bahn oder der Bus endlich kommt, und er käme nie auf die Idee, sich eine bestimmte Verbindung im Voraus im Internet herauszusuchen. Genau das aber tat, an Pauls Rechner, sein Freund Clemens (Eigenrauch, der aus stern, Feinschmecker usw. bekannte Gourmet und Gastrokritiker, auch er ein Autoabstinenter), als er vor ein paar Wochen zu Besuch in Stuttgart war und versuchte seine Termine zu koordinieren (von einer gedeckten Tafel zur anderen, was sonst). Dabei entdeckte er - “Kuck dir das mal an!” -, dass der VVS Fahrplananfragen nicht nur mit der üblichen Liste von Abfahrts- und Ankunftszeiten für die gewünschte Strecke zur fraglichen Zeit beantwortet, sondern jedesmal auch angibt, wie lange man braucht, wenn man - zu Fuß geht! Wo, bitte, gibt es das sonst? “Toll!” fand auch Paul, während Clemens nur den Kopf schüttelte. “Und? Gehst d’ mit ins Restaurant?” fragte er. “Was?” rief Paul, “ich soll ‘was essen, was jemand für Geld gekocht hat? Das ist ja so, als würde ich für die Liebe in den Puff gehen!” Worauf Clemens sich auf seine Prothese klopfte und sagte: “Toi, toi, toi, großer Held.” Muss ich noch sagen, dass Paul am Ende doch mitgegangen ist, wie er es übrigens immer tut, wenn Clemens ihn fragt? Ist ja schließlich kein Prinzipienreiter, unser Charmeur.
#1 Herr S . 20.04.07 . 01:04 Uhr
Sie wissen schon, dass Sie sich bedenklich nahe an der Genialitätslinie entlanghangeln, oder? Noch ein, zwei solcher Dinger und ich brauche das täglich, sonst werde ich unwirsch.
#2 12 . 20.04.07 . 09:42 Uhr
Aber teilen Sie uns doch die Anschrift von Paul mit, ich werde ihm umgehend ein paar Absätze zuschicken.
;-)
#3 Jokerine . 20.04.07 . 10:46 Uhr
Nein, bitte! Keine Absätze. Wo kann man denn noch mehr über Paul lesen? Herr S hat schon Recht.
Apropos Fussgängerstadt: Lustiger Witz. Das war schon ein komischer Journalist.
#4 qx . 20.04.07 . 11:37 Uhr
Stuttgart wird doch nur so gern gegangen, weil beradeln ob der ganzen Autos schlicht unmöglich ist!
#5 ardent . 20.04.07 . 13:35 Uhr
… und dann diese Stäffele überall. Man muss einfach zu Fuss gehen… laufen.
#6 kesselblick . 20.04.07 . 15:58 Uhr
Ich kriege ja schon Schreibhemmungen ;-)
#7 Heiko . 21.04.07 . 07:50 Uhr
Stuttgart hat aber auch das Glück, dass man zu Fuß praktisch alles wichtige ohne größere Probleme erreicht. Ist man einmal drin, braucht man einfach keine Räder mehr.
Und man versteht’s auch dann, wenn man mal “nur” fünf Minuten vor einem Termin vor Ort ist - viel zu spät, wenn man noch nen Parkplatz braucht.
S-Bahn fahren ist aber auch nicht so das schöne, zumindest nicht abends am Wochenende und von Esslingen aus, da dort meistens Druckbetankung der Insassen geschieht (Stuttgarter Bier ist ja sooo teuer). Grade richtung Wasen ist die Luft schon mal alkoholschwanger… unfein… aber das sind ja auch keine Stuttgarter :)
#8 circulus . 02.06.07 . 01:24 Uhr
Kann es nicht sein, dass Paul alles ironisch sieht? Und Stuttgart gar nicht für eine Fußgängerstadt hält? Irgendwie finde ich, wenn man alle seine Aussagen ‘rückwärts’ liest, ergibt sich ein viel realistischeres Bild dieser Stadt. Oder hat schon mal jemand jemand auf den Stäffele laufen sehen?!?