Von Michael
Politik . 11:17 Uhr
Wer hätte das gedacht: die Grüne Jugend ist noch nicht im Sommerloch angekommen. Deshalb soll am kommendem Samstag, 29. Juli gegen halb vier vor dem Adidas-Store in der Stuttgarter Königstraße gegen die mangelnde Zahl Auszubildender bei Adidas demonstriert werden. Das soll, so die Meldung, unter dem Motto: “asi das! – Adidas muss ausbilden” zusammen mit MdL Wölfle geschehen. Ob das jetzt mit der Ausbildungsquote zusammenhängt oder die Grünen nur keine Lust auf Last-Minute Urlaub haben ist bislang zumindest noch nicht geklärt (ist geklärt).
Update
Ich war da wohl etwas zu vorschnell, alle Jugendorganisationen in Stuttgart (Julis, GrüneJugend, Jusos und die JungeUnion) haben natürlich auch im Sommer Veranstaltungen, wer ganz besonders aktiv ist darf jeder selbst entscheiden.
#1 Henning . 27.07.06 . 12:05 Uhr
Es hat mit der Ausbildungsquote von adidas zu tun und das ist auch nicht schwer rauszufinden, einfach einmal googlen. Ich hab dazu auch schon gebloggt. Vielleicht klärt das über den Sinn der Aktion auf, die übrigens schon Anfang/Mitte Juni gestartet ist, also vor dem Sommerloch.
#2 Michael . 27.07.06 . 12:21 Uhr
Hätte ich mir denken können, dass Du der Profi bist ;)- als Mitgründer der Grünen Jugend :D.
#3 Frau Doktor . 27.07.06 . 15:27 Uhr
Gute Sache, das! Leider kann ich nicht dabei sein, deswegen halte ich hier mal mein Demo-Schildchen hoch.
Macht man sich mal schlau, wie Adidas die Menschen behandelt, die für das Unternehmen arbeiten müssen, kommt einem aber auch der Gedanke, dass man bei denen vielleicht gar nicht arbeiten will.
#4 Martin Hiegl . 27.07.06 . 17:04 Uhr
Ich dachte, dass die dann einfach blechen müssen, wenn sie zu wenig ausbilden? Dann ist das doch in Ordnung - sie kaufen sich quasi frei. Basst doch.
#5 Herr S . 27.07.06 . 17:09 Uhr
Herrscht eigentlich Ausbildungszwang für Unternehmen? Wohl kaum, also wird es allenfalls um mangelndes Verantwortungsbewusstsein gehen, eine Untugend, die man guten Gewissens weiten Teilen der deutschen Wirtschaft unterstellen kann. Die Idee, sich mehr oder weniger wahllos irgendein »verantwortungsloses« Unternehmen auszusuchen und via Demo an den Pranger zu stellen mag zwar gut gemeint sein, hat aber leider auch etwas leicht Stumpfsinniges. Traditionelle Sozi-Folklore — mehr ist es leider nicht.
#6 Frau Doktor . 27.07.06 . 17:28 Uhr
Wahllos ist es nicht: adidas ist ja der Rekordhalter in Sachen Nicht-Ausbildung (wer auch sonst). Außerdem konnte ich schon ab und an die Erfahrung machen, dass gerade Firmen, die ca. 50% ihres Etats in Marketing und Verwandtes buttern, mit publikumswirksame Aktionen vor Shops extrem unsouverän umgehen. Ganz klassisch Öffentlichkeit herstellen per Demo/Aktion – solche demokratischen Formen sollte man nicht einfach so dran geben, nur weil irgendwelche uncoolen SozPol-Lehrer das auch schon gemacht haben.
Was hier natürlich niemanden davon abhalten soll, mit ‘ner schickeren Nummer all die schön gestylten, braun gebrannten Adidas-Schluppen- und Hemdchen-Träger, die unser kleines Städtchen bevölkern, deutlich darauf hinzuweisen, dass sie bei ihrem bevorzugten Herren-Austatter jedenfalls keine Azubi-Stelle zu erwarten haben – falls das mit der Superstar- oder Profi-Fußballerkarriere doch nix wird.
#7 PiLiberty . 27.07.06 . 17:34 Uhr
@ Herr S.: Ich finde das ganz und gar nicht stumpfsinnig! Ich denke irgendwo muss man den Anfang doch machen - und auf der Königstraße bekommen es ja auch einige mit. Von mir aus täglich solche Aktionen vor verschiedenen Unternehmen - denn nahezu alle geben Grund für eine Demo!
@ alle: Und noch was: Neulich vor dem Sportmegashop auf der Königstraße Ecke Schulstraße waren 5 Mädels. Eine hat getrommel (Sklavenschiff-like) die anderen 4 saßen auf dem Boden und haben Turnschuhe genäht. Akkordarbeit in Billiglohnländern für renommierte Marken! Ich finds klasse! Wachrütteln! Im Lande läuft ziemlich viel schief!
#8 Wegschaffel . 27.07.06 . 18:00 Uhr
Weiss denn jemand, ob sich Adidas zu dem Thema schon mal begründend geäussert hat? Ich kenne ein paar Unternehmen, deren A-quote auch sinkt. Aber nicht, weil die nicht ausbilden wollen, sondern weil die Bewerber Probleme mit den Grundrechenarten haben, keinen graden Satz sprechen können oder eben doch nicht nicht so gerne morgens um 7 in die Werkshalle einlaufen möchten.
#9 Frau Doktor . 27.07.06 . 18:44 Uhr
Achtung, liebe Leserinnen und Leser, das wird jetzt ein wenig lang:
@Wegschaffel
Haben sie, aber interessanterweise haben sie nicht die Nummer “Die sind doch eh alle zu blöd.” gezogen:
adidas wies den Vorwurf zurück. Neben 40 Auszubildenden beschäftige das Unternehmen zahlreiche Praktikanten und Trainees - insgesamt würden derzeit rund 200 junge Menschen ausgebildet, sagte Konzernsprecherin Anne Putz auf Anfrage. In der Regel würden sowohl „Azubis“ als auch Trainees nach der Ausbildung übernommen. Insgesamt beschäftigt der Sportartikelhersteller in Herzogenaurach nach eigenen Angaben rund 2 000 Mitarbeiter.
Das Zitat stammt aus dem Handelsblatt. Eine ganze Presse-Sammlung gibt’s auf der Grünen-Seite, auf die Hennings Blog verlinkt.
Das Argument der mangelnde Ausbildungsfähigkeit zieht hier auch schlecht: Wenn es Unternehmen schaffen, genügend Azubis für 8% Ausbildungsquote zusammen zu bekommen, die anspruchsvolle technisch-naturwissenschaftliche Ausbildungen anbieten wie Bayer, sollte das für Adidas, wo es vermutlich um kaufmännische und verkäuferische Ausbildungen geht auch möglich sein. Nach dem, was ich durch den Beruf meines Lebenspartners zum Thema Ausbildungsmarkt weiß, werden gerade große bekannte Marken-Unternehmen mit Bewerbungen zugeworfen. Natürlich sind da viele Bewerber dabei, die überhaupt nicht passen, aber der Pool müsste so riesig sein, dass adidas echt die Auswahl hat.
Ich vermute, der Hund liegt woanders begraben – und das bringt mich wieder in einer eleganten Kurve zum Thema Zulieferer bei adidas. So weit ich weiß, aus eigener Erfahrung, Zeitungslektüre und Gesprächen mit adidas-Leuten, ist der Laden in Herzogenaurach vor allem mal eine riesige Marketing- und Vertriebsabteilung, dann ist da noch ein Bereich “Forschung und Entwicklung”, außerdem gibt’s eine Art Prototyp-Bau und ein riesiges Outlet. Das war’s. Alles, was auch nur in der dritten Reihe mit Produktion zu tun hat, wird von anderen Unternehmen gemacht. Unter extrem schlechten Arbeitsbedingungen für alle Beteiligten. Sogar der größte Teil des Trend Scouting und der F&E ist nach außen vergeben. Kurz gesagt: Die haben echt kaum etwas anzubieten im Bereich Ausbildung, eher schon Trainee- und Praktikantenstellen für Uni-Absolventen. So sieht’se halt aus, die schöne neue Welt der Globalisierung.
#10 Wegschaffel . 28.07.06 . 10:53 Uhr
Ok. Das ist dann für die vielen nicht zu blöden Bewerber ganz bestimmt nicht schön. Aber die “Marketing- und Vertriebsmaschine” ist eben mit und durch dieses Geschäftsmodell erfolgreich und kann so 2000 Leute beschäftigen. Fragt doch mal die.
Und das mit den extrem schlechten Arbeitsbedingungen ist ein äusserst dfiziles Gebiet. Aus Sicht eines vollgefressen, rundumversorgten Schwaben sind die T-Shirt Nähereien in Vietnam ein Albtraum (ich spreche von mir). Der Blickwinkel eines Bauern, dessen Familie die Möglichkeit hat den Lebensunterhalt zu sichern, ist ein ganz anderer. Natürlich gibt es Grenzen und Schweinereien, über die man nicht diskutieren muss. Aber die Grauzone ist breit. Und pauschaliertes Trommeln gegen böse Unternehmen bringt niemanden weiter.