Von Leisetreter
Politik . 12:17 Uhr
Wenn es nur nicht so ernst wäre, könnte man sich besaufen…
denn angeblich tun dies die sog. “Hartzies” ja so gern, wenn sie nicht gerade auf der Couch lümmeln und in ihren riesigen Plasma-Fernseher schielen, den sie sich “erschlichen” haben.
Und die Kinder sitzen ihnen zu Füßen und lutschen die Kippen aus.
Aber jetzt mal Spaß beiseite und ganz im Ernst:
Dies ist die Geschichte einer Frau, die sich selbständig machen will in einem freiberuflichen Heilberuf.
Die Frau hat lange Jahre in einem sehr ehrbaren Einzelhandels-Beruf gearbeitet. Wenn die Leser dieses Beitrages aufmerksam durch die Königstraße gehen, können sie zwei große Häuser sehen, in denen Frauen und Männer diesem Beruf nachgehen und viel lesenswertes zu verkaufen haben.
Die Frau bekam zwei Kinder, was ja an sich eine tolle Sache ist und schon einigen Mut erfordert in diesem Land.
Sie entschied sich ziemlich schnell, beruflich umzusatteln, da sie in ihrem bisherigen Beruf als Teilzeiter kaum arbeiten konnte und wollte - denn Teilzeiter decken ja üblicherweise die Zeiten ab, die die Vollzeiter nicht leisten können: Also zum Beispiel Dienst bis Ladenschluss 22 Uhr oder Samstags. Wie soll man da kleine Kinder betreuen? Selbst Tagesmütter haben ja da überlicherweise Feierabend, von KiTas ganz zu schweigen.
Nicht faul, suchte sie nach einer Möglichkeit, sich neben der Kindererziehung fortzubilden.
Auf eigene Kosten selbstverständlich.
Die Tage hatten selten weniger als 16 Stunden und dies von Montag bis Sonntag!
Die Ausbildung, diverse Seminare und eine wissenschaftliche Hausarbeit waren nahezu abgeschlossen, als sich eine Notlage abzeichnete.
Sie stellte sich die Frage: Sollen meine Kinder morgen etwas zu essen haben oder mache ich mich mit dem gesparten Geld (aus einer aufgelösten Versicherung) selbständig?
Ist wohl klar, wie die Antwort ausfiel…
Ein klein wenig von diesem Geld bekam die Frau zurück und lebte davon mit ihren zwei Kindern, bis es einfach nicht mehr ging.
Dann hieß es:
Im Job Center Stuttgart Süd das sog. Hartz IV beantragen.
Der sichere Weg in die Hölle.
Bereits beim Erst-Antrag legte die Frau alle Unterlagen über ihre Ausbildung bei und schrieb, dass sie sich selbständig machen wolle.
Ein Termin bei BeFF, einer Beratungsstelle für Frauen, war bereits vereinbart, ein Unternehmenskonzept sollte erarbeitet werden.
Das erste Gespräch mit Frau A. H. verlief so, dass natürlich keine Akte vorlag; “Ausbildung interessiert nicht, sie müssen vermittelbar sein” wurde ihr ziemlich barsch beschieden und sie wurde aufgefordert, die Kinder doch ganztags in einen Hort zu bringen, damit sie arbeiten könne. Und sie musste eine Eingliederungsvereinbarung zur Arbeitsaufnahme, nun doch nur Teilzeit unterschreiben. Zwei Tage später flatterten ihr die ersten “Job-Angebote” ins Haus, u. a. “zeitlich sehr flexibel, z. B. abends u. am Wochenende”.
(die Frau bewarb sich bei ALLEN Stellen, aus Angst vor den Konsequenzen und erhielt ausschließlich Absagen)
Die Beratungsstelle BeFF beriet und half beim Businessplan und riet, beim Job Center erneut vorzusprechen und nicht aufzugeben.
Alles schön und nett gemeint.
Im zweiten Termin musste die Frau äußerst hart bleiben und bestand darauf, dass die Eingliederungsvereinbarung hinsichtlich Gründungsvorhaben geändert wird. Dies geschah dann auch.
Die Frau erhielt “Gutscheine” und die Aufforderung, sich zur Prüfung und Beratung rund um das Gründungsvorhaben bei der Firma e. einzufinden,die eng mit Job Centern und Arbeitsämtern zusammenarbeitet und zukünftige Gründer “berät” - kann man das so sagen?
Das darf bezweifelt werden.
Die Frau legte dort der Beraterin ihren Businessplan vor, der nun geändert werden sollte, dass er den Erfordernissen des Job Centers entsprach.
Die Frau vertraute der Beraterin - wozu sind Berater denn auch da? Irgendjemandem muss man ja schließlich vertrauen können.
Vertraut - verkauft
Die Frau von der hier die Rede ist, hat eine zweistufige Ausbildung und irgendwie versteifte sich die Beraterin von e. sehr auf diese erste Stufe, obwohl noch die staatliche Prüfung (für die zweite Stufe - den Hauptberuf) abzuwarten war, die nur zwei Mal im Jahr stattfindet, in unserem Fall im November 2009.
Hartz IV-Empfänger müssen sich ja, bildlich gesprochen, bis aufs Hemd ausziehen und haben selten große Vermögen (außer den erschlichenen Plasma-Fernsehern und den Bierkisten) -
erscheint es da wirtschaftlich klug, zunächst für die eine Tätigkeit Werbung zu betreiben (was man halt so braucht: Briefpapier, Visitenkarten, Porto etc.) und zwei Monate später nun noch einmal alles neu bezahlen zu müssen - weil ja die Haupt-Berufsbezeichnung noch fehlte?
Und war es wirklich klug von der Beraterin, aus dem Zahlenteil des Businessplanes die Kosten für eine Miete der zukünftigen Arbeitsräume herauszunehmen????
Die Frau, um die es hier geht, meldete zwar Zweifel an, hatte aber schon da deutlich das Gefühl, dass diese Beratung bei e. ihr eher schaden als nutzen würde. Und ihre Zweifel wurden nicht gehört.
Die Beraterin bei e. bestand auf einen Gründungstermin zum 1.10. letzten Jahres, sie sagte, dass Job Center würde nicht mehr länger “still halten” und sie “sehe keinen Grund” für einen späteren Start. Aha? Und was war mit der staatlichen Prüfung???
Die Frau, um die es geht, hat zwar in ihrer Ausbildung “sehr gute” Leistungen erzielt, wies die Beraterin bei e. und Frau A. H. im Job Center auch darauf hin, dass diese Prüfung im Bundesdurchschnitt von etwa 70 - 80 Prozent NICHT bestanden wird und die Stuttgarter Prüfung als schwer gilt. “Ach, es gibt wohl keinen Zweifel, dass sie das bestehen” hieß es.
Die Frau sagt, es sei ja schön, wenn man gelobt wird, aber das Lob hätte ihr nichts genutzt.
Natürlich hat sie die Prüfung bestanden.
Aber bei einer Prüfung, für die sie fast rund um die Uhr gepaukt hat (wir vergessen jetzt mal, dass da ja auch noch zwei kleine Kinder zu versorgen sind…und ein Haushalt…und ach ja, da war noch was: Schlaf) -
wie soll da denn noch Zeit bleiben, um sich in einer Gründungsphase voll und ganz auf das neue Geschäft zu konzentrieren??
Denn das fordert ja ebenso einen Einsatz “rund um die Uhr” ?
Im Oktober keine Einnahmen, im November eine Einnahme, im Dezember keine Einnahme, im Januar keine Einnahme.
Die böse Überraschung kam gleich zu Beginn des vergangenen Oktobers:
Die im eingereichten Businessplan voraussichtlich möglichen Einnahmen wurden der Frau als tatsächliches Einkommen abgezogen.
Widerspruch.
Nicht mal eine Eingangsbestätigung.
Am 31.10, ein Samstag, wie sich vielleicht jemand erinnert, kam die Frau mit beiden Kindern heim, eines davon krank, und fand einen Brief des Job Centers vor.
Und da stand sie mit ihrem neuen Bescheid, dessen Bearbeitung fast einen ganzen Monat gebraucht hatte und der Ankündigung, dass sie für November (also ab Sonntag, den 1.11.) keine Leistungen erhalten werde, da sie ja Einkommen hätte.
Es ist bestimmt ein schönes Gefühl, an einem Samstag Abend zu wissen, dass man über Nacht komplett verarmt wird.
Wovon Miete bezahlen? Wovon leben? Und: Wovon investieren, wenn auch nur ein paar Euro?
Widerspruch.
Beratungsschein holen.
Anwältin einschalten.
Im Dezember ebenfalls weniger Leistungen wegen angeblicher Einnahmen.
Rückbuchungen vom Konto.
Dienstaufsichtsbeschwerden.
Keine Eingangsbestätigungen, keine Reaktion.
Nichts.
Im Januar weniger Leistungen wegen angeblicher Einnahmen.
Abruf eines Teils des (von der Beraterin bei e. angeregten) privaten Gründungsdarlehens, um die lebensnotwendigen Auslagen zu decken.
Endlich Nachzahlung der fälschlich einbehaltenen Leistungen.
Und der Antrag auf Wiederbewilligung flattert ins Haus.
Auf den einschlägigen Formularen ist ein Bewilligungszeitraum von 6 Monaten aufgedruckt.
Unsere Frau hier wird seit Oktober alle drei Monate “geprüft” oder sollen wir sagen “schikaniert”?
Erneut sollen mögliche Einnahmen für die nächsten 6 (!) Monate angegeben werden.
Alle Unterlagen werden fristgerecht eingereicht.
Und diese Frau erhält zum 1. Februar 2010 - Tusch - KEINE Leistungen - diesmal ohne Begründung!
Und HURRA - diese Frau hat ab dem 1. Februar endlich eine bezahlbare Praxis in Stuttgart gefunden -
UND sie hat auch tatsächlich PATIENTEN!!!!! HURRA!
ABER sie hat jetzt kein Geld mehr, um die Miete und das Praxisschild zu bezahlen!!!!
HURRA!!! Das Job Center Stuttgart treibt Menschen in den Wahnsinn und in den geplanten Ruin!
Als ich dies hörte, stellte ich mir folgende Fragen:
Was will das Job Center eigentlich von dieser Frau???
1. Sie soll einfach im Hartz IV-Bezug bleiben, die Schnauze halten und gefälligst bis zu ihrer Rente in 1-Euro-Jobs dahindämmern.
2. Das Job Center Stuttgart fordert die Frau mit seiner unqualifizierten und ablehnenden Haltung indirekt zu Betrug und Urkundenfälschung auf: Sie soll wohl ihre Bewerbungsunterlagen frisieren (Geburtsdatum ändern, damit sie 10 Jahre jünger ist), die Kinder unterschlagen und für die vergangenen Jahre, in denen sie mit den Kindern daheim war, irgendwelche Arbeitgeber erfinden… ODER????
Denn eine Tatsache wird offensichtlich vergessen:
Es ist fast aussichtslos, als Frau ab einem bestimmten Alter mit zwei Kindern einen Job zu bekommen.
Diese unsere Frau, um die es hier geht, hat sich im letzten Jahr TROTZ geplanter Selbständigkeit 12 mal beworben -ohne Erfolg. Vom Back-Shop bis zum Büro war alles dabei:
Zu alt (sagen wir, sie ist wenig über 40), zwei Kinder (also nicht flexibel), überqualifiziert (”was wollen sie denn in meinem Back-Shop?” lautete eine Frage)
Und nun?
Demnächst mehr - vielleicht hat sie ja dann eine neue Adresse “unter der Neckarbrücke in Cannstatt” oder so…
An dieser Stelle einmal ein ganz herzliches Dankeschön an das Stuttgarter Job Center!
(Zum Schutz dieser Frau und ihrer Kinder werden keine weiteren Einzelheiten genannt, die Fakten stimmen, Unterlagen liegen vor - die Frau hat seit Jahren keinen Fernseher mehr, beide Kinder haben leichte sprachliche Überbegabungen und gedeihen prächtig und sie bezieht seit einem Jahr Alg II)
#1 LM . 05.02.10 . 16:26 Uhr
Arbeitslose müssen eben auch ordentlich verwaltet werden sonst bräuchte man die Jobcenter ja nicht mehr.
#2 nick . 05.02.10 . 17:33 Uhr
Das System wird immer verkrüppelter. Darum seit Jahren mein Vorschlag: Bedingungsloses Grundeinkommen.
#3 LM . 06.02.10 . 12:17 Uhr
Sehe ich es richtig, dass die Frau es nun tatsächlich geschafft hat, sich selbstständig zu machen?