Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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30 01.07

Altes Rathaus - Stein auf Stein

Von circulus
Vermischtes . 12:53 Uhr

Zwei Zitate (von Herrn Stankewitz) aus meinem Beitrag zum Wirtschaftsministerium möchte ich ‘isolieren’ und dazu diesen neuen Beitrag eröffnen. Erstens:

In der Stuttgarter Innenstadt ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben

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Es ist korrekt, dass Stuttgart (wie viele andere Städte) nach dem Zweiten Weltkrieg durch schwere Bombenschäden kaum wiederzuerkennen war. Weite Areale waren tatsächlich dem Erdboden gleichgemacht. Auf vielen Fotos ist aber ein markantes Merkmal zu sehen: Der Turm des Alten Rathauses! Er stand neben den Türmen der Stiftskirche und dem Tagblattturm nahezu unversehrt. Trotzdem das Gebäude ausgebrannt war, standen die Mauern komplett - und zwar ringsherum, nicht nur an zwei Flügeln.

Und zweitens:

Der Nachweis einer besonderen Abrisskultur in Stuttgart lässt sich aus dem Beispiel Rathaus wohl kaum ableiten.

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Das Rathaus reicht nicht als Nachweis? Wie wäre es mit dem Kronprinzpalais? Oder, oder, oder … Unzählige Bauten, deren schöne (und stabile, weil massive) Steinfassaden noch Stein auf Stein standen, wurden abgerissen.

Das Alte Schloß, das Neue Schloss und der Königsbau waren stärker beschädigt, als das Kronprinzpalais und das Alte Rathaus! Erstere hat man wieder aufgebaut. Oder (wenn nichts mehr übrig war) die Fassade belassen und innen neu strukturiert. Heute sind wir froh darüber (?), dass diese Bauwerke noch stehen und die Marketing-Abteilung der Stadt nicht müde wird, zu wiederholen, dass unser Schloßplatz ‘einer der schönsten Plätze Europas ist’. Bei dieser Aussage frage ich mich immer, ob die Leute die sowas schreiben noch nie in Wien, Prag, Rom oder Paris (etc.) waren. Dennoch: Der Schloßplatz wäre noch einen Tick schöner, würde er zusätzlich vom Kronprinzpalais (statt Wittwer) gesäumt.

Das Alte Rathaus wurde 1905 eingeweiht. Es stand also nur 40 Jahre, war damit ein vergleichweise junger Bau. Wäre der Krieg nicht gewesen, würde es wahrscheinlich heute noch stehen. Das ist jedoch die Frage bei einigen anderen Bauten: Sind sie nach 30 bis 50 Jahren abrissreif? Nicht mehr sehenswert? Ausgedient? Baufällig (also eine Gefährdung) sind sie indes nicht.

Nach dem Krieg war erstmal kein Geld da, es wurde zuerst aufgeräumt, aber nicht aufgebaut. Das folgte in den Wirtschaftswunder-Zeiten der 50er. Nun war das Geld da, aber nicht die Wertschätzung für die alte Architektur. Insofern bleibe ich bei der Unterstellung von Profitgier, Profilneurose, Ignoranz (in verschiedenen Gewichtsanteilen) - die zu unwiderruflichen Entscheidungen und Abrissen geführt haben. Vergleichsweise wenige Vorkriegs-Bauten sind bis heute stehen geblieben. Stuttgart hat keine Altstadt mehr. Die Innenstadt ist geprägt von Kommerzbauten. Praktisch alle anderen deutschen Großstädte haben weniger Fehler gemacht und heute ein Stadtbild mit mehr Charakter und Eigenständigkeit. Stuttgart hat eine Abrisskultur - Punkt. Der Nachweis ist nicht zu erbringen, sondern aller Orten erkennbar - wenn man hinschaut.

Stuttgart hat aber auch eine Nachkriegs-Kultur! Da, wo nichts mehr war oder eben plattgemacht wurde, entstanden nicht ausschließlich schnöde Zweck- und Kommerzbauten. Es entstanden auch Bauten, die eine Epoche prägten und heute Zeugnisse dieser Epoche sind! Dazu gehört das Wirtschaftsministerium. Schlimm ist, dass heutzutage eine Schönrede- und ’sich-gegenseitig-in-die-Tasche-lügen’- (Un)Kultur dazugekommen ist. Was dann dazu führt, dass weiter/wieder ans Abreißen gedacht wird, vom Wirtschaftsministerium über die Reichsbahndirektion bis zum Hauptbahnhof. Für was? Für ein Hotel? Für ein Bürogebäude? Für Stuttgart 21? Wiederholung gefällig: Das ist Profitgier, Profilneurose und Ignoranz statt Werterhalt, Kulturbewußtsein und Vernunft.

(Fotos: Landesbildstelle, aus Büchern abfotografiert)

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23 Kommentare zu Altes Rathaus - Stein auf Stein

#1 Wegschaffel . 30.01.07 . 13:23 Uhr

Circulus: Persönlich bin ich mit städtebaulichen Strukturthemen dieser Art jetzt nicht direkt auf Du und Du, Ihr Engagement und Herzblut ist aber äusserst löblich. Waren Sie in einem früheren Leben mal Stadtplaner oder haben Sie vor, das in einem künftigen zu werden?

#2 derCobold . 30.01.07 . 13:46 Uhr

Der Rathausturm des alten Rathauses ist auf vielen Bildern zu sehen. Viele Stuttgart wissen aber gar nicht, welch schönes Rathaus es in Stuttgart mal gab. Bis auf das Alte Schloss waren nach dem Krieg so ziemlich alle Bauten vom Abriss bedroht, auch das Neue Schloss wurde nur nach Protesten vom Abriss verschohnt, sollte doch eine große breite Straße die heutige Fußgänger zerschneiden. Stuttgart sollte eine Autostadt werden und ist ist wohl auch geworden. Die Facade des Neuen Schlosses blieb stehen und die Straße, die gebaut wurde, verläuft inzwischen unterirdisch. Dass die Städteplaner nicht immer ein geschicktes Händchen hatten bewies nicht nur eine als »kleiner Schlossplatz« titulierte Betonplatte, manche Untugenden, wie der Charlottenpaltz, sind auch heute noch vorhanden und sorgen immer mal wieder für Gesprächsstoff.

#3 circulus . 30.01.07 . 13:52 Uhr

Ohje - jetzt wirds esoterisch. … Also, wenn ich überhaupt die These von mehreren Leben andenke und zulasse, tippe ich bei mir eher an ein früheres Leben in der Zukunft. Verwirrend, nicht wahr? Also lassen wir das … ;-)
Nein, vielmehr verhält es sich so, dass ich eben viel genauer hinschaue, seit ich die Stadtentwicklung fotografiere (www.stuttgart360.de) und zu jedem Bild über das Umfeld recherchiere - da kommt im Lauf der Zeit nicht nur viel Bildmaterial, sondern auch Wissen zusammen. Was ich hiermit (verbunden mit meiner Meinung) gern weitergebe.

#4 Marcus . 30.01.07 . 16:17 Uhr

Ich kann dem Autor nur zustimmen, hab aber leider keine Zeit mich mehr auszulassen. Gesagt sei nur, dass mir das Stadtbild von Stuttgart nie sonderlich gut gefallen hat und der fade Beigeschmack in Kenntnis dessen was einmal war nur noch größer wird. Ich lebe erst sei ca. 9 Jahren in der Stadt und kenne diese daher wirklich nur so wie sie seitdem ist. Dass es auch anders geht zeigt mir meine Heimatstadt Dresden, welche im Krieg auch sehr zerstört wurde, in der Folgezeit jedoch zumindest in der Innenstadt wieder aufgebaut wurde (es sei mal dahingestellt zu welcher Zeit und aus welchen Gründen). Für jeden der noch nicht da war, es lohnt sich in jedem Fall (nicht nur aus städtebaulichen Gründen).

#5 M.Stankewitz . 30.01.07 . 19:19 Uhr

@circulus
Ich denke es geht Ihnen in erster Linie ums rechthaben und um Bestätigung Ihrer Vorurteile,dazu verdrehen sie andere Beiträge oder geben sie sinnentstellt wieder. Offensichtlich reagieren Sie gereizt,wenn jemand ihren Unverschämtheiten wiederspricht.

“Praktisch alle anderen deutschen Großstädte haben weniger Fehler gemacht und heute ein Stadtbild mit mehr Charakter und Eigenständigkeit”

Geht´s nicht ein paar Nummern kleiner ??

#6 M.Stankewitz . 30.01.07 . 19:19 Uhr

@circulus
Ich denke es geht Ihnen in erster Linie ums rechthaben und um Bestätigung Ihrer Vorurteile,dazu verdrehen sie andere Beiträge oder geben sie sinnentstellt wieder. Offensichtlich reagieren Sie gereizt,wenn jemand ihren Unverschämtheiten wiederspricht.

“Praktisch alle anderen deutschen Großstädte haben weniger Fehler gemacht und heute ein Stadtbild mit mehr Charakter und Eigenständigkeit”

Geht´s nicht ein paar Nummern kleiner ??

#7 Jackie_Stewart . 30.01.07 . 19:45 Uhr

Nicht zu vergessen: Das Kaufhaus Schocken!!!

#8 circulus . 30.01.07 . 19:49 Uhr

Herr Stankewitz. Wer ist hier unverschämt? Haben Sie nicht geschrieben, dass kein Stein auf dem anderen geblieben sei? Glaubt man Ihrer Darstellung, könnte der ‘Laie’ meinen, das Alte Rathaus wäre nicht wiederaufbaubar gewesen. Indem ich dieses Foto zeige, will ich nicht rechthaberisch sein. Es ist ein Zeitdokument, mittels dem sich jeder selbst ein Bild machen kann, wie es nach der Bombardierung aussah.

Und wie ist die Frage ‘Gehts nicht ein paar Nummern kleiner’ gemeint? Ist Stuttgart keine deutsche Großstadt? Oder darf nur ich sie nicht mit anderen Großstädten vergleichen? Stuttgart befindet sich doch seit der Fußball-WM sowieso im Größenwahn (von wegen ‘Stuttgart ist viel schöner als Berlin’). Da stellen Sie diese Frage doch am besten mal direkt ins Rathaus. ;-)

#9 Ralf Schmid (Hrsg.) . 30.01.07 . 21:40 Uhr

@Circulus
Kannst Du das bzw. die Bücher näher bezeichnen, aus denen die Fotos stammen? Ich denke, das könnte außer mir auch noch andere interessieren.

#10 circulus . 31.01.07 . 02:47 Uhr

Deren Bücher hab ich viele - letztes Jahr schon auf eBay ersteigert, denn im Handel sind die (glaub ich) alle vergriffen. Die zwei aus denen ich abfotografiert habe sind:

Stuttgart lebt, Eine Stadt vor dem Wiederaufbau, Andreas Förschler, Landesbildstelle Baden-Württemberg, Wartberg Verlag (1999), ISBN 3-86134-644-3

Stuttgart ehemals gestern und heute, Wilhelm Kohlhaas, J.F. Steinkopf Verlag (1976), ISBN 3-7984-0319-8

#11 Maddin . 31.01.07 . 09:18 Uhr

Man könnte ja meinen, es sei eine anerkannte Tatsache, dass Stuttgart eine einzige Bausünde ist. Mir ist das nämlich neu. Ich mag die Stuttgarter Innenstadt.

#12 M.Stankewitz . 31.01.07 . 11:01 Uhr

@circulus
Diese rückwärtsgerichtete “Phantomschmerzdebatte” könnte ja eventuell noch fruchtbar sein,wenn sie nicht von Ihnen mit haltlosen Anschuldigungen in Richtung Rathaus garniert würde.
Ich schlage vor, diesen Punkt zu verlassen.

Dreden ist sicher für viele ein sehr schönes Beispiel dafür was mit dem Wiederaufbau von historischen Gebäuden erreicht werden kann. Ich meine einmal gelesen zu haben,daß auch in Stuttgart immer mal wieder die Diskussion aufflammt, das alte Rathaus wieder aufzubauen. Ich fände das jedenfalls eine tolle Sache.

In Dresden gibt es übrigens einen Konflikt darüber,ob eine Brücke über die Elbe gebaut werden soll oder nicht. Laut Bürgerentscheid soll das so sein, aber der Bügermeister hat Veto eingelegt,weil unter Umständen das UNSECO Prädikat aberkannt werden soll.

#13 derCobold . 31.01.07 . 13:13 Uhr

Ich denke, dass niemand bestreiten kann, dass es in Stuttgart Bausünden gegeben hat. Aber die gab es in anderen Städten auch. Stuttgart als einzige Bausünde zu bezeichnen halte ich für maßlos übertrieben. Im Übrigen wurde nicht das komplette Rathaus abgerissen. Die beiden Seitenflügel blieben beim Wiederaufbau erhalten.

#14 Nordmann . 31.01.07 . 14:11 Uhr

Ich meinte mal gelesen zu haben, das das Rathaus nicht abgerissen wurde sondern lediglich der vordere Flügel und der Turm mit den heutigen Platten verkleidet wurde. Soll heißen das Rathaus steht noch wie ehedem ist nur verkleidet wurden. Oder irre ich mich?
NM

#15 M.Stankewitz . 31.01.07 . 16:02 Uhr

@Nordmann
So wie Sie das schildern ist es wohl gewesen. Teile des vorherigen Turmes sind angeblich in den neuen integriert worden,von außen ist davon aber nichts zu sehen.
Stuttgart hat enorme Qualitäten in vielerlei Hinsicht und enormes Entwicklungspotential. In der Region ist ein sehr starkes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen und im vergangenen Jahr sind die Stuttgarter die zufriedensten Großstadtbewohner gewesen, d.h. dort ist man insgesamt mit den Bedingungen zufriedener als in München etc..

#16 IceDealer86 . 06.03.07 . 15:41 Uhr

Wow…diese Bilder hab ich vorher noch nicht gesehen! Wirklich schade um die schönen Gebäude…
Ich finde Stuttgart ist eine Stadt, die nicht weiß was sie will. Mal “alte Sachen” wie neues + altes Schloss in den Vordergrund rücken, dann wieder das neue Kunstmuseum und den Stuttgart21-Bahnhof, der einen Teil der alten Parkanlagen verunstaltet und vorallem im wahrsten Sinne des Wortes umgräbt. Ändern können wir wie es scheint weder an der Vergangenheit noch an der Zukunft von Stuttgart etwas. Das alte Kronprinzpalais ist weg, der neue Bahnhof kommt - hallo Weltstadt Stuttgart!

#17 Volker Dirk Hiller . 21.03.07 . 16:00 Uhr

Nächster Kandidat für den Abriss ist das EnBW Gebäude in der Lautenschlagerstrasse. Das Vorkriegsgebäude wird 2009 plattgemacht und durch einen Neubau in schlimmstem 60er Jahre Look ersetzt. Stadtreparatur nach Stuttgarter Art: Ausgerechnet die wenigen verbliebenen Altbauten beseitigen, während andere Großstädte längst deren Wert erkannt haben und auf Erhalt setzen.
Auf www.aphforum.de ist jeder willkommen, der über dieses und ähnliche Architekturthemen weiterdiskutieren möchte.

Das mit dem Rathausturm stimmt übrigens, er ist unter der neuen Fassade erhalten.

#18 Roland . 14.05.07 . 23:14 Uhr

Ich bin entsetzt, ich kannte diese Bilder nicht. Ich bin aus Nürnberg zugezogen und dort wurde und wird pfleglicher mit den Resten der schönen alten Gebäude umgegangen.
Das Schloß abreissen? Das ist Kulturfrevel! (der Platz vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof sollte wieder umbenannt werden)
Der Platz vor dem Rathaus und der kleine Schloßplatz sind die unwirtlichsten Plätze die ich kenne. Ich bin für schnellstmögliche Entkleidung des Rathausturmes und Rekonstruktion der alten Fassade. Und solche Fälle gibt es in Stuttgart sicher noch einige.
Wo heute neu gebaut wird, sollten zumindest ansprechende Gebäude errichtet werden. Mit Fassadenkosmetik lässt sich viel erreichen, kostet halt etwas mehr. Aber der kleine Schlossplatz z.B. wirkt schon sehr lebensfeindlich. Zumindest könnte man in der Gegenwart die Zukunft gestalten, wenn man schon die Vergangenheit nicht mehr ändern kann.

#19 kesselblick . 15.05.07 . 09:34 Uhr

Wie man sieht, sollen Städte offenbar zu Museen werden. Verändert werden darf nix mehr und je älter es ist, desto größer darf der Stein gewordene Schwachsinn sein und bleiben.

Allerdings sollte man dann wenigstens schon begreifen, dass Nürnberg in dem Sinne ein anderes Museum ist als Stuttgart. Hier gibts eben kein Fachwerk (ein Segen), sondern hier ist die Moderne zu Hause. Hier lebt man zwischen Glas, Metall und Beton und hat ein sicherlich für Europa einzigartiges Ensemble aus guten Sachen (Tagblattturm, Weißenhof, Rathaus) und Schrott hingestellt. Dass Schrott auch weggemacht werden kann, sehen wir gerade an der Diskussion um den Breuni-Neubau. Das ist der Vorteil, an einer Stadt, die sich immer wieder neu erfindet.

Hier wird wenigstens noch rumexperimentiert. Hier dürfen Fehler gemacht werden. Und der Schrott (Heuss-Boulevard) bietet sogar noch selten gesehene Möglichkeiten für eines der seltsamsten innerstädtische Partyviertel. Oder für son Laden wies Bravo Charlie. Deswegen ist Stuttgart geil.

#20 Alex . 15.05.07 . 09:53 Uhr

Watt? Wegen dem Bravo Charlie? Bin ich froh, dass ich nicht geil bin…

Ich find der kleine Schloßplatz kommt gebückt rüber, wenn man da so spät Abends steht, mit nem Becks Gold in der Hand, den Fuss auf einem der Steinblöcke, den Blick in Richtung Kunstmuseum - passt scho…

#21 Peter . 29.11.07 . 12:22 Uhr

Das Rathaus ist nur ein Beispiel von vielen
Siehe Karlsakademie, Kronprinzenpalais …
Im Übrigen wurde das Neue Schloss nur
mir e i n e r Stimme Mehrheit stehengelassen
ein Armutszeugnis.
Aber es war eben eine andere Zeit.
Möge Gott uns davor bewahren dass
wir nie wieder solche Zeiten erleben.

#22 LatentExpressionist . 24.02.08 . 20:53 Uhr

Zunächst einen grossen Dank für die Darstellung, dass selbst nach der Zerstörung durch den 2. Weltkrieg, eine erneute Zerstörung durch die deutschen Städteplaner selbst statt gefunden hat. Es ist insbesondere für die jüngere Generation wichtig zu erfahren, wie vorsichtig man mit dem heute verbliebenen Erbe, verbunden mit zukünftigen Planungen umgehen muss, sodass möglichst nicht die gleichen Fehler im Stadtaufbau gemacht werden (welche übrigens nach wie vor im anzen Land stattfinden), die doch real betrachtet in den Nachkriegsjahrzehnten lediglich eine Verwahrlosung mit Abnahme der Lebensqualität gebracht haben. Vor allem hebt keiner mehr mit Erstaunen den Kopf, um sich eine Banalarchtiketur länger zu betrachten und fördert unsere entstandene Schnelllebigkeit. Zudem halte ich es für wichtig, ein Umdenken mit jedem Beispiel der vorhandenen historischen Architektur einzuführen, da es hier um die Ästhetik der Stadtbilder für Jahrzehnte geht. Gerade jetzt bekommen wir eine neue Chance, in der Zeit der Wärmedämmungsverordnungen zum Klimaschutz, damit zwar auch Nachkriegsgebäude in der Substanz erhalten zu können, auch der heutigen Mieter willen, aber bei der Dämmung in den Stadtkernen zu überlegen, ob man in einem der reichsten Länder der Erde, wieder Fassadenrekonstruktionen einführen kann. Hier ist die regionale Politik besonders gefordert, zu
r e f o r m i e r e n. Der überwiegende Teil der Menschen hier hat erkannt, wie wertvoll eine zeitlose, historische Architektur gegenüber einer schnelllebigen Ausstattung unserer Innenstadtherzen ist, ohne aber deren Umsetzungsmöglichkeiten beeinflussen zu können. Es ist auch zu bemerken, das kaum ein Architekt der frühen Nachkriegszeit Denkmäler hinterlassen hat, die heute von Irgendjemand erwähnt oder gar beachtet werden. Allein dies sollte dem Stadtplaner dazu verhelfen, Abstand von kommerzialen Investorenwünschen zu nehmen und mehr Stärke im Umgang mit den Strassen, Plätzen und vor allem Gebäuden zu zeigen. Leider ist dieser Geist noch nicht in den Etagen der Verantwortlichen eingezogen. Es geht um die Welt der Menschen in den Innenstädten in der wir uns Heute, Morgen und Übermorgen aufhalten werden und in der wir uns vor allem wohlfühlen wollen. Dennoch möchte ich bemerken, dass ich kein Verächter der zeitgemässen Archtiketur bin, wie sie z.B. sehr bemüht durch die Archtiketen in unserer, wiedervereinten Hauptstadt B e r l i n in der Symbiose gebaut werden.
Es gibt abschliessend zu bemerken, dass es sicher ein grosses Potential an ehrenamtlichen Mitbürgern gibt, die gerne in solchen noch zu entstehenden Arbeitsgruppen mitwirken möchten, wenn es ein ausgeschriebenes Angebot durch die Politik gibt.
A.T., München Februar 2008

#23 Bruce . 29.05.08 . 18:09 Uhr

Vielen Dank an Curriculum für deinen Beitrag, er spricht mir aus vollem Herzen. Die Nachkriegsbilder vom Rathaus kenne ich schon seit langem und ich habe mich auch immer gefragt, warum man es nicht wieder hergestellt hat. Zusammen mit den umliegenden Giebelgebäuden muss dies einer der schönsten Marktplätze Deutschlands gewesen sein. Auf besonderes Betreiben des ersten Nachkriegsbürgermeisters Arnulf Klett wurde der historische Marktplatz nicht mehr hergestellt. Das ganze Ausmass der Verschandlung des Stuttgarter Marktplatzes kann man sich vielleicht am besten dadurch bewusst machen, indem man sich den tollen Münchner Marktplatz (also den Marienplatz) in Stuttgarter Bauweise vorstellt: das Münchner Rathaus also im Plattenbaustil des Stuttgarter Rathauses, gegenüber ein Kaufhauskomplex im Breuninger Stil, der restliche Platz umgeben von Flachdachbauten im Stile der 50er Jahre, überragt von dem einzigen historischen Gebäude, der Frauenkirche! Ich denke, eine solche Vorstellung macht einem vieles bewusst.
Was den alten Kronprinzenbau betrifft, so denke ich, dass der Schlossplatz durch dieses Gebäude sehr aufgewertet würde. Allerdings hat sich mit dem modernen Galerie-Neubau doch schon einiges verbessert. Die Geschichte des kleinen Schlossplatzes ist ja ein kleines (sehr peinliches) Kuriosum Stuttgarter Baugeschichte und Stadtplanung. In den 60ern wurde der Kronprinzenbau für den Bau der Strasse, die heute ab der Planie unterirdisch verläuft, abgerissen. Neben dem Königsbau hat man also in einen Tunnel geschaut. Diesen Schandfleck hat man dan vor der Leichtatlethik-WM schnell beseitigen müssen, dass dies nicht alle Welt sieht. Also wurde die provisorische, aber später bei Jugendlichen beliebte Betontreppe aufgesetzt. Jetzt steht dort die Galerie. Die Stuttgarter Stadtplanung wurde also ad absurdum geführt, Gebäude weg, Strasse hin, Strasse weg, neues Gebäude hin! fazit: Der Kronprinzenbau hätte dort auch bleiben können.
Weitere historische Prachtbauten (Landesbiblithek, Staatsarchiv, Akademie der künste) an der ehemaligen Prachtstrasse, die allerdings teilweise stärker beschädigt waren, mussten der Stadtautobahn Konrad-Adenauer-Strasse weichen.
Historische Prachtbauten hin oder her - es gibt ja trotzdem noch einige davon - was mir eigentlich am meisten fehlt ist die in eine deutsche Stadt gehörende Altstadt mit Gassen, Altbauten und gemütlichen Kneipen. Der Stadtplan gibt grosszügig interpretiert das Gebiet zwischen Heuss-Strasse, Adenauer-Strasse, Schlossplatz und Paulinenstrasse als Altstadt aus, im engeren Sinne jedoch mindestens das Gebiet zwischen Schlossplatz, Adenauer-Strasse, Königstrasse Eberhardt-Strasse. Allerdings ist in der Realität nichts von dieser Altstadt zu finden, das Geissviertel sowie die Calwer-Strasse sind nur Stecknadeln im Heuhaufen, ansonsten ist dieses Gebiet von Parkhäusern, hässlichen Grosskaufhäusern und weiteren unansehnlichen Flachdachbauten verschandelt.
Ein Schlossplatz und ein Schillerplatz allein ergeben halt noch lange kein Stadtbild, liebe Stuttgarter. Da gehört schon noch eine Altstadt dazu, die traditionell um den Marktplatz herum liegt. Das wäre ja mein Wunsch, wenn der Marktplatz (natürlich mit Rathaus) sowie ein parr umliegende Gassen wieder einigermassen hergestellt werden könnten. Aber dies ist natürlich nur eine Vision, da die Stuttgarter ja lieber ihre historischen Bauten zugunsten von Neubauten abreissen (neue Beispiele hierfür sind Stuttgart 21, der neue Phönixbau an der Königsstrasse sowie der geplante Abriss des ENBW-Gebäudes (hoffentlich passiert da dem alten Metropol-kino nichts)).
Allerdings muss ich an dieser Stelle auch mal anmerken, dass sich eine Stadt auch entwickeln muss und nicht in ihrem historischen Mief ersticken darf (wie das in “Stadtmuseen” wie Wien, Salzburg der Fall ist ). Deshalb muss auch Platz für neues sein. In stuttgart entsteht und enstand vieles Neues, manches davon gelingt auch, aber das Herz einer Stadt bildet nun mal ein historischer Kern. Und der ist in Stuttgart sehr mager, und das hätte trotz der Kriegeszerstörungen nicht so sein müssen!

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