Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 21:52 Uhr
Als Stadt der leidenschaftlichen Fußgänger, die g’schwind von Feuerbach nach Degerloch und nachher wieder zurück laufen, wenn sie der kranken Tante ein Viertelstündchen zur Hand gehen wollen (Auswärtige, die zum ersten Mal nach Stuttgart kommen, glauben immer erst, dass gerade wieder Fanmeile oder was ist, so viele Menschen sind hier zu fast allen Tageszeiten zu Fuß unterwegs, während die Autos, die man natürlich trotzdem hat, vorm Haus oder in der Garage stehen bleiben und nur deshalb abnutzen, weil der Zahn der Zeit an ihnen nagt - nirgendwo sonst werden Gebrauchtwagen in solchen Mengen mit so geringem Kilometerstand gehandelt: acht Jahre alt, 1200 km, das ist hier keine Seltenheit, und niemand kommt deshalb auf die Idee, an manipulierte Tachos zu denken: “Sollen wir den nehmen?” - “Ja, das machen wir, die 300 km, die wir in den nächsten 15 Jahren fahren, schafft der locker.”) — als Fußgängerstadt - mit, klar, versteht sich, sagenhafter Luftqualität (in Frankfurter Altenheimen lassen sich betuchte Senioren gerne mal eine Dreiviertelstunde an eine Flasche Stuttgarter Luft hängen; für Feinschmecker gibt es auch Stadtteilspezialitäten, Pragsattel gilt unter Connaisseuren als Toplage; Abfüllerlizenzen sind entsprechend begehrt; vor zwei Jahren tobte - Sie erinnern sich vielleicht - unter den Prätendenten ein regelrechter Luft-Krieg, Schießereien auf offener Straße, ein paar Tote, darunter ein unschuldiger Hund, den eine verirrte Kugel traf, Satchmo hieß er, alles nur wegen Luft, die wir jeden Tag gratis atmen dürfen) — In der Hoffnung, diesmal durchzukommen, versuch ich’s noch mal: Unser liebes Stuttgart, in dem die Menschen so gern auf den Beinen sind, ist, was nahe liegt, auch die Stadt der Fußbekleidung, des Schuhs. Egal, wohin man auf der Welt auch kommt - wenn man sagt, dass man aus Stuttgart ist, reagieren sie alle gleich, ob in Kambodscha, Mali oder Vanuatu (was dort aber nicht weiter verwunderlich ist; denn seit 150 Jahren gibt es auf den südpazifischen Inseln, die diesen Staat bilden, eine bedeutende Schwaben-Kolonie; mehr dazu vielleicht bei anderer Gelegenheit), ob in Craiova, St. Paul-Minneapolis am Oberlauf des Mississippi, wo Paul ein paar prägende Jahre zugebracht hat (als eine Art ‘Schwabe in residence’; auch davon an anderer Stelle mehr), in Bluefields in Nicaragua oder in Krasnojarsk in Sibirien, wo Heimito von Doderer (kein Schwabe) im Ersten Weltkrieg ein paar Jahre in Kriegsgefangenschaft zubrachte, von wo er schließlich floh und, der Legende nach, zu Fuß zurück nach Hause nach Wien ging (”..ernennen wir Sie hiermit zum Schwaben ehrenhalber und überreichen Ihnen…”) - egal also, wo Sie Stuttgart erwähnen, als erstes sagen alle, jedenfalls wenn sie Englisch können: “shoes”, und die meisten zeigen dabei auch noch auf ihre Füße. Besonders in Asien, bei den vitalen Völkern der Zukunft, schwört man auf unsere Schuhe, und wer es sich leisten kann, lässt sein Schuhwerk schon längst nicht mehr in der Londoner Bondstreet maßfertigen, sondern schwebt, mehrmals, nach Stuttgart ein (zwischen Maßnehmen und erster und zweiter Anprobe liegen jeweils ein paar Wochen, und manchmal sind weitere Anproben nötig, ehe der Schuh perfekt sitzt - und ein Leben lang hält). Diese Schuhkultur hat sich in der Region in und um Stuttgart über Jahrhunderte entwickelt. Der Stuttgarter hält auf seine Schuhe, u.z. unabhängig von der sozialen Schicht, der er entstammt; auch die billigen Treter, die sich einer vielleicht nur leisten kann, werden gepflegt und in Achtung gehalten. Es gibt schon auch unter den Einwohner der Landeshauptstadt Menschen, die eine gewisse Vorliebe dafür zeigen, die natürliche Lockerheit des Schwaben durch bohemienhafte Vernachlässigung ihres Erscheinungsbildes noch ein wenig herauszustreichen, aber man wird niemanden finden, der sich deshalb die Schuhe nicht putzt. Und man läuft hier auch einfach nicht mit abgetretenen Hacken herum. Apropos Hacken. Paul war es bei seinen Wanderungen durch die Stadt in den letzten Monaten zwar immer mal wieder ins Auge gesprungen, aber eigentlich war es dann doch an ihm vorbeigegangen und so richtig bemerkt hat er es erst am vergangenen Wochenende, als er eine Paulette namens Corinna in Metzingen beim Shoppen begleitete (und sich, während sie in der Umkleidekabine beschäftigt war, mit einer anderen, einer üppigen Schwarzwälderin, an der Kaffeetheke beim Gamerdinger in Böblingen verabredete, dem aktuellen In-Treff der jeunesse dorée von Stuttgart): Er ist wieder da, der traditionelle schwäbische Schuh, oder sagen wir: schwer im Kommen. Was ihm Corinna (charmantes Ding, ganz schmale Gestalt, kreisrundes, irgendwie silbriges Gesicht; wenn sie neben einer Hauswand steht und den Kopf in den Nacken legt, sieht sie aus wie eine Satellitenschüssel) ohne weiteres bestätigte: “Merkst d’ das jetzt erst?” Ich komme gerade nicht drauf, wo ich das einmal gesehen habe, aber in einem der Museen der Stadt gibt es zu dem Thema einige instruktiv gestaltete Vitrinen. Ursprünglich nur ein Lappen, der seiner besonderen Fünfeckform wegen, die es sonst nirgendwo gab, Schwabenlappen genannt wurde, was sich im Laufe der Jahrhunderte zu ‘Schlappen’ abschliff, dem urschwäbischen Wort für die Fußbekleidung, die sich aus den Lappen entwickelt hatte: ein richtiger Schuh im heutigen Sinne, Sohle, Oberleder, verstärkte Zehenkappe, verstärkte Hacke (für die beim Gehen so wichtige Hackenführung), aber kein Absatz. Das gibt dem traditionellen schwäbischen Schuh seine eigene Kontur. In neuerer Zeit hat man ihn auch den ’schwäbischen Mokassin’ genannt. Schön, dass er wieder da ist.
#1 Herr S . 25.04.07 . 22:30 Uhr
Soviel zum Stichwort Schuhbändel Riemen. Und wie prompt erst! Yoohoohoo!
#2 ardent . 26.04.07 . 10:00 Uhr
… und der Paul denkt: Jetzt erst recht!
#3 Paul-geht-baden . 26.04.07 . 10:56 Uhr
Nein, liebe Ardent, mit Trotz hat das nun wirklich gar nichts zu tun. Aber das soll mir mal jemand vormachen, das Ozeanische auf zehn, zwanzig Zeilen. Aber was, wenn nur fünf Leser ihren Spaß daran haben und dreißig andere genervt fernbleiben, weil sie den ausladenen Scheiß nicht nur nicht lesen, sondern auch nicht sehen wollen? Man denkt: Es gibt keinen Auftraggeber, mich bezahlt ja keiner, also mache ich, was ich will. Aber irgendwie holt einen die Quote dann doch ein. Scheiße.
#4 ardent . 26.04.07 . 11:14 Uhr
Hm… also ich les Deinen Scheiß ganz gerne. Mach das doch auf nem eigenen blog?!
#5 Gunvald . 26.04.07 . 11:21 Uhr
Och nö. Ich finde, Paul sollte hier weiter baden gehen.
#6 Matze . 26.04.07 . 12:01 Uhr
Paul, dies soll jetzt keine Kritik an deinem Können sein, denn auch ich bin von deinem Schreibstil begeistert, doch wie du vielleicht bemerkt haben wirst, wird in den Kommentaren zu deinen Texten nicht viel zum eigentlichen Thema deines Textes geschrieben… Liegt vielleicht doch daran, das es für normal sterbliche schwer zu lesen ist. Deine Lyrik ist wirklich toll, aber nur für Kenner begreifbar.
Im übrigen fahr ich lieber Fahrrad, auch wenn Stuttgart nicht wirklich Fahrrad-freundlich ist..
#7 Herr S . 26.04.07 . 12:11 Uhr
Es gibt keinen Auftraggeber, mich bezahlt ja keiner, also mache ich, was ich will.
Genau so ist das.
Aber irgendwie holt einen die Quote dann doch ein. Scheiße.
Scheiß auf die Quote. So rum wird ein Mokassin draus. „Wer sich bei Zwergen anbiedert, wird über kurz oder lang von ihnen verachtet“, sagte mal ich weiß nicht mehr wer. Oder jedenfalls so ähnlich.
#8 Paul-geht-baden . 26.04.07 . 12:17 Uhr
Danke für Deine Wortmeldung, Matze. Vielleicht muss man den Leuten auch ein bisschen Zeit lassen. Harald Schmidt zitiert ja gern einen Kollegen, der mal gesagt hat: Wer jeden Tag kommt, den lieben die Leute einfach dafür, dass er immer da ist, egal, was er redet, schreibt oder macht. Ansonsten kann ich noch melden, dass Paul, mit dem ich gerade noch am Handy telefoniert habe, schon auf der Suche nach einem Matze-T-Shirt ist; und demnächst schwingt er sich bestimmt auch mal aufs Rad.
#9 Paul-geht-baden . 26.04.07 . 12:30 Uhr
Ja, Herr S, aber bei allem Eigensinn schlummert doch sicher auch in Ihrer breiten Brust - ich erinnere an Ihre unerschütterliche Standfestigkeit in der Brotdebatte - ein Zelig. Oder nicht?
#10 Herr S . 26.04.07 . 16:29 Uhr
Ein Zelig schlummert natürlich in uns allen, da haben Sie vollkommen recht. Die Frage ist immer nur, in welcher Phase. Wo Sie aber so geschickt die Brotdebatte ins Spiel bringen: inzwischen haben ja weitere der damals behandelten Bäcker aufgegeben (Schmälzle z. B.) während der Unterschichtenfuttermittelhändler Hermann gefühlte 20.000 weitere Filialen eröffnet hat. Wir lernen zwei Dinge daraus:
1. ich lag zu jedem Zeitpunkt der Debatte richtig
2. das nützt mir leider gar nichts, und sonst auch keinem
#11 Wegschaffel . 26.04.07 . 16:36 Uhr
Ihr Literaten, war der Zelig nicht so ein Anpasser, so ein chamälischer Farb- und Meinungswechsler? Und das soll der brummige Herr S. sein?
#12 Herr S . 26.04.07 . 16:56 Uhr
Zelig war beides. Erst ein Assimilationsgenie, aber nur bis er genug Therapien absolviert hatte. Dann ging er soweit, bockig darauf zu pochen, dass es regnet, obwohl die Sonne sich fast ausschütten wollte vor lachen. Und wenn ich brumme, hört sich das anders an, mein Herr.
#13 circulus . 02.06.07 . 01:59 Uhr
Deine Lyrik ist wirklich toll, aber nur für Kenner begreifbar.
Kenner? Begreifbar?
Ähh …
Also ich les das, den frei fliegenden Gedanken folgend, ungestört durch Absätze, mit einem Dauergrinsen im Gesicht. Ich schätze, ich habe nichts, aber auch rein gar nichts begriffen!