Stuttgart Blog, Stimmen der Stadt
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17 04.07

Paul geht baden. Teil 2: Feuchtbiotop

Von Paul-geht-baden
Vermischtes . 16:29 Uhr

Am schönsten für Paul ist das subaquatische Gleiten, wenn er mantelrochenhaft träge schwebt im Halblicht, zwischen Lichtreflexen unter der bewegten Wasseroberfläche — Wo ist er heute eigentlich? Im Leuze? Ist doch egal. Und ob er’s selber immer gleich wüßte, ist noch die Frage. (Oder ist das Wasser - Viskosität, Temperatur, Geruch, was-weiß-ich - in Stuttgarts Bädern doch so verschieden, dass für einen Kenner wie Paul, der jeden Tag baden geht, manchmal sogar mehrmals, ein Irrtum praktisch ausgeschlossen ist?) Luftschnappen und wieder wegtauchen. “Ev’rything seems like a dream/ and life’s a scream/ when you’re submarine”, wie es bei Shakespeare heißt (The Tempest). Oder stundenlang im Nichtschwimmer-Bereich, bis zum Hals im Wasser, vor sich hin dösend, wobei Paul nach eigener Aussage dann, ohne Vorsatz natürlich, auch schon mal einen Grad von Entspannung erreicht, der nicht - sagen wir: vollständig - öffentlichkeitstauglich ist. In solchen Fällen greift dann aber die sagenhafte und zu recht auf der ganzen Welt berühmte Diskretion der Schwaben, die stets wache Bereitschaft, über abweichendes oder nicht ganz korrektes Verhalten großzügig hinwegzusehen, sogar wenn man selbst dadurch Ungelegenheiten hat. Die Grundlage für diese außergewöhnliche Haltung ist wohl, dass der Schwabe im allgemeinen und der Stuttgarter im besonderen, durch Traditionen und/oder genetische Dispositionen wie sonst keine andere ethnische Gruppe, zumindest in Deutschland, davor gefeit ist, in die Funktionalitätsfalle zu tappen und das ganze Leben nur unter praktischen Gesichtspunkten zu betrachten. Nirgendwo sonst wird das Handwerkliche so gering geschätzt wie hier. Was den Schwaben zum Schwaben macht, ist sein Esprit, diese quecksilbrige Art zu denken, seine kühne Fantasie (Grundlage des Welterfolgs von Daimler, Porsche, Bosch et al.), seine Aufgeschlossenheit für alles Neue, Fremde, Unbekannte. Was der Schwabe liebt, sind die geistigen Genüsse und Abenteuer. Wo sonst gäbe es das, dass an einem Werktagsdienstag 40.000 Menschen - Hardcore-Schwabe Paul, der sich mal aus den Wassern erhoben hat, unter ihnen, selbstverständlich - nach Botnang pilgern, um sich dort ein Cricketmatch anzusehen? Acht Stunden lang! Eine herzliche Abneigung gegen das Allzu-gut-Organisierte, das Schnöde-Praktische eint die Menschen der Stadt. Vor einigen Jahren wurde sogar ernsthaft erwogen, in Stuttgart indische heilige Kühe einzuführen, als Verkehrshindernis, als ein unberechenbares Element im öffentlichen Leben. Letztlich gescheitert ist diese Initiative dann aber daran, dass man bei der Stadt Angst davor hatte, dass die ganze Geschichte womöglich religiös interpretiert werden würde. Phantasten ja, aber völlig irreligiös. Paul dachte über all diese Dinge nach, als er nach dem Spiel im Regen durch Botnang schlenderte, gelb leuchtende Forsythien allerwegen, wo trotz des Segens von oben auf allen Straßen reges Leben herrschte, eine wunderbare, fast tropische Atmosphäre. Nass wie er war, setzte Paul sich in eines der Straßencafés und bestellte sich eine lokale Spezialität, eine Cuvée aus verschiedenen Mineralwässern der Region. “Das haben wir uns verdient,” sagte er, nachdem er mit dem ersten Schluck fast das halbe Glas ausgetrunken hatte, zu der zauberhaften jungen Frau am Nebentisch und strich sich das nasse Haar aus der Stirn.

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2 Kommentare zu Paul geht baden. Teil 2: Feuchtbiotop

#1 Wegschaffel . 17.04.07 . 19:11 Uhr

Das wird doch keine Schiller-Locke sein, die sich der Dichter aus der Stirn streicht? Man könnts fast meinen. Aus heimlichem ins Schwimmbad bieseln ein “quecksilbriges” Schwabentum herzuleiten ist schon sagenhaft.

#2 Gunvald . 17.04.07 . 19:15 Uhr

Große Klasse! Eine Überschrift hätten Sie Paul aber trotzdem noch gönnen können.

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